Bolivien: 3. Rundbrief von Lukas Schleidweiler

Liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierten!

You are always smiling, Lukas.

That makes it easier.“

                                                                                                                    Schwester Jean

Mehr als ein weiterer Monat ist vergangen, seit dem ich meine Heimat, Euch und alles Gewohnte hinter mir gelassen habe, um in Bolivien einen Freiwilligendienst zu leisten. Es ist also Zeit, Euch wissen zu lassen, was ich im letzten Monat, hier in Carmen Pampa, zwischen all den herrlichen Bergen und den vielen Hühnern und Hunden erlebt habe. Alles kann ich gewiss nicht beschreiben, aber ein paar Dinge muss ich loswerden.

Ein paar Sätze über das Ankommen

„Angekommen ist er doch schon vor drei Monaten“, werdet ihr vielleicht denken. Stimmt aber nicht. Erst in den letzten Wochen ist in mir das Gefühl entstanden, dass ich jetzt hier bin. Meine kleine Wohnung ist jetzt nicht mehr nur noch ein Zimmer, es ist mein „Zu Hause“. Die Berge sind nicht mehr betrachtet mit einem Gefühl von Urlaub, sondern mit einem Gefühl von „Heimat“. Die Kantine ist nicht mehr nur ein Ort zum Essen, sondern ein Ort zum Lachen und zum Quatschen. Mein Alltag ist jetzt nicht mehr nur begleitet von Menschen, sondern auch von Freunden. Davon ist einer besonders wichtig für mich geworden: Josh. Er kommt aus Washington, ist ein bisschen älter als ich, hat Politik studiert und kam gemeinsam mit mir als Freiwilliger in Carmen Pampa an. Wir lachen unheimlich viel, reflektieren unsere Erlebnisse und sprechen darüber, wie komische es manchmal ist, hier zu sein und so weit weg von zu Hause. Wir sprechen über die wundersamen Dinge, die Bolivien manchmal bietet und darüber, wie schwer es ab und an ist, manches hinter sich gelassen zu haben. Wir sprechen miteinander, wenn mal was nicht so gut läuft und verbringen viel Zeit miteinander. Besonders gefallen hat mir ein Gedanke, den wir einmal gesponnen haben: Wie hätten wir uns wohl vor 70 Jahren kennen gelernt? Wie hätten unsere Groβväter sich verstanden?

Ich kann nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn einem eine zweite Heimat entsteht. Auch für dass ganz bewusste Erleben, wie eine Freundschaft sich aufbaut, fehlen mir die Worte, aber: Es ist super.

Todos Santos – Allerheiligen

Der November begann natürlich mit Allerheiligen, einem Fest, dass ich aus Deutschland mit eher beklommenen Gesichtern kenne, mit Regen, Kälte und Trauermärschen der Blaskapelle (an dieser Stelle: Viele Grüβe an den Gülser Musikverein!). Hier, in Bolivien, ist Todos Santos ein gefeierter Tag. Die Uni hat dafür ein verlängertes Wochenende eingerichtet, damit die Studenten gemeinsam mit ihren Familien den Feiertag begehen können. Auch ich bin nach einer kleinen Ansprache bei Kaffee und Kuchen im Büro der Uni nach La Paz aufgebrochen, um mit meiner Gastfamilie die kleinen Ferien zu verbringen. Im Wohnzimmer der Familie war ein Tisch für den verstorben Vater meiner Gastmutter aufgebaut, dessen Grab in einem anderen Departamento (Bezirk Boliviens) ist. Auf dem Tisch waren neben dem Foto allerhand Leckereien drapiert, auch Coca und Wackelpudding waren zwischen zwei Kerzen zu finden. Kam ein Familienmitglied während dieser Tage zu Besuch, dann hat es vor dem Bild gebetet, gedankt und sich glücklich erinnert. Ein Friedhof, den ich während meiner Fahrt nach La Paz passiert habe, war mit Girlanden, Gestecken und Blumen fröhlich geschmückt und die Leute haben dieses Fest auf ihre Weise fröhlicher begannen, als ich es gewohnt bin. Auβerdem konnte man überall verschiedene Brote kaufen, auch Figuren mit kleinen bunten Masken waren dabei.

Todos Santos war für mich eine interessante Erfahrung und hat mir mit seiner anderen Art es zu feiern sehr gut gefallen, ist der Tod in Deutschland ja eher ein weniger beliebtes Thema.

Dinge, die ich noch nicht so gut verstehe

Ich lebe hier in einer sehr anderen Kultur und es gibt verschiedene Dinge, die ich im ersten Moment weniger gut verstehe. Jedoch versuche ich stets herauszufinden, was die Gründe für verschiedene Sachen sind – manches kann ich mir nun schon besser erklären, auf manche Antworten warte ich noch, manche wird es wohl nie geben. Ein paar dieser Dinge möchte hier beschrieben.

