Bolivien : 1.Rundbrief von Miriam Bauer

Liebe Familie, Freunde und Solidaritätskreismitglieder,

„Die Zeit in Bolivien ist elastisch, denn der Mensch ist nicht für die Zeit,       

sondern die Zeit für  den Menschen da.“

Ob hinter diesem Zitat, welches uns von dem Erzbischof in La Paz mit auf den Weg gegeben wurde, wirklich mehr steckt und was es sonst so mit meinen Erlebnissen in Bolvien auf sich hat, erfahrt ihr wenn ihr weiterlest 😉

Ankunft, La Paz

Am 29.Juli erreichte der Countdown seinen finalen Höhepunkt und los ging die Reise für uns 9 SoFiA Freiwillige. Gute 30 Stunden und 4 Flugzeuge später erreichten wir alle heil und gesund La Paz, bzw. El Alto, wo sich der Flughafen der beiden Städte befindet. Dort wurden wir von einem Empfangskomitee der Hermandad, unseren Betreuern in Bolivien, willkommen geheißen und anschließend in unsere erste Bleibe gebracht.

Entgegen meiner Befürchtungen litt ich, auf den knapp 4000m Höhe auf denen sich El Alto und etwas tiefer La Paz befinden, nur knapp 2 Tage an einem Brummschädel und etwas wenig Blutzirkulation in meinen Händen. Eine Herausforderung blieb aber weiterhin das Treppen- und Bergsteigen. Ungewohnt war auch, dass es auf dieser Höhe, sobald man in die Sonne kam, schrecklich warm wurde. Sobald diese verschwunden war, wurde es auch schon wieder kalt.

Das Stadtbild von La Paz und El Alto lässt erahnen, dass die Schere zwischen Arm und Reich sehr groß ist. Ursprünglich war El Alto ein Teil von La Paz, der sich jedoch so rasant vergrößerte, dass El Alto heute eine eigene Stadt mit über einer Millionen Einwohnern ist. Hauptsächlich besiedelt von der ärmeren Landbevölkerung, die es in der Hoffnung auf ein „besseres“ Leben in die Stadt zieht.

Nach den ersten Tagen in La Paz, in der uns genügend Zeit zur freien Verfügung stand, um unter der kundigen Leitung einer unserer Vorgängerinnen die Stadt ein wenig zu erkunden, ging unser Programm mit dem Einführungsseminar der Hermandad weiter, an dessen Ende sich ein wirklich unglaublich herzlicher und schöner Begrüßungsgottesdienst anschloss. Dieser wurde, von für mich neuartigen Klängen begleitet und der Erzbischof von La Paz, der sich größte Mühe dabei gab, seinen Gottesdienst sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch zu halten, sandte uns alle auf unser persönliches Jubeljahr und gab uns eine der wichtigsten Erkenntnisse (für Bolivien) mit auf den Weg: Die Zeit in Bolivien ist elastisch, denn der Mensch ist nicht für die Zeit, sondern die Zeit für den Menschen da!

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Da meine Gastfamilie bereits unzählige Freiwillige vor mir beherbergt hatte, waren sie gut darauf vorbereitet, jemanden wie mich, mit wirklich gar keinen Spanischkenntnissen, bei sich aufzunehmen. Die Familie gab mir auch von Anfang an das Gefühl willkommen zu sein und erleichterten mir in diesem Sinne ein richtiges Ankommen und Einleben im bolivianischen Alltagsleben. Meine Gastschwester (20 Jahre alt) hatte selbst letztes Jahr einen Freiwilligendienst im deutschen Freiburg absolviert und selbst meine Gastmutter hatte bereits für 2 Monate in Deutschland gelebt. So konnten sie sich natürlich gut in meine Situation als totaler Neuling, in jeglicher Hinsicht, hineinversetzen und hatten auch ein Verständnis dafür, dass ich kein Fleisch esse, was keine Selbstverständlichkeit in Bolivien ist. Die Familie lebt in eher einfachen Verhältnissen und das Zimmer teilte ich mir mit meiner Gastschwester. Meine beiden kleinen Gastgeschwister (9 und 11 Jahre alt) saßen leider, wenn sie nicht gerade den Vormittag über in der Schule waren, hauptsächlich vor dem Fernseher. Doch das ein dauerhaft laufender Fernseher Bestandteil des bolivianischen Alltags ist, daran musste ich mich eben auch gewöhnen. Eine weitaus größere Lernerfahrung durfte ich dann aber machen, als ich lernte von Hand meine Wäsche zu waschen. Eine Selbstverständlichkeit, wie in Deutschland, ist der Besitz einer Waschmaschine hier nicht.

