Almuth Müller: 5. Rundbrief aus der Ukraine: Sorgen, Wünsche und Träume

Liebe Freunde!

Pilgerfahrt nach Univ
Mit Oma und Opa bin ich auf die Pilgerfahrt nach Univ gefahren. Es war witzig und gut, sie da zu haben. Ein bisschen teilen, was ich hier für mich gefunden habe, was ich gelernt habe, was ich zeigen kann. „Das beste ist, wenn man sich beim Essen was empfehlen lassen kann“, sagt Oma immer. Stimmt: Ich weiß schon, was man probieren muss. Es ist trotzdem nur ein kleiner Teil, den ich mitteilen kann. Die Erfahrungen mache ich hier und kann sie schlecht nach Hause schicken .
Ob ich Heimweh habe? Ob ich endlich heim will? Nein, nicht so sehr.


Oma und Opa sind tatkräftig mit den Maltesern zur Pilgerfahrt gestartet. Sie sind tüchtig mitgelaufen, als wir uns mit den Rollstuhlfahrern auf den Weg gemacht haben. Es geht darum, mit unseren Romantikern das letzte Stück mit den Pilgerern mitzulaufen. Natürlich mit Versorgungsbus, der den Opa auch gerne mal ein Stück weit mitgenommen hat. Am Ende dann zieht der Zug feierlich durch das Tor in die Pilgerstätte ein, die Malteser vorneweg. Dort findet ein Gottesdienst statt, die Jungs hatten natürlich schon unsere Zelte aufgebaut und für uns gekocht. Für mich war es wieder schön, die Malteser von ihrer coolen Seite zu haben: Sie können die Großeltern ganz selbstverständlich einpacken und hatten noch ihren Spaß mit ihnen.

mit den Rollstuhlfahrern auf dem Weg
mit den Rollstuhlfahrern auf dem Weg

Kiew
Wieder zu Hause war erst mal nicht besonders viel los. Ich hab es mir deshalb erlaubt, Anfang Juni noch eine Woche nach Kiew zu fahren zu meiner Freiwilligenkollegin Elena. Die arbeitet in dem Zentrum „Our Kids“, ein von deutschen Trägern initiiertes Projekt für Kinder, die in ihren Familien nicht gut aufgehoben waren. Ich habe gerne ein wenig in die Arbeit reingeschaut und daneben bin ich losgezogen, die Stadt zu erkunden.
In Kiew habe ich plötzlich eine Mentalität entdeckt, die ich von hier nicht kenne. Eine Großstadt eben, in der ich mir sogar vorstellen könnte, zu leben. Hier sind viele Studenten aus allen Teilen des Landes, auch viele Ausländer. Russisch und Ukrainisch hört man nebeneinander, weil sich hier Ost- und Westukrainer treffen. Oft steht die typische Anonymität der Großstadt gegen das doch so ukrainische Völkchen, das noch an jeder Straßenecke sein kleines Märktchen eröffnet. Mit Elena haben wir ein tolles Museum besucht, das gegenwärtige ukrainische Kunst ausstellt und unterstützt. In der Stadt habe ich Bücherläden und Theater entdeckt, Szene. Wir haben uns in ein Studentenviertel verliebt, in dem es sich gerade viele kleine alternative Bars und Pubs gemütlich machen. Da kann man sich rein setzen und weltoffene, nette Menschen kennenlernen. „Wir wissen, dass wir manchmal noch hinterher sind, sei es wegen unserer Geschichte, aber wir versuchen, weltoffen zu sein“, sagte uns ein sympathisches Paar auf gutem Englisch. Und sie haben uns gleich noch alle Orte aufgeschrieben, die wir in der Ukraine noch unbedingt sehen müssen.
Nur der Maidan hat mir nicht gefallen. Labbrige Zelte stehen noch immer herum mit dreckigen Fahnen obendrauf. Der rechte Sektor ist übriggeblieben. Typen sitzen davor, die Alten saufen schon mittags, die Jungen schauen den Mädels hinterher. Ohne Idee sitzen sie da, wahrscheinlich auch eben deshalb. Ich kenne doch die Perspektivproblematik dieses Landes. Das, was da auf dem Maidan ist, ist jedenfalls nicht mehr aktuell.
Von offizieller Seite gibt es aber auch einige Fragwürdigkeiten. Als ich am Auswärtigen Amt vorbeigelaufen bin, hatte ich bestimmt eine fragende Miene. Es ist ein riesiger Palast, mit riesig hohen Säulen davor und zwischen den Säulen sind riesige Fahnen aufgespannt. Neben der ukrainischen Fahne hängt die europäische. Ich weiß nicht, von welcher Seite die Provokation größer ist. Aus Vorurteilen von unten und politischen Machtspielen von oben, ganz schön viel Manipulation von überall her und Wissen gegen Unwissen wird ein da ein Krieg provoziert. Und keiner kann behaupten, dass es nach mehreren Flugzeugabschüssen, einer davon schon von internationalem Rang und Mobilisierung in allen Ecken nicht nach Krieg riecht. Besonders nah geht mir, dass mittlerweile Bekannte und Freunde zur Armee gerufen werden, egal ob in ihrem Willen oder nicht. Auch wenn Mischa nur zur Ausbildung gehen soll, was passiert als nächstes? Bald werden sie alle genommen.

