2. Rundbrief von Korinna Schmitz

Die tragische Geschichte Ruandas — oder: Wenn Freunde zu Feinden werden

Zwischen April und Juli 1994 wurden etwa 1 Million Menschen grausam ermordert – in einer Zeitspanne von knapp 100 Tagen. Die meisten Getöteten waren Tutsis, die meisten Täter Hutus.
Bilderwand mit Fotos einiger Verstorbenen (Memorial Center, Gisozi, Kigali)
„When they said ‚never again‘ after the Holocaust,
was it meant for some people and not for others?“
Kabahizi Apollon

 

Wie konnte es zu so etwas kommen?
Sehen wir uns dazu die Geschichte Ruandas einmal an:
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Die Ureinwohner Ruandas sind die Twa (Jäger und Sammler). Um die Zeitenwende wanderten die Ackerbau betreibenden Hutu ein. Es folgten die Tutsi im 14. Jahrhundert, die überwiegend Viehzüchter waren. Schon in der ein Jahrhundert später entstehenden Monarchie wurden diesen Gruppierungen bestimmte Klassen zugeführt. So galten die Tutsi als die herrschende Klasse und die Hutu als die Arbeiterklasse. Je nach persönlichem Lebensumstand konnte sich diese Einordnung aber ändern: Ein Tutsi, der arm wurde, wurde als Hutu bezeichnet und umgekehrt ein Hutu, der an Vermögen gewann, wurde ein Tutsi.
1895 – 1916
Im Zuge der Kolonisation eroberten die Deutschen Ruanda und brachten das Christentum, Bildung, Medizin und Infrastruktur ins Land. Sie führten die bestehende Hierarchie fort und sahen die Tutsi als überlegene Klasse an (allein weil sie größer und schlanker gewesen sein sollen). Das entsprach ihrer Ideologie, wonach die Tutsi von der „weißen Rasse“ abstammten. Damit prägten sie die Begriffe rassisch und heizten die Spannungen zwischen den beiden Klassen an.
1916 – 1959
An den Ausweisen ließ sich auch die Ethnie ablesen

Die Belgier übernahmen das Mandat über Ruanda und führten 1932 Personal- ausweise ein, anhand derer der soziale Stand abgelesen werden konnte. Jeder mit 10 Kühen wurde Tutsi (etwa 15% der Bevölkerung), der Rest Hutu (84 %). Die Twa (1%) wurden zur untersten Klasse gezählt. Nicht zuletzt durch diese Einteilung wird den Kolonisatoren vorgeworfen, den Grundstein für die folgenden Konflikte gelegt zu haben.

In katholischen Missionsschulen erhielten die Tutsis Zugang zu höherer Bildung und konnten so später in die Landesverwaltung eintreten. Zunehmend entstand Missgunst der Hutu gegenüber ihrer Nachbarn und die Stimmen nach einer Spaltung der Macht wurden lauter.
1959 – 1962
Nach dem Tod von König Rudahigwa eskalierte die Gewalt zwischen den beiden Gruppen. Viele tausende Tutsi wurden umgebracht oder flohen in Nachbarländer. Die Belgier brachen die Vorherrschaft der Tutsi, indem sie die Hutu zur Hälfte an der Verwaltung teilhaben ließen. Die Hutu fühlten sich dadurch bestärkt und plädierten fortwährend für die Unabhängigkeit und das Ende der Tutsi-Herrschaft.
1962 – 1973
Als Belgien seine Macht aufgab und Ruanda 1962 die Unabhängigkeit zugestand, übernahmen die Hutus die Herrschaft über das Land. Die nach dem Tod Rudahigwas erfolgten Vertreibungen der Tutsi gingen fort. Außerdem stellte die Regierung die ehemaligen Machthaber als Sündenbock für jedwede Krise dar.
1973 – 1990
Präsident Habyarimana (1980)

Als Habyarimana 1973 Präsident wurde, gelang es ihm, die Gewaltausbrüche zwi- schen Hutu und Tutsi weitgehend zu unterbinden. Mit dem Militär als Machtbasis setzte er (selbst Hutu) sich vordergründig für Chancengleichheit ein, doch der Zu- gang der Tutsi zu Bildung und Führungsposten blieb beschränkt. Außerdem verweigerte Habyarimana  den geflohen Tutsi  mit Verweis auf die Landknappheit die Wiedereinreise.