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Den Sprachkurs hatte ich gemeinsam mit einer meiner Mitfreiwilligen und zwei weiteren von einer anderen Organisation bei Isabel. Isabel ist eine kleine, sehr liebevolle und urige alte Dame die schon seit mehr als 10 Jahren für die Freiwilligen, die wirklich überhaupt keine Sprachkenntnisse besitzen, für die Hermandad zuständig ist. Dank ihrer guten Deutsch- und Englischkenntnisse konnten wir uns auch immer auf das Gesagte und Geschriebene verlassen (andere wurden da von ihren Sprachlehrern mehr verwirrt als dass sie lernten) und kamen in den 4 Wochen Sprachkurs doch ziemlich gut voran. Zwischendurch sorgte Isabel auch immer für kleine Auflockerungen, sei es mit einem neuen Kartentrick oder in dem wir auf traditionell bolivianisch-folkloristische Art den Bär in ihrem Flur steppen ließen. Auch über die Kultur und Geschichte lernten wir Einiges durch sie kennen, und dazu gehörte mehr als der tägliche Coca-Tee, der eigentlich seit meiner Ankunft zu einem treuen Begleiter in Bolivien wurde, ein Allheilmittel ist und eine weit tiefer wurzelnde Bedeutung in der Geschichte Boliviens hat als zur Kokainherstellung missbraucht zu werden. Auch eine Stadtrundfahrt, Marktbesuche und einige Videos machten uns näher mit dem Land und der kulturellen Vielfalt, die Bolivien zu bieten hat, vertraut.

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Meine Highlights :

Der Geburtstag der Schule meiner beiden Gastgeschwister gab mir die Möglichkeit eines weiteren Einblicks in der Art wie hier gefeiert wird. Zu Ehren der Schule hatte jede Klasse Tänze einstudiert, die in der Sporthalle, verfolgt von begeisterten Blicken und noch mehr Blitzen der Eltern, dann vorgeführt wurden. Die Tänze stammten aus allen Ecken der Erde und es war sehr amüsant zu sehen, dass z.B. England durch einen königlichen Balltanz repräsentiert wurde und dadurch in noch einem größeren Kontrast zu den vielen bolivianischen Tänzen, die vorgeführt wurden, stand und als einziger Tanz als Assoziation zu Europa in den Köpfen der Besucher blieb.

Ein weiteres Highlight war, die nur einen Tag darauf folgende, Erstkommunion meiner Gastschwester, die in einem Saal der Schule stattfand. Die kirchliche Zeremonie unterschied sich nicht sonderlich von der deutschen, allerdings gingen alle Kinder, anstatt als verkleidete kleine Bräute zu erscheinen (wie es in Deutschland ja leider mittlerweile der Brauch ist), in ihrer Schuluniform (die hier jede Schule hat) zu ihrer ersten heiligen Kommunion. Auch die anschließende Feier in der Schule viel wesentlich unspektakulärer aus und es gab keinen Hinweis auf bald folgende riesige Berge aus Geschenken, was aus meiner Sicht sehr entspannt war und auch die Kommunion wieder ein wenig zu dem ursprünglichen Kern der Sache werden ließ.

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Der Abschied von La Paz und meiner Gastfamilie fiel mir (da ich mich nun einmal richtig eingelebt hatte und auch die Stadt ein wenig kannte) doch schwer, allerdings konnte ich es auch nicht erwarten endlich meine Arbeit kennenzulernen und in eine etwas wärmere Umgebung zu ziehen, um meine chronisch gewordene Erkältung einmal loszuwerden

Cochabamba :

Wie unterschiedlich und vielfältig die Naturräume in Bolivien sind konnte ich dann auch bei meiner ersten größeren Reise von La Paz in meine neue Heimatstadt Cochabamba erleben. Sobald es von dem kargen, flachen Altiplano hinunter ins Tal ging, begann die Natur um mich herum immer grüner zu werden, die Bäume größer und das Klima wärmer. Angekommen in Cochabamba stand ich dann plötzlich einer in allen Farben blühenden Stadt gegenüber deren Alleen mit Palmen gesäumt sind.

Nach guten acht Stunden Fahrt erwartete mich am Busterminal dann eine Gruppe von Scouts und los ging es in meine erste Gastfamilie in Cochabamba.

