1. Rundbrief von Raphael Arulsamy

1. Rundbrief Musanze, den 23. Oktober 2013

Liebe Familie, Freunde und Freunde der Familie,

nun ist es doch schon soweit: Meine ersten 2 Monate sind vergangen und es wird Zeit
meinen ersten Rundbrief zu schreiben. Diese erste Zeit war auf jeden Fall die
erlebnisreichste, die ich je hatte. Leider kann ich nicht von allen meinen Erlebnissen
berichten, da sonst der Brief so lange wird, dass Ihr nochmal 2 Monate nur lesen
müsstet. Aber ich habe versucht, so viel in diesen Brief rein zupacken wie möglich.

Leider ist er jetzt doch sehr lang geworden.
Ich hoffe, dass er Euch trotzdem gefällt und dass ihr einen ordentlichen Einblick in
mein Leben hier im Herzen Afrikas bekommt.

Meine Ankunft
Das Abenteuer begann für mich am 31. Juli mit der Anreise zum Flughafen von
Frankfurt. Nachdem kurz vor Frankfurt das Auto nicht mehr ansprang und wir von
einem anderen Auto Starthilfe bekommen haben, sind wir zum Glück ohne große
Verspätung am Flughafen angekommen. Die Trauer beim Abschied war groß, aber auf
der anderen Seite machte mein Herz Freudensprünge, weil ich nun endlich das machen
durfte, was ich schon immer machen wollte und worauf ich seit etwa einem halben
Jahr vorbereitet wurde.
Nachdem Madeleine (eine Freiwillige von SoFiA, mit der ich zusammen geflogen bin)
und ich mit großer Mühe unsere Familie und Freunde verabschiedet haben, ging die
Reise auch schon los. Wir waren insgesamt 18 Stunden unterwegs und kamen völlig
übermüdet aber froh am Flughafen in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, an.
Am Flughafen wurde ich direkt von Damien und Floride begrüßt. Damien ist sozusagen
derjenige, der für mich und meinen Dienst verantwortlich ist. Er ist Lehrer an der
Schule, an der auch ich jetzt arbeite. Floride ist die stellvertretende Schulleiterin
und die fröhlichste, optimistischste und am besten strukturierte Ruanderin, die ich
bis jetzt kennen gelernt habe. Ich habe mich bei den beiden direkt wie zu Hause
gefühlt .
Nach ein paar Stunden Aufenthalt in Kigali ging es dann mit dem Bus in die etwa 2
Stunden entfernte Musanze, die Stadt, welche im ganzen nächsten Jahr mein
Zuhause sein wird. Es war schon dunkel als ich das erste Mal mein Compound sah, wo
ich hätte wohnen sollen. Dort trafen wir auch auf einige Lehrer. Im Laufe des
Abends geriet Damien allerdings in Streit mit dem Besitzer des Compounds. Es war
eine sehr lange Diskussion, welche damit endete, dass Damien zu mir sagte:“ Hier
bleibst du nicht! Wir suchen dir auf der Stelle ein anderes Zimmer.“ Mittlerweile war
es schon 22 Uhr und ich wollte schlafen, aber ich hatte keine andere Wahl als zu
gehen. Also zog ich mitsamt Gepäck erst mal in die Diözese Notre Dame de Fatima,
eine etwas teure Pension.
Das war für mich sehr viel Aufregung für einen Tag und deshalb war ich erst mal
froh, dass ich ein Bett zum schlafen hatte.
Am nächsten morgen machten Damien und ich uns auf die Suche ein anderes Zimmer
zu finden und zum Glück waren wir relativ schnell fündig. Jetzt habe ich ein Zimmer
mit dem wunder schönsten Ausblick, den man sich nur vorstellen kann, nämlich direkt
auf die mit Regenwald bedeckten Vulkane
Musanze
Musanze ist eine Stadt ganz im Norden Ruandas. Manche sagen, es sei die zweit
größte Stadt nach Kigali, aber so genau weiß das hier keiner. Fast alle der Touristen, die in
Ruanda Urlaub machen, schauen mindestens einmal hier vorbei, denn hier gibt es die
berühmten Berggorillas im „Volcanos National Park“ etwa 12 km von der Stadt
entfernt. Diese Gorillas wurden von der berühmten Forscherin
Dian Fossey beobachtet und studiert. Mittlerweile sind sie an die Nähe zu Menschen
gewöhnt, weshalb man sie ungestört beobachten kann.
In der Nähe der Vulkane zu wohnen ist schon beeindruckend. Besonders morgens
erheben sich der Sabinyo, der Muhabura und der Karisimbi (dies sind die Namen der
Vulkane) wie geisterhafte Sillouetten aus dem Nebel.
Für mich ist Musanze zum Leben perfekt, denn diese Stadt ist weder zu klein, noch zu
groß (sie hat etwa die Größe von Trier).

