Boliven: 3. Rundbrief von Sebastian Gräber

Von Ferien, Werten und einem ganz anderen Weihnachten

 

Liebe Freunde und Verwandte, Lieber Solikreis,

ich hoffe, ihr alle hattet ein schönes und gesegnetes Weihnachtsfest und seid gut ins Jahr 2013 gerutscht. Meine Mitfreiwilligen und ich hatten jedenfalls einen schönen Start ins neue Jahr, dazu aber später mehr. Dieser Rundbrief ist aufgrund der vielen Dinge, die mir widerfahren sind, sehr lang geworden. Ich würde mich dennoch freuen, wenn ihr die Zeit und Lust aufbringen könntet, ihn zu lesen.

Bolivianische Jugend und Kultur

Wie ich in meinem letzten Rundbrief bereits ausführlich beschrieben habe, arbeite ich hier mit Jugendgruppen zusammen, mit denen wir verschiedene Ausflüge und Workshops machen. Von einem dieser Ausflüge möchte ich euch etwas ausführlicher erzählen, denn er zeigt glaube ich ganz gut, welche Arbeit wir hier machen und welche Ziele wir damit verfolgen.

Meine Einsatzstelle, die Fundación Tréveris, veranstaltete Ende Oktober das I. überregionale Jugendkulturfestival, das in der kleinen Ortschaft Tarvita stattfinden sollte. Wir reisten also über Nacht mit dem Bus über die holprige Landstrecke, um mit unseren Jugendgruppen an diesem eintägigen Festival teilzunehmen. Dem waren einige Vorbereitungen vorausgegangen: In der Einladung wurden wir gebeten, einige Beiträge mit den Gruppen vorzubereiten, die zum einen die traditionelle und zum anderen die moderne Kultur des jeweiligen Ortes darstellen oder gar verbinden sollte. Da die Einladung aber gerade einmal zwei Wochen vor dem Festival bei uns eintraf, mussten wir uns beeilen, noch ein paar Dinge einzustudieren. Es ist mir hier schon häufiger passiert, dass die Dinge kurz vor knapp geplant wurden und dennoch ist immer alles gut gegangen. Diesmal ging es sogar so weit, dass wir mit der Gruppe aus Padilla den Queca-Tanz noch am Morgen des Festivals einstudieren mussten. Das erfordert von mir einiges an Spontanität und Kreativität, zwei Dinge, die mir, der gewohnt ist, Dinge recht weit im Voraus zu planen, vor meinem Dienst hier nicht sehr leicht fielen, die ich aber hier gut lernen kann.

Wir studierten also drei Tänze ein, die für Villa Serrano und Padilla typisch sind, was den Jungs und Mädchen aus meinen Gruppen einiges abverlangte. Zwar ist tanzen ein ganz integraler Bestandteil der bolivianischen Kultur, viele der Jugendlichen haben aber eher Angst, in der Öffentlichkeit zu tanzen. Mit ein wenig Übung ging aber alles gut und wir konnten auf dem Festival neben den Weihnachts- und Ostertänzen auch ein Theaterstück vorführen und das Festival war ein voller Erfolg. Sehr interessant fand ich auch die Vorführungen der anderen Municipios (so etwas wie Landkreise), die z.B. ein Video über eine Legende ihres Ortes gedreht hatten. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie vielfältig die bolivianische Kultur ist und dass sich viele Dinge von Ort zu Ort unterscheiden.

 

Jahresabschlussfeier mit den Jugendlichen.

 

Allerheiligen

Ein sehr bewegendes Erlebnis für mich war der erste November, Allerheiligen. Dieser Feiertag ist hier sehr besonders, denn er verbindet die christliche Idee von Allerheiligen mit der Kultur der Minderheit der Quechua (sprich: Ketschua), die in diesem Landesteil stark vertreten ist. An Allerheiligen öffnen die Menschen, deren Verwandte in diesem Jahr verstorben sind, ihre Türen und Tore für die Bewohner des Dorfes, die mit ihren Freunden und Verwandten von Haus zu Haus ziehen, um für die Aufnahme der Seelen der Verstorbenen ins Himmelreich zu beten. Dabei wird den Verstorbenen ein Tisch hergerichtet, der mit allerlei Gebäck, Essen, (alkoholischen) Getränken, Zigaretten sowie den Dingen, die der bzw. die Verstorbene mochte, geschmückt wird. Dazu kommen bunte Tücher und Papiere und das Ganze sieht sehr, sehr eindrucksvoll aus (ein Photo konnte ich, aus sicherlich verständlichen Gründen, leider nicht machen). Die Ankommende Gruppe betet drei Vaterunser und drei Ave Maria und bittet Gott, sich der Seelen der Verstorbenen anzunehmen. Danach wird oft Chicha, ein Maisschnaps, zu Ehren der Person getrunken und man zieht in das nächste Haus weiter.

