1. Rundbrief aus Bolivien

Hola, meine treuen Leser! ¿Como estan?

Ich bin jetzt schon mehr als zwei Monate in Bolivien .

Abschiedsfeier der Fundacion:

Wir feierten den Abschied der ehemaligen Freiwilligen in der Fundacion. Dabei hielt jeder der drei Freiwilligen eine kleine Rede. Auch die Angestellten der Fundacion und die Gasteltern der Freiwilligen hielten kurze Ansprachen. Es wurde sehr oft Dank ausgesprochen. Das war sehr rührend. Die Freiwilligen bekamen eine Art Medaille überreicht und einen bolivianischen Kuss. Er ähnelt dem französischen Kuss: links und rechts wird an die Wange vorbei in die Luft geküsst. Wir Freiwilligen aus Sucre, die auch alle beim Seminar der Hermandad in La Paz waren, sollten uns kurz vorstellen. Es gab ein bisschen was zu Essen und für jeden Wein. Dann wurde getanzt.

In Bolivien tanzt man unheimlich gerne Reihentänze. Bei einem dieser Tänze hält einer einen Stock und ist so zu sagen der Ausgeschlossene. Die Anderen haben alle ein Gegenüber. Einer ist zu viel. Er musste zwischen den Reihen vorbei tanzen und irgendwann den Stock unerwartet fallen lassen. Jetzt muss jeder Tanzende sich schnell einen neuen Partner suchen und der „Besentänzer“ muss schauen, dass er dabei einen Partner findet. Wer übrig bleibt ist der Nächste, der mit dem Besen durch die Reihen tanzen muss. Währenddessen spielt die ganze Zeit Musik. Wenn ein Stück beendet ist und der Besentänzer hat bis dahin den Besen nicht fallen lassen, muss er ein Glas Wein auf „Ex“ trinken.

In der Institution Cultural Bolivia Alemán (ICBA) fand  mein Sprachkurs statt. Die ICBA in Sucre, der Hauptstadt von Bolivien, ist eine gemeinnützige Kulturgesellschaft und möchte die deutsche Sprache in Bolivien vermitteln. Darüber hinaus fördert es Bildungsaktivitäten und den kulturellen Austausch mit dem Ziel, das Verständnis und die Freundschaft zwischen Bolivianern und Deutschen und zwischen verschiedenen Kulturen im Allgemein zu fördern und zu festigen.

Tagesablauf im Internat

Der Tag beginnt für die Chicas (Mädchen) schon um 6 Uhr. Es reicht aber auch für mich um 7 Uhr auf zu stehen, wenn die Glocke bimmelt. Die Mädchen putzen das Internat oder waschen Wäsche. Um 7.00 Uhr, 7.30 Uhr oder manchmal auch 8 Uhr gibt es Frühstück. Häufig wird davor gebetet. Dann stehen wir da, bekreuzigen uns und ein Mädchen liest aus einem Gebetbuch ein Gebet vor oder spricht eines auswendig. Danach singen wir Lieder aus einem Liederbuch. Leider rattern sie es meist ganz schnell runter oder nuscheln, wodurch ich leider nicht so viel verstehe.

Zum Frühstück essen wir immer Brot und trinken Tee  mit ganz viel Zucker. Matetee gab es hier bis jetzt noch nicht. Manchmal gibt es statt Tee entweder Kaffee, Sojamilch oder Kakao.  Dann beginnt für die Mädchen eine Arbeitsphase.

Eigentlich arbeitet jede für sich. Ein Mädchen muss immer kochen. Jeden Tag ist eine Andere an der Reihe. Sie kocht dann an der kleinen Kochstelle, eine Andere bereitet die Soße mit „Ají“ zu. Auf der Steinplatte wird mit einem anderen Stein das Gemüse gehobelt. Andere Mädchen haben Näh- oder Strickunterricht oder lernen das Häkeln mit speziellen Maschinen. Andere weben an Webrahmen. Manchmal werden sie zusammengerufen und die Lehrerin erklärt etwas. Um 12 Uhr gibt es Mittagessen, das aus Reis und Kartoffeln besteht. Dazu gibt es Mais und  Llajua, die scharfe Soße, die auch auf dem Steintisch zubereitet wurde.

Jede fängt an zu essen, sobald sie die Glocke gehört hat und sich hingesetzt hat. Der Mais und die Soße wird herumgereicht. Der Mais ist schon vom Maiskolben entfernt. Die Sipas, so heißen die Mädchen des  Internates, pellen den Mais und werfen die Pelle auf den Tisch. Manchmal beten wir noch vor oder nach dem Essen. Dann stehen wir auf und ein Mädchen liest aus dem Gebetbuch vor .

Danach ist Mittagspause. Um 14 Uhr ist Kochunterricht mit der Lehrerin Maria. Einmal als ich dabei war wurde Hähnchen mit Gemüse zubereitet. Um 18 Uhr  gibt es Abendessen: meist Nudelsuppe oder Maissuppe mit Kartoffeln. Danach gehen die Mädchen noch in die Schule. Einige taten das schon mittags. Morgens haben sie ihren Hauswirtschaftsunterricht und nachmittags Kochunterricht.

