3. Rundbrief von Korinna Schmitz: Eine ganz normale Woche in Nyarurema

Ich erzähle euch viel über das Leben in Ruanda. Aber was mache ich denn hier konkret?

Um euch einen kleinen Einblick in mein nicht langweilig werdendes Leben zu geben, habe ich hier mal eine Woche zusammengefasst. Viel Spaß beim Lesen!

Dienstag, 1. Mai 2012

Es ist der allgemeine Tag der Arbeit. Auch in Ruanda bedeutete das eine Versammlung aller Arbeiter, die in der Pfarrei beschäftigt sind. Zum Mittagessen (oder gegen 2 – 3 Uhr) traf man sich nach einem gemeinsamen Gottesdienst im Gemeindehaus. Dabei wurden auch Wünsche und Forderungen der Arbeiter geäußert, auf die der Chef der Pfarrei dann reagierte. Anschließend wurde getanzt und Reden gehalten. Auch ich bin an der Reihe. Da aber nicht jeder wusste, dass ich schon ein ordentliches Vokabular an Kinyarwanda angehäuft habe, waren die Leute überrascht und freuten sich. „Du hast eine sehr schöne Rede gehalten“, sagte mir Priester Diogène hinterher. In der Pfarrei verständigen wir uns generell nur in Französisch. Warum genau, weiß ich auch nicht; irgendwie ist es schwer, von dem so „gebräuchlichen“ Französisch ins so „wackelige“ Kinyarwanda zu wechseln. Langsam aber sicher kann ich aber einen kleinen Teil ihrer Gespräche auf Kinyarwanda nachvollziehen.
Am späteren Nachmittag, nach Ende der Veranstaltung, machte ich mich auf den Weg ins AIDS-Zentrum. Im Spieleschrank fand ich eine Anleitung mit Schablone, um ein Flugzeug zu bauen. Die Kinder waren begeistert und wir verbrachten die Zeit bis 18.00 Uhr, wenn sie ihre Medikamente nehmen, damit, dass kleine Holzflugzeug möglichst hoch und lange durch die Lüfte fliegen zu lassen.
Abends kehrte ich in die Schule zurück. Den ganzen freien Vormittag hatte ich schon mit ein paar Lehrern im Lehrerzimmer verbracht, wo wir anschließend gemeinsam Akaunga geteilt hatten, weil ich schon wusste, dass es im Gemeindehaus erst spät essen geben würde. Dieses Mal ging ich aber zu den Schülern, die gerade in ihrer Prep-Time waren. Einige sitzen dann vor den Klassenräumen und ich setzte mich dazu und wir erzählen uns, was so passiert ist am Tag. Ich liebe diese Gespräche.
Um 20.30 Uhr war dann Essenszeit in der Pfarrei und gegen 22.00 Uhr Zeit zum Schlafen.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Den ganzen Morgen hing eine graue Wolkendecke am Himmel. Eigentlich wollte ich zum Englisch ins Nähzentrum. Weil es aber nicht aufhören wollte zu regnen, beschloss ich, ein wenig das Internet zu nutzen. Nach dem Mittagessen, zu dem mal wieder ein Besucher da war, ein Priester und Freund, war es endlich möglich ins Atelier zu gehen. Dort angekommen wollte aber auch Christine gerade unterrichten, da auch sie den ganzen Vormittag zuhause verbracht hatte. Wir verlegten meine Zusatzstunde auf den nächsten Morgen um 8.30 Uhr. Ich ging stattdessen nach nebenan zu Cecile, der Ich ein Modell für ein Kleid zeigte, was ich mag, dass sie für mich nähen wird. Das Nähzentrum ist in zwei Teile aufgeteilt: Rechts sind die Mädchen, die das Schneidern lernen, links sind die Arbeiterinnen, die ihre Zeit in der Nähschule abgeschlossen haben und jetzt Uniformen schneidern oder Kleidung für Carla, die alte Italienerin im Dorf, die sie an Arme weitergibt.
Dann kam Schwester Marie-Grace, die die Oberhand übers Atelier hat, vorbei. Eigentlich wollte ich sie nur schnell grüßen, aber am Ende waren es zwei Stunden, die wir zusammen in ihrem kleinen Büro saßen, geredet und gewitzelt haben. Wir haben uns sogar verabredet, in der nächsten Woche gemeinsam auf den etwas entfernter gelegenen Markt Stoffe kaufen zu fahren und im Anschluss einen Lehrer zu besuchen, dem wir beide einen Besuch versprochen hatten.
