Bolivien: 3. Rundbrief Miriam Bauer

Liebe Familie, Freunde und Solidaritätskreismitglieder
Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“
(Augustinus Aurelius)

Weihnachten:

Die Ankunft von meiner Schwester, Rachel und meinem Freund  Mattis am 20.Dezember sorgte dafür, dass ich Weihnachten dieses Jahr ein bisschen früher als gewohnt vor der Tür stand. Es war toll wieder ein Stück weit Familie und mein zuhause bei mir haben zu können und die restlichen Tage vor Weihnachten konnten wir dann erst einmal auf einer 18 stündigen Heimfahrt (anstatt 10stündigen, so läuft das eben in der Regenzeit und bei nicht sonderlich gut gesicherten Straßen), in den unbequemsten Bussen (es gibt auch außerordentliche bequeme, in denen man in praktisch horizontaler Lage die Fahrt verbringen kann) sowie in Cochabamba zum Ankommen verbringen.
Das eigentliche Weihnachtsfest lief dann dieses Jahr auch einmal ganz anders ab. Ganz ohne Messe, deutsche Kälte und stattdessen mit einer kleinen Bescherung im gerade, der Probe halber, aufgebauten Zelt mitten im Zimmer und bei wohl durchschnittlichen 15° bis 20° Celsius.

Zeltlager „Cadipas“:

Gleich nach Weihnachten ging es dann am 25. auch direkt los mit dem alljährlichen Lager „Cadipas“ aller Pfadfinder des Distrikts Cochabambas. Dieses Jahr fand es nur knappe 20km von Cochabamba entfernt, in einem schönen Waldstück gelegen, statt und stand dieses Jahr unter dem Motto „de regreso a nuestras raices“, was so viel bedeutet wie „zurück zu unseren Wurzeln“, und diesem Motto treu bleibend dann auch die Spiele und Aufgaben für die Teilnehmer standen. Durch einige unglückliche Fügungen des Schicksals wurden wir drei Deutschen dann zum Sicherheitsteam des Lagers beordert und da dieses hauptsächlich nachts tätig war, war es uns leider nicht immer möglich, viel am sonst laufenden Programm teilzunehmen.
Andererseits konnten wir so auch ein bisschen die Zeit nutzen, neue Ecken im Tal von Cochabamba kennenzulernen. Auf einem Ausflug landeten wir nach einer kleinen Wanderung, in dem Ort Sipe Sipe. Da wir drei Weißen, noch dazu mit einem knapp 2m großen Mann, der hier schon fast als Riese gilt, nicht wirklich unauffällig waren, wurden wir gleich einmal, mit samt den Kindern bei unserer kleinen Verschnaufspause am Kiosk im Dorf fotografiert.

Silvester:

Pünktlich am 30.Dezember endete dann mein erstes großes Lager, das fast 500 Teilnehmer zählte und wir konnten uns auf den Weg nach Sucre begeben. Dort feierten wir dann mit einigen der Freiwilligen der Hermandad gemeinsam ein mehr oder weniger deutsches Silvester. Selbstverständlich sind die Raketen & Böller auch in Bolivien obligatorisch, bloß dass die Selben bei uns bestimmt niemals zugelassen wären und diese auch das ganze Jahr über gerne mal zu besonderen Anlässen losgelassen werden.
In Sucre nutzen wir die 3 Tage, die uns bis zum nächsten Lager blieben dann auch noch für einen kleinen Ausflug zu den „7 Cascadas“, den 7 Wasserfällen. Diese sind zwar nur durch viel Kletterei und auch nicht alle erreichbar, dennoch hat es uns viel Spaß gemacht, an den Wasserfällen zu baden und dabei die ganze uns umgebende Schönheit der Natur genießen zu können.

