Bolivien: 4. Rundbrief von Maximilian Görgens

¡Hola! Liebe Leserinnen und Leser, am 26. Februar 2014 hat für mich eine neue Etappe meines Freiwilligendienstes begonnen, ein Projektwechsel hat mich nach Bolivien geführt! Mittlerweile bin ich sogar schon 3 Monate hier, es ist viel passiert, ich habe viel erlebt, es gibt viel zu berichten und ich fange am besten gleich an zu erzählen:

Einführungstage bei der Comisión de Hermandad

Natürlich hat sich durch meinen Projektwechsel nicht nur der Ort sondern auch der Partnerschaftskontext geändert. Da die Comisión de Hermandad ihr Koordinationsbüro in La Paz hat, kam ich zunächst in der auf knapp 4000 Meter hochgelegenen Andenstadt an, um in einem kurz zusammengefassten Seminar wichtige Informationen zu bekommen. Die Hermandad ist eine Organisation im Dienste der bolivianischen Bischofskonferenz und fördert durch ihre Arbeit die bolivianisch-deutsche Freundschaft und den gegenseitigen Austausch. Dabei kann besonders der Austausch, welches das Bistum Trier mit den bolivianischen Diözesen pflegt, auf eine lange Tradition zurückblicken. Aus diesem Grund entsendet SoFiA schwerpunktmäßig Freiwillige nach Bolivien und arbeitet hier eng mit der Hermandad zusammen, die vor Ort Freiwilligendienste und Projektstellen organisiert und gute Unterstützung für die Freiwilligen leistet. Der Hermandad habe ich es zu verdanken, dass mein Projektwechsel reibungslos und problemfrei verlaufen ist. Angefangen von der Unterkunft in einer Gastfamilie in La Paz, bei der ich mich schon mal ein wenig mit dem Leben in Bolivien vertraut machen konnte, über die weitere Vorbereitung in Santa Cruz de la Sierra bis hin zu meinem jetzigen Projekt in San Ignacio de Moxos, stets hat die Hermandad vermittelt und organisiert.

Ankunft am Flughafen El Alto
Ankunft am Flughafen El Alto
Plaza San Francisco in La Paz
Plaza San Francisco in La Paz

Bunte Vielfalt der bolivianischen Kulturen

Dass Bolivien ein faszinierend vielseitiges Land ist, hat sich mir beim Straßenkarneval in Oruro gezeigt, zu dem ich wie die meisten der 20 anderen Hermandad-Freiwilligen (9 ebenfalls von SoFiA) gereist bin. Gruppen aus den verschiedenen Departamentos Boliviens waren vertreten und haben mit ihren bunten und aufwendig hergestellten Kostümen, Tänzen und Musikkapellen ein großes Spektakel veranstaltet und die vielen Zuschauer begeistert. So hat mich Bolivien laut und mit seiner vollen kulturellen Vielfalt empfangen. Während der Karnevalstage waren wir Freiwilligen in Räumlichkeiten der Caritas Oruro untergebracht, die zudem einen kleinen Ausflug zu den nahegelegenen heißen Quellen Poopós organisiert hat. Als wertvoll hat sich für mich der Erfahrungsaustausch mit der Freiwilligengruppe herausgestellt. Wieder zurück in La Paz hieß es Abschied nehmen von meiner freundlichen Gastfamilie und Kofferpacken für die Weiterreise zur nächsten Station, Santa Cruz.

Karneval in Oruro
Karneval in Oruro

Sprachkurs in Santa Cruz

Bolivien ist mit seinen 1,1 Millionen Quadratkilometer gut dreimal so groß wie Deutschland, entsprechend sind die Distanzen, die es zu überwinden gilt. Nach einer etwa 20 stündigen Busfahrt, die mich vom Andenhochland ins tropische Tiefland gebracht hat, kam ich schließlich in Santa Cruz bzw. Santa Cru (die Cruzeños verschlucken mit Vorliebe S-Laute am Wortende) an. Am Busterminal wartete bereits José Carlos (perdón José Carlo), auf mich, der mich während meines zweiwöchigen Aufenthalts in seiner Familie aufgenommen hat. Täglich vier Stunden habe ich im FISK-Sprachinstitut meine Spanisch-Kenntnisse vertieft, den restlichen Tag mit Hausaufgaben und Unternehmungen mit José Carlos, der wie ich begeisterter Sportler ist, oder mit anderen Freiwilligen verbracht. In Santa Cruz hat sich ein toller Freundeskreis zwischen bolivianischen Ex-Voluntarios (auch José Carlos hat schon mal für ein Jahr in Deutschland gelebt) und deutschen Freiwilligen gebildet. Höhepunkte waren unter vielen der gemeinsame Besuch der Lomas de arena, der großen Sanddünen von Santa Cruz, die an eine Wüste erinnern sowie ein kleiner Abschieds-Ausflug mit meiner Gastfamilie nach Cotoca wo die Virgen de Cotoca zu besichtigen ist.