Die Mädchen aus dem Atelier aus dem letzten Jahr
Danach war ich mit eben diesem Lehrer mit Namen Augustin und Priester Fidele zu einer Deutschstunde verabredet. Auf dem Weg von der Nähstube zur Schule traf ich auf viele Schülerinnen, die gerade Wasser holen gingen (das Wasser fällt in der Schule immer mal wieder aus). Ich habe noch einen Moment mit ihnen geplaudert. Es hat demnach noch eine Zeit gedauert, bis ich schlussendlich am ETP ankam. Das war aber nicht weiter schlimm, denn Fidele war immer noch in einem Meeting, so dass die Deutschstunde im Endeffekt sogar (leider) ganz ausfiel.
Vor dem Lehrerzimmer habe ich den Elektriker Muriro getroffen, der – wie so oft – mal wieder nichts zu tun hatte. Gemeinsam haben wir dann einen Lehrer in Richtung Nähzentrum nach Hause begleitet. Auf dem Weg bin ich natürlich wieder auf die Schüler getroffen sowie andere Leute aus dem Dorf, die ich kannte und so bin ich etwas hinter den beiden anderen hängen geblieben. Als ich sie wieder eingeholt hatte und die Prep-Time in der Schule auch schon fast anfing (die Zeit für Revision und Hausaufgaben), verabschiedeten Muriro und ich uns von dem Lehrer und kehrten zur Schule zurück. An diesem Abend ging ich in die Bücherei für Naturwissenschaft und Computer Science. Da der Unterricht aber auch nach eineinhalb Wochen nach Schulbeginn aufgrund einiger Probleme noch nicht richtig begonnen hatte, kam eigentlich keiner wegen der Bücher. Nach einer halben Stunde fiel dann auch noch der Strom und damit das ganze Licht aus, was automatisch das Ende der Prep-Time bedeutet. Glücklicherweise hatte ich meinen Computer inklusive Internet dabei, so dass einige gelangweilte Schüler sehr froh waren, mal wieder die Neuigkeiten auf fb sehen zu können. 😉
Mit Hunger im Bauch kam ich kurz nach halb Neun in der Pfarrei an. Nach dem Essen wird dann immer noch geredet und geredet…
Donnerstag, 3. Mai 2012
Da jeder Tag anders verläuft, war auch dieser Tag mal wieder völlig anders als der vorherige. Morgens um 8.30 Uhr hieß es erst mal die Englisch-Zusatzstunde geben. Es dauerte allerdings bis etwa 9.00 Uhr, bis wir dann auch wirklich mal anfingen. Während der Regen draußen leise vor sich hin rieselte, gab es erst mal ein paar Übungen zum Thema „Uhrzeiten“. Es ist aber immer noch schwer, da zum Ersten die saa munani („die achte Stunde“) 14.00 Uhr, also Zwei Uhr ist und es zum Zweiten nicht wie im Kinyarwanda üblich „two after twenty“, sondern „twenty after two“ heißt (14.20 Uhr).
Da ich aber weiß, dass die Mädchen lange Schulwege zurücklegen und daheim zusätzlich im Haushalt helfen müssen, was ihnen wenig Zeit zur Wiederholung lässt, verzeihe ich ihnen kleinere Fehler. Um 10.30 Uhr beendete ich die Übungen.
Zur Pausenzeit (10.30 – 11.00 Uhr) kam ich dann in die Schule. Anschließend ging ich in die Bibliothek. Es waren recht viele Schüler da, die zum Lesen kamen – teils in Englisch, teils in Kinyarwanda. Andere haben ein Bilderbuch über die tausend schönsten Orte der Welt angeguckt, das meine Mutter als Andenken in der Bibliothek gelassen hatte. Ich habe ihnen dann ein paar Dinge über Europa und eigene Reisen erzählt.
Nebenbei habe ich die Englischübungen nachgeschaut – sehr zur Freude der herumsitzenden Schüler, denn die Schreibweisen waren schon lustig anzusehen. Die Schülerinnen hatten die Wörter teilweise so geschrieben wie sie gesprochen werden.
Die Zeit verging wie im Flug, so dass bald auch schon Mittagszeit war und ich zurück in die Pfarrei musste.
meine „Schwiegermama“

