Ruanda: 3. Rundbrief von Johanna Merz

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Dienst in Ruanda neigt sich dem Ende zu und für mich kommt unausweichlich die Zeit des Abschieds von Freunden und einer Lebensweise, die ich sehr zu schätzen gelernt habe. In diesem Brief habe ich mich auch endlich dazu überwunden, das schwere Thema des Genozids anzusprechen.

Gedenken an den Völkermord

Warum? Das ist wohl die Frage, die niemand je beantworten wird.

Geschichtlich ist der Völkermord in einigen Gedenkstätten in Ruanda aufgearbeitet, allen voran das Memorial Center in Kigali. Die Geschichte mit all ihren Ursachen und Auswirkungen konnten andere besser zusammenfassen als ich. Hier ist ein Artikel dazu:

https://exzellenzcluster.uni-konstanz.de/ruanda.html

Innerhalb weniger Monate sind circa eine Millionen Menschen grausam ermordet worden. Bei einer Bevölkerung von acht Millionen Einwohnern, ist kaum ein Ruander, der zu dieser Zeit gelebt hat, nicht betroffen. Ist es wirklich erstaunlich, dass auch heute noch Menschen traumatisiert sind?

Dieses Jahr jährte sich der Genozid zum 20. Mal. Wie jedes Jahr seit 1994 wurde auch dieses Jahr vom 7. bis zum 14. April eine Gedenkwoche gehalten. Zu diesem Anlass wurde zum Beispiel im Stadion in Kigali ein Theater aufgeführt, bei dem eine Gruppe von Jugendlichen den Genozid darstellten, in dem sie sich gleichzeitig auf den Boden legten und tot stellten. Einige Menschen im Publikum schienen diese Schauspiel nicht zu verkraften und verließen weinend das Stadion.

Ich war an diesem Tag weder in Kigali noch irgendwo sonst in Ruanda, denn ich hatte mich entschieden in dieser Zeit das Land zu verlassen. Dennoch nahm ich an einer Gedenkveranstaltung teil, die Anfang Mai in unserer Schule stattfand. Organisiert wurde diese von einer Schülergruppe die sich A.E.R.G. Urumuli nennt. Diese Gruppe agiert ruandaweit und wurde von Studenten gegründet, die nach einer Möglichkeit suchten, mit ihren Erinnerungen von 1994 umzugehen.

In der ETP Nyarurema gibt es zu diesem Zweck drei A.E.R.G.-Familien. Diese Kleingruppen wählen jedes Jahr „Vater“ und „Mutter“ als Vorsteher ihrer Familie. Sie treffen sich regelmäßig, um über ihre Sorgen zu sprechen und sich gegenseitig zu unterstützen. Der Gedenktag an unserer Schule startete mit einem Spaziergang durchs Dorf. Dieser Gang der Erinnerung wurde weitgehend schweigend verbracht und von einem Banner angeführt. Wir endeten in der Kirche, wo ein kurzer Gottesdienst gehalten wurde. Danach fanden sich alle Schüler und Lehrer in der Mensa ein. Ich kann die Atmosphäre in dem Raum nur schwer beschreiben. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, an den Wänden standen Mitglieder der A.E.R.G mit Wasserflaschen und Taschentüchern ausgerüstet, vor der Tür ein Team von Schülern für die erste Hilfe in Notfällen.

Dann begannen die Reden: Eine Frau erzählte ihre ganz persönlichen Erlebnisse von 1994 bis sie mitten im Satz abbrach, überwältigt von den Erinnerungen. Die Schüler sangen ein paar langsame Lieder, die das Thema Genozid behandeln. Der Schulleiter wiederholte die geschichtlichen Ereignisse. A.E.R.G. führte ein kleines Theaterstück auf. Immer wieder verließen Schüler den Saal, andere nutzten die Taschentücher, um ihre Tränen zu trocknen. Für mich persönlich wurde es sehr schwer, dort zu bleiben und ich entschied mich die Veranstaltung zu verlassen. Draußen fragte mich das Notfallteam, ob sie mir helfen könnten, ich verneinte und ging in mein Zimmer.

Später am Abend hörte ich lautes Weinen und Schreien aus dem Gästezimmer der Pfarrei, das direkt neben meinem liegt. Als ich vorsichtig aus der Tür sah, winkte mich ein Priester zu sich, der mit sorgenvollem Blick etwas abseits stand. Er nannte mir den Namen der weinenden Schülerin und sagte nicht mehr, als dass sie eine Krise hätte. Ich hatte nicht den Mut nach mehr zu fragen. Auf dem Weg zurück in mein Zimmer, kamen mir zwei Priester aus dem Gästezimmer entgegen, die so besorgt aussahen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Sie bemerkten mich kaum. Beim Abendessen in der Pfarrei war die Stimmung gedrückt. Es wurde kaum gesprochen und alle verschwanden schnell in ihre Zimmer. Die Priester kümmerten sich fürsorglich um das Mädchen.

Ein paar Tage später erfuhr ich die Geschichte dieser Schülerin und ich versuchte mir damit zu erklären, warum sie drei Tage ihre Augen nicht öffnete und zwei Wochen lang kein Wort sprach. Ich kann nicht beschreiben, wie sich dieser Tag für mich anfühlte und ich kann nicht einmal ansatzweise nachempfinden, wie sich dieser Tag für die Schüler und Lehrer angefühlt haben muss.

