Burkina Faso: 1. Rundbrief von Dorothea Merkes

Mein Leben in Burkina Faso

Meine Lieben,
ich will an dieser Stelle zunächst betonen, dass alles, was ich in diesen Briefen veröffentliche, lediglich meinen Eindrücken und meinem Empfinden entspricht. Selbst, wenn ich mal zu einer Generalisierung tendieren sollte, ist das keine Absicht. Ich wünsche mir, dass Ihr wisst, dass ich hier nur von der Begegnung zwischen einem klitzekleinen Teil Burkinas und mir spreche und keine Fehlzuschreibungen machen möchte. Von diesen sind nämlich leider in den Medien viel zu viele publik.
„Nicht nur ich begegne diesem Fleckchen Erde, sondern auch dieses trifft auf mich, es spricht eine eigene Sprache, die ich noch nicht kenne, doch durch die Begegnung mit der Natur und den Menschen immer mehr verstehen lernen möchte…“

Bonne arrivée

es ist verrückt… am Donnerstag, den 13.9.2012 stieg ich um 17.04 Uhr in Gerolstein in den Zug und landete genau 24 h später in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Gott sei Dank hatte ich Soeur Veronique, meine Projektleiterin, an meiner Seite, die mich am Händchen quasi durch jegliche Kontrollen, Befragungen,… zog 😉 In Ouagadougou übernachteten wir in einer Art Kloster, da sich unsere Reise nach Banfora mit dem Bus fortsetzte. Klein Doro hatte diesen noch langen Teil der Reise nicht so ganz bedacht 😉 Von daher stellte ich mich spontan auf eine fast 9- stündige Busreise über Bobo nach Banfora ein. Gegen 19 Uhr dieser Zeit ( in Deutschland 1 Std. später) erreichten wir das Foyer Sainte Monique, wo wir singend mit einem herzlichen „Bonne arrivée“ empfangen wurden. Ich fühle mich hier bei den Schwestern sehr, sehr wohl.
Ich will nicht verschweigen, dass es ein Kulturschock war und auch noch ist. Schon als ich in Ouagadougou mit dem Taxi durch die Straßen zum Kloster fuhr, war ich einfach überrumpelt von all meinen Gefühlen… Ich konnte nicht anders als zu weinen… Ich kann gar nicht beschreiben, was in diesem Moment in mir los war… Ihr müsst es selbst erleben, sehen, um zu fühlen… Ich war naiv, als ich dachte, ich könne mich durch jegliche Videos, Filme und Fotos auf Burkina und sein Leben auf der Straße vorbereiten. Man muss es sehen, um zu begreifen.

 

Mon travail au Foyer a commencé…

Seit Anfang Oktober sind die Mädchen zurück aus den Ferien und leben nun wieder im Foyer. Über Tag sind sie in der Schule, kommen nur zur Mittagspause zum Kochen und Essen und dann wieder abends nach Schulschluss ins Foyer. In der Mittagspause nutze ich gerne die Gelegenheit zu ihnen zu gehen, sie kennenzulernen und kann sagen, dass sie wirklich alle sehr freundlich, aufgeschlossen und interessiert sind. Ein Mädchen hat mir schon versprochen, dass sie mir bald die Haare typisch afrikanisch flechten wird… mit anderen Mädchen habe ich lange einfach unter einem Baum gesessen und erzählt… Es ist schön, einfach Zeit zu teilen und zu erleben.

 

„On apprend, prie, fait la cuisine & rigole ensemble“

Die Mädchen hier im Foyer sind zwischen 12 und 25 Jahren alt und ich erlebe hier eine große Selbstständigkeit, Hilfsbereitschaft und Zufriedenheit, vor der ich großen Respekt habe. Mit nur einer Mittagspause wird den ganzen Tag von Montag bis Samstag die Schulbank gedrückt, im Anschluss gibt es Abendessen, das in der Mittagspause für alle in großen Töpfen zubereitet wurde.

Normalerweise esse    ich immer gemeinsam mit den Schwestern, doch schon oft wurde ich von den Mädchen eingeladen mit ihnen zu essen „pour soyez la Bienvenue“, was mich sehr freut. Im Anschluss werden Hausaufgaben gemacht und es ist beachtlich, welche Lernbereitschaft mir hier begegnet. Dieser Wille, sich nach einem langen Tag in der Schule nochmals hinzusetzen und in Ruhe zu lernen, lässt mich staunen. Einmal in der Woche gebe ich einen Computerkurs, was mir nicht nur Spaß macht, sondern auch eine gute Sprachübung für mich ist.
Im „Salle d’études“ sitze ich jeden Abend bei ihnen, doch nicht, wie man meinen könnte, als gebrauchte Aufsicht, nein, diese ist nicht nötig – ich stehe zur Beantwortung möglicher Fragen zur Verfügung.
Ich sag Euch eins –
Englisch, Mathe und Deutsch auf Französisch zu erklären
ist gar nicht mal so einfach 😀

Lustig war in diesem Zusammenhang unter anderem die Begegnung mit einer Schülerin, die im Fach Deutsch eine Interpretation verfassen sollte – auf Deutsch versteht sich. Zu einer Frage wussten wir beide die Antwort, aber es fehlte uns beiden ein bestimmtes Wort, um die Antwort auf den Punkt zu bringen… Wie sich letztendlich rausstellte, suchten wir in diesem Moment beide das Wort „unterstützen“- ich die französische Übersetzung, um es ihr näherzubringen und sie die deutsche – wir kamen beide nicht auf unsere gewünschte Übersetzung und nahmen gleich darauf die englische Sprache zur Hilfe, die uns dann mit der Übersetzung „support“ die Lösung überbrachte.
Wir mussten beide lachen.