Irgendwie hat sich das Mittagessen aber noch etwas hingezogen. Als wir dann gerade fertig waren, kam ganz spontan meine Schwiegermutter vorbei. Sie kam gerade von einem Meeting in der Nähe und so empfingen Damien und ich sie herzlich. Da man in Ruanda teilt, teilten wir mit ihr und ihrer Freundin das komplette Mittagessens, die sie nur mit Mühe aufessen konnten. Damien und ich präsentierten uns als so eingespieltes Team, dass meine Schwiegermutter schon befürchtete, dass ich meine Meinung, ihren Sohn (ein angehenden Diakon) zu heiraten, ändern könnte… 😀 (Ruander scherzen gerne. Besonders gerne mit unrealistischsten Dingen).

Danach wollte ich eigentlich nochmal über die Übungen drüber schauen, aber da es mich viel mehr in die Schule zog, bin ich schließlich direkt dorthin. Erst mal verweilte ich einfach so mit ein paar Schülern auf dem Schulgelände, bis ich dann in die Bücherei ging. Dort kam es, dass sich ein paar spielsüchtige Schüler zusammengefunden und wir von 16.15 bis 18.15 Uhr UNO gespielt haben. Wir hatten eine Menge Spaß und es wurde auch nicht langweilig, so dass ich mich dafür im Endeffekt hoffentlich nicht schlecht fühlen muss, dass ich „mal wieder nichts wirklich Produktives“ gemacht habe. Was für mich viel wichtiger ist und was ich sehr genieße, ist einfach mit den Leuten auf einer Augenhöhe zusammenzuleben.
Nach dem Spiel habe ich mich noch verquatscht und so erreichte ich die Pfarrei gegen Viertel vor Acht, um mich noch etwas auszuruhen, bis es um 20.30 Uhr wie jeden Donnerstag u.a. Suppe, Pizza und Bier gab (Donnerstag und Sonntag sind die „Feiertage“ der Priester). Im Anschluss wurde noch ein Film angesehen: Bakita – ein Film über ein afrikanisches Mädchen, dass als Sklavin aufwächst und ihren geizigen Herrn aus Italien und das ganze Dorf sehr prägt.

 

Freitag, 4. Mai 2012

Eigentlich wollten wir heute mein Kleid anfangen, dass ich im Atelier in Auftrag gegeben hatte. Doch wie immer gab es mal wieder eine Planänderung und so wurden stattdessen die Schuluniformen des ETP überarbeitet. Ich habe stattdessen mit Teil 2 meiner Bettwäsche, die ich aus ruandischem Stoff nähen will, begonnen. Die eine Seite war schon fertig, jetzt fehlte nur noch die zweite. Leider hat der Stoff nicht die richtige Breite, so dass ich mehrere kleinere Teile aneinander nähen muss. Eigentlich denke ich mir immer, dass das „ein bisschen schnippeln und nähen“ doch nicht so viel Arbeit sein kann und „ratzfatz“ gemacht ist. Aber wie sich herausstellte, dauerte sowas doch schon etwas länger…

Während ich also auf meinen Stoff den Schnitt mit einem Stück Kreide vorzeichne, kommt Schwester Marie-Grace ins Atelier, mit der ich mich am vorigen Tage auf das gemeinsame Stoffkaufen und einen Lehrer besuchen verständig hatte. Da nur freitags Markt in Rukomo ist (etwa 20 Minuten mit dem Moto), wo es einen kleinen Shop für einfarbige Stoffe, Nähgarn und Knöpfe gibt und sie die Sachen für die Schuluniformen relativ dringend brauchte, einigten wir uns spontan darauf, in einer Stunde loszufahren.