Dort wurde ich sehr liebevoll empfangen, fühlte mich in meinem ersten eigenen Zimmer und meinen zwei kleinen Gastgeschwistern (1 und 4 Jahre alt) sehr wohl und wurde in den nächsten Tagen ein wenig mit der neuen Stadt vertraut gemacht. Der erste wichtige Ausflug führte zum Wahrzeichen Cochabambas, die über der Stadt thronende Christusstatur „Cristo de la Concordia“, die die größte Christusstatur der Welt ist (die Bolivianer hatten diese aber auch mit voller Absicht um einige Meter größer gebaut als die in Brasilien, um sie zu dieser zu machen).

Eine knappe Woche darauf ging es dann zu meiner nächsten Gastfamilie, die wesentlich zentraler wohnt und auch eine mögliche dauerhafte Bleibe für mich wäre. Mein dortiger Gastbruder (ebenfalls Scout) begleitete mich dann in den nächsten zwei Wochen zu allen meinen möglichen Arbeitsstellen und sorgte dafür, dass mir die Orientierung im flachen Cochabamba (in dem zunächst jede Straße und Plaza für mich irgendwie ähnlich aussah und mir die Berge von La Paz als Orientierungshilfe fehlten) besser gelang, was im Grunde dank des kolonialen Grundrisses der Stadt in „Cuadras“ (Vierecke) auch gar nicht so kompliziert ist.  Auch dort fühlte ich mich sehr willkommen und wohl, nicht zuletzt auch dank einer sehr jungen gescheckten Mitbewohnerin auf vier Pfoten, die mich kurzzeitig von meinem neuen Leben ohne tierische Mitbewohner erlöste.

Hier konnte ich auch am eigenen Leib erfahren, was unter dem größten Problem Cochabambas, dem Mangel an Wasser (der auf dem Land natürlich noch viel gravierender ist) zu verstehen ist. So hatten wir für einige Tage überhaupt kein fließendes Wasser mehr zur Verfügung und nur einen großen Kanister der uns mit Wasser versorgte. Das machte mir wieder einmal bewusst für wie selbstverständlich viele Dinge auf der Nordhalbkugel gehalten werden, über die man nicht einmal mehr nachdenkt, bis Sie sich dann plötzlich durch ihr Fehlen wieder in Erinnerung rufen und zeigen, zu welchen existenziellen Problemen sie führen können. Ich glaube auch, dass die alltägliche Medienflut, die in Krisensituationen anderer Länder ja oft genau diese Problematik widerspiegelt, eher eine generelle Abstumpfung bewirkt, die erst eigene Erfahrungen wieder ein wenig aufzuheben vermögen.

Schließlich und endlich ging es dann aber, nach mehr als sechs Wochen, zu meinem vorerst letzten Umzug in das Distrikthaus der Pfadfinder, das nun mein neues Zuhause in Cochabamba sein wird. Dort hatte ich einen unerwarteten Empfang, bei dem gerade noch fünf Männer damit beschäftigt waren das Zimmer z.B. durch schnellen Einbau eines neuen Schlosses, Hochbett umbauen und Staubsaugen in einen wohnbaren Zustand zu verwandeln. Nach einem folgenden kleinen Putzmarathon und einer Kühlschrankauffüllung von meiner Seite, denn dem Haus hatte man seinen, durch meinen Mitbewohner verursachten, Männerhaushalt schon deutlich angemerkt, begann ich mich auch richtig wohlzufühlen im Distrikt. Dieser wurde 1995 in einem Gemeinschaftsprojekt der Pfadfinder in Cochabamba und der DPSG in Trier aufgebaut und bietet mit seinen Räumlichkeiten genügend Platz für das Büro und Sitzungen der Gruppen des Distrikts.

Der Vorteil meines neuen Zuhauses ist auch, dass es nur ca. 5min zu einer der vier Hauptstraßen Cochabambas sind und auch das Zentrum keine 10min entfernt liegt. Insgesamt lässt sich der zentrale Teil Cochabambas auch in einer knappen Stunde durchqueren, so dass Cochabamba zwar eine große Stadt (im Vergleich zu saarländischen Städten in jedem Fall) ist, aber keine riesige und undurchschaubare Metropole darstellt.

