Ein Tag wie jeder andere

„Aaaaaallaahuu Akbar!“ Ich reibe meine Augen und schaue auf die Uhr. Vier Uhr Fünfunddreißig.
Na toll. Wiedermal vom Kassettenrekorder der Moschee wach geworden. Der durch Lautsprecher verstärkte Gesang des nicht vorhandenen Muezzins erklingt über dem muslimischen Viertel von Ruhengeri. „Aufstehen Leute, es ist Zeit zum Beten“, lautet die Botschaft, doch ich drehe mich um und schlafe noch ein bisschen weiter…

Eine Stunde später wache ich wieder auf, diesmal von dem Gesang meines Handys. „Wake up, wake up, wake up, it’s a brand new day!“ Na gut, ich sollte den Aufforderungen meines Handys wohl Folge leisten. Ich setze mich auf, schiebe die Decke und das Moskitonetz zur Seite und schon friere ich. Wieso muss es hier immer so kalt sein? Erstmal Wasser kochen zum duschen, dann frühstücken. Verdammt, kein Brot da. Dann muss ich wohl Chappati kaufen…

„Waramutse neza Raphael!“ Einen wunderschönen guten Morgen! Vianne grüßt mich wie jeden morgen mit einem leicht übertriebenen Enthusiasmus. Er hat ein kleines Bistro nicht weit von meiner Wohnung. Jeden Morgen und jeden Abend sitzt er an seinem Kohleherd und macht fleißig Chappati. Manchmal sogar 200 am Tag. „Waramutse Vianne!“, grüße ich zurück,“ ndashaka chappati.“ Ich hätte gerne Chappati. „Ushaka z’ingahe Raphael?“ Wie viele möchtest du? Ich lächele und steige in sein Spiel mit ein, nach jedem Satz meinen Namen zu nennen. „Ebyiri gusa Vianne.“ Nur zwei. Er lächelt um zu zeigen, dass auch er es witzig findet und drückt mir eine Tüte in die Hand. Darin sind zwei noch warme Fladenbrote. „Urakoze Raphael!“ „Sawa, urakoze Vianne. Umunsi mwiza.“ Danke und einen schönen Tag.

„Iyi ikaramu ni nini gusumba iyi. This pen is bigger than this one. Iyi ikaramu ni ntoya gusumba iyi. This pen is smaller than this one.“
„Yes, very good“ , sagt Danny, mein Kinyarwanda Lehrer. Wir sitzen in einem der wenigen mehrstöckigen Gebäude in der Innenstadt von Ruhengeri. Ich bin froh über mein kleines Erfolgserlebnis und versuche mich nicht von dem Geschehen draußen ablenken zu lassen. Ich kann es letzten Endes doch nicht verhindern und mein Blick schweift herunter auf die Straße. Überall wo man hinschaut sind Menschen. Ein Mann mittleren Alters geht zügig an unserem Gebäude vorbei. Er hat fünf Hühner in der Hand. Sie leben, sind aber temporär betäubt, da der Mann sie an den Füßen festhält und kopfüber baumeln lässt. Das würde mich auf längere Zeit auch betäuben, denke ich. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite putzt ein anderer Mann seine Terrasse. Als aus dröhnenden Lautsprecherboxen plötzlich ein fetziges Lied von Koffi Olomide erklingt, dem kongolesischen Superstar, fängt er an zu tanzen, ganz im kongolesischen Stil mit viel Hüfteinsatz.
An ihm vorbei läuft ein Typ im Jogginganzug. ‚Bowlingclub Bieberach‘ steht darauf geschrieben. Ich muss lächeln. Witzig, was alles aus der deutschen Altkleidersammlung hier landet. Weiter hinten laufen ein paar Jungs, die eine Kuh vor sich hertreiben.
„Hey, uri kumva?“ Hörst du zu?
„What, oh sorry“, entschuldige ich mich bei Danny.
„Now we are going to learn about future imperativ and past imperativ.“
Was? So was gibt es doch gar nicht! Im Kinyarwanda schon, wie ich erfahre. Oh man, manchmal macht mich diese Sprache einfach fertig…

