Fern vom Christmashype

Es ist 6.30 Uhr an einem Tag wie jedem anderen. Die Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht. Ich stehe auf und will ins Bad, doch Seminarist Damien, mit dem ich dieses kleine Zimmer teile, ist darin. Komisch, normalerweise ist er um diese Zeit schon in der Kirche. Die erste Feststellung an diesem Tag: Es ist Samstag und die Messe beginnt später als üblich.

Die zweite Feststellung beim Blick in den Kalender: Es ist der 24. Dezember und damit Heiliger Abend.

 

Doch das einzige, was bisher an die Weihnachtszeit erinnern ließ, ist ein von mir Ende November mit einigen gefundenen Weihnachtsutensilien improvisierter Adventskranz. Keine Lichterketten, kein Schnee, kein Weihnachtsbaum…

 

Mein improvisierter Adventskranz

Beim morgendlichen Joggen finde ich dann sage und schreibe Raureif auf den Blättern. Der ist mir – zumindest bewusst – vorher noch nie aufgefallen. Ist das ein Zeichen, dass Weihnachten naht und will mich an das kalte Deutschland erinnern, wo man Weihnachten kuschelig im Warmen vor dem Kaminofen verbringt? Denn kalt ist es eigentlich nicht. Schließlich trage ich T-Shirt und Shorts.

raureif...?
Raureif in Afrika....?

 

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg ins AIDS-Zentrum, wo ich mit den über die Ferien dagebliebenen oder zu Weihnachten zurückgekehrten Kindern einige Weihnachtsdekorationen für den nächsten Tag basteln will. Den ersten kleineren Schock bekomme ich, als ich auf einmal nur Jungs vor mir sitzen habe – künstlerich unkreativ und null Konzentration. Das hatte ich doch glatt vergessen. Mit starken Nerven ging es also daran, einige Sterne zu basteln. Doch was ich auch nicht wusste: Den Kindern fällt es schwer, Papier ordentlich zu falten, gerade Linien mit dem Lineal zu ziehen oder gar eine Schere zu benutzen. Laut Geneviève, der Leiterin, sind sie von zu Hause (auf dem Land) nur einfaches miteinander Spielen gewöhnt. Begebenheiten wie mit einer Schere umgehen, lernen sie in der Grundschule. So habe ich ihnen teilweise also nur die Aufgabe gegeben, Buchstaben für ein „Frohe Weihnachten“ auszumalen (in Kinyarwanda: „Noheri nziza“). Umso froher war ich also, als schlussendlich doch noch ein Mädchen ihren Weg ins Zentrum gefunden hat.
Das Ergebnis kann sich für diese Umstände aber trotzdem sehen lassen. Die Zeit verging am Ende dann sogar so schnell, dass wir es nicht mehr geschafft haben, die Bastelarbeiten vor dem Mittagessen aufzuhängen.

 

Weihnachtsbastelarbeiten mit den Kindern im AIDS-Zentrum

 

Zu Mittag gab es an diesem Tag Kürbis in der Pfarrei – wow! – ein echtes Wunder. Ich liebe ihn, aber die Priester erzählen mir immer, dass das ein Essen für Frauen und Kinder ist, wonach wir ihn nie in der Pfarrei essen. Dass es ihn ausgerechnet heute gibt, liegt aber nicht an meiner guten Überzeugungsarbeit, sondern daran, dass ich ihn als Gastgeschenk mitbekommen habe, als ich eine Freundin und ehemalige Schülerin besucht habe. Der Kürbis war formidabel zubereitet und schmeckte richtig, richtig gut. Am Ende waren selbst die Priester von dem Geschmack begeistert. Ein kleines Weihnachtswunder vielleicht… 🙂

 

Anschließend ging es dann ans Plätzchen backen, was ich eigentlich schon die Tage vorher gemacht haben wollte. Die Priester empfanden das für überflüssig, ließen mich aber machen – bis sie dann probierten… (Als Anmerkung muss man dazu sagen, dass die Biskuits des Kochs auch nie wirklich überzeugend sind.)