Kritik an der Freiwilligenstelle

Im letzten Rundbrief hatte ich viele neue Projekte vorgestellt. Viele davon sind ein bisschen gescheitert. Ich möchte hier meine Kritik an der Freiwilligenstelle schon äußern. Eine der Stützen einer Einsatzstelle für das Jahr im Freiwilligendienst ist wohl die freiwillige soziale Arbeit. Die Möglichkeiten, die die Malteser hätten, Arbeitsfelder zu schaffen, werden nicht angeboten, nicht unterstützt und auch nicht aufgebaut. Möglich für mich als Freiwillige aus dem Ausland ist nur eine Mitarbeit in guten Projekten, die mit Ukrainern zusammen gestaltet werden, denn Kennenlernprozess und Sprachkenntnisse brauchen ihr Zeit. Die Möglichkeit zu Zusammenarbeit ist hier mit der Vielzahl junger, engagierter Volontäre am allerbesten gegeben. Für mich als deutsche Freiwillige wäre es von besonderer Wichtigkeit, langfristige und nachhaltige Projekte in der Jugendarbeit für die Malteser zu planen.
Dahingegen ist mir sowohl im Austausch mit anderen deutschen Freiwilligen als auch grundsätzlich in meiner letzten Zeit hier noch einmal ins Auge gefallen, wie unglaublich lebendig und wichtig mein Kontakt zu den Ukrainern hier ist. Von zwei Arbeitsstellen über Gäste über Volontäre bis hin zu Freunden von Freunden lerne ich Leute kennen und damit auch Ansichten und Lebensprojekte und Sprache.

Arbeit in der Caritas
Manchmal bin ich dann einfach in die Caritas gefahren zu Marcel für ein paar Projekte. Er hat den Vorteil, dass es dort ständige, finanzierte Projekte gibt, in denen er immer dabei sein kann. Die Behinderten haben jetzt Ferien, dafür geht die Arbeit in dem neuen Flüchtlingsprojekt erst richtig los. Ich selbst bin noch mit den Behinderten auf deren Tagesausflug an einen zweiten Pilgerort gefahren. Wir hatten dort einen eigenen Gottesdienst und einen Kreuzweg. Es waren viele Leute dabei, darunter viele geistig Behinderte, die von der Caritas betreut werden. Auch bei der Caritas geht nicht alles einen ganz geordneten Weg, aber trotzdem war es ein sympathischer Tag. Ich habe Zeit verbracht mit Marcel und seinem besten Kumpel, der Downsyndrom hat. Marcel ist viel erfahrener im Umgang, aber auch ich kann gut klarkommen. Die Eltern der Behinderten waren auch dabei und haben für den Abschluss noch alles für ein großes Picknick mitgebracht. Also war natürlich wieder alles da, vom Kompottgetränk bis zu den sauren Gürkchen, und es wird großzügig geteilt und verteilt. Typisch ukrainisch.
Die Caritas hat mich dann auch noch zu ihrem Jugendzeltlager eingeladen. Das konnte ich natürlich nicht abschlagen. Mit ein paar anderen jungen Volontären zusammen und den Verantwortlichen der Caritas hatten wir da ein großes Programm für eine ganze Horde Kinder und Ältere. Im Lager gab es dieses Mal viele patriotischen Aufgaben, schon die Teams sollten sich ein solches Motto geben. Dazu gab es Quiz und Wettbewerbe und Workshops. Ich hatte den Eindruck, dass das ein gutes Jugendlager ist, wie man es überall haben könnte. Schade, dass sich Caritas und Malteser hinter dem Rücken gegenseitig schlecht machen und anfeinden, obwohl noch nie jemand wirklich ein Auge auf die Projekte des anderen geworfen hat oder sich ehrlich dafür interessiert hat. Nur Marcel und ich haben die beiden Organisationen während des Jahres ein bisschen näher kennengelernt und müssen uns manchmal die Kommentare verkneifen oder auch Kommentare überhören.

