Mit dem Nachtzug ins Abenteuer – 1. Rundbrief von Felicia Berger

 

 13. August – mit dem Nachtzug ins Abenteuer!

Zusammen mit Lena und Louisa, zwei weiteren SoFiA-Freiwilligen, die, ebenso wie ich, ein Jahr in Rumänien bei der Caritas eingesetzt werden, machen wir uns per Nachtzug auf den Weg von München nach Budapest. Drei Mädels, mit Gepäck für ein Jahr, in einem Schlafwagon unterzubringen ist ein Abenteuer für sich, aber definitiv eine unvergessliche Erfahrung.

In Budapest erhielten wir 2 Wochen lang einen Sprachkurs von einer älteren Dame, die uns vier Stunden täglich unterrichtete. Die Zeit in einer der schönsten Städte Europas geht schnell vorbei und von dort geht es weiter – wieder im Nachtzug – endlich nach Rumänien zu meiner Einsatzstelle und in meine neue Heimat ,in die Stadt Miercurea Ciuc, die auf Ungarisch „Csíkszereda“ heisst.

Csíkszereda – meine neue Heimat

Morgens um 8Uhr komme ich im Nebel, fast schon zu klischeehaft für Transsylvanien, in Csíkszereda an, wo ich herzlich von meiner Chefin Mesi und Vera, eine meiner Kolleginnen, empfangen werde. Die Landschaft hier ist überwältigend! Ich hätte nie gedacht, dass es mir mal gefallen könnte, im siebten Stock eines Hochhauses zu wohnen, doch die Aussicht auf das umliegende Ciuc-Gebirge und den Schomlenberg ist phänomenal.

Csíkszereda ist die Hauptstadt des Kreises Harghita im Nordosten Transsylvaniens. Hier leben rund 46.000 Menschen, und nun auch ich.

Von diesen 46.000 Menschen sind über 35.000 sogenannte „Szekler“.

Szekler“ sind die Ungarn, die hier die größte ethnische Gruppe der 18 in Rumänien lebenden Minderheiten bilden.

Als nach dem 2. Weltkrieg Ungarn aufgeteilt wurde, mussten große Gebiete an Rumänien abgegeben werden, darunter auch das „Szeklerland“, in dem ich mich jetzt befinde. Die Menschen hier bezeichnen sich ganz klar als Szekler oder Ungarn und es ist fast so, als würde man in einer Art Parallelgesellschaft leben.

Wegen des hohen Anteils der Szekler gilt die ungarische Sprache zusammen mit der rumänischen als Amtssprache. Meine Kollegen, die Jugendlichen und die meisten Menschen hier reden fast ausschließlich Ungarisch, obwohl sie beide Sprachen beherrschen. Daher lerne ich Ungarisch und nicht Rumänisch. Es ist manchmal noch schwierig und frustrierend für mich, dass so viele Schilder und Dokumente auf Rumänisch sind, da ich so gleich zwei Fremdsprachen ausgesetzt bin. Beide Sprachen ähneln einander überhaupt nicht. Mittlerweile finde ich mich gut zurecht und ich habe sehr nette Kolleginnen und Freunde die mir bei Unklarheiten weiterhelfen.

Ungarisch ist noch sehr neu und schwierig für mich. Der Sprachkurs war gut und hilfreich, aber die Sprache unterscheidet sich von allen, die ich bisher kenne. Zwischenzeitlich bin ich verzweifelt, weil es mich stört, meine Kolleginnen und die Jugendlichen nicht immer verstehen zu können, aber genau das ist für mich auch die größte Motivation die Sprache zu lernen.

Mein Projekt im „St. Ágoston“

St. Ágoston“ ist einTageszentrum der Caritas für Jugendliche mit geistiger Behinderung. Im Zentrum werden die Jugendlichen von morgens bis nachmittags betreut und anschließend von ihren Eltern abgeholt. Hier werden ihnen einfache Aufgaben wie Wäsche zusammenfalten, Spülen, Putzen und Kochen beigebracht, damit sie ihren Alltag möglichst selbstständig meistern können.

Zur Zeit werden hier etwa 16 Jugendliche ab 18 Jahren in 2 Gruppen betreut. Mit vier Kolleginnen bin ich hier tätig. Momentan wechsle ich jede Woche in eine andere der zwei Gruppen um eine möglichst gute Beziehung zu allen Jugendlichen aufzubauen.

Die erste Gruppe kann man sich wie eine Art Kindergarten oder Vorschule vorstellen, in der viel mit Bildern, Symbolen und vor allem sehr spielerisch gearbeitet wird. Die Jugendlichen in dieser Gruppe sind zumeist nicht in der Lage zu lesen und zu schreiben und leiden zudem an Konzentrationsschwierigkeiten.

