2. Rundbrief von Raphael Arulsamy

Liebe Familie und Freunde,
jetzt wird es echt höchste Zeit, dass ich mich nochmal melde. Es tut mir Leid, dass mein letzter
Rundbrief so lange her ist. Ich glaube ich entwickle langsam aber sicher ein sehr afrikanisches
Zeitgefühl.

Dafür habe ich aber jetzt umso mehr zu erzählen. Seit November ist nämlich sehr viel passiert. Da Anfang November die Schulferien begannen, war meine Tätigkeit an der Schule fürs erste um. Ich verbrachte ab dann hauptsächlich meine Zeit damit Gitarrenunterricht zu geben. Ich habe nämlich viele Menschen kennen gelernt, die Gitarre lernen möchten und wollte auch vielen Unterricht geben. Das Problem war aber, dass die Meisten gar keine Gitarre besaßen. Der Lösungsversuch, dass diese Leute einfach jeden Tag bei mir vorbei kommen und auf meiner Gitarre üben, stellte sich auch als schwierig heraus. Deshalb musste ich leider, zur Enttäuschung einiger Menschen, meinen Unterricht auf die Menschen beschränken, die eine Gitarre besitzen.

Als der Dezember dann näher rückte stellte sich für mich die Frage, wie und mit wem ich denn die Weihnachtsfeiertage verbringen könnte. Schnell kam ich auf die Idee zu meinem Onkel zu fahren, der zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie noch in Tansania war. Ich freute mich aus mehreren Gründen auf die Reise. Zum einen konnte ich auch mal ein anderes Land sehen. Es stellte sich heraus, dass Tansania nochmal ganz anders ist als Ruanda. Zum anderen konnte ich auch nach langer Zeit meinen Onkel, seine tansanische Frau, meinen kleinen Cousin und sogar meine Oma besuchen, die sich zu dem Zeitpunkt auch in Tansania befand.

Tansania
Im Dezember ging die Reise dann los. Zwei Freiwillige, die ich gut kannte, wollten zufälligerweise auch nach Tansania reisen. So beschloss ich, ein bisschen mit Ihnen durch Tansania zu reisen bevor
ich dann meinen Onkel besuchte.
Es war eine unglaubliche Reise. Wir besuchten die Stadt Mwanza am Viktoriasee und sahen den
Kilimanjaro in Moshi. Mein persönliches Highlight war die Fahrt durch den Serengeti Nationalpark
und die Ngorongoro Conservation Area.
Ich freute mich aber dann auch wahnsinnig als ich meinen Onkel dann in den Usambara Bergen
traf. Diese Berge gehören wahrscheinlich zu den schönsten Orten in ganz Tansania. Dort
Weihnachten verbringen zu können war wirklich traumhaft.
Mit seinen über 954 km² Fläche ist Tansania etwa 36 mal größer als Ruanda. Obwohl Kiswahili die
Amtssprache ist, werden doch insgesamt 128 verschiedene Sprachen gesprochen. Das liegt daran,
dass in verschiedenen Regionen des Landes unterschiedliche Volksstämme leben. Viele Stämme haben
ihre eigene Sprache. Allerdings kommt man mit Kiswahili im ganzen Land gut zurecht.
Interessanterweise ist Kiswahili keine reine Bantusprache. Von dem frühen arabischen Einfluss vor
allem an der Küste hat auch die Sprache eine Bereicherung gefunden.
Kiswahili ist auf jeden Fall einfacher zu lernen als Kinyarwanda. Obwohl die Grammatik sehr
ähnlich ist, gibt es nicht so viele Abwandlungen wie in der Sprache Ruandas. Ich habe meine Zeit in
Tansania genutzt und habe versucht ein wenig Kiswahili zu lernen. Leider reicht es bis jetzt nur um
Einkaufen zu gehen und Menschen zu grüßen.
In Tansania gibt es sehr viel mehr Muslime als in Ruanda. Etwa 30 – 40 % der Bevölkerung ist
muslimisch. Auch das Christentum ist mit etwa 30 – 40 % vertreten. Jedoch ist von Spannungen
zwischen den Religionen überhaupt nichts zu spüren. Meine Tante erzählte mir, dass an
Weihnachten die Christen und Muslime zusammen kommen, um die Geburt Christi zu feiern.
Genauso werden zu den muslimischen Feiern auch die Christen eingeladen.
Ich war mit meiner Familie am Weihnachtsmorgen in der Messe. Es wurde viel gesungen und
getanzt und im allgemeinen herrschte ein sehr fröhliche Stimmung.
Wie ich bereits erwähnte war eines der schönsten Momente der Reise die Fahrt mit dem Bus durch
die Ngorongoro Conservation Area. Das Gebiet mit seinem berühmten Ngorongoro Krater wurde
2010 zum Weltkulturerbe erklärt und ist eines der unberührtesten Orte, die ich je gesehen habe. Hier
dürfen außer den Massai, welche in ihren traditionellen, kreisrunden Dörfern wohnen, keine
Menschen leben. Außerdem gibt es hier viele wildlebende Tiere wie Giraffen, Elefanten, Zebras und
Gnus. Es war eine unglaubliche Erfahrung in der weiten Graslandschaft des Ngorongoro die
Massai, mit ihren riesigen Kuhherden, neben einer großen Herde wilder Zebras zu sehen.
Die Usambara Berge (wo meine Onkel war als ich ihn besuchte) liegen im Nordosten von Tansania,
unweit der Küste des indischen Ozeans und der Grenze zu Kenia. Dort entstanden in der deutschen
Kolonialzeit große Farmen, Plantagen und zahlreiche Missionsstationen. Dennoch gibt es dort auch
schöne Regenwälder, die schon seit Jahrhunderten bestehen. Der berühmteste und unberührteste
von ihnen ist der Mazumbai Regenwald.
Kurz nach Weihnachten fuhren mein Onkel und ich nach Dar es Salaam um meine Cousine
abzuholen. Sie wollte für zwei Wochen meinen Onkel besuchen.
Dar es Salaam ist eine große aber schöne Stadt. Direkt an der Küste gelegen liegt dort der
wichtigste Hafen Ostafrikas. Die Güter, die hier ankommen, werden weiter nach Kenia, Uganda,
Ruanda und Burundi transportiert.
Ich hatte nur einen Tag in Dar es Salaam, aber es hat gereicht um den schönen Hafen und das Meer
zu bewundern. Außerdem besuchte ich dort den berühmten Mark von Kariakoo. Dieser Markt
befindet sich in einem sehr urbanen Viertel Dar es Salaams und ist vollgestopft mit Menschen,
Ständen und Gütern. Es ist fast unmöglich hindurch zu kommen aber es war ein interessantes
Gefühl unter so vielen Menschen zu sein.
Was ich in Tansania sehr angenehm fand, ist das man als Umuzungu (Kinyarwanda: Weißer) nicht so sehr
auffällt und weniger im Mittelpunkt steht als in Ruanda. In Ruanda kann es manchmal sehr
anstrengend sein, ohne Unterbrechung angestarrt zu werden oder ohne Vorwarnung auf einmal von
100 Kindern umringt zu sein.
In Tansania ist man als Umuzungu einfach ein Stück weit anonymer, was auch mal ganz angenehm
ist.