Diese Tradition hat mir sehr gefallen, vor allem, weil sie die verschiedenen Weltanschauungen aus Christentum und der Kultur der Quechua in Einklang bringt. Vor dem Trinken der Chicha schüttet man beispielsweise einen Schluck auf den Erdboden, zu Ehren der Pachamama (Quechua für „Mutter Erde“), die im Quechuaglauben mit allem zusammenhängt und für den Erfolg oder Misserfolg der Ernte und vieles weitere verantwortlich ist.

 Die Ferienzeit

Aktuell sind Sommerferien in Bolivien und das bedeutet, dass mein Arbeitsfeld sich ein wenig ändert. Hier gibt es quasi nur diese Ferien, die dafür allerdings von Mitte November bis Mitte Februar dauern, also knapp drei Monate. In dieser Zeit fahren viele der Jugendlichen aus Villa Serrano aufs Land oder in die Stadt, um Verwandte zu besuchen, diese bei der Arbeit zu unterstützen oder einfach nur, um Weihnachten dort zu verbringen. Auch die Internatsschüler gehen zurück in ihre Dörfer und zwei gute Freunde von mir haben in diesem Jahr ihren Abschluss gemacht und werden nach den Ferien auch nicht mehr wieder kommen. Der Abschied fiel mir wirklich sehr schwer, denn die beiden waren die Ersten, die mich in das Internat integriert haben und nun werde ich sie vermutlich nicht wieder sehen. Im nächsten Jahr werden aber vermutlich wieder mehr Schülerinnen und Schüler das Internat besuchen, so dass hoffentlich ein wenig mehr los sein wird und ich noch ein paar neue Menschen kennenlernen kann.

Das Dorf ist seit Mitte November also dementsprechend ausgestorben, da nicht nur die Jugendlichen, sondern natürlich auch deren Familien das Dorf über Weihnachten verlassen haben. Unser Plan, die Treffen der Jugendgruppen auch über die Ferien weiter stattfinden zu lassen, schlug gründlich fehl, als wir feststellten, dass gerade einmal fünf der 50 Jugendlichen in Serrano geblieben sind. Ich überlegte mir also, mich mehr auf meine anderen Arbeiten zu konzentrieren, denn auch dort gab es viel zu tun. Tatsächlich habe ich es geschafft, die Bibliothek des Internats komplett aufzuräumen und zu renovieren, sodass sie jetzt wieder benutzbar ist. Das war für mich zum Jahresende ein echter Erfolg, den ich auch mal gebraucht habe. Weiterhin habe ich bei der Kartoffelernte und der Aussaat von Mais auf den Internatseigenen Feldern geholfen, wir haben Inventur gemacht und das Internat für das kommende Jahr auf Vordermann gebracht, sodass ich bis Weihnachten gut beschäftigt war.

Wie ich lernte, andere Werte zu schätzen

Als ich in Bolivien ankam, kam mir vieles gar nicht so anders vor als in Deutschland. Klar, alles sieht ein wenig anders aus, vieles ist ruhiger und man spricht eine andere Sprache, aber ansonsten schien es mir, als gäbe es zwischen unseren Ländern nicht so viele Unterschiede.

Mit der Zeit habe ich aber bemerkt, dass viele Menschen sehr andere Wertvorstellungen haben als ich, die sich also von unseren vorherrschenden Werten in Deutschland unterscheiden. Damit meine ich nicht, dass die Menschen hier vollkommen unterschiedliche Werte haben, sondern dass vielmehr die Gewichtung der einzelnen Werte anders ist.

Um das ein wenig besser zu erklären, führe ich mal ein einfaches Beispiel an: Pünktlichkeit. Für die meisten Deutschen ist Pünktlichkeit ein sehr, sehr tief sitzender Wert. Selbst diejenigen unter uns, die sich nicht mit bürgerlichen Werten identifizieren können, legen oftmals einen großen Wert auf Pünktlichkeit. Wer möchte denn schon eine Stunde auf die Ankunft einer Person warten? Viele von uns werden ja schon wütend, wenn sie auch nur zehn Minuten warten müssen.

Auch in Bolivien ist Pünktlichkeit ein wichtiger Wert. Es leuchtet ein, dass es sinnvoll ist, zu Versammlungen und Treffen pünktlich zu erscheinen – und dennoch warte ich regelmäßig auf Menschen, die sich zu einer Verabredung verspäten. Das hat einen einfachen Grund. Wenn ich in Deutschland jemanden auf dem Weg zu einer Verabredung getroffen habe, dann habe ich so etwas gesagt wie „ Hey, schön, dich zu sehen, ich habe aber leider keine Zeit“, denn pünktlich zu sein war für mich wichtiger. Hier jedoch wiegt der Wert der Höflichkeit einiges mehr als der Wert der Pünktlichkeit. Selbst wenn ich einen Menschen treffe, den ich kaum kenne, der aber um meine Hilfe bittet, so werde ich ihm zuerst behilflich sein, bevor ich dann zu dem Termin erscheine. Ich finde, dass dieser Wert auch seinen Sinn hat und da jeder Mensch hier ab und an zu spät zu einem Termin erscheint, ist man sich auch nicht böse. Ein negativer Nebeneffekt ist allerdings, dass viele Menschen davon ausgehen, dass andere zu einem Treffen sowieso zu spät kommen. Das, was bei uns das akademische Viertel ist, ist hier also recht häufig anzutreffen.

