2. Rundbrief Indien

Es ist neblig und kalt draußen an diesem Januar morgen. Das Thermometer zeigt 3 °C an. Ich stehe auf, frühstücke, mache Feuer im Kamin. 3°C? In Südindien? Irgendwas stimmt da nicht. Richtig: ich habe Indien vor einigen Tagen schweren Herzens frühzeitig verlassen und bin seitdem wieder im kalten Deutschland.

 

Was ist passiert?

Liebe Freunde, liebe Interessierten,

vor drei Monaten habe ich mich das letzte Mal bei euch gemeldet. Eigentlich hätte das nicht passieren sollen, aber es gab über lange Zeit so viele Unklarheiten, dass ich es nicht geschafft habe einen vernünftigen Rundbrief zu schreiben, ohne dabei Themen, die mich beschäftigen, außen vor zu lassen.

Die letzte Zeit war sehr turbulent und ich habe mich letztlich dazu entschieden, Indien zu verlassen. Nun, wieso das Ganze? Was ist passiert? Wie ging es mir dabei? Das und noch einiges Andere werde ich versuchen, in diesem Rundbrief festzuhalten. 

Chennai, St. Thomas Mount, Oktober 2013 – oder auch: Warten auf Besserung

Ich war krank. Anfang Oktober lag ich mit Dengue-Fieber im Krankenhaus. Ich wäre gerne danach zurück nach Kelambakkam, aber ich bin zunächst übergangsweise in ein Haus der Fransalians auf St. Thomas Mount in Chennai gezogen, welches in der Nähe des Krankenhauses liegt. Warum? Ich sollte mich erholen und mich nicht direkt nochmal mit Dengue anstecken, wie es in Kelambakkam hätte passieren können. Soweit so gut. Tage und Wochen vergingen und am Ende war ich fast einen ganzen Monat in diesem Haus, dessen Bewohner tagsüber meist unterwegs waren, sodass ich meine Zeit selbst irgendwie rumbringen durfte.

Dabei wurde ich nicht wirklich gesund, ganz im Gegenteil. Großen „Spaß“ hatte ich mit dem Durchfall, der begann kurz bevor ich ins Krankenhaus kam und mich über einen Monat fast ohne Unterbrechung verfolgte. Appetitlosigkeit und Übelkeit taten ihr Übriges, um aus diesem Monat eine miserable Zeit zu machen. Ein Tag glich dem Anderen, ich langweilte mich, war allein, lag viel im Bett, las, spielte Gitarre, schlug Zeit tot, dachte an Zuhause und daran, wie es denn danach in Kelambakkam weitergehen könnte, wo es ja auch nicht richtig lief.

 

Kulturschock!

Währenddessen hat sich auch der ominöse Kulturschock bemerkbar gemacht. Was ist das eigentlich? So auf Anhieb fällt dazu vielleicht ein: „Kommt vor, wenn man in einem fremden Land ist.“ Ja. Aber er hat sich bei mir Zeit gelassen.

Ich war nicht wirklich „geschockt“ im eigentlichen Sinne. Aber in gerade diesen Wochen hätte ich zum Beispiel (wenn ich denn dann grade Hunger hatte) viel für ein leckeres Morgenmüsli gegeben anstelle von Idly mit Sambar. Oder für eine Pizza mit einer dicken Schicht Käse anstelle von Reis mit Fish Curry. Noch etwas beschäftigte mich. Ich ging nach der Entlassung noch öfters ins Krankenhaus zu Nachuntersuchungen. Dabei wurde ich von einem der Fathers begleitet, der mir dann auch aus Hilfsbereitschaft wegen meiner Verfassung die Formalien für mich geregelt hat und zum Teil sogar für mich gesprochen hat. In der Situation nichts Ungewöhnliches eigentlich. Er war für mich verantwortlich und hat sich um mich gesorgt. Damit kam ich aber überhaupt nicht klar und hätte alles am liebsten allein geregelt, obwohl das wohl zweimal so lange gedauert hätte.

Was mache ich? Ich sage ihm leicht genervt, dass ich ihn  nicht brauche – was ihn dann gekränkt hat. War ich undankbar oder selbstverantwortlich? War er hilfsbereit/sorgend oder vereinnahmend? Alles eine Frage des Blickwinkels. Und eben der Kultur, aus der die Beteiligten kommen.