In der Universität werden jeden Abend um 23 Uhr die Studenten in ihren Schlafräumen eingeschlossen, die morgens um 6 wieder aufgeschlossen werden. Als ich davon das erste Mal gehört habe, konnte ich das nicht begreifen und war regelrecht schockiert. „Wie kann man 20 junge Leute über Nacht einschlieβen, während sie die Stromleitung der Deckenlampe anzapfen, weil es nicht genug Steckdosen für ihre Handys gibt? Was passiert, wenn es einmal brennt?“ habe ich verschiedene Studenten gefragt und es gab zwei Erklärungen dafür, dass sie eingeschlossen werden: Wenn die Studenten nachts aus ihren Quartieren hinaus können, ist die Wahrscheinlichkeit gröβer, dass sie betrunken nach Hause kommen. Man kann sich vorstellen, dass das in einem 8-Mann-Zimmer zu Problemen führen kann. Ein weiterer Grund für die „Sperrstunde“ ist, dass es durch sie offenbar weniger Schwangerschaften unter den Studenten gibt. Ich möchte diese Praxis nicht bewerten, erwähnt sei aber, dass die Studenten interessanter Weise vor einiger Zeit selber dafür abgestimmt haben, dass sie nachts nicht hinaus können.

Eine weitere Sache, die ich nicht direkt verstanden hatte, war  dass es in Coroico einen sehr neuen, sehr guten Fußballplatz gibt, der vom Präsidenten Boliviens geplant und errichtet worden ist. „Wieso wird das Geld nicht in Unterrichtsmaterialien investiert oder in die Reparatur von Schulen, die es so oft so nötig haben?“, habe ich gefragt und die logische Antwort bekommen: Wenn Jugendliche in ihrer Freizeit nichts zu tun haben und keinen Ehrgeiz entwickeln, wofür Sport eben eine gute Möglichkeit bietet, dann verfallen sie den Drogen. Der Sportplatz ist also kein bloβes Prestigeobjekt, sondern hat eben doch einen tieferen Sinn.

Zu den Sachen, die ich bisher noch nicht verstehe gehören unter anderen, dass die Studenten sich mit dem einem, manchmal trockenen Brot zum Frühstück zufrieden geben, obwohl sie sagen, dass sie morgens oft Hunger haben. Dass es jeden Tag zwei Mal Reis gibt. Dass die gleiche Ware im gleichen Geschäft an verschiedenen Tagen verschieden viel kostet. Dass ein Padre immer ein besonderes Stück Fleisch bekommt und die anderen Padres nicht. Dass man so oft von einer Person zur nächsten geschickt wird, wenn man etwas braucht. Dass niemand weiß, womit die örtliche Strom- und Wasserversorgung zusammenhängt und warum diese ab und an ausfällt…

Und es gibt vieles mehr, das ich nicht verstehe, in diesem wunderbaren, Land, dass in sich selbst so verschieden ist, dass es zwei Kontinente sein könnten – aber keine Angst, ich forsche weiter!

„Als ein Befehl über das Land ging, alle Menschen sollten sich zählen lassen…“

Mitte November war hier der offizielle Tag der Volkszählung. Ein wichtiger Tag, denn es wurde nach Jahren mal wieder eine aktuelle Zahl der Bevölkerung festgestellt. Dazu wurde jedes einzelne Haus, jede kleine Wohnung des Landes von den Zählenden besucht um Name, Alter, Geburtsort, Sprachen (wegen der verschiedenen Kultursprachen wie zum Beispiel Aymara), Beruf, Schulbildung und vieles weitere zu erfassen. Daraus wird nun eine aktuelle Statistik erfasst.

Dieser Mittwoch war für alle frei. Studenten fuhren zu ihren Familien, für Menschen in La Paz war es verboten, nicht zu Hause zu sein. Wer nicht angetroffen wurde, musste 3.000 Bolivianos Strafe zahlen, rund 340 Euro, was für die meisten Menschen hier eine Menge Geld ist. Lukas plante für diesen Tag der Volkszählung einen entspannten „Pyjamatag“ ein… Bis es an der Tür klopfte. Ich sollte nämlich auch gezählt werden, wovon ich vorher nicht ausgegangen war, bin ich doch nur ein „Einjahresbolivianer“. Später habe ich erfahren, dass die Gemeinde mehr Förderungen erhält, wenn auch Menschen wie ich registriert werden, die nur ein Jahr bleiben. Die Einwohnerzahl bleibt schlieβlich bis zum nächsten Zensus die selbe – und natürlich gönne ich meinem Dorf den kleinen Bonus gerne. So habe ich mich mit der Frau mehr oder weniger mühsam durch den Fragebogen gearbeitet, denn es war etwas schwierig für sie, meinen Nachnamen zu schreiben, oder Rheinland-Pfalz und etwas schwierig für mich, Dinge wie Zweitwohnsitz oder Arbeitsverhältnis zu verstehen. Aber glücklicherweise nehmen sich die Menschen hier immer genug Zeit (und oft erstaunlich viel Geduld) um in Ruhe alles zu regeln und ein kleines Schwätzchen darf natürlich auch nicht fehlen, was ich meistens sehr angenehm finde. Jedenfalls kann ich nun, nach vollendeter Prozedur, voller Stolz verkünden, dass ich ein registrierter Bolivianer bin!

