Bolivien: 5. Rundbrief von Maximilian Görgens

DSCN2787Liebe Leserinnen und Leser,

ein Blick aufs Datum sagt mir, dass nicht mehr viel Zeit bleiben wird bis ich meine Heimreise antreten werde. Und dabei ist in Moxos gerade so viel los! Nicht nur, dass im Internat und im Colegio viel passiert, nein, auch der Höhepunkt des Jahres in San Ignacio, die Gran Fiesta, stand erst kürzlich an, welche im ganzen Ort traditionell folkloristisch und ausgelassen gefeiert wurde. Fast atemlos ist die letzte Zeit vergangen und ich muss mich plötzlich mit unangenehmen Themen wie Abschied nehmen beschäftigen, sehe aber zugleich erfreut einem großen Wiedersehen im fernen Deutschland entgegen. Nur hin und wieder kam mir in diesem Jahr der Faktor Zeit ins Bewusstsein und dann vor allem die Zeit-Empfindung/ Wahrnehmung. Sind 13 Monate Freiwilligendienst am Ende zu viel oder zu wenig Zeit oder vielleicht doch genau richtig? Wie es auch sein mag, diese 13 Monate sind ein großartiges Geschenk und wann immer ich an das bisher Erlebte zurückdenke, an die vielen schönen Momente in Ruanda und Bolivien, muss ich sagen, dass ich nicht mehr darauf verzichten mag.

Hermandad-Seminar in den Yungas

Das Thema Abschied, so bleiern schwer es sich auch anhören mag, ist bereits im Juni auf mich zugestoßen als sich zuerst Lucho, mein Mitfreiwilliger aus La Paz, aus San Ignacio verabschiedet hat und es kurz danach bei einem Seminar der Hermandad bearbeitet wurde. Da der Treffpunkt für dieses Seminar in La Paz ausgemacht war, habe ich die Gelegenheit genutzt, mich vor und danach mit Lucho zu treffen und konnte nicht nur seine Familie und die sehenswerte Stadt La Paz besser kennenlernen sondern auch einige Besorgungen später auf der Rückfahrt nach San Ignacio mitnehmen. Unter diesen war unter anderem ein Fußballtrikotsatz für die Kinder des Internats, welche Luchos Familie gestiftet hatte und für die Lucho und ich zuvor ein Design angefertigt hatten.

Das Hermandad-Seminar sollte vom 9. bis zum 13. Juni in den Südyungas stattfinden und dabei der sogenannte „Camino del Inca“ (Der Inkapfad, auch Takesi Trek genannt) auf einer zweitägigen Caminata (Wanderung) zum Haus der Aymara-Schwestern in Yanacachi bestritten werden. Dieser präkolumbische Weg, der vom Altiplano in die Region der Yungas mit ihren tiefen Schluchten und Bergnebelwäldern führt und der bereits den Aymaras aus Tiwanaku, den Inkas und in der Kolonialzeit auch den Spaniern als Transportweg gedient hat, ist besonders durch die großen Höhenunterschiede und die verschiedenen Ökosysteme interessant, die man beim Wandern auf teilweise gepflasterten Wegen durchquert.

Hermandad-Freiwilligengruppe
Hermandad-Freiwilligengruppe

 

Nachdem wir den Weg auf 4.200 Höhenmetern im Altiplano-Umland von La Paz gestartet hatten, sind wir zunächst auf frostig kalte 4.650 Meter hinauf gewandert, um dann später von Lama- und Alpacaherden begleitet den Abstieg in die Yungas vorzunehmen. Trotz der unablässigen Regenfälle am 2. Tag der Wanderung in den dichten und grünen Bergwäldern der Yungas, sind alle schließlich am Ziel in Yanacachi auf ca. 2000 Metern angekommen.

Für mich war es wiedermal eine gute Gelegenheit, mit anderen Freiwilligen ins Gespräch zu kommen. Zu den Programmpunkten des Seminars gehörten dann schließlich ein Rückblick im Freiwilligendienst, Landeskunde (aktuelle soziale Konflikte in Bolivien), Spiritualität und Zukunft.

Seminare sind ein elementar wichtiger Bestandteil des Freiwilligendienstes. Dazu zählen nicht nur die Vorbereitungs- und Begleitseminare, denn zurück in Deutschland wird es noch Angebote zur Nachbereitung geben. Beim sogenannten Rückkehrer-Seminar wird es die Möglichkeit geben, Erfahrungen auszutauschen, über das Erlebte des vergangenen Jahres zu reflektieren und Lösungen für die nicht zu unterschätzenden Herausforderungen des Wiedereinlebens zu finden.