Als ich mit dem Teig kneten anfing, kamen gleich die ersten kritischen Blicke von vorbeilaufenden Arbeitern der Pfarrei, ebenso als es ans Teigausrollen ging: „Weiß die denn, wie das geht? – Oh mein Gott, sie weiß es!“

Als dann das erste kleine Blech köstlich nach Zimt duftender Kekse fertig war, schaute auch einer der Priester mal vorbei. Und da er das Essen liebt, musste natürlich auch gleich probiert werden. Und dann blieb ihm fast die Spucke im Mund weg und die Augen wurden erstaunt aufgerissen: Mein Gott waren die Plätzchen gut! So kam es, dass Koch, Angestellte und Priester immer mal wieder zum Nachschub holen in der Küche vorbeikamen. Weiter drückte der Priester mir eine Dose voller Zucker in die Hand und merkte an, dass ich die doch ganz leer machen und Plätzchen daraus zaubern sollte. Aber „wir brauchen ja keine Biskuits“… und ich hatte an meinen Weihnachtstagen auch nichts anderes vor, als Plätzchen zu backen… 😉

 

selbstgemachte Weihnachtsplätzchen mit Zuckerguss

Anschließend war dann schon Zeit für die Christmette um 18.00 Uhr. Im Vorhinein hatte ich auf dem Plan der Priester gelesen, dass es eine Weihnachtsmesse plus Kindstaufe gibt und  mich schon auf 4 Stunden  Messe eingestellt. Als ich meine Bedenken den Priestern äußerte, fügten diese nur lachend hinzu: „5 Stunden… mindestens!“

traditionelle Trommelgruppe vor der Kirche

Vor der Kirche gab es ein kleines Feuer. Davor spielte die örtliche Trommelgruppe. Es gab auch Gesang, der kam allerdings von der CD und hatte wenig mit den Trommelrhythmen zu tun.

Die Kirche war festlicher geschmückt als sonst (wenn auch nicht wirklich weihnachtlich in unserem Sinne). Eine Krippe befand sich neben dem Altar.

 

Eine ruandische Krippe
Die Krippe ist angelehnt an ein solch traditionelles Haus.


 Die Krippe ist in Ruanda ein kleines, traditionelles Haus aus Bananenblättern, Stroh und Holz (wie ein solches, in dem man vor hundert Jahren gewohnt hat), geschmückt mit Zweigen. Bis jetzt waren schon alle Krippenfiguren da, nur der kleine Jesus fehlte. In Nyarurema ist es Tradition, dass das Jesuskind in der Messe „getauft“ wird. (Was auch erklärt, warum ich „Weihnachtsmesse plus Kindstaufe“ gelesen habe und es in Wirklichkeit nur ein bisschen mehr als 2 Stunden werden…)

Die meisten Menschen waren ganz gewöhnlich angezogen, nicht irgendwie besonders gekleidet. Aber bei dem wenigen Licht, das nur über dem Altar vorhanden war, fiel das auch nicht weiter auf (draußen war es sowieso schon dunkel).

Die Messe begann mit einer großen Menge Weihrauch, die mir einen bekannten und wohlriechenden Duft in die Nase stiegen ließ. Die Krippe wurde damit gesegnet, anschließend das Jesuskind geholt. Es wurde hoch in die Höhe gestreckt und allen feierlich mit Händeklatschen gezeigt, bevor es zu seiner Familie in die Krippe gesetzt wurde.

Was dann nach dem Evangelium folgte, war der deutlich uninteressanteste Teil des heutigen Tages: die 25-minütige Festtagspredigt – natürlich in Kinyarwanda.

Nach der Gabenbereitung ertönte dann ein süßlicher, ansteckender und mit Jubeln versehender Gesang, wie ich ihn bisher noch nie erlebt hatte, durch das Kirchengebäude, der wirklich jeden einnahm und froh stimmte. Auch mich – und das nach 4 monatigem, ernüchterndem Kirchengang.

Weihnachten wird hier am 25. gefeiert, und so war der Heilige Abend mehr ein gewöhnlicher Abend; das zeigte sich auch im Essen. Aber da wir nach langer Zeit, nachdem ich nahezu dauerhaft unterwegs und auch die Priester immer mal wieder abwesend waren, an diesem Abend wieder alle zusammen an einem Tisch saßen, war es doch ein schöner, lustiger und vor allem entspannter Abend, so dass der Weihnachtsstress, den ich mir wegen der Bastelarbeiten und dem Plätzchenbacken gemacht hatte, wie verflogen schien.