Eine kleine Liste mit Dingen, die Lukas Freude machen

Für viele Dinge schärft sich hier, in Bolivien mein Sinn. Ich habe viel Zeit, mich intensiv mit mir selber auseinanderzusetzen – an einem Nachmittag habe ich mal genauer überlegt, was mich hier so glücklich macht und ein paar dieser Dinge lasse ich Euch gerne wissen:

  • Auf der Ladefläche des Pick-Ups über die Holperstraβen fahren
  • Wandernd und mit lieben Menschen die Gegend erkunden
  • Einen Witz verstehen und mitlachen können
  • Die Musik im Gottesdienst, den ich manchmal besuche
  • Die vielen verschiedenen Käfer und Schmetterlinge und die Berge
  • Zum Pfannkuchen-Frühstück eingeladen werden
  • Wenn mein Name mit k geschrieben wird und, wenn Leute versuchen „Schleid-weiler“ zu sagen
  • Bevor ich in der Kantine ankomme zu wissen, dass ich nicht mehr alleine essen muss, weil ich jetzt „Compañeros“ habe
  • Briefe aus der Heimat bekommen
  • All die fremden Speisen probieren: Magen, frische Kokosnuss, frittierte Käfer…

Aktuelle Arbeit

Ich bin seit einer Woche dabei, ein Projekt zu übersetzen, das dazu beitragen soll, das Ziel der Uni zu verfolgen. Ich fasse es kurz zusammen, um Euch den „Geist“ der Uni zu senden.

Eine amerikanische Stiftung hat der Uni geholfen, eine Kaffeeverarbeitungsanlage zu errichten. Jetzt wird geplant, sich mit einer inter-amerikanischen Organisation für landwirtschaftliche Zusammenarbeit, mit Kleinbauern, die Kaffee anbauen und mit der Universität zusammenzuschließen und gemeinsam den Kaffee unter dem Markenname einer weiteren Stiftung zu vermarkten.  Das Projekt ist gut durchgeplant: Die Stiftung stellt ihr betriebswirtschaftliches Wissen zur Verfügung, die Uni sorgt über den Agrar-Studiengang für fundiertes Wissen über die Produktion von Kaffee, was wiederum die Bauern erhalten, um ihre Erträge zu steigern und somit ihre Einkommen (erhofft werden sich bis zu 10%) und ihre Lebensqualität  verbessern zu können. Außerdem wird so der wachsenden Coca-Produktion entgegengewirkt, die sich negativ auf den Wasserhaushalt und die Artenvielfalt auswirkt, sowie Erdrutsche verursacht. Ein interessantes Projekt, wie ich finde. Ich bin gespannt, ob ich in Koblenz nächstes Jahr Kaffee aus Coroico trinken werde!

Außerdem – – –

–        habe ich mein erstes Thanksgiving gefeiert,

–        eine Schlange in freier Wildbahn gesehen,

–        einen Workshop für Englisch-Lehrer mitgestaltet,

–        das erste Mal in meinem Leben Erbsen gepult,

–        im Dezember ei-nen Sonnenbrand,

–        meinen Pass mit Visum von der Botschaft zurückbekommen,

–        bestimmt ein paar Kilo zugenommen,

–        meinen ersten Traum auf Spanisch erlebt und

–        in Javiers und Michelas „Stube“ einen neuen Haarschnitt erhalten…

Ihr Lieben! Ich hoffe, ich konnte Euch wieder ein paar interessante Dinge aus der Ferne berichten. Ich danke Euch dafür, dass ihr mich auf meiner „Reise“ begleitet und wie immer freue ich mich über Antworten, Fragen, Anregungen, Lob, Kritik und News aus der Heimat. Ich wünsche Euch auβdem eine tolle Adventszeit mit einem Hauch der bolivianischen Gelassenheit. Ich werde meine Weihnachtstage mit meiner Gastfamilie verbringen, im Süden des Landes und danach wohl ein bisschen Reisen. Genaueres ist noch nicht geplant, erfahrt ihr aber in meinem nächsten Rundbrief.

Ganz liebe Grüβe von

Lukas

 

P.S.: Ich möchte wieder darauf hinweisen, dass hier nur ein Junge aus einem deutschen Dorf über die Begegnungen in einem bolivianischen Dorf berichtet und von seinen ganz eigenen subjektiven Eindrücken erzählt. Ich entschuldige mich für eventuelle Fehlzuschreibungen oder Generalisierungen!