Solche Situationen gab es wahrscheinlich jeden Tag im letzten halben Jahr: kleinere und größere, nur hatte ich in dieser Phase keine Lust, mich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Ich wollte nicht verstehen, weshalb er mich wie ein „kleines Kind“ behandelte und sah nicht, dass er es gut meinte.

Was ist denn jetzt „der Kulturschock“?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke ich habe zumindest für mich persönlich eine Antwort: er gehört zum Einleben dazu und kommt immer dann, wenn jemand in einer für ihn oder sie fremden Umgebung steckt und versucht, sich mit ihr zu arrangieren (durch Angleichung oder Abgrenzung gegenüber dem Anderen), und dabei an seine eigenen kulturell bedingten Frustrationsgrenzen stößt. …Ähm ja. Ob das jetzt so 100% korrekt ist, weiß ich nicht. Jedenfalls kann ich sagen, dass ich vor allem in der Zeit in St. Thomas Mount bei solchen Dingen sehr dünnhäutig war. Und das mal abgesehen von der allgemeinen Situation und meiner körperlichen Verfassung. Und „DEN Kulturschock“ gibt es denke ich auch gar nicht. Solche Situationen sind mir auch danach hin und wieder untergekommen.

 

Zurück nach Kelambakkam?

Wie schon gesagt, die Situation war verfahren, auch weil es vorher nicht so richtig im Projekt lief. Bisher konnte ich nur in der Schule arbeiten, im Kinderheim waren keine Kinder und aus der Gemeinde wollte mein Chef mich raushalten. In der Schule hatte ich bis dahin die Lehrerinnen in einzelnen Stunden unterstützt: in Englisch, Mathe und Social Sciences, sowie am Nachmittag in einer einzelnen Sportstunde. Trotzdem hatte ich zwischen diesen Stunden viel Freiraum und war nicht richtig ausgelastet. Hinzu kam, dass ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte mit dieser Arbeit ein Jahr zu verbringen.

Dabei wurde mir auch angeboten, die Stelle zu wechseln. Ich entschloss mich aber, es nochmal in Kelambakkam zu versuchen. Was wäre gewesen,wenn es in einem neuen Projekt auch nicht so richtig gelaufen wäre? Ich sagte mir, dass noch Luft sei und ich bestimmt in der Gemeinde oder in der Schule noch Arbeit finden könnte.

 

Ein Morgen in Kelambakkam

Es ist gar nicht so einfach, von all den kleinen Dingen zu erzählen, die in Kelambakkam anders sind als das, was ich von Zuhause kenne. Um euch einen kleinen Einblick zu geben, wie mein Leben und meine Umgebung dort so ausgesehen hat, habe ich über die Morgenstunden in Kelambakkam einen Bericht geschrieben:

Es ist 6 Uhr Mitte November. Die ersten Sonnenstrahlen erhellen mein Zimmer. Aus den Lautsprechern an der Kirche erklingt Musik. Ich öffne die Augen halb, dreh mich schnell um und versinke wieder in Schlaf.

Wenig später reißt mein Wecker mich dann endgültig aus den Träumen. Ich lifte gähnend mein Moskitonetz, schau auf den Wecker, der 7:30 Uhr und eine Raumtemperatur von 27 °C anzeigt. „Geht ja“, denke ich. Schließlich ist hier im Moment Winter und Regenzeit. Ich schnappe mein Handtuch, das über einer Schnur hängt, die quer durch mein kleines Zimmer gespannt ist und springe unter die kalte Dusche.

Unter dem Waschbecken steht ein Eimer, wie er hier in jeder Toilette zu finden ist. Ich hätte nie gedacht, wozu ein Eimer alles gut ist – zum Putzen, zum Wäsche waschen kann man ihn gebrauchen, aber auch zur Unterstützung der Klospülung. Mit einem kleinen Schöpfgefäß ist er auch eine einwandfreie Dusche und wird von Einheimischen (weshalb er wirklich überall zu finden ist) anstelle von Toilettenpapier benutzt, welches es hier kaum gibt.

Durch mein kleines Badezimmerfenster sehe ich schon die ersten Kinder von der Tamil Primary School nebenan, die auf den Schulbeginn warten.