Der Markt in Rukomo war wirklich groß (besonders viel Kleidung). Wir fanden die Stoffe für die Uniformen mit entsprechendem Nähgarn, Knöpfe, Kekse für die Kinder sowie kleine Bananen, grüne Äpfel und Maracuja-Saft für unser Mittagessen. Obwohl wir dort kaum jemanden kannten (bis auf den Schuh-Reparateur vom Karama-Markt und einem Verkäufer aus unserem Dorf), schlenderte ich gemeinsam mit der Schwester durch die Straßen, Stände und Shops. Sie liebte es, einfach jeden anzusprechen und einen kurzen Small-Talk zu halten, auch wenn sie die Leute gar nicht kannte. Doch die Leute wunderten sich nicht darüber, sondern entgegneten ihr allesamt mit einem freundlichen Lächeln. Nach einem kurzen Sprung in die Pfarrei Rukomos, um eben „Hallo“ zu sagen, ging es dann weiter auf dem Moto nach Rurenge, wo wir einen Lehrer trafen.

Dieser fühlte sich etwas schlecht, uns zwei Stühle in seinem Hinterhof anbieten zu müssen, weil einige Arbeiter gerade seine Fenster austauschten. Diebe hatten vor kurzer Zeit dort eingebrochen und all sein Hab und Gut (bis auf seinen Computer mysteriöser Weise) mitgenommen. Sie waren über die Mauer durch die Holzfensterläden eingebrochen, weshalb er alle Fenster nun durch Glasfenster mit Metallgitter ersetzte. Und obwohl Marie-Grace und ich schon gegessen hatten, mussten wir jetzt doch noch für zwei überzuckerte Fantas, Bruschetten (Fleischspieße) und einige Kartoffelhälften herhalten. Die Kinder freuten sich so sehr über die Kekse, dass sie gar keine abgeben wollten. Schon mit prall gefülltem Bauch ging es nach einer Anspielung der Schwester dann auch noch für ein Bier in eine kleine Bar nebenan.

Einigen Gesprächsstoff später kehrten wir zurück nach Nyarurema, wo die wärmende Sonne des Nachmittags langsam von der Kälte des Abends vertrieben wurde…

Da ich die letzten Nächte furchtbar schlecht geschlafen hatte, was auch an den kalten Temperaturen und meiner Erkältung liegen konnte, tauschte ich meine Matratze mit der des Nachbarzimmers. Schaumstoffmatratzen, wie es sie hier nur gibt, liegen sich halt nach einer gewissen Zeit auch mal durch…

Die Sehnsucht nach meinen Schülern trieb mich auch um kurz nach Sechs in der Dunkelheit noch in die Schule, um einige Schüler zu grüßen und ein paar Absprachen wegen dem morgigen Finale der „ETP Talent Show“ zu machen.

In der Hoffnung, in dieser Nacht besser und ausreichend schlafen zu können, und in der Hoffnung, dass meine seit Tagen anhaltenden Rückenschmerzen weggehen würden, verabschiedete ich mich allerdings früh ins Bett, auch wenn mich das schlechte Gefühl packte, dass die Priester beim Abendessen einen besorgten Blick zu meinem leeren Platz werfen würden, wenn ich beim Abendessen fehlte. Und beim sanften Fallen des Regens draußen schlummerte ich ein…

[…]

kurzes Meeting der Jury und des Showmasters

 
 

 
 

Die Tanzgruppe „Green Rangers“ bei ihrem Auftritt im Finale
einige Kandidaten
Die kleineren Geschwister von Alphonsine
Kamali (Sept. 2011)
mit Steven im Nov. in Gisenyi

 

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Wie ihr also seht – oder ich hoffe zumindest, es euch gezeigt haben zu können – ist meine Liebe zu Ruanda immer noch wie am ersten Tag. Jeder Tag bringt etwas anderes mit sich, jeder Tag ist einzigartig und jeder Tag ist unglaublich reich an Erfahrungen.
2 Monate bleiben nun noch bis zu meiner Abreise – eine unglaublich kurze Zeit, wenn man bedenkt, wie schnell die bisherigen Monate an mir vorbeigezogen sind.
Es naht die Zeit zum Abschied nehmen und es sind so viele Leute, denen ich „Auf Wiedersehen!“ sagen muss, dass ich selbst noch nicht weiß, wie ich das eigentlich bewerkstelligen soll. Dieses Land hat mich so sehr fasziniert, dass ich es auf jeden Fall nie in meinem Leben vergessen werde.
Die besten und liebsten Grüße zu euch allen in der Ferne,
Eure Keza Korinna
Ich mit Schüler Japhet