Malteser-Sommerlager Dora 2014
Ein bisschen alternativer wird das Malteser-Zeltlager alleine schon durch den Ort, wo es stattfindet.
Anfang des Monats begann auch bei den Maltesern das große Zeltlager. Ich habe mich so gefreut, als mich der Malteserbus abgeholt hat und wir nach Dora gefahren sind. In den Karpaten, wo wir ein einfaches Gebäude zum Schlafen zur Verfügung haben und wo wir gegenüber auf der Wiese unser Lager aufschlagen. So vieles im Zeltlager hat mich zurückerinnert an meine erste Woche in der Ukraine: Dora 2013. Wie wir in der Schlange vor der Essensausgabe standen und uns gegenseitig Plätze freihielten. Wie wir die Fahne gehisst haben. Wie wir im Fluss im eiskalten Wasser baden waren. Und wie ich einfach kein einziges Wort von diesem ukrainischen Kauderwelsch verstanden habe. Dieses Mal war vieles ähnlich, aber ich selbst war schon anders. Ich kenne fast jeden von den 150 Leuten auf dem diesjährigen Gruppenfoto und ich kann mit jedem reden wie ich will. Ich war wieder genießerische Teilnehmerin und habe diesmal gleichzeitig ein bisschen gearbeitet. Wir haben das Zeltlager schon zusammen geplant. Schön, dass alle zusammen kommen: Alte und Junge, jugendliche Volontäre und Kinder, Rollstuhlfahrer und Ausländer. Schwierig natürlich, das alles zu vereinbaren. Trotzdem hatten wir viel gutes Programm. Wir hatten Sportspiele und Denkspiele und da war von Floorball bis Volleyball bis Gummistiefelwerfen alles dabei. Wir hatten Workshops, in denen wir Püppchen gestaltet, gefilzt und uns Tattoos gemalt haben. Die Jugendgruppen haben sich vorgestellt in kleinen künstlerischen Aufführungen, in denen sie sich in die Zukunft versetzt haben. Wir hatten auch Lehrworkshops, in denen wir das wichtigste über Erste Hilfe, über den Umgang mit Rollstuhlfahrern und über Zeltauf- und -abbau gelernt haben. Es hat geregnet, als wir traditionsgemäß unseren Ausflug in die Berge machen wollten. Sonst hat aber meistens die Sonne geschienen. Die ganze Woche über hat uns ein Geistlicher begleitet und jeden Morgen Gottesdienst angeboten. Am Schluss gab es noch eine große Wasserschlacht.
Wir haben schon einige Male darüber geredet, wie man dem Zeltlager einen Sinn geben kann, der es als Malteserarbeit bekräftigt. Gerade die Lehrworkshops haben mir schon gut gefallen, denn sie weisen in die richtige Richtung. Auch der Kreuzweg hat mir gefallen, in dem wir die Stationen diesmal selbst gestaltet haben, sowohl die Örtlichkeit als auch den Text und den Gedankenanstoß, und in dem die Rollstuhlfahrer unser bewegliches Kreuz von Station zu Station mitgetragen haben. Schon von Anfang an habe ich ja die Stärke in der Jugendarbeit hier bemerkt. Die Volontäre müssten nur noch viel eigenständiger und viel mehr Projekte entwerfen dürfen, an denen sie verantwortlich und aktiv beteiligt sind. Nur so könnte sich auch der Aufgabenbereich der Malteser vergrößern. Und dann wäre auch für die deutschen Freiwilligen hier einiges einfacher. Das Zeltlager kann aber auch ruhig seine Mentalität behalten, die es jugendlich und gemeinschaftlich sein lässt und die mir doch schon letztes Jahr so zugesagt hat. Ich lerne immer, auch dann, wenn wir das große Lagerfeuer entfachen, wenn ich mit dem Geistlichen rede oder mit den Kindern im Fluss bade, wenn ich in der Natur bin, und einfach wenn ich mit anderen zusammen bin.
Ich selbst habe während des Zeltlagers noch ein paar Extra-Aktivitäten für die Kleinsten angeboten. Einmal haben wir unsere Hände mit Farbe abgedruckt, einmal haben wir am Fluss Steintürme gebaut und einmal haben wir selber Knete gemacht. Ein besonderer Erfolg für mich war dann noch meine Andacht an unserem geistlichen Tag, die ich zum Thema Rassismus bzw. Toleranz vorbereitet hatte. Ich hatte dafür das Gleichnis vom Samariter in dieser Richtung ausgelegt. Und passend zum Thema des Zeltlagers „Ukraine, träume!“, habe ich die Leute noch ihre Träume an einen Traumfänger knüpfen lassen. Ein Erfolgserlebnis war es deshalb, weil mich der ukrainische Pfarrer unterstützt hat, der aus seinem Umfeld einer der offensten ist. Auch deshalb, weil ich eine ganze Stunde auf ukrainisch gesprochen habe, was ich mir jetzt zutrauen kann. Letztens auch deshalb, weil ich ein heikles, aber für mich wichtiges Thema angesprochen habe und weil ich trotzdem positive Rückmeldung bekommen habe: Es habe Spaß gemacht und mein Interpretationsgedanke sei hier neu gewesen.