Ein Highlight in meinem ersten Monat in Cochabamba war die Hochzeit von Verwandten meiner ersten Gastfamilie. Diese unterschied sich nicht besonders von der in Deutschland bis auf die Tradition, dass die nächsten Verwandten auch am Tag darauf eingeladen sind und im Haus der Familie, das Brautpaar dann, unter reger Anteilnahme der Verwandtschaft, damit beschäftigt ist, alle Geschenke aufzureißen und, was besonders wichtig zu sein scheint, auch zu zählen. Nachdem dann, die ganze Familie (die hier in der Regeln wesentlich größer ist, da eine Frau hier aber auch durchschnittlich nicht nur ca. 1,5 Kinder sondern 4 Kinder zur Welt bringt und die auch einen größeren Stellenwert besitzt) genügend gegessen und getrunken hat ist die Hochzeit erst wirklich zu Ende.

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Pfadfinder:

Cochabamba ist das Hauptzentrum der Pfadfinder in Bolivien (Asociacion de Scouts de Bolivia =ASB) und hier befindet sich eben auch das Distrikthaus „Casa de la Juventud“ (mein Zuhause) sowie das ziemlich große  Nationalzentrum der ASB.

Insgesamt gibt es derzeit rund 20 aktive Stämme rund um und in Cochabamba, deren Mitgliederanzahl aus ca. 50 bis 270 bestehen und die teilweise bereits seit 30 bis sogar über 50 Jahre existieren.

Das Pfadfinderleben läuft hier sehr viel strikter ab als es in Deutschland üblich ist, noch nie habe ich so viel und häufigen Gebrauch von meiner Kluft (dem Pfadfinderhemd) gemacht und selbst deren Gestaltung ist hier streng geregelt, so dass ich noch mehr wie ein bunter Vogel damit, zwischen den anderen Scouts, auffalle.

Bereits bei meiner Begrüßung im Distrikt, gleich zur Ankunft in Cochabamba, wurde mir ein offizielles Halstuch des Distrikts überreicht. Die Halstücher unterscheiden sich hier ansonsten aber nicht pro (Alters-)Stufe, sondern pro Stamm, so dass die Zugehörigkeit zu einem Stamm gleich zu Beginn zu erkennen ist. Auch die Stufen sind in Bolivien leicht nach hinten verschoben, so dass die Rovers beispielsweise erst von 18 bis 21 Jahre sind, und ich somit im eigentlichen Sinne erst Rover und gar kein Gruppenleiter wäre, und dadurch in einer der jüngeren Stufen einsteigen werde.

Momentan besteht meine Hauptaufgabe aber hier auch erst einmal darin, möglichst viele der Stämme zu besuchen und mich anschließend für den Beitritt zu einem zu entscheiden.

Das erste Highlight mit den Scouts war die Parade zum Festtag von Cochabamba, am 14.September. Paraden sind hier wohl zu jedem Feiertag üblich. Das Besondere für mich an dieser Parade war nur, dass diesmal auch ich, dank einiger teilnehmenden Pfadfindergruppen, Teil dieser Parade wurde und wir alle mit Kluft, Halstuch und Pfadfindergruß durch die Straße marschierten.

Pfadfinderaktionen :

Gleich meine erste Pfadfinderaktion beschäftigte sich dann mit der Müllproblematik Boliviens und findet schon seit einigen Jahren jährlich in einer Gemeinschaftsaktion mit der Stadt statt. Ähnlich der deutschen „Picobello“-Aktion geht es bei „A limpiarelmundo“ darum, die Stadt von Müll zu befreien um in einer saubereren Stadt, und im Sinne eines besseren Lebens im Einklang mit er Natur, zu leben. Hier schloss ich mich einer Gruppe an, die dafür zuständig war, den „Cristo“  vom rumliegenden Müll zu befreien. Mehr oder weniger symbolisch war diese Aktion, denn schließlich hatten selbst die vielen Gruppen die sich einen halben Tag mit dem Müll abmühten keine Chance dabei, auch nur diese Gebiete gänzlich von dem ganzen Müll zu befreien. Dennoch ist ja bereits dieser Akt ein erster Schritt, der hoffentlich einmal zu einem besseren Verständnis im Umgang mit Müll führen kann.

Obwohl die Grundlage auf der die Pfadfinderarbeit basiert die gleiche ist, ist es ja nicht verwunderlich ist, dass zwei so unterschiedliche Länder wie Bolivien und Deutschland auch mit ganz unterschiedlichen Problemen zu kämpfen haben und sich dadurch eben auch die Projektarbeit der Scouts wesentlich von denen in Deutschland unterscheidet.

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Arbeitsstellen :

Das Pfadfinderprojekt gibt es bereits seit Anfang der 90er Jahre und stellt einen wichtigen Bestandteil in der Freundschaftsbeziehung zwischen der ASB und der DPSG dar.

