Indien, 2. Rundbrief Anna Lehmann

Hallo ihr Lieben,

Und schon wieder sind zwei Monate vergangen. Wie schnell die Zeit vergeht — und irgendwie auch nicht. Ich habe wieder eine Menge neuer Dinge hier erleben dürfen und versuche, euch im Folgenden wieder ein bisschen daran teilhaben zu lassen. Da ich gar nicht so richtig weiß, wo ich anfangen soll, schreibe ich einfach mal drauf los.

Neues im Friendly Home

Im Kinderheim haben bis jetzt 29 Kinder mit zwei Caretakern (den ,,Hausmüttern“) in zwei Häusern gewohnt. Dieses Jahr wurde ein drittes Haus für die Kinder sowie der ,,Administrative Block“ gebaut, der im November fertig und eingeweiht worden ist. Sobald wir dort Strom haben, können dort unter anderem zwei große Hallen für die Kinder zum Essen und Beten sowie das Zimmer für den Direktor des Kinderheims und mein zukünftiges Zimmer genutzt werden. Das andere neue Haus wurde Ende November von 13 glücklichen Kindern bezogen. Außerdem wohnen im Friendly Home neben Mary und Deiva jetzt auch die 21-jährige Vinnarasi, die nun die Hausmutter für das dritte Haus ist. Und jedes der Kinder hat nun ein Bett. Dem Garten ist es auch gut ergangen, so dass wir nun ganz oft super leckere Papayas und leckeres Gemüse essen konnten.

Bananen im Kinderheim
Bananen im Kinderheim
Brinjal
Brinjal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Gartenarbeit
Bei der Gartenarbeit

 

Noch unreife Papayas
Noch unreife Papayas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein „Zeitvertreib“

Morgens darf ich jetzt ein paar Unterrichtsstunden bei den Grundschülern halten oder ich gehe halt einfach in die Klassen, in denen Lehrer fehlen. Das ist manchmal eine ganz schöne Geduldsprobe für mich, da viele Kinder nicht zuhören oder mich nicht verstehen und ich mich einfach nicht durchsetzen kann, zumal ich mich nicht damit anfreunden kann, dass hier auch gerne mal mit dem Stock gedroht wird. Das bedeutet für die Kinder dann schon direkt eine lockerere Art im Klassenzimmer. Letztens hatte ich eine UKG Klasse, das heißt eine Klasse mit 4-5 jährigen Kindern, die hier auch in Bänken sitzen und lesen und schreiben lernen (also kein Kindergarten). Ich wollte ja erst nicht glauben, dass das in dem Alter schon möglich ist, aber an diesem Tag wurde mir dann der Beweis geliefert, dass sie tatsächlich schon einiges drauf haben. Zu den Kleinen gehe ich dann auch manchmal und schaue einfach, ob ich den Lehrern dort helfen kann.

Donnerstags ist immer Markttag bei uns im Dorf. Da gehe ich jetzt auch immer mit der Köchin aus dem Kinderheim hin. Anfangs war es etwas anstrengend für mich, da ich die Aufgabe habe, alles was wir kaufen, genau aufzuschreiben. An sich kein Ding, allerdings gibt es hier echt viele Gemüsesorten, die mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt waren, und deren Namen ich weder auf Englisch noch in Tamil verstanden habe. Mittlerweile kenne ich die meisten Gemüsesorten aber in beiden Sprachen und genieße es, im bunten Treiben zwischen gut riechenden Bergen aus getrockneten Chili und allerlei anderen Sachen einzukaufen.

Ansonsten gehe ich oft mit kranken Kindern zum Arzt und darf mich auch sonst endlich relativ frei im Dorf bewegen, wenn ich etwas erledigen möchte.

Der Affe scheint den
Waschstein zu mögen.
Durch das Zusammenleben mehrerer Religionen gibt es hier auch dementsprechend viele Feiertage. Ob es nun Hindus, Muslime oder Christen sind, ich habe das Gefühl, dass es fast jede Woche etwas zu feiern gibt.Und übrigens – als wäre es nicht schon genug, dass fast jeder Staat in Indien seine eigene Sprache und Schrift hat – sprechen die Muslime hier nicht Tamil wie die Hindus und Christen in Tamil Nadu, sondern haben ihre eigene Sprache: Urdu.Weiter geht’s mit Schönem für das Auge. Auch wenn der Sari von den Frauen meist als unbequem und aufwendig empfunden wird, sieht er dennoch super aus. Die Frauen sind also meist von ihren bunten Saris umwickelt und tragen dazu Ohrringe, Nasenschmuck, den Punkt zwischen den Augen, bunte Armreife und Blumen in den geflochtenen Haaren. Fußkettchen gehören auch dazu, oft mit Glöckchen dran, die leise bei jedem Schritt erklingen. Wirklich sehr schön anzusehen und zu hören.

