1. Rundbrief aus Indien

1. Rundbrief – von Kelambakkam, Schule, Moskitos und ihren Folgen

Liebe Familie, liebe Freunde, liebe interessierte Menschen, nach zwei Monaten in Indien ist es an der Zeit für den ersten Rundbrief. Seit ich hier bin habe ich schon einiges erlebt und gesehen, es ist gar nicht so einfach einen guten Einstieg zu finden. Ich fang einfach von vorne an. Nach fast einem Jahr Vorlauf mit Bewerbung, Orientierungswochenende, Bewerbungsgespräch, einer intensiven Vorbereitung zusammen mit rund 30 anderen Freiwilligen und 4 Wochen Sprachkurs in Trier, packen und vielen Abschieden ging es am 10. August endlich los. Da startete ich zusammen mit zwei anderen SoFiA-Freiwilligen von Frankfurt in Richtung Indien.

Die ersten Tage in Chennai

Bei der Ankunft in Chennai waren es ca. 35 °C, für die Jahreszeit ein relativ heißer Tag. „Ich hab noch nie so eine Luft erlebt!“, war das erste, was mir durch den Kopf ging. Die Luft drückte, sie war schwül, feucht und sie fühlte sich an, als könnte man sie schneiden.

Blick vom Berg auf Vororte von Chennai
Blick vom Berg auf St. Thomas Mount

Vom Flughafen wurden Anna und ich von ihrem Chef und einem Mitbewohner abgeholt. Wir sind in den Stadtteil St. Thomas Mount gefahren, in ein Haus von MSFS  (Missionaries of St. Francis de Sales), dem Orden bei dem ich hier wohne. Es ist etwa 4km vom Flughafen entfernt. Da konnte ich mich erst mal drei Tage an Wetter und Essen gewöhnen. Rex, ein Priester Anfang 30, hat mir abends gleich den Berg gezeigt, wo der Bischof gerade predigte. Überall standen Essensstände und Souvenirläden und sehr viele Menschen waren da, haben zugehört oder sind einfach rumgelaufen. Das ganze hat mich ein bisschen an Kirmes erinnert. Von da aus hatten wir einen tollen Ausblick über einen Teil der Stadt und mir wurde das erste Mal richtig bewusst, wie riesig sie mit 6 Millionen Menschen eigentlich ist.

 

Am nächsten Tag hat sich das Ehepaar, das für die Priester in dem Haus kocht, total lieb um mich gekümmert. Wir hatten ein paar Verständigungsprobleme: die beiden sprechen nur Tamil, aber mit meinen paar Brocken aus dem Sprachkurs in Trier und ein bisschen Phantasie klappte es dann doch so einigermaßen. Tamil ist die Sprache die in dem Bundesstaat Tamil Nadu, in dem ich lebe, gesprochen wird. Sie hat eine eigene Schrift mit 247 verschiedenen Zeichen und ist eine der 21 Regionalsprachen in Indien neben den Amtssprachen Hindi und Englisch. Das Lesen klappt mittlerweile ganz gut, auch wenn ich immer noch sehr langsam bin- ich fühle mich ein bisschen ins erste Schuljahr zurückversetzt… Mittlerweile kriege ich Straßenschilder im Vorbeifahren meistens gelesen und ich verstehe auch schon ein bisschen was. Das liegt aber auch daran, dass viele englische Wörter benutzt werden und vor allem bei den Fathers (Priester) immer mal wieder ein englischer Satz dazwischen ist. Außerdem hat mir einer der Fathers erzählt, dass in dem Heim in Kelambakkam, wo ich mich mit um die Kinder kümmern sollte, im Moment nur zwei Jungs leben, so dass sich meine Arbeit hier erst mal nur auf die Schule beschränken wird.

 

Leben in Kelambakkam I

Nach 3 Tagen in Chennai wurde ich schließlich abgeholt und kam dann abends nach anderthalb Stunden Autofahrt in Kelambakkam, einem Vorort von Chennai mit ca. 20.000 Einwohnern, an. Dort wurde ich von meinem Chef Stephen, sowie von Simon und Arul, einem der zwei Jungen, die hier wohnen, begrüßt. Kelambakkam war bis vor wenigen Jahren noch relativ dörflich, bis in der Nähe ein IT-Park aufgemacht wurde. Seitdem reihen sich entlang des „IT-Expressways“ in Richtung Chennai zahlreiche Hochhäuser, in denen für viel Geld Wohnungen angeboten werden. Außerdem findet man in der Nähe Kinos, Clubs, Hotels und ein Einkaufszentrum. In Kelambakkam selbst gibt es an der Hauptstraße viele verschiedene kleine Geschäfte, wenn man die Richtigen kennt findet man hier fast alles, was man braucht.