Dann angezogen, noch schnell Anti-Moskito-Creme auf die Arme und die unbedeckten Füße, Sandalen an und ab gehts zum Frühstück ins Pfarrhaus auf der anderen Seite des Kirchengeländes. Auf dem sandigen Boden stehen noch zahlreiche Pfützen. Anscheinend hat es in der Nacht geregnet.

Drinnen stehen schon Tassen und Frühstück bereit – ein kleiner Gewissensbiss durchfährt mich – die Köchin ist schon fleißig gewesen in der Frühe. Es gibt Idly mit Sambar und Chutney. Idly sind eine Art Reisklöße, die ich im Sambar, einer Soße aus Linsen und Gemüse zerdrücke und dann esse. Ich esse meistens, wie alle hier, mit den Fingern der rechten Hand. Dazu gibt’s Tee.

Prozession durch Kelambakkam beim Gemeindefest
Prozession durch Kelambakkam beim Gemeindefest

Anschließend fahre ich mit Simon auf dem Motorrad in die Schule. Allein auf dem Weg durch eine Nebenstraße zur Hauptstraße gibt es unglaublich viel zu sehen. Während Simon mit den Pfützen, den Schlaglöchern, den Bodenwellen und dem morgendlichen Verkehr auf der nicht befestigten Straße beschäftigt ist, habe ich Zeit, mich umzuschauen. Während auf der linken Seite neben dem Abwassergraben sich vier Straßenhunde gegenseitig ankläffen, sitzt auf der rechten Seite eine Frau vor ihrem Haus und wäscht auf einem Waschstein und zwei Eimern. Sie trägt, wie viele verheiratete Frauen einen Sari, ein mehrere Meter langes Gewand, das um den Körper gewickelt wird. Plötzlich hupt Simon ein paar Mal – direkt vor uns laufen sechs Ziegen über die Straße, machen aber Platz für das Motorrad.

An beiden Seiten Häuser: gelbe mit pink, hellblaue, orange, ebenerdige, einstöckige, zweistöckige. An manchen rankt sich die Treppe an der Seite empor hin zur Dachterrasse, die hier viele Häuser haben und auf denen oben ein Wassertank steht. Die Fenster sind zum Teil offen bzw. nur mit Metallstäben versehen, aber vor richtiger Kälte muss sich hier ja auch niemand schützen. Die meisten Häuser dieser Straße sind aus Stein. Hin und wieder sehe ich aber auch kleinere Häuser, deren Dach aus einem Palmwedelgeflecht und Bambus besteht.

Am Straßenrand liegen vereinzelt Abfälle, in denen eine Kuh nach Fressbarem sucht – Plastik, Verpackungen, oder auch Essensreste. Ein leichter Geruch nach verbranntem Plastik weht mir ins Gesicht – 50 Meter weiter brennt ein kleines Feuer, in dem jemand den eigenen Müll verbrennt.

Die Hauptstraße

Dann mündet die Straße auf die vierspurige Old Mahabalipuram Road oder auch IT Expressway, eine der drei großen Straßen aus Chennai in Richtung Süden, auf der wie zu fast jeder Tageszeit ziemlich viel los ist.

An der ganzen Straße reiht sich ein Geschäft neben das Andere: Gegenüber ist ein Elektrofachgeschäft, daneben einer der vielen Essensläden, in denen es neben den in Europa üblichen kalten Getränken, Kaffee und Tee, Biriyani (ein Reisgericht) und Samosas (Teigtaschen mit Füllung) gibt, die in einem kleinen Vorstand an der Straße gemacht und verkauft werden. Tee und Kaffee werden beide standardmäßig mit Milch zubereitet. Daneben wiederum ist ein Klamottenladen. Insgesamt gibt es in Kelambakkam selbst nur zwei kleinere Supermärkte.

Wir überqueren die Straße, schlängeln uns zwischen einem Bus und einem kleinen Laster hindurch und biegen rechts ab. In wenigen Kilometern Entfernung sind einige Hochhäuser zu sehen. Dann geht’s nochmal links ab und zwei Kilometer weiter kommen wir an der Schule an.