1990 – 1994
Einige dieser Vertriebenen formierten sich zur RPF (Ruandische Patriotische Front) und fielen 1990 unter der Führung von Paul Kagame von Uganda aus ein und lösten einen Bürgerkrieg aus. Sie forderten die Teilung der Macht und die Rückkehr der Flüchtlinge in ihr Heimatland.
Die Regierung Habyarimanas nutze den Übergriff als Vorwand für Menschenrechtsverletzungen, bei denen Tutsi und Hutu-Oppositionelle immer wieder Opfer von Gewalt und Massakern wurden.
Nach monatelangen Verhandlungen unterzeichneten Habyarimana und die RPF im August 1993 einen Friedensvertrag, der jedoch wenig half, die Unruhen zu stoppen.
Die Regierung initiierte eine Propaganda-Kampagne, die auf die Vernichtung aller Tutsi zielte und jedes Zusammenleben mit ihnen als Verrat ansah. Selbst Nachbarn, Kollegen und Freunde sollten nicht verschont bleiben. Das Radio-Télévision Libre wurde als Medium benutzt, die Bevölkerung zur organisierten Gewalt aufzufordern, die Tötungen zu rechtfertigen und Hass zu verbreiten.
Am 6. April 1994 wird das Flugzeug des Präsidenten beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen. Alle Insassen sterben. Wer für den Absturz verantwortlich ist, ob RPF oder extremistische Hutu, ist bis heute ungeklärt. Fakt ist, dass die Ermordung des Präsidenten den Völkermord auslöste.
1994 – der Genozid
1 Stunde nach dem Absturz begannen die Morde an oppositionellen Hutu und prominenten Tutsi anhand von Todeslisten, die schon im Voraus angefertigt wurden. Die Opfer wurden in ihren Häusern aufgespürt und umgebracht. Straßenblockaden wurden überall in der Stadt errichtet, um Tutsis zu identifizieren. Schüsse fielen.
Verunstaltete Opfer während des 1994 Genozids
Die Mörder benutzten Macheten, Knüppel, Gewehre, Äxte und jeden schonungslosen Gegenstand, den sie finden konnten, um ihren Opfern so viele Schmerzen zuzufügen wie nur möglich.
Frauen wurden geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt, missbraucht und letztendlich getötet, oft vor den Augen ihrer Familien. Kinder sahen zu, wie ihre Eltern gefoltert, geschlagen und umgebracht worden, bevor sie selbst aufgeschnitten, verprügelt, misshandelt, pulverisiert und weggeworfen worden.
Nachbarn gingen auf Nachbarn los, Freunde auf Freunde, sogar Familien auf ihre eigenen Familienmitglieder.
Anfänglich beteiligten sich nur Milizen an den Bluttaten, dann wurde auch die Zivilbevölkerung dazu ermutigt, sich zu beteiligen. Die Ermordungen wurden als „umuganda“ deklariert, als kommunale Gemeinschaftsarbeit, die in Ruanda lange Tradition hat. So finden sich einige Täter, die morgens aufstehen, Tutsis umbringen, Mittagessen, wieder Tutsis umbringen und sich abends ruhig schlafen legen.
Die Verbrecher erhofften sich dadurch Geld, Essen oder Land, fürchteten körperliche Bestrafungen oder kamen damit ihrer „Pflicht“ gegenüber den Behörden nach, die sie dazu anstifteten.
Doch es gilt herauszustellen, dass nicht alle Hutu sich an den Massenmorden beteiligten. Das Spektrum reicht von Flucht über aktive Hilfe (z.B. Zuflucht geben) bis zu Versuchen des ruandischen Militärs, den Beginn des Völkermords systematisch zu unterbinden.
Auch moderate Hutu, die sich am Völkermord nicht beteiligten oder sich aktiv dagegen einsetzten, wurden umgebracht, sie bilden jedoch eine Minderheit. Das Regime um Paul Kagame verbietet es heute ausdrücklich, von einem „Doppelgenozid“ zu sprechen.
Unbegrabene Knochen in einer Gedenkstätte (Ntarama)

Die Geschehnisse wurden von der Weltgemeinschaft hilflos und ohne Mut zur Intervention verfolgt. Die meisten NGOs verließen das Land und sogar die UN-Friedenstruppe im Land wurde drastisch reduziert.