Lomas de arena
Lomas de arena

Auf ins neue Projekt!

Aus den Medien und von einigen Leute hatte ich bereits erfahren, dass das Departamento del Beni und vor allem die Llanos de Moxos, in denen San Ignacio de Moxos liegt, von einem schweren Hochwasser getroffen worden waren. Aufgrund dieser Naturkatastrophe musste ich ab Trinidad mit einer kleinen Avioneta nach San Ignacio fliegen. Die Llanos de Moxos ist eine flache Amazonas-Landschaft, die mit vielen Flüssen durchzogen ist, unter anderem vom Río Mamoré, dem größten Fluss Boliviens. Verursacht durch das Hochwasser glich sie von oben betrachtet jedoch einem einzigen großen Meer, aus dem ab und zu ein Hausdach herausschaute. Doch zumindest aus dem Ort San Ignacio, in dem angeblich dreizehntausend Menschen leben sollen, mir persönlich kommt er kleiner vor, hatte sich das Wasser schon zurückgezogen.
Wie für ehemalige jesuitische Missionssiedlungen des bolivianischen Tieflandes üblich gibt es in San Ignacio eine gemütliche Plaza (quadratische Parkanlage) sowie eine imposante Holzkirche samt historischem Museum und Pfarrhaus, welches von der kleinen Flugzeuglandebahn aus nicht schwer zu finden war und in dem mich Padre Fabio als mein neuer Projektverantwortlicher empfing. Neben dem Padre Fabio, der zwar Italiener ist, aber schon seit vielen Jahren in Bolivien lebt, wohnen dort noch der Padre Bernardo, der Hermano Dennis sowie eine Schildkrötenfamilie. Die jesuitische Pfarrei stellt eine wichtige Institution dar. So wird mit dem Colegio „Arajuruana Fe y Alegría“ nicht nur eine Schule unterhalten sondern zudem ein Internat für Kinder und Jugendlichen, deren Eltern zumeist weit entfernt leben und beispielsweise auf dem Land (campo) arbeiten. Außerdem gibt es noch ein technisches Institut, um das sich Hermano Dennis kümmert. Meine Aufgaben als Freiwilliger beschränken sich auf die Schule und das Internat, sind vielseitig und machen Spaß! Ein besonderer Glücksfall ist, dass ich mit zwei bolivianischen Freiwilligen zusammenarbeiten darf und wir nicht nur ein gutes Team sondern auch gute Freunde geworden sind. Da gibt es den Lucho (18 Jahre aus La Paz), der bis vor einer Woche noch regelmäßig morgens im Sekretariat der Pfarrei gearbeitet hat und die Deyanira (25 Jahre aus Cochabamba), welche genau wie ich im Colegio arbeitet. Im Unterschied zu mir betreut sie gemeinsam mit der Profe Mónica die kleinsten der Fe-y-Alegría-Familie im Kindergarten/Vorschule. Ich gebe gemeinsam mit der Profe Karen den Englisch-Unterricht in der kompletten Sekundarschule. Alle drei gemeinsam kümmern wir uns um die Belange des Internats, helfen dort den Kindern und Jugendlichen bei den Hausaufgaben, organisieren Freizeitmöglichkeiten, gruppendynamische Spiele und sind als Betreuer Ansprechpartner bei Fragen und Problemen jeder Art.

