Burkina Faso: 4. Rundbrief von Elisa Wenzel

Mein Jahr in Burkina Faso:

V i e r t e r    R u n d b r i e f

Banfora, der o7-Mai-2o14

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Zeit hat uns in den wunderschönen Monat Mai gebracht, der hier noch zu den sehr heißen Monaten im Jahr gehört, und tatsächlich kann ich bis jetzt nicht aufhören, über mein (Nicht-)Empfinden des Zeitvergehens zu staunen.

So sind in Burkina Faso für einen Großteil der Schüler schon die letzten Tage des Schuljahres angebrochen, die großen Ferien nahe und bereits Ende dieses Monats werden die meisten Mädchen das Foyer verlassen. Bleiben werden dann nur noch diejenigen, die in der Schule eine Prüfung abzulegen haben, im deutschen Schulsystem entspricht das der Klassenstufe 10 und 13.

Nun also ein weiterer Rundbrief von mir aus Burkina, einer, der auch mir zeigt, dass meine Zeit hier deutlich über ihrer Hälfte ist.

 

Ende der Sensibilisierungs-Arbeit

Mit dem Beginn des Monates kamen für Sœur Céline und mich die letzten Tage der Sensibilisierungs-Arbeit auf den Dörfern. Gemeinsam sind wir das Schuljahr über in verschiedene Collèges der näheren und weiteren Umgebung gefahren, um dort mit den Jugendlichen über die Pubertät, über Geschlechtskrankheiten, ungewollte Schwangerschaften und Abtreibung zu sprechen.

In einer der letzten beiden Schulen, im Dorf ‚Baguéra‘, hat die Arbeit insofern nochmal besonders Freude bereitet, als die Zusammenarbeit mit den Schülern so harmonisch war. Abends notierte ich: ‚Die Jungen so aufmerksam und ehrlich interessiert, die Mädchen wirklich berührt‘.

Überhaupt empfand ich generell das Arbeiten, trotz gewaltigen Klassenstärken mit bis zu 150 Schülern, selten problematisch – im Gegenteil war ich erstaunt zu sehen, wie auch mit so vielen jungen Menschen in einem Raum, Ruhe und Konzentration möglich war. Wenn ich da an meine eigene Schulzeit zurückdenke, machen eindeutig die burkinischen Schüler das Rennen!

Als es dann schließlich soweit war, und ich das letzte Mal einen großen Uterus an die Tafel zeichnen durfte, empfand ich schon ein wenig Wehmut:

Diese Arbeit hat in mir so vieles angestoßen und berührt – sie hat mich aufgewühlt und füllt mir den Kopf, wenn ich abends keinen Schlaf finde; sie hat aber auch die Freude bereitet, etwas bei dem ein oder anderen anregen zu können und mich sehr bereichert, da wir mit den Schülern in Kontakt treten konnten. Manchmal überließ Céline mir am Ende der Zeit, die wir mit den Schülern hatten, das letzte Wort und dann spielte ich meinen Joker aus: Ich versuchte auszudrücken, wie sehr mich, die ich von weit gekommen bin, die Arbeit mit ihnen erfreut habe und dass ich an ihre Kraft glaube – nicht nur an die in Armen und Beinen, sondern auch an die in Kopf und Herz. Und vor allem, dass es nun gilt, diese Kraft zu nutzen, um etwas aus dem Leben zu machen. Denn wir haben ja nur das eine.

Ehrlich gesagt war es aber auch gerade dieser Moment, in dem mir bewusst wurde, wie sehr ich, zusammen mit den Schülern, mit-sensibilisiert worden bin. Diese Sensibilisierungs-Arbeit war ein großer und wichtiger Teil meiner Zeit hier und so empfinde ich große Dankbarkeit vor allem gegenüber Sœur Céline, da sie sich darauf eingelassen hat, mich mitzunehmen und dadurch, gerade am Anfang, auch einige Umstände in Kauf genommen hat.

Auf dem Rückweg von Baguéra machten wir einen kurzen Zwischenhalt, der mir die Möglichkeit gab, einen kleinen Berg zu besteigen. Im sonst so flachen Burkina war  das eine wahre Wonne für mich.

