Brasilien: 2. Rundbrief von Lara Jakoby

Hallo Ihr,

für mich unfassbar, aber es ist wahr. Es sind jetzt schon über 5 Monate, seit meiner Ausreise, vergangen. Über ein Drittel und sogar fast die Hälfte des Jahres, hier in Parnaiba ist schon vorbei.

Mein zweiter Rundbrief!

Es ist Nacht, ich sitze auf meiner Fensterbank, höre Musik und versuche meine Eindrücke und das Neue irgendwie zu sammeln und zu sortieren. Dabei fällt mir so unglaublich viel ein und im gleichen Moment habe ich keine Ahnung, wie ich davon erzählen soll.

Der Garten
Der Garten

Es sind die kleinen Dinge und Momente, an denen ich mich unglaublich erfreuen kann und die mich wirklich sehr glücklich machen.

Sei es Gesichter und Namen zu kennen, mich auf Portugiesisch unterhalten zu können, Lieder und Musik wieder zu erkennen. Sei es meine brasilianische Gastfamilie, die mich immer voller Herzlichkeit in die Arme nimmt; meine Cousine, bei der ich das Gefühl habe, sie schon länger zu kennen. Sei es das eiskalte Bier, gemeinsam mit Freunden bei guter Musik trinken zu können. Oder sei es einfach das Interesse fremder Menschen an mir, Deutschland und dem was ich hier mache. Das alles führt zu einem wunderbaren Gefühl bei mir. (Ich könnte damit so einige Seiten füllen.)

Das blöde ist nur, dass mich dann auch manchmal kleine Dinge unheimlich ärgern, viel beschäftigen oder sogar aufbringen. Das hätte ich vorher nicht gedacht!

Das Gute ist jedoch, dass für mich die wunderschönen „Kleinigkeiten“ eindeutig überwiegen.

 

„Winterferien“ – Alles von Petersilie bis Papaya

Seit Mitte Dezember hatte ich in beiden Projekten Ferien, die bis Anfang Februar andauerten.

Ich hatte für diesen Zeitraum jedoch eine andere Arbeit. Jeden Nachmittag arbeitete ich mit Antonio, einem unfassbar witzigem Menschen, in dem ökologischen Sozialprojekt meiner Diözese. Man kann sich das als großen Garten vorstellen, der direkt neben der Kirche liegt und nicht weit entfernt von meinem Haus ist. Ich komme also ganz einfach mit meinem Rad dahin.

Die Horta (Bezeichnung für den Garten, ausgesprochen: a orta) wird momentan von verschiedenen Männern, Antonio und zwischenzeitlich auch von mir bewirtschaftet. Dahinter steckt ein simples aber doch gutes Konzept. Wenn jemand Neues Interesse hat, kann er für 30 Reais (rund 10 €) ein Beet kaufen. Antonio erklärt ihm dann, worauf es ankommt, was man beachten muss und legt gemeinsam mit ihm Beete an. Das, was diejenige Person dann dort anpflanzt, darf sie verkaufen und das Geld behalten.

Dort gibt es von Petersilie bis Papaya über Süßkartoffeln wirklich viel. Antonio und ich versuchten uns auch in der Tomatenzucht, dank des schlechten Saatguts aber nicht sonderlich erfolgreich. Ach, und es gibt jede Menge Bananenstauden. Hervorragender Snack für die Kaffeepause.

Ich habe beim Unkrautrupfen geholfen, neue Beete angelegt und viel gegossen. Was bei der Hitze unerlässlich ist. Denn obwohl Februar auf dem Kalenderblatt steht, herrschen hier Temperaturen von Mitte 30 Grad.

Folglich war die Arbeit sehr schweißtreibend für mich, dennoch hat es mir sehr viel Spaß gemacht und die Dusche danach lohnt sich auf jeden Fall.

 

Der Garten
Der Garten

 

Kampagne: Natal sem fome (Weihnachten ohne Hunger)

Von dieser Aktion würde ich Euch gerne noch erzählen.

In der Zeit vor Weihnachten haben Sophie (die andere deutsche Freiwillige) und ich bei dieser Kampagne mitgeholfen. Organisiert wurde das ganze von unserer Diözese hier in Parnaiba. Und darum ging es: Von vielen jugendlichen und erwachsenen Freiwilligen wurden Säcke mit Grundnahrungsmitteln gepackt, um sie dann den Sozialprojekten und den Familien im Umkreis zu verteilen. Nudeln, Reis, Milchpulver, Farinha, Öl, Bohnen, Zucker, Kaffee und Kekse wurden zum großen Teil gespendet und noch von der Diözese dazu gekauft. Dann hieß es für rund 2 Wochen: Spenden in den Kirchen einsammeln, jeden Vormittag Säcke packen und am Ende dann die rund 2.400 Säcke verteilen fahren.

Einige von rund 2400 gepackten Säcken.
Einige von rund 2400 gepackten Säcken.

 

Es hat wirklich Spaß gemacht, denn es waren immer viele Jugendlich da, die in der Zeit ihrer Schulferien geholfen haben.
Es hat wirklich Spaß gemacht, denn es waren immer viele Jugendlich da, die in der Zeit ihrer Schulferien geholfen haben.

Wie lebe ich hier eigentlich?

Davon hatte ich im ersten Rundbrief ganz vergessen zu erzählen.

Ich bewohne, bei einer sehr lieben Gastfamilie, ein eigenes Zimmer mit eigener Hängematte. (musste das mal erwähnen, denn das ist für mich wirklich was Tolles!) Gastmutter, Gastvater, Gastschwester und Ich, aber das ist nur ein Bruchteil der Familie. In meiner Straße wohnen noch 2 Tanten, 3 Onkels, 5 Cousins/ Cousinen und Oma und Opa. In der Stadt gibt es noch mehr Familienmitglieder und außerhalb auch. Genaue Zahlen kenne ich nicht, aber es gibt irgendwo immer noch jemanden, den ich neu kennenlernen „muss“.

Meine Gastschwester Luciana studiert hier in der Stadt Psychologie und meine Gasteltern besitzen einen Laden, indem sie religiöse Artikel verkaufen. Der Glaube ist schon ein großer Teil in der Familie aber mir wird er nicht aufgezwungen, dennoch freuen sie sich, wenn ich daran teilhaben möchte. So gehe ich auch fast jeden Sonntag mit meiner Familie in die Messe von Pater Carlos. Für mich ein wirklich sehr schöner Wochenabschluss, einfach den Gedanken und Wünschen freien Lauf lassen.

Die Kirche bei abendlicher Dunkelheit.
Die Kirche bei abendlicher Dunkelheit.

Die Messe ist hier sehr lebendig, mit Klatschen und lebendigen und schönen Liedern. Der schönste Gottesdienst, den ich bisher je erlebt habe war an einen ganz normalen Sonntag. Durch den ersten Regen, der beginnenden Regenzeit, fiel im Großteil der Stadt der Strom aus, so auch in der Kirche. Aber mach ja nichts, es wurden einfach schnell Kerzen auf den Kirchenbänken verteilt. Die Messe ging im Kerzenschein weiter und die Lieder wurden a cappella gesungen. Ein Gänsehautmoment für mich! Pünktlich zum Ende der Messe kam der Strom auch schon wieder zurück.

So meine Lieben, das war es dann auch vorerst schon wieder von mir.

Ich hoffe euch allen geht es gut, da wo ihr gerade seid.

In und mit Liebe

Eure Lara  

Drei Wünsche:

Die Gelassenheit, alles das hinzunehmen, was nicht zu ändern ist,

die Kraft, zu ändern, was nicht länger zu ertragen ist,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.