Lehrworkshop mit den Rollstuhlfahrern
Lehrworkshop mit den Rollstuhlfahrern

 

wir Ukrainer
wir Ukrainer

 

Abschlussfoto des Zeltlagers
Abschlussfoto des Zeltlagers

Thema Rassismus
Rassismus ist immer noch ein Thema, was mich hier in der Stadt nicht loslässt. Vor einigen Jahren waren noch schwarze Volontäre bei den Maltesern und es war kein Problem. Am Dienstag sind wir mit einem Haufen Jungs und Rollstuhlfahrern zu dem Ukraine-Cup-Fußball-Finale ins Stadion nach Lviv gefahren. Donezk hat gegen Kiew, den Lieblingsverein von unseren Maltesern, gewonnen. Da waren sie ein bisschen niedergeschlagen und haben die Schuld gleich dem Schwarzen in der Mannschaft in die Schuhe geschoben, der doch nur auf dem Platz hin und her gerannt sei und sich sowieso nicht anstrenge, weil er nur für das Geld spielt. Früher sei das noch ein anderer Ehrgeiz gewesen, als nur „unsere“ spielten. Mir war die Mannschaft aus Donezk sympathisch mit ihren Ostukrainern und auch Schwarzen, genauso wie die Fans, die mit den „Slava Ukraini“-Rufen angefangen haben und als Zeichen des Respektes gegenüber dem Gegner Kiew-Rufe hinten dran gehängt haben. Egal, ob es nur die Russen sind oder die Schwarzen auch, der Hass gibt Boden für Krieg. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das hier weitergeht…

Ich kann die Tage schon zählen, bis ich nach Hause fahre,
ich melde mich ganz bald nochmal –
Eure Almuth