G.S. Nyange I
Die Schule G.S. Nyange I ist die Schule, in der ich tätig bin. Sie liegt etwa 6 km von
Musanze entfernt in einem ländlichen Sektor namens Nyange. Von hier aus ist der
„Volcanos National Park“ sogar noch näher und bei gutem Wetter hat man einen
atemberaubenden Blick auf die bewaldeten Berge, in welchen wie mysteriöse
Fabelwesen die berühmten Gorillas hausen.
Die Schule besteht aus einer Primary und einer Secondary School. Alle Kinder im
Sector von Nyange gehen auf diese Schule, weshalb sie insgesamt sehr viele Schüler
fassen muss. Die Primary School hat etwa 2000 Schüler und die Secondary School
etwa 700.
Ich bin hauptsächlich mit den Secondary Schülern zusammen. Während meiner
ersten Tage war ich überwiegend damit beschäftigt mich den Schülern vorzustellen
und deren Fragen zu beantworten. Vor allem bewundert mich das große Interesse und
die Aufgeschlossenheit der Schüler. Obwohl ihr Englisch teilweise sehr hapert,
kleben sie an meinen Worten und sie wollen alles wissen über Deutschland, über
Europa und über mein Leben. Denn oft kennen sie Europa nur vom Fußball.
Nach den ersten Tagen des Kennenlernens begann ich langsam mit meiner Aufgabe. Ich
fing damit an ihnen Lieder auf Englisch beizubringen. Das hat mir besonders viel Spaß
gemacht, denn die Schüler haben einen solchen Spaß beim Singen, dass sie gar nicht
mehr aufhören wollen. Im Gegenzug bringen sie mir Lieder auf Kinyarwanda bei, was
nicht nur mir viel Freude bereitet, sondern auch zur allgemeinen Belustigung beiträgt.
Auch die Lehrer sind mittlerweile gute Freunde geworden. Manchmal ist die
Kommunikation schwierig, weil viele nur sehr wenig Englisch können, aber trotzdem
haben sie mich herzlich in ihre Runde aufgenommen. Besonders als sie gesehen haben,
wie sehr ich mich anstrenge um Kinyarwanda zu lernen.
Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass mir meine Tätigkeit tierisch viel Spaß macht
und ich wirklich froh bin hier so nette und aufgeschlossene Menschen zu treffen.

Das Cacawete-Fest
Hier an der Schule gibt es eine schöne Tradition, das Cacawete-Fest. Es ähnelt ein
bisschen unserer weihnachtlichen Tradition des Wichtelns, nur mit einigen Zusätzen.
Jeder Lehrer schreibt seinen Namen auf einen Zettel, woraufhin alle Zettel
zusammengelegt werden. Danach zieht jeder einen Zettel. Die Person auf dem Zettel
ist nun die nächsten Monate dein guter Freund, dein Cacawete. Du musst für ihn da
sein, zu ihm nett sein und ihm kleine Geschenke machen, allerdings sollte dies
möglichst unauffällig geschehen. Die andere Person darf nämlich nicht erfahren, wer
sein Cacawete ist. Nach ein paar Wochen oder Monaten gibt es dann ein großes
Cacawete-Fest. Man trifft sich und bringt für seinen heimlichen Freund ein kleines
Geschenk mit. Am Ende wird aufgelöst wer wessen Cacawete war. Natürlich wird bei
diesen Festen ausgiebig gegessen, getrunken, getanzt und gefeiert. Ich durfte schon
zwei Mal an diesem Fest teilnehmen und es macht wirklich Spaß zu sehen, wie jeder
Lehrer enthusiastisch anfängt zu tanzen, wenn er herausfindet, wer sein Cacawete
ist. Nach der Auflösung wird nochmal gelost und das ganze Spiel fängt von vorne an.