Der Völkermord an den Tutsi hat vor 20 Jahren eine Millionen Menschen das Leben gekostet, aber noch weitaus mehr Seelen verletzt zurückgelassen, die bis heute nicht geheilt sind. Jedes Jahr im April wird die Geschichte wieder und wieder aufgerollt in der Hoffnung diese Heilung in der Gemeinschaft zu beschleunigen, aber noch vielmehr um das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und als Mahnmal für die Zukunft zu erhalten. Ruanda nennt sich heute ein geeintes Volk und es gibt die Einteilung in Ethnien nicht mehr. Bis alle Auswirkungen des Genozids jedoch beseitigt sind, werden noch einige Jahre vergehen.

Schüleraustausch

Seit zwei Jahren besteht eine Partnerschaft zwischen der ETP Nyarurema und dem Johannes-Gymnasium Lahnstein in der Nähe von Koblenz. Aus diesem Grund besuchte eine Gruppe von Schülern 2012 Ruanda und die Schule in Nyarurema. Dieses Jahr war es Zeit für den lange geplanten Gegenbesuch. Acht Schülerinnen, zwei Schüler und zwei Lehrer bekamen die Chance, zwei Wochen in Deutschland zu leben. Zum großen Teil waren die Gastfamilien auch die Sponsoren der ruandischen Schüler.

Die Vorbereitung und vor allem die Beschaffung der Visa war mit einigem Aufwand verbunden, aber mit jedem Tag stieg die Vorfreude auf die Reise. Der Abschied am Flughafen in Kigali zeigte die Aufregung der Schüler. Schon der Flug war das erste Highlight und auch in Deutschland gab es viel zu staunen, denn das Leben unterscheidet sich doch sehr stark. Das Programm bot dann zwei Wochen voller neuer Bekanntschaften, Erfahrungen und Orte.

Im Nachhinein hatten die Schüler viel zu erzählen und unzählige Fotos zu zeigen. Der Austausch scheint ein paar bleibende Eindrücke hinterlassen zu haben. Oft habe ich gehört, dass vor allem der Faktor Zeit in Deutschland ganz anders begriffen wird. Busse und Bahnen fahren nach einem minutengenauen Zeitplan ab und die Menschen sprinten mit einem anderen Tempo durch die Straßen. In Ruanda fährt ein Bus los, wenn er voll ist. Die Menschen haben beim Gehen viel Zeit. Außerdem ist bei den Schülern sehr deutlich angekommen wie wichtig ihre Englischkenntnisse sind, was ihren Ehrgeiz, die Sprache zu verbessern, angestachelt hat.

Viele Schüler haben nach den zwei Wochen in der Umgebung von Lahnstein Freundschaften geknüpft, denen ich nur wünsche, dass sie die Zeit überdauern und trotz der Distanz weiter wachsen, genau wie die Partnerschaft der beiden Schulen.

Zeit für einen kleinen Rückblick meines Freiwilligenjahres

Vor allem im Umgang mit Kindern hat sich für mich viel seit der Anfangszeit geändert, als mich Gruppen zwischen 5 und 50 neugierigen Kindern oftmals ziemlich überfordert haben. Ich stand in der Mitte und fühlte mich fast wie ein Zootier, während die Kinder auf Kinyarwanda auf mich eingeredet und gelegentlich meine Haut gefühlt haben, die so anders aussieht als ihre eigene und sich doch gleich anfühlt.

Nach zwölf Monaten kann ich diese Neugier eher genießen. Ich verstehe meistens, wenn die Kinder mich etwas fragen und kann auch antworten. Es macht großen Spaß den Kindern kleine Fingertricks beizubringen oder, wenn mehr Zeit ist, ein gemeinsames Lied zu singen und ein bisschen zu tanzen.

Dieses Beispiel zeigt mir persönlich am deutlichsten wie viel ich in einem Jahr gelernt habe und wie ich mich entwickelt habe. Am Anfang war ich nur ein Gast und fühlte mich wie eine Fremde. Heute bin ich Teil der Familie in der Pfarrei und ärgere die Priester so sehr wie sie mich ärgern. Wir haben unsere Insider und jeder einzelne ist mir ans Herz gewachsen. Auf der Straße kennen viele meinen Namen und es fühlt sich natürlich an, die Leute auf ruandische Art zu begrüßen, was ein paar Minuten dauern kann.

Ich habe mich an die ruandische Art zu Leben gewöhnt und ich bin in Nyarurema zu Hause. Ganz langsam stellt sich für mich die Frage, wie ich mich von allem und allen hier verabschieden kann, wenn ich nicht einmal weiß, wann ich die Möglichkeit haben werde, meine Freunde wiederzusehen. Natürlich bietet das Internet soziale Netzwerke, aber es ist nicht dasselbe wie sich jeden Tag zu sehen. Das habe ich erfahren, als ich mich vor einem Jahr von meinen Freunden in Deutschland verabschiedet habe. Jetzt freue ich mich natürlich schon auf das baldige Wiedersehen.

Und dank der lebendigen Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz, dem Verein INSHUTI und der Freundschaft zwischen Lahnstein und Nyarurema bin ich sicher, dass ich meine Faszination für das kleine Land voller Hügel auch in Deutschland behalten kann.

Ich hoffe ich konnte euch im vergangenen Jahr ein wenig mit meiner Faszination anstecken. Danke für eure Unterstützung und euer Interesse. Für heute soll das alles sein.

Bis bald und alles Gute,

Eure Mucyo Yohana

 

PS: Hier noch ein paar Bilder aus den vergangenen Monaten!

 

Kinder aus Urumuli
Die Kinder aus Urumuli, einer Unterpfarrei von Nyarurema
Nairobi
Nairobis Hochhäuser
Kampala
Der Busparkplatz von Kampala, Uganda
Giraffe
Eine Giraffe im Hellsgate Nationalpark in der Nähe von Nairobi
Fronleichnam
Fronleichnamsprozession
Chor
Chorwettbewerb in Urumuli
Zebras
Zebras im Hellsgate Nationalpark