Auf diesem Berg hat früher, vor Feinden gut geschützt, ein ganzes Dorf gelebt; vor vielen Jahren aber sind die Familien nach und nach in die Ebene umgezogen, da es in Zeiten des Friedens zu umständlich wurde, Wasser, Holz und Ernte stetig hinauftragen zu müssen. So bleiben heute nur die Andenken ihrer verlassenen Häuser, leeren Vorratskammern und die Zeichen ihrer Religion, die noch an vergangene Jahre erinnern. Das ehemalige Dorf, welches zum Teil sogar auch in den Felsen gebaut ist, hat mich zusammen mit dem scheinbar fast unendlichen Ausblick in die Ferne (die Elfenbeinküste in der einen, Mali in der anderen Richtung) sehr fasziniert; nach den Tagen der Sensibilisierungs-Arbeit war es wunderbar, die Weite und den leichten Wind der Höhe genießen zu dürfen…

verlassenes Dorf
Das verlassene Dorf – Niansogoni

Ostern

Die Tage vor, um und nach Ostern sollten sich für mich in sehr hellen Farben zeichnen.

Denn während ich Weihnachten leider verpasst hatte (beziehungsweise mit Fieber in meinem Bett verbrachte), war es mir nun eine umso größere Freude, das Osterfest mitfeiern zu können.

Da ich hier bei und mit Schwestern leben darf, versteht es sich, dass es eine sehr intensive Zeit war: In der Karwoche wurde gewacht und gebetet, am Karfreitag fasteten die Schwestern den ganzen Tag. Am späten Abend des Karsamstages schließlich begann die Ostermette mit einem funkenfreudigen Osterfeuer, sie ging weiter mit der Taufe von sieben Erwachsenen und fand ihren freudigen Höhepunkt, ohne Frage, nach der Kommunion – Menschen stehen auf, singen, klatschen und tanzen. Wieder einer dieser Momente, in dem die Luft schwer und leicht gleichzeitig ist, in dem sie zu vibrieren scheint vor Freude all dieser Menschen und erfüllt ist vom Strahlen ihrer Gesichter. Beseelt ging es danach heimwärts, wo wir nach einem ausgiebigen Mitternachts-Fest-Imbiss glücklich und müde ins Bett sinken konnten.

Rumgeeiere

Der nächste Tag bedeutete dann neben dem Ostersonntags-Festschmaus auch viele, viele Besucher, die kamen, um der Communauté frohe Ostern zu wünschen. So war es erst der Ostermontag, an dem ich Zeit fand, ein paar Ostereier zu bemalen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das draußen, im Schatten eines strahlenden Sonnenscheins machen konnte. Die Schwestern schmunzelten, verständlicherweise, sehr über mich und immer, wenn ein Mädchen des Foyers vorbeikam, musste ich mich sehr erklären (erklären, dass in Deutschland der Osterhase kommt, um bunt angemalte Ostereier zu verstecken und dass heute ich der Osterhase bin..) – auf jeden Fall hat sich die Mühe gelohnt und das Prozedere mir Freude bereitet.

Schatztruhe

In Vorbereitung auf Ostern organisierte Sœur Véronique für die Mädchen des Foyers einen Nachmittag, an dem sie all ihre Fragen zu Ostern an einen jungen Ordensbruder stellen konnten. War ich zwar bei dieser Fragerunde selbst nicht dabei, so merkte ich am Abend, als ich zu ihnen ging doch, wie da bei den Jüngeren der Mädchen noch die ein oder andere Frage unter den Nägeln brannte. Als ich also gefragt wurde, ob es Jerusalem eigentlich tatsächlich, wirklich und echt geben würde, gingen wir zusammen in den Saal, in welchem die Mädchen lernen, und machten dort, auf einer Weltkarte, mit unseren Zeigefingern die Reise von Ouagadougou, in Burkina Faso nach Jerusalem in Israel. Und als wir einmal dabei waren, ging es gleich weiter nach Amerika, China, Australien und schließlich nach Europa. Eines der Mädchen (Victorine, genannt Vito) legte dann den Kopf schief und sagte:

Schatztruhen-Maedchen
Schnappschuss nach dem Computer-Kurs, meine Mädchen Leslie, Marie und Vito

„Weißt Du, warum ich wirklich einmal nach Europa muss?! Ich will unbedingt mal Schnee sehen. Wie ist Schnee?“ So stand ich da und legte ebenfalls den Kopf schief.