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Ich, Faustina, Diego

Physiotherapie

Seit einiger Zeit arbeite ich in der Physiotherapie (diese gehört auch zur Fundacion Chuquisaca Tréveris, denn auch die Arbeit mit beeinträchtigten Menschen gehört dazu) mit Diego, einem Physiotherapeuten in Ausbildung. Meine Arbeit ist zweigeteilt. Erst arbeite ich von 9 bis 12 Uhr und nach einer langen Mittagspause für alle wieder von 15 bis 18 Uhr.

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Ich und „meine“ Kinder

Einmal war ein Mädchen mit Downsyndrom da. Ich habe mit ihr mit einem Gymnastikball geturnt. Auch puzzele ich mit kleinen Kindern oder bastele mit ihnen. An einem Tag waren total liebe Mädchen da. Wir bastelten Blumen aus Papier für den Tag der Menschen mit Beeinträchtigung. Die Kinder wollten Schablonen haben und ich sollte ihnen Blätter basteln. Das war sehr schön, weil mir basteln unheimlich Spaß macht. Die Mädchen haben sich am Ende bedankt und mir einen Kuss gegeben.

Diego und ich haben uns mit einer Frau im Rollstuhl und deren Mutter angefreundet. Die Mutter lädt uns jetzt oft zum Essen ein, wenn wir ihre Tochter abholen oder wieder nach Hause bringen. Es ist sehr gemütlich bei ihr. Das Haus ist sehr klein. In einem Zimmer stehen drei Betten. Im anderen Zimmer steht ein Tisch, ein Schrank und noch ein Bett. Es gibt eine kleine Küche außerhalb in einem  separaten Gebäude . Sie haben ein paar Hühner, einen Hund und ein Schwein. Ich finde es schön, dass es hier so ländlich ist. Der Garten ist eingezäumt mit Ziegeln und man kann die Berge sehen. Einmal saßen wir abends da und hörten die Grillen zirpen. Die Atmosphäre war ein bisschen wie die beim Campen fand ich.

Der Tag der Menschen mit Beeinträchtigung war dann sehr schön. Es kamen fast alle Menschen mit Beeinträchtigung von Sopachuy . Als erstes haben die Leute  den Film „Soy Sam“ (Übersetzt: Ich bin Sam) geguckt. In dem Film  geht es um einen beeinträchtigten Mann, der es schafft, ein Mädchen groß zu ziehen, das am Ende wie seine Tochter ist. Danach wurden Videos über Menschen mit Beeinträchtigungen gezeigt, die es trotz ihrer Beeinträchtigung geschafft haben, ihre Träume zu verwirklichen. Ein Mann mit nur einem Bein tanzt Salsa. Eine Frau ohne Arme hat Kinder, fährt Auto, managt den Haushalt und arbeitet von Zuhause aus am Computer. Sie macht eben alles mit den Beinen. Es war schon erstaunlich zu sehen, wie sie das Baby mit den Beinen wickelt und mit den Füßen das Lenkrad benutzt. Doch sie wurde noch getoppt von einer Frau, die mit den Füßen ein Flugzeug steuert. Die Videos zeigten, dass man trotz Einschränkungen und Barrieren, die einem in den Weg gelegt werden, seinen Lebenstraum verwirklichen kann, wenn man an sich glaubt und hart dafür kämpft. Ich fand das ermutigend.

Dann stellte ich noch eine Präsentation über Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie in Deutschland vor. Woraufhin ich half das Essen aus zu teilen. Wir nahmen alles mit den Händen aus den Töpfen, was für mich sehr ungewohnt war. Es gab Reis, Kartoffeln, Möhren, Erbsen, grünen Salat, Tomaten, Zwiebeln und Hühnchen. Ich gab mein Hühnchen Diego. Danach ging das Programm weiter. Ich hatte ein Fühlspiel vorbereitet. Erst wollte keiner spielen, doch dann konnte ich einen Jungen animieren mitzumachen. Er bekam von mir eine Binde um die Augen gebunden und dann legte ich ihm einen Gegenstand in die Hand, den er ertasten sollte. Zur Belohnung bekam er eine der gebastelten Blumen. Die gebastelten Blumen verteilten wir danach an alle Leute. Auf die Rückseite hatte Diego einen Spruch geschrieben. Auch an der Wand hingen Sprüche wie: „In Gottes Augen sind alle Menschen gleich“. Mit den Jungs spielte ich dann noch Ball und baute spontan eine Kegelbahn mit Bechern auf, womit sie viel Spaß hatten. Den Leuten hatte der Tag der Menschen mit Beeinträchtigung anscheinend sehr gefallen, denn sie bedankten sich noch einmal bei uns.

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Tag der Menschen mit Beeinträchtigung

Ich hoffe, euch hat das Lesen Spaß gemacht.

Ganz liebe Grüße,

Eure Sophie