Templo von San Ignacio de Moxos
Templo von San Ignacio de Moxos

Das Colegio „Arajuruana Fe y Alegría“

Was ist eigentlich „Fe y Alegría“ und welches Konzept steht dahinter? Darüber haben erst kürzlich die Schülerinnen und Schüler des Colegios anlässlich der Feierlichkeiten zum neunjährigen Bestehen informiert. 1955 wurde „Fe y Alegría – Glaube und Freude“ als Bildungsprogramm von einem jesuitischen Padre in Venezuela ins Leben gerufen und ist heutzutage in 20 Ländern (hauptsächlich in Ländern Lateinamerikas, aber auch in Spanien, Italien und im Tschad) vertreten. In San Ignacio wurde die Schule „Arajuruana“ (Ignaciano „neue Generation“) im Jahr 2005 mit dem Ziel gegründet, den Kindern des zuvor bestehenden Internats sowie einigen von außerhalb eine qualitative Bildung zu ermöglichen. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler ist noch leicht überschaubar. Pro Jahrgangsstufe gibt es eine Klasse à 30 Schüler. Es gibt eine Vorschulklasse, sechs Klassen der Primaria sowie entsprechend sechs Klassen der Secundaria. Englisch ist neben Ignaciano, einer Sprache die nur in San Ignacio und einigen kleinen Gemeinden in Moxos existiert, aber im Alltag nur selten zu hören ist, eine von zwei Fremdsprachen, die am Colegio unterrichtet werden. Pro Kurs sind aus diesem Grund nur anderthalb Stunden Unterricht vorgesehen. Trotzdem lassen sich manchmal kleine Fortschritte erzielen. Besonders mit dynamischen Liedern wie „head, shoulders, knees and toes“, welches dem Erlernen der Vokabeln der verschiedenen Körperteile dient, lassen sich das Interesse der Schüler wecken. Profe Karen und ich sind mittlerweile ein gut eingespieltes Team. Während sie mit ihrem Lehrplan die Richtung vorgibt und Aufgaben in den Schulheften anordnet, bin ich für grammatische Erklärungen, die Aussprache sowie für Hilfestellungen bei den Aufgaben zuständig. Wenn ich mal zwischen zwei Unterrichtsstunden Zeit übrig habe, korrigiere ich entweder Schulhefte und Klassenarbeiten oder schaue in der Vorschule vorbei und puzzele eine Runde. Der Unterricht beginnt täglich um 7 Uhr 30 und montags mit dem sogenannten Acto Civico, zu dem sich die die SchülerInnen in ihren weißen T-Shirts mit dem Fe-y-Alegría-Herzlogo aufstellen und die bolivianische Nationalhymne singen. Abends finden häufig Lehrerversammlungen (reuniones) statt, die entweder fortbildend oder geselliger Natur sind und bei denen dann Cumbia-Tanzen oder Karaoke auf dem Programm stehen. Auch Elternabende besuche ich, da wir Freiwillige als Erziehungsbeauftragte der Kinder des Internats anwesend sein sollen. Außerdem werden in der „Fe y Alegría“ verschiedene Schulveranstaltungen durchgeführt wie zum Beispiel Festivitäten anlässlich des Muttertags oder des neunten Jahrestags der Schule. Auch gibt es sportliche Veranstaltungen wie zum Beispiel Basketball-, Volleyball- und Futsalturniere, die im sogenannten Coliseo stattfinden und bei denen ich das Lehrerteam unterstütze oder Wettläufe zur Lagune und zurück.

2do de secundaria
2do de secundaria
Schule „Arajuruana Fe y Alegría“
Schule „Arajuruana Fe y Alegría“

Die Kinder des Internats, eine große Familie

Den restlichen Tag verbringe ich im Internat, in dem zur Zeit 19 chicas und chicos leben. In Zukunft sollen jedoch noch ein paar mehr aufgenommen werden. Der Jüngste, Pablo Gabriel (genannt „El gran Gabo – der große Gabo“), ist diesen Monat gerade ein Jahr alt geworden und zweites Kind der ältesten Bewohnerin Carmen, die ein wenig später 20 Jahre alt geworden ist. Im Colegio ist sie nicht die einzige junge Mutter. Auch Papá Carlos wohnt und arbeitet im Internat und kümmert sich um alle Kinder genauso wie um seine eigenen. Das Schöne daran ist, dass sich auf diese Weise ein familiäres Gruppenklima eingestellt hat. Viele der Kinder und Jugendlichen sind erst kurz vor meiner Ankunft aufgrund einer schwierigen ökonomischen Lage aus der Moxos-Gemeinde San Francisco nach San Ignacio umgezogen. Genauso wie der Padre Bernardo, welcher die Hauptverantwortung für das Internat trägt. Seitdem befindet sich das Internat im Umbruch. Marode Gebäudeteile werden saniert oder umgebaut, neue Haushaltsgegenstände angeschafft, Tagesabläufe strukturiert. Letzte Woche haben wir sogar einen eigenen Fußballplatz auf der Wiese des Internats gebaut, der am Sonntag eröffnet werden wird. Vor allem die Jungs sind begeisterte Fußballer und so verbringen wir viele Nachmittage auf der Cancha. An den Wochenenden finden häufig Spiele statt. Erste Priorität haben jedoch die Hausaufgaben. Zudem gibt es vorher täglich eine halbe Stunde Englischunterricht, welcher zwar verpflichtend ist, aber doch hauptsächlich mit Spielen und englischen Liedern Freude an der Sprache vermitteln soll. Dieser Unterricht zählt ebenfalls zu meinen Aufgaben.