Es gibt noch einige Dinge mehr, die mir hier zu Wertvorstellungen und Ähnlichem auffallen und ich trete immer mal wieder in ein Fettnäpfchen, was mir aber nicht so übel genommen wird, da ich ja auch nicht von hier komme. Andererseits sehe ich es als großen Vorteil, diese verschiedenen Lebensweisen kennenzulernen und in mir vereinen zu können. Das gibt mir die Möglichkeit, mich in stressigen Situationen weitaus ruhiger zu verhalten, was mir nach meiner Rückkehr nach Deutschland vielleicht auch behilflich sein werden könnte.

Passt nicht zum Text, musste aber einfach mal hier rein. Ich in einer typischen tienda (Eckladen), in dem es einfach alles gibt.

 

Navidad en Villa Serrano

Weihnachten wird in Bolivien ungefähr so gefeiert wie in Deutschland. Man trifft sich mit der Familie, isst gut (das typische Gericht in der Gegend ist Picana, das aus allen möglichen Fleischsorten in scharfer Sauce und Mais besteht), es gibt Geschenke und die Mitternachtsmesse. So geht es eigentlich überall zu – außer natürlich in Villa Serrano, das angeblich in ganz Bolivien für seine Weihnachtsfeierlichkeiten bekannt ist. Nachdem wir in Sucre eine schöne Weihnachtsfeier mit den Angestellten der Fundación hatten, machte ich mich am nächsten Morgen mit meiner Gastfamilie, bei der ich im ersten Monat gelebt hatte und mit denen ich mich ab und an noch treffe, nach Serrano auf, denn auch sie wollten dort Weihnachten verbringen.

Wir machten uns bei knapp 35 Grad Celsius eine schöne Zeit, die wir mit allerlei Unternehmungen ausfüllten. Beispielsweise gibt es in Serrano einen Wettbewerb im Krippenbau, an dem wir mit den verbleibenden Jugendlichen teilnahmen. Wir wollten die Krippe sehr natürlich gestalten und stiegen deshalb auf einen Hügel, um Gräser, Pflanzen und Tannenzweige zu besorgen, die in Serrano zu Hauf wachsen. In dreitägiger Arbeit konnten wir dann Olgas Garten in eine schöne Naturkrippe inklusive Weihnachtsbaum verwandeln, wofür wir am Ende dann auch einen Preis bekamen.

Arbeit am Dach der Krippe, mit der wir später den 2. Platz machen werden.

In Serrano beginnt Weihnachten nicht erst an Heiligabend, sondern bereits Anfang Dezember. Es werden zahlreiche Sportturniere veranstaltet, die größte Charango-Gitarre der Welt wird ausgestellt und gespielt, es wird getanzt und gefeiert. Weihnachten ist also nicht so besinnlich wie in Deutschland, aber auf seine Weise sehr, sehr schön und durchaus feierlich. Am ersten Weihnachtstag beginnen dann die „Ruedas del Baile“, das sind Gruppen, die durch die Straßen tanzen, um die Geburt Jesu zu feiern. Der typische Tanz dazu ist der Chutunki, ein sehr einfacher, aber schöner Tanz. Bis in die Nacht hinein und auch noch an den folgenden Tagen wurde gefeiert, getanzt und gegessen und ich muss sagen, dass es sehr schön war. Dennoch haben mir meine Familie und meine Freunde natürlich sehr gefehlt und einige Male war es echt schwierig, diese Tage zu überstehen.

 

Wie es jetzt weitergehen wird

Über Silvester hatten wir Besuch von einigen anderen Freiwilligen und somit hatte ich einen sehr, sehr schönen Start ins Jahr. In einer Woche wird nun mein Zwischenseminar stattfinden und das macht uns allen ein wenig schmerzlich bewusst, dass wir beinahe schon ein halbes Jahr hier sind und uns nur noch die Hälfte unserer Zeit verbleibt, die wir noch nutzen möchten, um eine schöne Zeit zu haben und noch viel mehr von diesem wundervollen Land zu erleben. Mal sehen, was die Zeit so bringen wird, auf jeden Fall muss ich mir jetzt noch ein paar neue Ziele stecken und neue Aufgaben übernehmen. Ich freue mich auf jeden Fall darauf und werde euch natürlich darüber berichten.

Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen, Anmerkungen, Fragen oder alles Andere, das ihr mir mitteilen möchtet. Danke auch an alle, die an meinem Geburtstag an mich gedacht haben, vor allem an die vier Ruanda-Freiwilligen für ihr tolles Video! Ich hoffe, bald wieder etwas von euch allen zu hören.

Alles liebe und !hasta luego!

Euer Basti