Wenn man durch die Straßen geht, sieht man vor den Häusern immer wieder Rangolis auf dem Boden, schöne bunte Muster. Sie werden mit Pulver auf den Boden gestreut, entweder zu feierlichen Anlässen, oder einfach so. Hierzu werden erst Punkte auf den Boden gestreut, die anschließend zu einem Motiv verbunden werden.

Wenn ich auf dem Schuldach stehe, bin ich umgeben von einer malerischen Landschaft aus Bergen und Palmen und sehe die Kinder im Friendly Home auf der Wiese rumtoben und spielen; und ich bin einfach glücklich.

Kolam im Kinderheim, Motiv 'Pfau'

Rangoli im Kinderheim
Motiv ‚Pfau‘

Schönes für den Geschmackssinn gibt es hier auch reichlich. Abgesehen von den vielen leckeren Gemüsesorten sind es vor allem auch Früchte in leuchtenden Farben und schönen Formen, die wir hier frisch vom Markt genießen können.

Da bei Feierlichkeiten und in den Tempeln sowieso immer der Duft von Räucherstäbchen in der Luft liegt, hätten wir dann auch was Schönes für die Nase.

Es ist dunkel, ich liege auf unserem Dach (hier sind fast alle Dächer flach) und betrachte einen Sternenhimmel, so schön und voller leuchtender Sterne ist, wie ich ihn zuvor noch nie gesehen habe. Und einen Mond in ungewohnten Formen; leider schafft meine Kamera es nicht, dieses schöne Bild einzufangen.

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, Indien spricht wirklich viele Sinne an, und oben sind nur ein paar Beispiele genannt…

 

Die Kehrseite: Verschmutzung

Leider gibt es hier aber meiner Meinung nach ein echt großes Müllproblem. Es gibt keine regelmäßige Müllabfuhr, die den Müll abholt und evtl. wieder verwertet. Hier wird der Müll entweder hinterm Haus oder am Wegrand verbrannt – oder halt auch nicht. Dann findet man ihn an manchen Stellen im Dorf gesammelt und so ziemlich überall, wo nicht gekehrt wird, da der Wind ihn ja auch noch verteilt. Alle Bäche, die ich bis jetzt gesehen habe, bestanden aus grau-schwarzem Wasser und waren voller Abfall. Hier nur ein paar Eindrücke:

Muell am Wegrand
Müll am Wegrand

 

Muell am Wegrand
Müll am Wegrand

 

 

 

 

 

 

 

Weihnachtsferien

Um aber mit was Schönem abzuschließen, berichte ich noch kurz von den Weihnachtsferien, auf die sich natürlich alle gefreut haben. Mit einem Ordensbruder, der für diese Zeit auch hier bei uns ist, und mit den Caretakern haben wir gemeinsam eine Krippe im Kinderheim errichtet. Auch wenn diese so gar nicht dem entsprach, was ich bisher an Krippen gesehen habe, finde ich, dass sie uns ganz gut gelungen ist. Die Weihnachtsmesse hat hier in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember stattgefunden. Mit Tee und Snacks wurde diese dann gegen 01:30 Uhr für alle beendet.

 

 

Unsere Weihnachtskrippe

Unsere Weihnachtskrippe
 
Ansonsten habe ich angefangen, den Kindern ein bisschen Keyboard und Flöte spielen beizubringen, was vielen Kindern und auch mir großen Spaß bereitet. Gestern hab ich ihnen dann auch den Macarena-Tanz und Freestyle beigebracht, jedoch fanden sie es voll langweilig, dass ein ganzes Lied durch immer nur das Gleiche getanzt wird. So haben sie dann einfach neue Schritte dazu erfunden und wir hatten eine Menge Spaß.Wie ihr vielleicht gemerkt habt, mir geht’s super und ich genieße die Zeit mit den Menschen hier. Ich hoffe bei euch ist auch alles klar,und wünsche schon mal ein frohes neues Jahr;Voller Glück, Frieden, Liebe und Spaß,aber ohne Gewalt und Hass. 

Also alles Gute,

bis dann, eure Anna

Bis dann :)
Bis dann 🙂
 
Ansonsten…

…wollte ich nur noch mal verdeutlichen: Alles was ich hier schreibe sind meine persönlichen Erfahrungen und subjektive Eindrücke; also bitte nicht verallgemeinern! Andere Leute wuerden diese Dinge vielleicht wieder ganz anders wahrnehmen.