Wie erklärt man eigentlich Schnee? Ich versuchte es mit der kindlichen Freude, wenn er das erste Mal im Jahr fällt und allem die altbekannte, weiße Mütze aufsetzt, mit dem sachten Gefühl, wenn Flocken auf der Haut schmelzen und damit, dass man die Zunge herausstrecken kann, um sie aufzufangen. Vito lächelte und fragte: „Schmeckt es sehr salzig?“

So gibt es mit den Mädchen immer wieder Augenblicke, die ich versuche, in eine Schatzkiste, in der Nähe meines Herzens zu packen; und die all die Fragen, die ich in meinem letzten Rundbrief so ausführlich beschrieben habe, abrunden können.

Ja, für mich werden ‚Freiwilligendienste‘ immer eine kritische Angelegenheit bleiben. Aber dort, wo Menschen miteinander Mensch sein können, kann Gutes wachsen. (Und die Angst davor, dass auch Ungutes entstehen kann, darf ja nicht das Gute ersticken. Jedenfalls nicht, solange nicht ein besserer Weg gefunden ist.)

Ein anderer Schatztruhen-Moment war an einem Sonntagmorgen, nachdem Sœur Céline und ich ein paar Tage fort gewesen waren. Als mich danach zwei der Jüngsten erblickten, schauten sie sich kurz an und kamen mir freudig, übermütig entgegengerannt. So brauchte ich nur noch die Arme zu öffnen und sie hineinlaufen zu lassen, um für den Moment einfach nur glücklich zu sein.

Ein Tag in Sara

Mitte Februar hatte Sœur Véronique, die unsere ‚Sœur Maman‘ ist, ihre eigene Mutter verloren. Noch an diesem selben Tag wurde ihre Beerdigung gefeiert. Trotzdem wurde Ende April, eine Woche nach Ostern, ihr zu Ehren nochmals eine Messe mit anschließendem Fest in ihrem Dorf organisiert. Hier ist es nämlich üblich, das Andenken eines Menschen, der ein hohes Alter erreicht hat, wirklich zu feiern – dadurch das Leben und alles, was der Verstorbene daraus gemacht hat, zu würdigen.

Auch ich hatte das Glück, für diesen Tag in das Dorf, also nach Sara reisen zu dürfen. Während fast alle Schwestern schon einige Tage im Voraus aufgebrochen waren, um die Festlichkeiten vorzubereiten und bereits den traditionellen Teil zu feiern, ging es für uns, den Rest, erst am Samstagmorgen selbst los.

Schon auf der zweistündigen Autofahrt war ich freudig gespannt und tatsächlich sollte es einer der schönsten, sehr bereichernden Tage werden.

Er begann mit einer Messe, welche der ausdrückliche Wunsch der ‚Alten‘ (wie sie hier liebevoll von allen genannt wird) gewesen war. So wurde im angenehm kühlen Schatten eines riesigen Mangobaums eine Messe gefeiert – zum Teil auf Französisch, zum Teil auf Bwamu (ausgesprochen „Buamu“), der Sprache des Dorfes.

Mich haben besonders die Lieder fasziniert, die ebenfalls in ihrer Sprache waren und begleitet wurden von traditionellen Instrumenten. Deren Klang konnte ich dann auch noch nach dem (mehr oder weniger) gemeinsamen Essen genießen, als sie zu den Tänzen musizierten. Getanzt haben vor allem die Angehörigen der Familie und einige Bewohner des Dorfes, in einem großen Kreis von vielen Menschen wurden sie dabei von den Zuschauenden beklatscht, bejubelt und ab und an mit einem Geldstück belohnt, welches die Tanzenden stets an die Musiker weitergaben.

Tanz in Sara
Tanz in Sara

Das Erlebnis dieses Nachmittages ist nicht leicht in Worte zu fassen, es war einfach gut und hat mich irgendwie berührt:

Da ist einer der Tänze, der daraus besteht, sich langsam immer mehr dem Rand des Kreises zu nähern und sich schließlich fallen zu lassen, darauf zu vertrauen, dass die anderen einen auffangen und wieder auf die weiter tanzenden Beine bringen werden.

Da ist die Frau, mit dem grünen Tuch um den Kopf, und der Weite in ihren Augen, die beim Singen Arme und Blick hebt und mir damit den Anblick ihrer Freiheit schenkt. Und da ist unsere Sœur Véronique selbst, die so genau weiß, wie ihre Füße zu setzen und tanzt und tanzt, bis ihre Nichte sie ablöst.