Wieder in Ruanda
Anfang Januar begann dann auch wieder Schule. Da nun ein neues Schuljahr begann verlief alles
sehr chaotisch. Erst mussten Stundenpläne für alle Lehrer und Schüler erstellt werden und das hat
einige Zeit gedauert. Deshalb hatte ich in den ersten zwei Wochen kaum etwas zu tun. Als dann
irgendwann das Wichtigste organisiert war bekam ich dann auch meinen eigenen persönlichen
Stundenplan. Darüber war ich sehr froh. Letztes Jahr hatte ich ja keinen Stundenplan und ich bin
einfach in die Klassen gegangen wo kein Lehrer war. Das hat zwar Spaß gemacht, hat aber sehr viel
Improvisationskunst von mir abverlangt, weil ich nicht wusste, in welche Klasse ich als nächstes
gehen würde, wie gut sie Englisch können und auf was sie Lust haben.
Jetzt kann ich meine Stunden ein bisschen besser planen, weil ich weiß wann ich in welcher Klasse
bin. Meine Hauptaufgabe ist immer noch den Schülern CREPE (Creative Performance) beizubringen. Das
heißt, dass ich vor allem viel mit den Schülern singe. Mittlerweile kann ich sogar ruandische Lieder
auf der Gitarre begleiten. Aber wir malen und schreiben auch viel in den Creative Performance
Stunden. Was mir dabei vor allem wichtig ist, ist das die Schüler lernen selbstständig auf kreative
Ideen zu kommen. Denn Selbstständigkeit und Kreativität ist leider etwas, was hier an der Schule
ein wenig vernachlässigt wird. Besonders viel Spaß machen mir auch die Sporteinheiten. Da wird vor allem Fußball gespielt. Da ich nicht gerade der talentierteste Fußballspieler bin, fällt es mir nicht immer leicht mich gegen die
Schüler, die schon fast Profis sind, zu behaupten. Aber ab und zu gelingt mir doch das ein oder
andere Tor. Leider habe ich mir letzte Woche beim Fußballspielen den Fuß verletzt und musste
sogar zum Röntgen deswegen, aber keine Sorge, es war nichts schlimmes und bald kann ich
hoffentlich wieder gegen die Schüler antreten.
Das Intore Fest
Letzte Woche gab es an unserer Schule eine besondere Feierlichkeit. Das in Intore Fest ist ein Fest,
welches es schon vor der Konolialzeit gegeben hat. Dabei werden die Besonderheiten der
ruandischen Kultur angesprochen und ein gewisser Patriotismus gezeigt. Zu diesem Anlass kam
sogar die Bürgermeisterin von Musanze an unsere Schule. Es gab feierliche Reden und die Schüler
der AG „traditional dance“ führten, in schönen Gewändern gekleidet, den traditionellen Intore Tanz
auf. Dieser Tanz wird meist in einer Gruppe oder als Partnertanz aufgeführt. Die Tänzerinnen sollen
mit ihren weit ausgestreckten Armen und den eleganten Bewegungen eine Kuh darstellen (die
ruandischen Kühe haben extrem große, gebogene Hörner; deshalb die weit ausgestreckten Arme).
Nach dem Fest gab es noch Essen und Trinken für die Lehrer in einer Bar, wo mit guter Stimmung
weiter gefeiert und natürlich getanzt wurde.

Ich hoffe, dass euch mein 2. Rundbrief gefällt. Ich verspreche auch mich nächstes Mal früher zu
melden.
Liebe Grüße aus dem Herzen Afrikas
Raphael Arulsamy