Las chicas v.l.n.r:  Diane, Lizeth, Yan Carla, Carmen
Las chicas v.l.n.r: Diane, Lizeth, Yan Carla, Carmen

Bei gutem Wetter sind das Schwimmen in der traumhaft schönen Lagune, die beliebtes Ausflugsziel der Ignacianos ist, oder Fischen in Teichen etwas außerhalb des Ortes im Wald beliebte Freizeitbeschäftigungen. An jedem zweiten Wochenende organisieren wir Freiwilligen einen kulturellen Abend mit Tanz und Spielen (Dinámicas), die den Gruppenzusammenhalt stärken und Schüchternheit abbauen sollen. Auch Feste wie der Día de los Niños, Día de la Madre oder Geburtstagsfeiern zu denen es wie in Bolivien gängig große zuckersüße Torten gibt finden an solchen Wochenenden statt. Auch wenn ich mich viele Stunden am Tag im Internat befinde, habe ich mein Zimmer in der Pfarrei, welche jedoch nicht weit entfernt ist.

La Laguna
La Laguna

Ignacianische Kultur und Traditionen

In San Ignacio werden Traditionen gelebt. So ist der Ort auch außerhalb Boliviens für seine Barockmusik bekannt, die vom Ensemble der Escuela de Música interpretiert wird. Über die Jahrhunderte haben die Indígenas mojeños nicht nur die jesuitischen Barockmusikstücke aus der Kolonialzeit erhalten sondern auch durch eigene Kompositionen und durch den Gebrauch ihrer eigenen Instrumente bereichert. Brauchtümer werden auch in der „Fe y Alegría“ gepflegt. So wurde in der Semana Santa, der Karwoche, die Passion Christi von den Schülerinnen und Schülern als Via Crucis mit einer Prozession durch den Ort inszeniert und gespielt. Beachtlich waren die aufwendig hergestellten Kostüme und Requisiten der Schüler und die lebendige Präsentation. So haben sogar Römer-Darsteller hoch zu Ross die Via Crucis begleitet. Besonders interessant sind außerdem die Trachten und Bräuche der Indígenas, welche sich mir bei einem Besuch der kleinen comunidad Monte Grande gezeigt haben. Am ersten Mai haben Deyanira, Lucho und ich dorthin eine Radtour unternommen, da an diesem Tag das Patronatsfest San José gefeiert wurde. Nach einer Messe mit Padre Fabio in der Capilla konnte man auf der Wiese nebenan eine Prozession bestaunen, bei der die Heiligenfigur des Josef begleitet von traditionell gekleideten Indígenas und indigener Musik im Kreis getragen wurden. Dort habe ich auch zum ersten mal einen Achu gesehen, eine Narrengestalt mit hölzerner Maske, Stock und Stroh-Sombrero auf dessen Krempe eine Vorrichtung angebracht ist, die in unregelmäßigen Abständen Knaller zündet. Repräsentativ für den gesamten Beni stehen jedoch die Trachten der Macheteros, die mit ihren Hüten, deren lange Federn an eine untergehende Sonne erinnern, auch in San Ignacio ab und zu zu sehen sind.

Vivir la vida

Verrückte Zeit hier in Bolivien… Normalerweise ist es im Beni sehr sehr heiß und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit doch letzte Woche kam plötzlich ein kalter Sur-Wind, sodass ich mich mit Pullover und Mütze zu- und mit Cocablättern eingedeckt habe, die einen hervorragenden Tee geben. Mir gefällt das Leben in San Ignacio mit meinen Freunden, mit den Kindern im Internat, mit den profes und padrecitos und ich freue mich auf jeden neuen Tag. Kürzlich habe ich eine 2 Meter lange bereits tote Anakonda vor dem Internat liegen sehen. Einen Tag später ist in Deyanira´s Zimmer eine kleine Giftschlange eingedrungen. Glücklicherweise ist aber nichts Schlimmes passiert. Ich lerne Tinku tanzen mit dem Ziel im Juli in den Schulferien in Cochabamba beim Straßenumzug mitzumachen und bald schon findet im Juni ein Seminar in den Yungas statt, zu dem die Hermandad eingeladen hat. Die Kinder des Internats, vor allem die Jungs, und ich warten natürlich schon gespannt auf die Fußballweltmeisterschaft im Nachbarland Brasilien und starten demnächst mit einer großen Tipprunde. Gerade eben haben wir uns schon mal das Freundschaftsspiel des Titelkandidaten Spanien gegen die bolivianische Auswahl angeschaut und gleich mache ich mich auch schon wieder auf den Weg ins Internat.

Fragen beantworte ich natürlich ebenso gerne wie bisher und freue mich über eine Rückmeldung, Kritik oder auch ein Hallo.

Mit freundlichen Grüßen

y hasta pronto,

Euer Maximilian

San Ignacio de Moxos, 30.05.2014