 

Carols

Mit dem Beginn des Advents stand auch Carols vor der Tür. Carols ist ganz gut mit den Sternsingern in Deutschland vergleichbar: vor Weihnachten bekommen alle Mitglieder der Gemeinde Besuch von einer Gruppe von einer Carols-Gruppe, also einigen Sängerinnen und Sängern und einem verkleideten Santa Claus bzw. Weihnachtsmann.

bei einer Familie, bei der gerade einige Kinder zu Besuch waren
Carols bei einer Familie, bei der gerade einige Kinder zu Besuch waren

Für diejenigen Gemeinde-Mitglieder, die zur englischen Messe gehen, war der English Choir verantwortlich. Also ging ich mit ungefähr 10 Sängerinnen und Sängern, Arul, der im Boys Home wohnt, als Santa Claus, meinem Chef Father Stephen und meiner Gitarre an zwei Abenden mit dem Bus auf Tour, um all diese Familien zu besuchen.

Parkanlage zwischen Hochhäusern
Parkanlage zwischen Hochhäusern

Wir sangen zwei Weihnachtslieder (viele Weihnachtslieder von dort sind hier auch bekannt, bzw. es handelt sich einfach um Übersetzungen). Dann wurde ein Teil der Weihnachtsgeschichte vorgelesen und kurz  gebetet. Anschließend gab’s noch zu trinken (Wasser oder Limo).Danach ging’s weiter zum nächsten Haus. Wir beschränkten uns ausschließlich in Appartments entlang der Old Mahabalipuram Road.

Vor allem in der Nähe des nächsten IT-Parks, in dem ca. 20.000 Menschen arbeiten, befinden sich viele verschiedene Hochhausanlagen, in denen jeweils mehrere 9 bis 30-stöckige Hochhäuser stehen. Dabei sind oft Spielplätze, Basketball-/Volleyballfelder, teilweise auch Swimming-Pools und Parks. In einer Anlage sind sogar große Supermärkte und Restaurants, sodass die Bewohner das Gelände in ihrem Alltag gar nicht verlassen müssen. Die Familie in einer Wohnung, in der ich war, hatte einen ziemlich großen LCD-Fernseher mit voller Soundausstattung, was ich so bisher erst wenige Male überhaupt gesehen habe.

 

 

Show must go on?!

Nun ja, nach zwei Wochen mehr oder weniger Pause nach meiner Rückkehr nach Kelambakkam Mitte November hatte ich nochmal eine Woche lang heftige Verdauungsprobleme. Nach dieser Zeit war für mich körperlich ein Tiefpunkt erreicht, da ich nochmal einiges an Gewicht verloren hatte.

Die Schülerinnen und Schüler vor der Schule bei einer Assembly
Die Schülerinnen und Schüler vor der Schule bei einer Assembly

Ich ging in den folgenden Tagen nochmal zu Ärzten und lies mich durchchecken. Die Erkenntnis war keine wirklich neue: Ich vertrug das Essen nicht – sobald ich etwas mit Chili aß (Chili wird im südindischen Essen für quasi alles benutzt, was kein Basisessen ist), bekam ich Verdauungsprobleme und das Ganze ging von vorne los.

Hinzu kam, dass sich an meinem Tagesablauf mit dem vielen Leerlauf nicht viel geändert hatte. Eine neue Sache fing ich aber an: ich spielte mit den Kindern der älteren Klassen nach der Schule auf dem Hof. In der Zeit sitzen noch einige draußen und lernen, während sie auf den Bus warten. Also wurde von da an Völkerball oder andere Ballspiele gespielt. Daran hatten nicht nur die Kinder Spaß, sondern auch ich.

Trotzdem fühlte ich mich abgesehen davon nicht besonders nützlich in der Schule.  Ich hätte gerne AGs angeboten, aber dafür war im straffen Stundenplan nur nach der Schule Platz, wenn die fortlaufend kommenden Busse die Gruppe immer kleiner werden lassen.

Ich stand mit all diesen Dingen wie der Ochs vorm Berg: Ich fühlte mich erschlagen von den ganzen Problemen, die ich zu bewältigen hatte.