An diesem Nachmittag erahne ich den Reichtum dieses Dorfes (der für mich nicht vor allem aus dem Tablet-Computer zu bestehen scheint, mit dem der Chef des Dorfes das Geschehen filmt); einen Reichtum, der in den Menschen des Dorfes selbst wohnen könnte: Die Verbundenheit durch ihre Sprache, ihre Tänze – die Verbundenheit mit ihrer Tradition. In anderen Zeilen sprach ich davon, wie anstrengend, wie kräftezehrend das Leben auf einem burkinischen Dorf sein kann, an diesem Tag fühlte ich aber vor allem, wie wertvoll es ist.

Er regte in mir von neuem die Frage an, was einen Menschen groß, und was ihn klein macht… Wahrscheinlich muss die Antwort auf eine solche Frage jeder für sich selbst suchen; für mich aber tragen jene Menschen von Sara, ohne Frage, eine Größe in sich.

Thérèse Tiaho – die Mutter von Soeur Véronique

Diese Frage stelle ich mir auch in Hinblick auf das Leben mit Religion hier.

Schon in verschiedenen Zusammenhängen sprach man mir davon, dass es in Burkina niemanden gäbe, der nicht an einen Gott glaube. Und diesem Glauben wird Raum gegeben: Wenn der Muezzin zum Gebet ruft, wenn die Alten der Animisten auf einem Dorf ihre Opfergaben bringen, oder eben sonntags in der Kirche. So erlebe ich hier eine Liebe zur Kirche, die eben nicht die zu einer Institution ist, die, wie jede Institution auch Fehler macht – sondern die zu einer Gemeinschaft ist, in der versucht wird, Frieden und Nächstenliebe zu leben.

Dabei bin ich natürlich in gewisser Weise verwöhnt, da ich hier mit jungen, aufgeschlossenen und lebensliebenden Schwestern zusammen sein und dem Klang lauschen darf, wenn sie in ihrer kleinen Kapelle die Zeilen der Jahrtausende alten Psalmen singen. Aber auch außerhalb der Mauern des Foyers erlebe ich eine Gesellschaft, die ihren Gott liebt. Der Weg (Islam, Naturreligion oder Christentum) scheint mir dabei viel weniger die Frage zu sein als sein Ziel…

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nun hat dann wohl das Ende dieses Rundbriefes begonnen. Heute, da ich den letzten Teil verfasst habe, ist es nicht so heiß und ich konnte mich zum Schreiben nach draußen setzen – hin und wieder weht eine sachte Brise.

Ja, ohne Frage liebe ich es noch immer sehr, hier zu sein, hier zu leben. Und wenn ich mich daran erinnere, wie ich zum Beispiel anfangs viele verschiedene Gerüche so sehr intensiv wahrgenommen habe, die mir nun aber schon länger nicht mehr auffallen, dann sehe ich auch, wie vertraut mir hier vieles geworden ist. Zwar gibt es für mich auch Tage in diesem Jahr, die nicht so leicht sind wie andere und/oder ich sehr an die lieben Menschen in der Ferne denke (als ich die wunderbare Oma zu ihrem 87. Geburtstag anrief, zum Beispiel); aber vielleicht ist das einfach so, wenn man sich für eine längere Zeit auf einen Weg begeben hat.

Und dann sind da ja immer wieder Schatztruhen-Augenblicke und Momente, für die sich das lohnt.

Seit einigen Wochen darf ich nun auch das alte Fahrrad genießen, das der liebe Bakari für mich geflickt hat und es ist mir eine wahre Freude, dann und wann ein wenig den Abend zu durchstreifen und lange Sonnenstrahlen einzufangen.

In den nächsten Tagen werde ich sehr mit dem immer näher rückenden Abschied der Mädchen beschäftigt sein, die Zeit bleibt nicht stehen. Dabei sind und bleiben meine Gedanken natürlich auch bei der wundervollen Familie Kraemer… Ja, meine Zeit hier lehrt mich, wie sehr man Menschen, die man liebt, im Herzen mitnehmen kann. Egal, wo man ist.

So wünsche ich Euch allen im frühlingsfrohen Deutschland, dass der Frühling so schön weitergeht, wie er begonnen hat und Ihr nun mehr und mehr jene Sonne genießen könnt, die auch hier Tag für Tag so tatkräftig lacht.

Herzliche Grüße und auf bald,

Eure Elisa

4 Weite
weiter Ausblick – die Elfenbeinküste in der einen, Mali in der anderen Richtung