„Good morning!“
„Good morning Raphael!“
„How are you today?“
„We are fine.“
„Let’s go to play Volleyball.“
Lautes Jubeln. Enthusiastisch stehen die Schüler der Senior 3c auf. Das Wetter ist gut hier oben im Dorf Nyange. Wobei Dorf eigentlich nicht wirklich stimmt. Ein richtiges Dorfzentrum gibt es nämlich nicht. Es gibt nur ein paar Häuser, ein paar Läden und ganz viele Felder. Hier werden je nach Jahreszeit Kartoffeln, Bohnen, Maniok, Kassava oder Mais angebaut. Im Moment ist Maiszeit und die noch jungen Maispflanzen ragen aus der fruchtbaren Vulkanerde.
Ich gehe mit den Schülern auf das Volleyball Feld. Seitdem dort seit kurzem ein Netz hängt, kann man sogar richtige Turniere veranstalten. Die Sicht auf die Vulkane ist heute richtig klar und ich schaue auf den mit Regenwald bedeckten Muhabura-Vulkan. Schade, dass sich von dort nie ein Gorilla nach unten verirrt. Ein Gorilla zu Besuch in der Schule, das wärs doch.
Da ich nicht konzentriert bin merke ich zu spät wie der Ball über meinen Kopf hinweg saust und direkt auf die Kuh zusteuert, die auf der Schulwiese genüsslich am schmausen ist. Der Ball bleibt genau unter der Kuh liegen, was die Kuh jedoch nicht zu interessieren scheint. Sie frisst gemütlich weiter. Ich bin an der Reihe den Ball zu holen und obwohl ich Kühe eigentlich mag, gehe ich doch eher vorsichtigen Schrittes der Schulkuh entgegen. Kühe zu mögen ist eine Sache, aber einen Ball zwischen ihren muskulösen Beinen, die so leicht austreten könnten, hervorzuholen, ist eine andere. Langsam nähere ich mich dem Tier. Ich schaue ihr in die Augen. Sie schaut zurück, allerdings eher gelangweilt. „So Kuh“, sage ich „ich tu dir nichts. Ich will nur den Ball da raus holen, aber wenn du mich trittst dann werde ich…“ Mir fällt nichts ein. Dann werde ich wahrscheinlich ohnmächtig auf dem Gras liegen, denke ich. Hinter mir lachen die Schüler mich aus. Einen Umuzungu (Weißen) der mit einer Kuh redet haben sie glaube ich noch nie gesehen. Ohne die Beine der Kuh aus den Augen zu lassen greife ich unter die Kuh und hole den Ball hervor. Die Kuh würdigt mich noch nicht mal eines Blickes und isst weiter. Voller Stolz über meinen Sieg über die wilde Bestie kehre ich zum Volleyball Feld zurück.
„Haha, wagize ubwoba.“ Du hattest Angst, höre ich einen Schüler sagen.
„Reka da!“ Nein man, sage ich und mache den nächsten Aufschlag…

„Ryama Usinizire, urare aharyana
kuko nanjye ahondi, nguhoza ku mutima
we kubunza imitima, amarira nashire
ijoro rihire, urare aharyana.“

Ich stehe mit meiner Gitarre in der Senior 1e. ‚Wir lernen Musiktheorie‘ war mein Plan für diese Stunde doch daraus wurde dann irgendwie ‚Wir singen Lieder von ruandischen Popstars‘. Na ja, ich kann mich nicht beschweren. Mir macht es ja genau so viel Spaß wie den Schülern. Wer braucht schon Musiktherorie? Dem eben gesungenen Lied der ‚Urben Boyz‘ folgt nun ‚Twinkle twinkle little star‘, dann ‚Amazing Grace‘. Kein Musikgenre wird ausgelassen.

Als ich abends zu Hause ankomme sehe ich wie mein Nachbar Florian vor seiner Tür sitzt. „Amakuru Florian? Do you want to eat with me?“ „Yego sha!“ Klar man. Wir gehen in meine Wohnung und ich stehe wie jeden Abend vor einer Entscheidung: Koche ich mit Strom oder mit Kohle? Lieber Kohle, der Strom fällt eh jeden Moment aus. Florian lacht mich aus während ich verzweifelt versuche den Imbabura (Kohleherd) anzumachen. Endlich erbarmt er sich und hilft mir. Ich koche Ubugali. Das ist eine teigähnliche Masse aus Maniokmehl. Während ich den Teig mit einem großen Kochlöffel umrühre, fange ich an zu schwitzen. Ubugali kochen ist harte Arbeit. Danach koche ich eine Soße.
Zack. Strom weg. Wusste ichs doch. Gut, dass ich mich für die Kohle entschieden hab. Wir setzen uns auf den Boden und essen genüsslich. Zum Nachtisch noch ein paar Bananen. Jetzt wo mein Magen voll ist merke ich, wie müde ich bin. Spülen? Nee, mache ich morgen. Ich putze die Zähne und schmeiße mich auf meine Matratze. Endlich schlafen. Es ist erst 20:30 Uhr aber bei Stromausfall kann ich eh nicht viel machen. Langsam schlafe ich ein, während das Zirpen der Grillen meine Träume hinaus in die afrikanische Nacht trägt…

Liebe Leser und Leserinnen,

dies war ein kleiner Einblick in einen ganz normalen Tag hier in Ruhengeri. Ich dachte mir, dass ein solcher Text mein Leben besser schildert als ein gewöhnlicher Rundbrief. Ich hoffe er hat euch gefallen. Bei Fragen oder Kommentaren darf sich jeder gerne bei mir melden. Meine Mailadresse lautet raphael.arulsamy@hotmail.com

Viele liebe Grüße

euer Raphael