Hauptstraße von Kelambakkam

Ich wohne im Boys Home, welches auf dem Kirchengelände ist. Etwa 100 Meter weiter ist das Pfarrhaus, wo wir zusammen essen. Direkt gegenüber befindet sich die Kirche, die erst wenige Jahre alt ist. Außer den Fathers, Arul und mir wohnen hier Vemal (17), Murugan, einer der Schulbusfahrer und Johnson, der dritte Priester hier. Im Mai sind die 27 Jungen, die alle im Alter von Zehntklässlern waren und bis dahin hier gewohnt hatten, ausgezogen. Jetzt soll aus dem Boys Home wirklich ein Heim für Waisen und Halbwaisen werden mit Kindern von 4 – 12 Jahren. Das könnte aber noch ein bisschen dauern, weil es im laufenden Schuljahr wohl nicht so einfach ist, Kinder zu finden und am Gebäude auch noch einige Arbeiten zu erledigen sind. In meinem Zimmer gibt es auch noch ein paar „Baustellen“, aber die bekomme ich schon in den Griff.

Neben der Kirche haben wir einen kleinen Obstgarten, wo viele verschiedene Bäume wachsen: Kokosnusspalmen, Mangobäume, Papayabäume, Gooseberry-Bäume, Limettenbäume, Bananenstauden, vor kurzem wurde auch ein Ananasstrauch gepflanzt. Wenn also gerade Saison ist, können wir uns hier gut selbst mit Obst versorgen. Unglaublich, wie intensiv die Früchte hier schmecken! Es geht schon einiges an Geschmack verloren, wenn Obst über tausende Kilometer transportiert wird.

Die Gemeinde hier ist mit ca. 350 Familien ziemlich groß. Jeden Tag ist entweder Morgengebet oder Abendmesse. Sonntags um 8 Uhr stehen die Leute bei der Messe bis weit vor die Kirchentür. Die Messen sind auf Tamil, sonntags um 10:30 Uhr ist aber auch eine englische Messe, zu der vor allem die Menschen von außerhalb Tamil Nadus kommen. In der bin ich jetzt mit meiner Gitarre, die ich mir hier gekauft habe, im englischen Chor dabei. Das war zwar bis jetzt noch ein bisschen chaotisch, aber das wird bestimmt noch.

Zwischen diesen beiden Gruppen in der Gemeinde gibt es leichte Spannungen, auch wegen den Einkommensunterschieden zwischen ihnen. Die meisten Leute, die zur englischen Messe gehen, arbeiten im IT-Park, studieren oder haben einen anderen mehr oder weniger gut bezahlten Job, was bei den Menschen, die in die Tamil-Messe gehen, weniger oft der Fall ist.

Ansonsten sind hier vor allem in den Ferien viele Jungen, mit denen ich öfters Cricket oder Fußball spiele. Aber auch unter der Woche kommt immer wieder mal jemand vorbei. Dann wird manchmal noch Schach oder Caroms (eine Art Fingerbillard) gespielt. Nach der Messe bleiben die Leute meistens noch eine ganze Zeit zum Reden vor der Kirche stehen, wo ich dann auch meistens zu finden bin.

 

Die Schule

Meine Arbeit besteht bis jetzt mehr oder weniger nur aus der English Middle School des Ordens. Im Moment sind dort 600 Kinder vom Kindergarten bis zur 7. Klasse. Die Schule ist eine der vielen gebührenpflichtigen Privatschulen hier. Das nehmen aber die Eltern in Kauf, die das Geld haben: Grund dafür ist die Unterrichtssprache Englisch in Privatschulen im Gegensatz zu Tamil in den staatlichen Schulen. Auch die Universitäten sind in beitragsfreie staatliche Universitäten und private Colleges aufgeteilt. Auf die Staatlichen kommen nur die mit utopisch guten Abschlüssen, alle anderen müssen zum Teil jedes Jahr hohe Summen bezahlen. Das führt dazu, dass wirklich nur diejenigen studieren können, deren Eltern es sich leisten können oder die einen anderen Sponsor haben.