 

Entscheidungen

Auch nach meiner Rückkehr konnte ich mir unter diesen Umständen nicht vorstellen, in Kelambakkam für ein Jahr zu bleiben. Mit einer Arbeit, die mich nicht auslastete und die ich deswegen überwiegend als unbefriedigend empfand. Ohne die Möglichkeit auch außerhalb des Kirchengeländes Leute zu treffen, um meine bestehenden Kontakte zu pflegen und zu vertiefen. Und so entschloss ich mich Mitte Dezember, Kelambakkam zu verlassen.

Weihnachten und Silvester verbrachte ich dann bei Anna, einer Mitfreiwilligen, die in einem Heim für Waisen und Halbwaisen lebt und arbeitet.

Ich musste mich nun entscheiden, wie es weitergehen sollte. Ich konnte in andere Stellen der Fransalians wechseln, unter anderem ein Kinderheim mit 40 Kindern. Aber es blieb die Frage, wie ich meine Gesundheit wieder hinkriegen könnte. Nach fast drei Monaten hatte ich viele Kilos abgenommen und es gab trotzdem immer wieder Probleme. Das Hin- und Her dieser Zeit hatte mich im Ganzen mitgenommen, und ich machte mir auch langsam Sorgen, ob ich bleibende Schäden davontragen könnte, wenn es nicht bald wieder aufwärts ginge. Ganz abgesehen davon, dass das Heim, in das ich hätte wechseln können, auf einer Hill Station liegt. Von dort fährt man 1 1/2 Stunden bis zur nächsten größeren Stadt. Es wäre also nicht einfach gewesen mich selbst zu versorgen.

Das Tabu-Wort, mit dem ich mich vorher so wenig auseinander gesetzt hatte, stand im Raum: Abbruch. Rückkehr nach Deutschland. Ich habe vor meiner Ausreise nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich in diese Situation kommen könnte. Eine Situation in der ich ernsthaft erwägen könnte, mein Vorhaben aufzugeben, ein Jahr in Indien zu leben. Dafür war die Vorfreude und der Optimismus zu groß.

Und wie der Zufall so spielt, bekam ich gerade in diesen Tagen des Zweifels nochmal heftigen Durchfall, von einem kleinen bisschen scharf im Essen, das ich am Vortag optimistischer Weise gegessen hatte, weil ich mich gut fühlte. Das zeigte mir, wie lang der Weg zur Genesung sein würde: Es würde noch Monate dauern, bis ich wieder halbwegs normal essen könnte, selbst wenn jetzt alles glatt liefe. Und: könnte ich mir selbst garantieren, dass ich es schaffen würde, mich dauerhaft selbst zu ernähren und mich gleichzeitig in ein neues Projekt einzuarbeiten, in dem fast niemand Englisch spricht und in dem neben der Arbeitsstelle kein Umfeld dabei wäre?

Nein, das konnte ich nicht. Und so entschied ich mich nach langem Hin und Her, einen Schlussstrich zu ziehen und Indien frühzeitig zu verlassen.

 

Gescheitert?

Bin ich gescheitert? Ist mein Freiwilligendienst gescheitert? Das ist eine der vielen Fragen, die mir durch den Kopf rauschten. Vordergründig könnte man das sicher sagen – ich bin gescheitert daran, 13 Monate in Indien zu verbringen, eine Möglichkeit, wie ich sie in der Form wohl nicht wieder haben werde.

Ich mache das ganze Unterfangen aber nicht an der Zeitspanne fest, in der ich jetzt in Indien war. Wichtiger ist, dass ich dort viele verschiedene interessante und herzliche Menschen kennen lernen durfte. Von ihnen werden mir einige in Erinnerung bleiben. Bleiben wird auch, was ich in diesem halben Jahr gelernt habe – über mich, über meine Grenzen, über ein mir jetzt gar nicht mehr so fremdes Land, über verschiedene Weltsichten und wo diese herkommen.

Ich habe trotz allem zu keiner Zeit bereut mich auf die Sache eingelassen zu haben – und mein Freiwilligendienst an sich ist auch noch nicht beendet, denn ich habe die Möglichkeit, in wenigen Wochen ins europäische Ausland in ein neues Projekt zu gehen.

Aber dazu erfahrt ihr mehr in meinem nächsten Rundbrief, der nicht mehr so lange auf sich warten lassen wird!

 

Liebe Grüße

Carsten