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Am 25. Dezember werde ich wohlklingend von einem „Stille Nacht“ aus der ersten Messe geweckt. Dieses Weihnachtslied hat es anscheinend bis Ruanda geschafft. Auch an diesem Tag scheint mal wieder die Sonne. Es ist sogar ein besonders heißer Tag. Gemütlich mache ich mich an diesem Tag fertig für die zweite Messe um 10 Uhr. Sie ist nicht ganz so schön wie die Messe vom Vorabend, aber immerhin ist sie schön kurz und auch die Melodie von „Fröhliche Weihnacht überall“ fehlt nicht.

 

Ich beim Salatwaschen in der Küche des AIDS-Zentrums

Danach geht es zum Mittagessen ins Aids-Zentrum, wo ich mit den Kindern zusammen feiern möchte. Auf dem Speiseplan stehen Kochbananen (über dem offenen Feuer zubereitet), Reis und Hähnchen mit Brühe, sowie für Geneviève, die Leiterin und mich Salat (die anderen waren daran schlichtweg nicht interessiert). Geneviève hatte den Raum mittlerweile schon schön mit den Sternen, Faltarbeiten und einigen Stickern dekoriert und so fehlten nur noch ein paar frisch gepflückte Blumen.

 

Die gebastelten Sterne
Der geschmückte Essenssaal mit den Sternen und Faltarbeiten

Für die Kranken im Zentrum, war heute ein besonderer Tag, denn es wurde eine DVD angeguckt. Es gibt nicht sehr viele Filme auf Kinyarwanda (was hier nur gesprochen wird), so dass wir „The Deep Blue“ auf Italienisch anschauten – ein Film über eine sehr fremde Welt für Ruander (und auch für mich): der Ozean und die verschiedensten Tiere darin mit wundervollen Aufnahmen. So gut, dass er gleich zweimal angeschaut wurde.

Nach dem Essen und dem gemeinsamen Spülen gab es dann noch Fanta und Biskuit für alle Kinder. Was ein besonderer Tag für sie!

 

Die Kinder mit Geneviève und mir

Anschließend mache ich mich auf den Weg ins Zentrum von Buguma, dem Nachbarort, wo ein Freund von mir wohnt, dem ich einen kurzen Besuch abstatte. Da er in einer Bar wohnt, gibt es natürlich ein Bier, oder zwei…  Wir sitzen aber nicht, wie in Deutschland denkbar, zusammen im Wohnzimmer nahe dem Weihnachtsbaum und mit einem Teller Plätzchen vor der Nase, obwohl man doch sowieso schon zu viel gegessen hat, sondern in seinem Zimmer wie immer und quatschen einfach nur ein bisschen.

Pünktlich zum Abendessen um 20.30 Uhr erreiche ich die Pfarrei. Statt der üblichen vier gibt es auf den heiligen Tag fünf Töpfe, allerdings nur halb so voll wie sonst (natürlich reicht das Essen trotzdem): Erdnusssuppe, Kaninchen, Erbsen, Pizza und Nudeln in Tomatensoße, dazu noch Salat. Kaninchen sowie Erbsen gibt’s normalerweise nie und Pizza lieben wir einfach alle.

Der festliche Tisch
Ein fröhlicher Priester und Chef der Pfarrei: Florent
Etwas wahrlich besonderes: ein Kuchen

Zum Nachtisch gibt es dann einen schön von mir präparierten Teller aus Weihnachtsserviette, Plätzchen und Schokoeiern, einen Kuchen sowie tolle Gespräche und witzige Momente.

Alles in allem war es also ein überraschend ruhiges, entspanntes, aber doch intensives Weihnachten mit vielen Gesprächen und fröhlichen Gesichtern.

Trotzdem freue ich mich aber wieder auf ein Weihnachten im kalten Deutschland mit Weihnachtspunsch und vielen verschiedenen Plätzchen, mit Weihnachtsbaumschmücken und Weihnachtsdeko anbringen, mit einem Adventskalender, mit dem Warten auf „Weiße Weihnacht“  und auf ein Weihnachten mit der ganzen Familie.