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Pfadfinderintern gibt es für mich 3 mögliche Arbeitsstellen.

Einmal die Arbeit im Nationalbüro sowie die Hausaufgabenbetreuung in er dortigen Bibliothek, dann die Arbeit im Distrikthaus mit allem was dort so anfällt oder eben die Arbeit auf dem Zeltplatz der Pfadfinder für die ich mich letztendlich entschied. Dieser Zeltplatz „Campo escuela“ liegt in Arani, was ca. eine gute Stunde von Cochabamba entfernt ist. Für alle Pfadfinder: Er soll den gegebenen Möglichkeiten entsprechend, nach dem Vorbild des deutschen Zeltplatzes „Westernohe“ aufgebaut werden. Dadurch, dass es in Bolivien ja keine Jahreszeiten im europäischen Sinne gibt, sondern eben eine Regen- und Trockenzeit, besteht die hauptsächliche Arbeit in Arani darin, die vielen Pflanzen zu gießen, um in einigen Jahren das Ziel eines Zeltplatzes mit großen windschützenden Bäumen , einer großen (mir hauptsächlich unbekannten) Pflanzenvielfalt und grüner Wiese zu erreichen.

Pfadfinderextern :

Für diesen Arbeitsteil besuchte ich drei verschiedene Projekte.

Zwei dieser Projekte  waren von der gleichen Organisation: CAICC, die sich vor allem um Kinder aus Gefängnisfamilie kümmert. In Bolivien ist es üblich, dass im Falle einer Inhaftierung eines Elternteils die ganze Familie mit in das Gefängnis zieht und gerade die Kinder dementsprechend einer guten Erziehung und auch psychologischen Betreuung bedürfen.

Das Projekt ist in zwei Stellen aufgeteilt, so dass einmal die kleinen Kinder, zwischen 1 und 6 Jahren, in einem Kindergarten betreut werden und die von 7-18 dann in der anderen Stelle betreut werden. In Bolivien ist es außerdem üblich, dass ein Teil der Kinder morgens in die Schule geht und der andere Teil nachmittags. Dieses Prinzip ermöglicht es in einer Schule doppelt so viele Schüler unterrichten zu können wie nur mit einer Tour und wurde aus Platzgründen eingeführt.

Ich entschied mich allerdings für das dritte Projekt „Maria Cristina“, welches seit 8 Jahren existiert und mit behinderten Menschen aller Altersklassen arbeitet und ca. 60 behinderte Menschen derzeit beherbergt. Die Arbeit und vor allem die Möglichkeiten, die es für behinderte Menschen in Bolivien gibt unterscheiden sich wesentlich von denen in Deutschland. Leider werden solche Projekte noch kaum oder viel zu gering vom Staat unterstützt, die Menschen aber oft von ihren Familien abgeschoben und als Problemfaktor angesehen. Daher leben auch alle der behinderten Menschen dort im Projekt und unter Bedingungen die für Deutschland unvorstellbar wären. Große Räume mit ca. 10-20 Betten und auch die Anzahl die eine Arbeitskraft zu betreuen hat, liegt mit bestimmt 10 Personen pro Arbeitskraft weit über dem in Deutschland.

Um zurück zu meinem Anfangszitat zu kommen: 

So schön dieser Ausspruch auch klingt und so viel Wahrheit wie er enthält, ich glaube nicht, dass die Verspätungen, die eigentlich alle Treffen hier mit sich bringen, unbedingt daher rühren. Oftmals ist es wohl eher die Macht der Gewohnheit, dass die meisten Bolivianer sich auf die sogenannte „horaboliviana“ (bolivianische Stunde) berufen und für gewöhnlich zum eigentlich angesetzten Beginn des Treffens frühestens ihr eigenes Haus verlassen.

Anschließend möchte ich noch daran erinnern, dass mein Rundbrief eben auf den von mir gemachten Erfahrungen und Erlebnissen beruht und ich nicht versuche irgendwelche Allgemeinwahrheiten zu verbreiten oder mich als Expertin für Bolivien auszugeben. Auch versuche ich Verallgemeinerungen und falsch zu verstehenden Aussagen zu vermeiden, sollte mir das doch passieren, so freue ich mich natürlich über Rückmeldungen von euch und konstruktiver Kritik an meinen Worten.

Ich hoffe es hat euch Spaß gemacht diesen Brief zu lesen,

und ich freue mich natürlich über alle Arten von Rückfragen und Rückmeldungen von Euch

ganz liebe Grüße aus Bolivien

Miriam