Die Sprache
Die wichtigste Sprache hier in diesem Land ist und bleibt Kinyarwanda. Es ist eine
Bantusprache und hat mit den europäischen Sprachen so gut wie gar nichts zu tun,
was das Lernen so schwer macht. Es gibt 16 verschiedene Nomengruppen, wonach sich
auch die Form der Verben und Adjektive richten.
Trotz oder gerade wegen der völligen Fremdheit empfinde ich Kinyarwanda als eine
sehr schöne Sprache und es macht mir viel Freude sie zu lernen. Mittlerweile kann ich
mir auf dem Markt Essen kaufen und auch kleine Unterhaltungen führen. Allerdings
ist das Verstehen noch viel schwieriger als das Sprechen, weil das Sprechtempo der
Ruander ungemein hoch ist.
Gerade viele ältere Menschen sprechen hier auch Französisch, da dies vor ein paar
Jahren noch die Amtssprache war. Der Präsident, Paul Kagame, hat jedoch vor einiger
Zeit Englisch als Amtssprache eingeführt. Dies stellt gerade für die Lehrer ein
großes Problem dar. Wie soll ein Physiklehrer, der jahrelang sein Fach auf Französisch
unterrichtet hat, nun auf einmal auf Englisch unterrichten? Viele Lehrer unterrichten
deshalb auf Kinyarwanda.
Wenn ich jedoch das Bemühen sehe, mit welchem sie versuchen Englisch zu lernen, bin
ich mir sicher, dass in ein paar Jahren der Wechsel von einem frankophonen zu einem
anglophonen Land gelingen wird.
Die Kultur
Es ist natürlich schwierig, die Kultur eines ganzen Landes in ein paar Worten zu
erläutern. Trotzdem versuche ich hiermit auf ein paar Aspekte einzugehen.
Ruanda ist ein Land, welches vor allem stark von der Landwirtschaft geprägt ist. Etwa
93 % der Bevölkerung arbeiten in diesem Bereich. Das merke ich vor allem, wenn ich
die Schüler frage, was sie in den Ferien vorhaben. Die meisten antworten nämlich:
„Ich helfe meiner Mutter auf dem Feld“. Angebaut werden hier (damit meine ich in
Musanze) vor allem Kochbananen, Bohnen, Kartoffeln, Maniok und Zuckerrohr. In
anderen Teilen Ruandas findet man auch häufig Erdnüsse sowie Kaffee-, Tee- und
Reisfelder. Viele Menschen leben als Selbstversorger. Aber einige verkaufen ihre
Produkte auch auf Märkten. So kommt es, dass man hier in Musanze auch Reis und
Erdnüsse kaufen kann, obwohl man diese hier nicht anbaut.
Eine andere Sache, die einem erst auffällt, wenn man schon ein paar Wochen hier
verbracht hat, ist, das hier ungemein auf Sauberkeit und „Smartness“ geachtet wird.
Hier wird immer und zu jeder Zeit geputzt, geschrubbt, gefegt, gekehrt oder
ähnliches. Ich glaube ich habe noch nie so oft meine Schuhe gewaschen wie hier. Es
war gerade für mich nicht einfach immer aufs Peinlichste auf Sauberkeit zu achten,
weil das oft bei Hotel Mama inklusive war (Danke Mama!), aber mittlerweile gewöhne
ich mich daran jeden Tag mein Bad zu schrubben, meinen Boden zu wischen und meine
Schuhe zu waschen.
So, ich glaube ich habe jetzt wirklich genug geschrieben und ich hoffe, dass Ihr einen
guten Einblick in meinen Dienst aber auch in „the Afican Way of Life“ hattet.
Liebe Grüße
Euer Raphael Arulsamy