Die Jugendlichen der zweiten Gruppe hingegen, können lesen und schreiben, fertigen kleinere Handarbeiten an, die im Zentrum auch verkauft werden und können sich größtenteils selbstständig beschäftigen und auch mal kleinere Einkäufe erledigen.

Die Arten der Behinderung der Jugendlichen sind vielfältig. Überwiegend werden im Zentrum Autisten betreut. Zwei der Jugendlichen haben das „Down-Syndrom“ (Trisomie 21). Einige wenige leiden zusätzlich an psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie.

Tagesablauf:

Der Tagesablauf der behinderten Jugendlichen ist sehr gut strukturiert. Viele der Autisten haben sogar einen speziellen Stundenplan, der von uns „gesteckt“ wird (es handelt sich um Symbole, die mit Klettverschluss auf dem Plan angebracht werden), damit sie wissen, welcher Tagespunkt als nächstes ansteht und auch einen Gesamtüberblick des Tages haben. Für Autisten ist solch ein strukturierter und geplanter Tagesablauf besonders wichtig, da sie nicht gut mit Veränderungen umgehen können und diese Struktur als Sicherheit einfach benötigen.

 

Stundenplan einer Autistin mit den aktuellen Tagesaktivitäten

 

Jeden Mittwoch gehen 3 von uns Betreuerinnen mit jeweils 4 der Jugendlichen in das städtische Schwimmbad um Wassergymnastik zu machen. Sport ist sehr wichtig, viele der Jugendlichen bewegen sich nicht ausreichend und sind übergewichtig. Daher wird auch zusätzlich im Zentrum jeden Morgen vor dem Frühstück Morgengymnastik angeboten.

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Laura, Marika, Răzvan und ich bei der Wassergymnastik

Regelmäßig werden Ausflüge mit den Jugendlichen unternommen: Sei es, dass wir in die Stadt gehen, um auf dem Markt für das gemeinsame Kochen einzukaufen, oder mit dem Bus in eine andere Stadt fahren, um dort in einer Bäckerei gezeigt zu bekommen, wie Brot und anderes Gebäck hergestellt wird.

 

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Ausflug in die Stadt, um gemeinschaftliche Besorgungen zu machen

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Ausflug in die Bäckerei: Die Jugendlichen beim Anfertigen kleinerer Backwaren, die sie anschließend mit nach Hause nehmen durften

Caritas-Rundtrip

Die Caritas in Rumänien ist sehr gut miteinander vernetzt. Für uns Freiwillige wurde deswegen ein Rundtrip organisiert, bei dem wir die Einsatzstellen der anderen kennenlernen konnten. So habe ich Lena, Louisa und Janosch, die anderen SoFiA-Freiwilligen in Rumänien, noch einmal wiedergesehen und auch erfahren, wie deren Arbeit so aussieht. Dazu haben wir die jeweiligen Städte und Einsatzstellen besucht, jeder hat sein Projekt vorgestellt und wir konnten uns auch in die Arbeit der anderen mit einbringen. Es war interessant zu erfahren, worum es in den anderen Freiwilligenprojekten geht und wie vielfältig sich die Caritas in Rumänien einsetzt. So zum Beispiel in den Bereichen Altenpflege, Patientenfahrten, Kinder- und Behindertenbetreuung und Kinästhetik.

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SoFiA-Freiwillige unterwegs in Rumänien: Louisa, Lena, ich und Janosch in Odorheiu-Secuiesc

 Egymillió csillág

Am 11.Oktober fand „Egymillió Csillág“ – „Eine Million Sterne“, eine europaweite Aktion der Caritas, statt. Auf dem größten Platz der Stadt, dem Szabadság tér, auf deutsch „Freiheitsplatz“, wurden viele Kerzen im Caritas-Logo aufgestellt. Passanten konnten diese zuvor gegen eine Spende erwerben.

Hintergrund dieser Aktion ist, dass „eine Millionen Sterne“ als Zeichen der Hoffnung und Solidarität für Menschen in Not weltweit erstrahlen sollen. Die eingesammelten Spenden kommen osteuropäischen Kindern zu Gute, die in Armut leben.

Bei Tee, Musik und Kerzenschein herrschte an diesem Abend eine schöne Stimmung und die Aktion war ein voller Erfolg.

 

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Andere Freiwillige der Caritas und Ich beim Anzünden der ersten Kerzen

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Der erleuchtete Freiheitsplatz

Das war es erst einmal von mir.

Falls ihr Fragen, Anliegen oder Wünsche habt, stehe ich euch gerne zur Verfügung. Über eine Rückmeldung freue ich mich natürlich auch.

Liebe Grüße aus dem langsam immer kälter werdenden Rumänien und minden jót (alles Gute),

Eure Felicia (von den Jugendlichen auch „Fälli“ oder „Fii“ genannt).