Ich gebe vormittags 2 Stunden Unterricht in Mathe, Englisch und Social Sciences (abwechselnd Themen aus den deutschen Fächern Geschichte, Sozialkunde und Erdkunde) und habe nachmittags jeweils eine Klasse in Sport. Dabei hatte ich in den letzten Wochen relativ viel Leerlauf zwischen den Stunden und nach Unterrichtsende, weil die Fathers noch im Büro zu tun hatten. Wenn die Schule wieder losgeht, werde ich nach Schulschluss noch AGs anbieten. Eine Klasse besteht aus 30-45 Kindern, überwiegend Jungen. Auch der Unterricht läuft anders ab, als in Deutschland: aus anderen Klassen höre ich oft, wie im Chor der Lehrerin geantwortet wird oder etwas, was gelernt werden soll, auswendig aufgesagt wird. Vor ein paar Wochen kam es bei mir vor, dass eine Schülerin im Unterricht etwas bestens definieren konnte, nämlich genauso, wie es in der Stunde davor an der Tafel bzw. im Buch stand. Als ich sie dann nach einer Erklärung in ihren eigenen Worten fragte, wusste sie nicht weiter, genauso wie der Rest der Klasse. Ein weiterer Unterschied besteht in der Position von Lehrkräften und dem Respekt, der ihnen von Schülerinnen und Schülern entgegenzubringen ist. Wenn ich oder eine der Lehrerinnen (es gibt außer den zwei Fathers ca 20 weitere Lehrerinnen) eine Klasse betreten, stehen die Schülerinnen und Schüler auf, salutieren und begrüßen den Neuankömmling. Und das sogar wenn Examen geschrieben werden. Will ein Schüler einen Raum betreten hebt er erst den Arm und fragt dann, ob er eintreten darf.

 

Hochzeit von Rajesh in Pondicherry

Ende August war ich auf der Hochzeit von Sabine und Rajesh, meinem Tamil-Lehrer in Deutschland. Am Tag vorher bin ich bei ihm Zuhause angekommen, wo ich gleich einige Freundinnen von Sabine getroffen habe, die gerade erst aus Deutschland angekommen waren. Abends bin ich mit Moritz, einem Freund von Rajesh, nach Pondicherry, um mir für den nächsten Tag einen Dothi zu kaufen: ein traditionelles südindisches Unterkleid für Männer. Die Hochzeit fand in einem Hindutempel statt und wurde von Rajeshs Onkel, einem Priester, durchgeführt. Das Brautpaar saß vorne, vor ihnen standen einige Krüge mit gut riechenden Flüssigkeiten, Früchte, Kerzenhalter und Blumen.

Ich im Dothi vor einem Wandbild von Krishna
Ich im Dothi vor einem Wandbild von Krishna

 

Blumen, verzierte Krüge, Kerzen, Früchte
Blumen, verzierte Krüge, Kerzen, Früchte

 

Die Rückfahrt

Nach der Hochzeit bin ich per Bus zurück nach Kelambakkam gefahren. Busse sind hier innerhalb Tamil Nadus das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel, noch vor den Zügen. Erst wenn es in andere Staaten geht, muss man auf den Zug zurückgreifen. Dabei gibt es große Unterschiede in Preis und Komfort bei den Bussen. Für die 2 1/2h Busfahrt nach Kelambakkam mit einem staatlichen Bus habe ich 90 Rupees bezahlt, etwas mehr als 1€. Die Busse fahren mit offenen Türen und offenen Fenstern, sodass der Fahrtwind ordentlich durchbläst, was bei Temperaturen über 30 °C aber auch mehr als angenehm ist. Vor allem nachts auf längeren Strecken gibt es auch viele Busse mit verstellbaren Rücken- und Fußlehnen und Klimaanlage. Dann setzt man sich abends spät in den Bus, schläft  und kommt am nächsten Morgen am Ziel an. Finde ich gar nicht so schlecht, so merkt man viel weniger, wie lange man unterwegs war.

 

Leben in Kelambakkam II

Vor Kurzem wurde ich hier nach dem Fußball spielen von einem 26-jährigen zu ihm nach Hause zum Mittagessen eingeladen. Leider war mein Chef damit nicht einverstanden. Ihm sei es lieber, wenn ich mich auf meine eigentlichen Aufgaben konzentrieren würde: auf die Schule und das Boys Home.

