Bolivien: 3. Rundbrief von Simone Mischo

Dritter Rundbrief
Mis queridos,
die Zeit fliegt! Es ist schon März, was bedeutet, ich bin seit über einem halben Jahr in diesem faszinierenden Land. Und es fasziniert mich immer wieder aufs neue.

Als ich etwa nach einem Wochenende im Haus meiner Chefin zurück ins Projekt fahren wollte,waren die Busse bereits voll, weswegen ich mit einem LKW mitfuhr. Ich saß mit der Mutter zweier Internatsbewohner vorne in der Fahrerkabine und kam mir vor, als würde ich den eigentlich vertrauten Weg das erste Mal fahren. Alles sah aus dem unbekannten Blickwinkel so anders aus, so beeindruckend und schön.

Vorher gab es aber natürlich auch noch einiges, worüber ich schreiben möchte. So ist etwa im Februar nicht nur in Deutschland Fastnacht und Karnaval, sondern auch hier in Bolivien wird der Carnaval gefeiert, wenn auch anders als in Deutschland.
Die wohl bekannteste Carnavalsfeier Boliviens findet in Oruro im Hochland statt. Natürlich wollte ich mir diese Erfahrung nicht entgehen lassen, weswegen ich mit mehreren anderen deutschen Freiwilligen hinfuhr.
Die Entrada, wie hier der Umzug genannt wird, war wunderschön. Es reisten Gruppen aus dem ganzen Land an, die ihre regionalen Tänze vorführten.
Man sah die „Diablada“ der Mineros, die „Morenada“ mit ihren „Osos“ (Bären), „Caporales“ mit ihren gardeähnlichen Kleidern und noch viel viel mehr Tänze, deren Namen ich leider nicht weiß. Man sah Kostüme in allen möglichen Farben, man sah Trachten der Altiplanobewohner und Trachten der Tieflandbewohner, man hörte die Musik der „Bandas“, die hinter bzw vor den Tanzgruppen hergingen und ihre Instrumente spielten – und man wurde nass. Ob von Wasser oder von Schaum, an jeder Ecke, auf jeder Tribüne, ständig waren auf der Straße Kinder, oder auch Erwachsene, die jeden, der ihnen zu nahe kam, mit Wasserpistolen oder Schaum bespritzten. Glücklicherweise macht der Schaum aber keine Flecken und es gab keine „Globos“(Wasserbomben). Ich glaube, die wurden verboten.
Obwohl keine Süßigkeiten geworfen wurden und die Musik nicht die altbekannte Fastnachtsmusik war, war die Stimmung unter uns und auch unter den anderen Entradabesuchern ausgelassen und friedlich. Schlägereien oder ähnliches, was in Deutschland an Fastnacht ja leider schon fast an der Tagesordnung ist, habe ich nicht beobachtet.

Auf die oftgenannten globos bekam ich jedoch vor meiner Reise nach Oruro schon einen Vorgeschmack, da hier auch Precarnaval, also Vor-Karneval, gefeiert wird. In der Stadt, an der Plaza oder auf großen Avenidas konnte man dann regelmäßig „Wasserbombenbattles“, wie man wohl heute sagt, beobachten, bei denen auf jeder Straßenseite „verfeindete“ Wasserbombenwerfer standen und sich bemühten, die anderen möglichst nass zu machen. Glücklicherweise kam ich meistens trocken an mein Ziel, wenn dann auch zeitweise arg kurzatmig.