Zeltlager „Enamas“:

Anschließend wartete auch schon das nächste Lager auf uns. Dieses fand ganz im Süden Boliviens, in Tarija, statt. Wieder einmal ein Lager, welches nur für die Wölflinge (7-11 Jahre) gedacht war, allerdings dieses Mal auf nationaler Ebene. Auch wurden wir vom Sicherheitsdienst dieses Mal verschont und konnten so mehr an dem Programm teilhaben. Hauptsächlich konnten in diesen drei Tagen die Kinder auf spielerische Art und Weise die verschiedenen Sehenswürdigkeiten der Stadt kennenlernen oder mussten sich Aufgaben und Spielen auf unserem großen Zeltplatz, der sogar ein kleines Schwimmbecken besaß, stellen. Das ganze endete dann mit einem großen bunten Abend, an dem die Kinder die traditionellen Tänze ihres Departamento (ähnlich wie Bundesland) vorführten und den krönenden Abschluss lieferte dann anschließend eine engagierte Zirkusgruppe, mit allem was an jonglieren und feuerspucken so dazu gehört.
(…)

Potosi:

Auf der Rückfahrt machten wir dann noch einen kleinen Abstecher nach Potosi. Potosi ist wohl eine der geschichtsträchtigsten Städte Boliviens, die wohl den größten Wandel im Laufe der letzten Jahrhunderte durchleben musste. Die Stadt des Silbers, von dem die Spanier zu Kolonialzeiten mächtig profitierten und die Menschen ausbeuteten und für ihre Zwecke versklavten. Damals, dank der reichen Silbervorkommen in den Bergen, wurden immer mehr Minen angelegt und selbst heute arbeitet immer noch ein Großteil der einheimischen Bevölkerung in diesen Minen. Die Arbeitsbedingungen dort unten wären für uns unvorstellbar (Potosi liegt zudem noch auf einer Höhe von 4000m und es herrscht nicht gerade ein angenehmes Klima). Knochenharte Arbeit unter luftärmsten Bedingungen verrichten dort die Jungen und Männer zwischen vielleicht 15 und 50 Jahren. Ihren Lohn müssen sie sich alle selbst erarbeiten, denn es gibt keinen festgesetzten Lohn und Vorgesetzten. Selbst die Sprengungen werden aus eigens gebastelten Dynamitstangen noch von eigener Hand ausgeführt und die vollen Wagen in schwerer Handarbeit ans Tageslicht befördert.
Alles in allem also ein sehr interessanter, anstrengender und lehrreicher Ausflug in die Minen von Potosi, bei dem wir auch die Bekanntschaft des Bergteufels (Teufel weil Gott über der Erde und der Teufel unter der Erde sein Reich hat), des s.g. „Tio“ machen konnten. Dieser wird auch regelmäßig von den Minenarbeiter mit Opfergaben wie z.B. Alkohol, Zigaretten versorgt.

Cochabamba-Santa Cruz:

Von Potosi aus ging es dann zuerst einmal wieder Richtung Heimat und hier konnte ich dann auch im Kreise meiner Liebsten und einigen Freunden meinen Geburtstag feiern, bevor es uns dann auch schon wieder weiter, wieder einmal nach Santa Cruz, führte. Hier ging dann, nach gefühlten 5 und tatsächlichen 25 Tagen Rachels Rückflug zurück in die deutsche Heimat.

La Paz:

Ich machte mich dann auf nach La Paz, um vor meinem anstehenden Zwischenseminar wenigstens noch ein paar Tage mit Mattis verbringen zu können. Dieser war in der Zwischenzeit auf der DAKAR gewesen (alle Motorsportfans werden wohl wissen was gemeint ist und für alle anderen hat Dr.Google genügend Informationen parat). Und da diese 2014 mitunter auch durch Bolivien und den Salar de Uyuni führte, waren auch schon seit Monaten die meisten Bolivianer „stolz wie Oskar“auf dieses Ereignis.

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Zwischenseminar:

Vom 20. bis zum 26. Januar hatte ich dann mein Zwischenseminar, auf dem sich alle Freiwilligen der beiden Bistümer Trier und Hildesheim unter der Leitung unserer Partnerorganisation Hermandad trafen. In dem auch von weltwärts (dem Förderprogramm für Freiwilligendienste des deutschen Staates) geforderten Seminar ging es hauptsächlich darum, unsere Situationen in den Projekten zu besprechen, aufgekommene Probleme zu bearbeiten und dafür Lösungen zu finden. Am meisten profitierten wir alle aber natürlich von dem Austausch unter Gleichgesinnten und konnten es nochmals so richtig genießen eine Zeit unter uns zu sein. Da das Seminar ganze 11km von Cochabamba entfernt, stattfand hatte ich auch keine sonderlich große Anreise zu bewältigen.