Mit einer Messfeier, die schon Tage vorher von allen gemeinsam durch Chorproben vorbereitet wurde, wurde gemeinsam der Start in ein neues Schuljahr gefeiert. Der Priester hat so offen und locker gesprochen – ja, er hat die Mädchen und auch mich dort abgeholt, wo wir stehen… Mit einfachen Wochen hat er erzählt vom Wunsch eines Menschen, perfekt zu sein. Dieser Mensch wird durch diese utopische Zielsetzung niemals glücklich. Ein Mensch, der sich dagegen seiner Macken und Missgeschicke bewusst ist, diese integriert und auch die Anderer annehmen kann, ohne sie zu verurteilen, kann ein glücklicher sein, da er lebt. Schön fand ich in dem Zusammenhang die Geschichte eines Mannes, der ein Amulett erwarb, auf dem er erst später die Gravur „ca aussi – ca passe“ entdeckte. Wohingegen anfangs diese Worte noch bedeutungslos waren, erfuhr er in vielen kommenden Situationen, wie passend dieser Satz doch war. Er war müde, erschöpft, entmutigt und genervt, betrachtete in diesen Momenten der Ohnmacht sein Amulett und las darauf: „Ca aussi- ca passe“… Der Mann verinnerlichte diesen Satz, da der Gedanke, dass er alles überstehen wird und alles irgendwann vorübergehen wird, ihm Mut gab, zu leben und einfach nicht immer alles glatt laufen kann.
Mit den Worten „Ca aussi- ca passe, mais l’amour et la parole de Dieu ne passent pas“ endete die Predigt und ich bin dankbar für diese Geschichte, die mir Mut macht und die ich niemals vergessen werde.

 

Ein Besuch in Bobo Dioulasso

Gemeinsam mit Besuchern aus Frankreich und Deutschland besuchten meine Projektleiterin und ich die zweitgrößte Stadt Burkinas „Bobo Dioulasso“. Neben einer Besichtigung einer Moschee ließen wir uns durch das sogenannte „Alte Bobo“ führen, was bzgl. der Erzählungen des Guides sehr interessant war, mich jedoch persönlich schockierte. Wir als Touristen gingen durch diese Gassen und es war mit anfangs gar nicht bewusst, dass ich mich hier in der Realität befinde und das tägliche Leben Anderer betrete. Man bezahlt den Guide, geht, stoppt, schaut, lauscht, macht Fotos, realisiert nicht, sondern geht weiter… Ich habe mich in diesem Moment „geschämt“, für was auch immer, habe mich so unwohl gefühlt. Diese Begegnung mit Armut war gewusst, jedoch nicht bewusst im Vorhinein.
Das eigene Denken verändert sich. Wie kann das sein? Wie darf das sein? Wie ist das? Darf ich sagen, dass ich Hunger habe, obwohl ich gar nicht weiß, was es heißt, Hunger zu haben? Darf, kann, will ich mich jemals nochmals in Europa beschweren? Nein. Ja. Jein.
„Ich sehe Armut nur, erlebe sie allerdings nicht – das ist ein großer Unterschied- wie denken die Menschen, die Armut leben?“

 

„La sensibilation“- die Aufklärungsarbeit in den Schulen

Mitte November werden eine Schwester des Foyers und ich mit der Aufklärungsarbeit in den Schulen beginnen. Wir werden wöchentlich in ein anderes Dorf fahren und dort für mehrere Tage bleiben und zunächst mit den Mädchen, dann mit den Jungen, anschließend mit den Eltern ins Gespräch kommen und Themen wie „Liebe und Partnerschaft“, „Pubertät“ sowie „die eigene Zukunftsgestaltung“ in den Blickwinkel nehmen. Ein Film, der am letzten der vier Tage mit dem ganzen Dorf angeschaut wird, beendet die Einheit in diesem Dorf. Ich bin aufgeregt, freue mich aber schon sehr auf diese Arbeit.

 

Was mir hier mit jedem neuen Tag immer wieder bewusster wird, ist, dass ich von diesen Menschen, dieser Kultur und Art des Lebens schon viel gelernt habe, lerne und lernen werde…
Es ist ein Geschenk, für das ich sehr dankbar bin.
Ich möchte mich an dieser Stelle und mit diesen Rundbriefen bei allen bedanken, die mein Projekt und meine Arbeit hier unterstützen, das ist nicht selbstverständlich. Ich kann Euch versichern, dass es wirklich ein tolles und sinnvolles Projekt ist. Vielen Dank!
Danke an Euch alle, dass Ihr mir das sichere Gefühl gebt, dass ich diese Reise mit Euch zusammen und nicht alleine begehe. Jeden Abend schaue ich vor dem Schlafengehen nochmal in den Himmel, sehe die vielen vielen Sterne, den Mond und denke an Euch alle. Stelle mir in diesen Momenten oft vor, dass auch ihr nun vielleicht gerade in den Himmel blickt und die Vorstellung, dass wir alle die Sterne und den gleichen Mond sehen, ist eine sehr schöne. Danke, dass Ihr immer bei mir seid…
Ich hoffe, es geht Euch gut und melde mich bald wieder mit dem nächsten Rundbrief an Euch.

Eure Dorothea