Irgendwann ist aber natürlich mal Schluss mit Carnaval und da musste ich zurück ins Projekt. Das neue Schuljahr hat angefangen und einige Veränderungen mitgebracht. Im Internat sind zur Zeit 25 Schülerinnen und Schüler und davon sind sehr viele neu. Mit heimlicher Freude hab ich gesehen, dass es dieses Jahr wesentlich mehr Mädchen als Jungen im Internat gibt. Allerdings schaffen es diese acht Jungs immernoch, mich ziemlich auf Trabb zu halten:
Als ich drei Tage alleine mit den Kindern im Internat war, da meine Chefin noch ein paar Behördengänge zu erledigen hatte, kamen zwei Mädchen ganz aufgeregt zu mir: „Profe, Profe, die Jungen haben zwei Vögelchen in ihrem Zimmer!“ Äh, was??? Also los, zum Zimmer der Jungen, Vögelchen suchen und zurück ins Nest setzen lassen. Die zwei „Verantwortlichen“ durften abends, nach ihren Hausaufgaben einen Text über einen hiesigen Vogel abschreiben. Wie praktisch, dass ich mir ein Vogelbuch gekauft habe.
Am ersten Abend, den ich mit den Kindern alleine war, gab es im Mädchenzimmer nicht genügend Bettgestelle, zwei Mädchen, die an dem Tag neu angekommen waren, sollten also ihre Matrazen auf den Boden legen und dort schlafen. Für die Fünftklässerlin kein Problem. Für die Erstklässlerin, die vermutlich zum ersten mal ohne ihre Eltern wo anders schlafen sollte, war das aber nicht so einfach. Als fürsorgliche Internatsmama, hab ich mich zu ihr und den anderen gesetzt und wollte denn wissen, wieso sie nicht schlafen wolle. Sie meinte, sie habe Angst. Ich meinte, dass niemand reinkäme und dass auch die Hunde aufpassen, dass niemand reinkommt. Sie wollte immernoch nicht schlafen. Hm, nun gut, dann hab ich sie mal gefragt, wovor sie denn Angst habe. Nun ja, vor der Profe, also vor mir. Da war ich erstmal sprachlos. Dann musste ich mir das Lachen verkneifen und meinte, dass dann doch alles in Ordnung sei, da ich schließlich nicht mit ihnen im Zimmer schlafe, sondern mein eigenes Zimmer habe.

Man erlebt aber nicht nur im Internat oder auf Festen interessante Begebenheiten, sondern zeitweise auch einfach auf der Busfahrt. So habe ich, als ich zuletzt von Sucre hierher ins Internat kam, meine erste Straßenblockade erlebt. Zugegeben, viel hab ich nicht direkt mitbekommen, da ich nicht ausgestiegen bin. Aber eine komplette Nacht im Bus, ohne zu wissen, wann es weitergeht bzw. ob es weitergeht oder ob man zurück fahren muss, weil die Blokade nicht geöffnet wird oder die Situation eskaliert, ist eine interessante Erfahrung, die ich jedoch lieber nicht nochmal machen möchte. Glücklicherweise, war der Bus nur halbvoll besetzt. Wenn der Bus voll ist, ist es vermutlich nicht auszuhalten, wenn etwa gefragt wird, was vor sich geht und alle durcheinander rufen. Wieso die Blockade war, konnte ich jedoch bisher nicht rausfinden.
Wenn man nach etwa 20 Stunden im Bus ohne richtiges Essen oder Bad dann ins Internat kommt und es kein Wasser gibt, denkt man, alles ist gelaufen. Aber wenn dann ein Mädchen kommt und meint: „wir haben sie vermisst, Profe“ fällt einem nochmal ein, dass man schonmal ein paar Tage ohne Wasser überstanden hat und dass Essen und ein paar Stunden Schlaf alles andere beheben werden.
In diesem Sinne, danke Yaquira, für deine Aufmunterung.

Ach, bevor ichs vergesse: ich unterstütz jetzt endlich die Englisch-Lehrer.
Heute hatte ich meine erste Stunde. Leider schon gleich ganz alleine. Aber die meisten der Schüler kannte ich schon durchs Internat oder vom Sehen und ich glaube sie waren alle viel zu neugierig auf mich, um Dummheiten zu machen. Als mir das Material dann so langsam ausging, da es eine Doppelstunde war und der Lehrer mir nur Begrüßungsfloskeln als Thema der Stunde gegeben hat, hab ich angefangen zu singen. Wie gut, dass ich noch ein paar Lieder von meinem eigenen Englisch-Lernen im Kopf habe. Von nun an bin ich also immer dienstags in der achten und freitags in der siebten Klasse mit den Englisch-Lehrern unterwegs. Ich freu mich 🙂

Un abrazo fuerte y que te vaya bien,
Simone