Santa Cruz:

Nach dem Seminar stand dann auch schon Mattis Abflug vor der Tür und wieder einmal ging es in das tropische Santa Cruz. Gottseidank ohne große Zwischenfälle, da die Straße durch die schweren Regenfälle momentan nicht immer befahrbar ist. Nachdem wir noch einen kleinen letzten Ausflug nach Samaipata, ein kleines wunderschönes Dorf in der Nähe von Santa Cruz, machten, hieß es dann auch endgültig Abschied nehmen. Für Mattis ging es zurück nach Deutschland und auch für mich hieß es zurück in den Arbeitsalltag zu kehren.
Obwohl ich auch ehrlich zugeben muss, dass es innerhalb nur eines Monats so viele Busfahrten gewesen waren, dass ich mich auch nochmal auf mein Bett zuhause freute.

„Alltag“:

Allzu alltäglich war dieser dann aber schon am darauffolgenden Wochenende nicht mehr. Die alle zwei Jahre stattfindende Versammlung, samt Neuwahl des Chefs des Distriktes stand an. Diese verlief wirklich unglaublich knapp doch zu guter Letzt endete es mit dem Ergebnis, dass Marcelo Fuentes zum neuen Chef und Vorsitzenden des Distrikts gewählt wurde. Dieser war bereits mein Verantwortlicher auf dem Zeltplatz, so dass ich bereits an die Zusammenarbeit mit ihm gewöhnt bin. Ich bin gespannt, was das alles für Veränderungen mit sich bringen wird.
Eine weitere große Veränderung war der Wechsel meines Pfadfinderstammes hier in Cochabamba. Wegen Unstimmigkeiten und nicht zu kombinierenden, unterschiedlichen Arbeitsweisen, entschloss sich bereits vor einigen Monaten, ein Großteil der Gruppenleiter, mit denen ich am meisten zusammenarbeitete, einen neuen eigenen Stamm zu gründen. Da ich mich ihnen am meisten verbunden fühlte und z.B. auch Adriels Familie mir bereits seit meiner Ankunft eine Herberge bot, entschloss ich mich kurzerhand dazu, mit ihnen zu gehen. Diese Entscheidung bereue ich auch keineswegs, da es eine unglaubliche spannende Erfahrung ist, Teil bei einem kompletten Neuanfang eines Stammes in Bolivien sein zu können. Vom Halstuch bis zur Schule (hier in Bolivien arbeiten alle Stämme immer mit mindestens einem Gymnasium fest zusammen) lagen alle Entscheidungen in unserer Hand. Zur Zeit stehen wir mit unseren 5 Gruppenleitern zwar noch total am Anfang, aber dafür wird es mit Sicherheit super spannend werden, dem Wachstum unseres Stammes „Valeryans“, sowie den Veränderungen unserer Schützlinge beiwohnen zu können.

Kurioses:

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote, die ich gleich auf dem Weg zu meinem erneuten ersten Arbeitstag erleben durfte:
Wie gewohnt steige ich morgens in einen der Busse die mich zum Heim bringen ein und bezahle, wie üblich, mit Bolivianos. Wie man sich schon denken kann, eben mit der bolivianischen Währung. Der unverschämte Busfahrer drückt mir daraufhin jedoch einfach einen „sol“, das ist die peruanische Währung, in die Hand, mit der Begründung, dass dieser auch zwei Bolivianos wert wäre. Damit hat er zwar vollkommen Recht, allerdings bringt mich generell die peruanische Währung in Bolivien nicht besonders weit und der sturrköpfige Fahrer ließ sich auch nicht auf einen weiteren Umtausch ein. Obwohl sich so etwas wahrscheinlich nur mit einer „dummen, unwissenden“ Weiße wie mir machen ließ, bin ich dadurch jetzt immerhin um eine Anekdote reicher geworden.