An dieser Situation habe ich einen wesentlichen Unterschied zwischen den westlichen Gesellschaftsstrukturen, wie ich sie kenne und denen hier erlebt. In Deutschland ist es tendenziell so, dass ich für mich selbst verantwortlich bin. Ich kann mehr oder weniger tun und lassen, was ich will, trage aber auch die Verantwortung für mein Handeln. Das habe ich hier anders erlebt: Hier trägt mein Chef die Verantwortung für mich und verbietet mir, diese Einladung anzunehmen, weil er sich einerseits um mich sorgt und andererseits, falls es Probleme gäbe, diese auf ihn zurückfallen würden. Gerade bei den jüngeren Männern in meinem Alter soll es Gruppen geben, die mir aus seiner Sicht nicht gut tun würden.

Auch wenn ich im Nachhinein einigermaßen verstehe, weshalb er so entschieden hat, fällt es mir trotzdem schwer damit umzugehen, meine Kontakte nicht frei pflegen zu können und nicht zu Menschen aus der Gemeinde nach Hause gehen zu können. Eigentlich hatte ich gehofft, mit der Zeit ein paar private Kontakte nach außen hin aufbauen zu können. Ich habe oben ja schon von der Schule erzählt und ich wäre froh gewesen, wenn ich mein Tätigkeitsfeld hier in der Gemeinde noch ein bisschen hätte erweitern können. Andererseits habe ich von zwei Fathers gehört, dass sie intensiv nach Kindern für das Boys Home suchen. Wenn demnächst Kinder einziehen würden, sähe das mit meiner Auslastung nochmal ganz anders aus, dann wäre ich hier wirklich sehr gut eingespannt.

 

Moskitos…

Mit den Moskitos habe ich hier großen Spaß. In Kelambakkam gibts davon reichlich und sie haben sich anscheinend alle gegen mich verschworen. Jedenfalls kriege ich hier von allen die meisten Stiche ab. Deswegen hab ich mich gleich am Anfang mit Moskitoschutzmittel eingedeckt, was ein bisschen hilft. Leider hält das nicht grade lange, und irgendwann hab ich es nicht mehr so viel benutzt, weil ich mich an die Stiche gewöhnt habe.

…und ihre Folgen

Das ging ganze 8 Wochen gut. Dann ging’s ab ins Krankenhaus, wo ich insgesamt eine Woche war. Los gings mit Durchfall, gefolgt von Fieber. Der erste Arzt meinte, das käme bestimmt vom Essen. Er hat nichts weiter untersucht und mir nur ein paar Medikamente verschrieben. Dass es nicht am Essen liegt, habe ich am nächsten Morgen gemerkt, als ich mit 39,5 °C Fieber aufgewacht bin. Ein Bluttest hat dann ergeben, dass ein Blutwert sehr schlecht ist und ich wurde sofort ins Krankenhaus nach Chennai geschickt, wo mir gesagt wurde, dass ich Dengue-Fieber habe. Dengue ist mit Malaria die gefährlichste Krankheit, die hier durch Moskitos übertragen wird. Symptome sind Durchfall, hohes Fieber, Appetitlosigkeit, Erbrechen (hatte ich glücklicherweise nicht), und weitere. Aber die ersten drei in Kombination haben mir auch schon grade so gereicht.

Mir dem Fieber habe ich es bis in die Zeitung geschafft, sodass in Kelambakkam Leute von der Gesundheitsbehörde aufgetaucht sind. Dann wurden Dengue-Tests an der Schule gemacht und das Kirchengelände durchsucht. Die Moskitos da sind wohl erst mal weg.  Schon interessant, was ein kleiner Artikel in der Zeitung für Reaktionen auslösen kann, auch wenn das wahrscheinlich nur für kurze Zeit so bleiben wird. In der Zeit habe ich viel Besuch von ein paar Fathers von MSFS von St. Thomas Mount bekommen, die ich schon von früheren Treffen besser kenne.

Die meisten von den Fathers hier, von denen im Gegensatz zu Deutschland die meisten zwischen 30 und 45 sind, sind ganz lustig drauf und es macht Spaß sich mit ihnen zu unterhalten. Ich bin jetzt seit 3 Tagen wieder auf St. Thomas Mount in Chennai und warte darauf, dass das Dengue in Kelambakkam zurückgeht und keine Leute mehr krank werden. Ich muss jetzt darauf achten, dass ich mich nicht mehr so oft stechen lasse, weil die Krankheit nochmal kommen kann, und das wäre nicht so gut. So, jetzt mach ich mal Schluss, auch wenn ich noch mehr zu erzählen gehabt hätte. Aber das Ein oder Andere kommt dann vielleicht im nächsten Rundbrief.

Ich hoffe, euch allen geht es gut!

Carsten