Mit dem Beginn des Massenabschlachtens im ganzen Land mobilisierte die RPF ihre Truppen und konnte am 4. Juli die Hauptstadt Kigali einnehmen. Der militärische Sieg der RPF beendete den Genozid.
   …
2 Millionen Menschen flüchteten.
1 Million kamen ums Leben.
300.000 Waisen blieben zurück.
85.000 Kinder waren auf einmal der Herr im Haus – mit der Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister und andere Verwandte.
Langzeitfolgen
·      500.000 Frauen wurden oft mehrmals und auf brutale Weise vergewaltigt, von Männern, von denen bekannt war, dass sie HIV+ sind. Viele von ihnen sind nun ebenfalls HIV positiv. AIDS-Präparate waren damals nur den wenigsten zugänglich.
·      Aufgrund der Fülle der Massengräber kann nicht jeder Leichnam identifiziert und in Würde beerdigt werden, zumal die einfachen Leute sich diese Maßnahmen nicht leisten können.
·      Viele Überlebende sind Kinder und tragen das Kindheitstrauma ihr ganzes Leben mit sich.
Eine ausreichende, nachhaltige seelische, körperliche und emotionale Unterstützung ist aufgrund der zur Verfügung stehenden Mittel und der Zahl an Überlebenden nicht zu bewerkstelligen.
nach 1994
Ruand. Flüchtlinge nach dem Genozid in Zaire

Hundertausende Hutu flohen im Sommer 1994 nach Zaire, der heutigen DR Kongo. Unter den Flüchtlingen waren auch viele Täter. Insgesamt flohen mehr als 3 Mio. Menschen in die Nachbarländer.

Ein internationales Kriegsverbrechertribunal wurde in Arusha (Tansania) einberufen. Es ist zuständig für die Verfolgung schwerer Verbrechen, die zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 1994 in Ruanda verübt wurden. Die juristische Aufarbeitung kommt jedoch nur schleppend voran.
Durch die Gacaca-Gerichte soll die beschleunigte Bewältigung vieler Verfahren erreicht werden. Der Tathergang ist allerdings oft nicht rekonstruierbar, weil sich die Opfer oft nicht mehr genau an den Tatablauf erinnern können und somit die Zuordnung von Gewalttaten zu einzelnen Personen unmöglich erscheint.
Politisch wird das Land seither von der Tutsi-dominierten FPR unter Präsident Paul Kagame regiert. Umfangreiche internationale Unterstützung führte zum raschen Wiederaufbau des Landes.
Öffentlich darf nur noch von Ruandern gesprochen werden, nicht aber in Tutsi, Hutu und Twa unterschieden werden, sonst droht Gefängnis.
Viele der Opfer wissen, wer ihre Familien umgebracht hat, oft wohnen die Täter sogar in unmittelbarer Nachbarschaft. Bis heute ist deshalb ein hohes Bedürfnis an Sicherheit gefragt, was nicht zuletzt in der hohen Militärpräsenz überall gesehen werden kann und Ruanda zu einem der sichersten Länder Afrikas macht.
Die Memorial Week (eine Woche im April) ist ein fester Teil des jährlichen Kalenders geworden. Während dieser Zeit findet eine Phase landesweiter Trauer, Erinnerung und Reflexion statt.

 

Das Motto der diesjährigen "Memorial Week" vom 07.04 - 13.04.2012

„There will be no humanity without forgiveness.
There will be no forgiveness without justice.
But justice will be impossible without humanity.“
Yolande Mukagasan

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18 Jahre nach diesen schrecklichen Ereignissen bin ich nun in diesem Land und bis heute ist erkennbar, dass keine wirkliche Verarbeitung der Geschehnisse stattgefunden hat. Zwar wird das Erlebte bis zur nächsten Memorial Week verdrängt, aber dann kommt doch alles wieder hoch. Freunde hören auf einmal im Gespräch auf zu reden, halten inne. Ich möchte nicht einmal wagen, daran zu denken, was wohl in diesem Moment für grausame Bilder in ihren Köpfen vorüberziehen. Ich mag es nicht einmal wagen, sie aktiv darauf anzusprechen. Ich als Deutsche, als Weiße, als Ausländerin, wie will ich mir denn vorstellen und verstehen wollen, was dort passiert ist?

Doch gerade den Kindern zu Liebe (im AIDS-Zentrum und anderswo), die die ganzen Geschehnisse nicht miterlebt haben, galt es, doch positiv in die Zukunft zu schauen und sie trotz allem fröhlich zu sehen.

Ich ging mit einem unwohlen Gefühl in diese Woche, aber im Grunde brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, denn alle meine Freunde waren auch nach dieser Woche noch meine Freunde (und brachten aufgrund meiner Hautfarbe keine Hassgefühle auf) oder meldeten sich sogar während der Woche, um sich nach mir zu erkundigen.

Alles Liebe nach Deutschland und ein friedliches Osterfest gehabt zu haben!

Korinna Schmitz