 

Neues von der Arajuruana-Familie

Was meine Freiwilligentätigkeiten betrifft gab es nach dem Seminar keine nennenswerten Veränderungen, obwohl es für mich in vielerlei Hinsicht einen neuen Abschnitt markiert hat. Aber es war gut, dass ich nach der langen Rückfahrt, auf der ich das erste mal mit der Flota in eine der in Bolivien nicht seltenen Straßenblockaden (bloqueos) geriet, „nach Hause“, nach San Ignacio, kommen konnte und sofort wieder integriert war. Im Colegio unterstütze ich wie zuvor den Englischunterricht der profesora Karen in der Secundaria und schaue hin und wieder im Kindergarten vorbei, der hauptverantwortlich von der profesora Mónica geleitet wird. Genauso macht es mir weiterhin große Freude, viel Zeit im Internat zu verbringen, einfach da zu sein und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, bei den Hausaufgaben zu helfen, beim Brot Backen zuzuschauen, Fußball mit den Jungs auf unserem neuen Fußballplatz zu spielen oder mit den Mädchen Bäume hinaufzuklettern. Da ich vor Kurzem das nun freie Zimmer von Lucho übernehmen konnte, kann ich nun komplett im Internat leben und noch mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Mittlerweile ist auch das Gebäude wirklich sehr schön geworden, die Wände haben wir frisch gestrichen und die sanitären Anlagen ausgebessert. Letzte Woche wurden sogar noch für alle neue Matratzen aus der ca. 80 Kilometer entfernten Departamentshauptstadt Trinidad angeliefert. Hier im Internat nehme ich verschiedene Rollen ein, die von der des Betreuers oder des Nachhilfelehrers bis hin zum Kumpel, Fußballkameraden oder einer Art großer Bruder reichen. Denn mit der Zeit habe ich die Kinder besser kennenlernen können und es sind eben diese, die vorgeben, in welcher Beziehung sie zu mir stehen möchten. Manche der Kinder vertrauen mir auch ihre Familiengeschichten anund suchen das Gespräch. Allein schon durch diesen vertrauensvollen Umgang habe ich nicht das Gefühl auf meiner „Arbeit“ zu wohnen (generell bevorzuge ich sowieso das Wort „Freiwilligentätigkeit“), denn das Gruppenklima vermittelt einen anderen Eindruck, nämlich den, inmitten der Arajuruana-Familie zu leben.

In der ersten Woche der Schulferien sind manche Kinder von ihren Eltern, die zumeist weit entfernt auf dem Land leben, abgeholt worden, aber es waren eben doch nur ein paar, die dieses Glück hatten. Von ausgelassener Ferienstimmung war eher wenig zu merken. Hinzukam, dass die Jungs auf dem Grundstück hinter dem Colegio einen kleinen Sportplatz gebaut haben, der seitdem der Schule zur Verfügung steht. Einen Großteil ihrer Ferien haben sie mit Steineklopfen verbracht, um sich ein kleines Taschengeld zu verdienen. In der selben Woche habe ich begonnen, Selva und Rodrigo, den beiden Kindern der profesora Mónica, Nachhilfeunterricht in Englisch zu geben. Viele Male bin ich schon in ihre Familie eingeladen worden, sodass wir schon ein sehr freundschaftliches Verhältnis haben. Die unterrichtsfreie Zeit habe ich schließlich gut herum bekommen, es gab ja auch eine interessante Weltmeisterschaft zu sehen!

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In welcher Kultur lebe ich eigentlich?

Schon zum 325 Mal wurde dieses Jahr  rund um den 31. Juli in San Ignacio die Gran Fiesta zur Ehren des Patrons Sankt Ignatius von Loyola gefeiert, bei der die Ignacianos ihre Traditionen und Gebrägenannten „plurinationalen Staat“ Bolivien gibt es eine Vielzahl von Kulturen, die völlig eigenständig sind und jeweils ihre eigenen Besonderheiten haben (zu den bekanntesten zählen u.a. Quechuas, Aymaras, Chiquitanos und Guaraníes), doch die ignacianische, ob ich sie nun im Alltag, bei kleinen Feierlichkeiten oder eben beim großen Spektakel des großen, weit über Moxos hinaus bekannten Patronatsfest erlebe, finde ich sehr spannend. Im Folgenden möchte ich die Geschichte und Ausdrucksformen der ignacianische Folklore vorstellen und somit nicht zuletzt Aufschluss darüber geben, in welcher Kultur ich eigentlich lebe.

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Die meisten Traditionen und Gebräuche stammen aus der Zeit der Jesuiten-Missionen. Die Mission San Ignacio wurde im Jahre 1689 aufgebaut und exwurde im Jahre 1689 aufgebaut und existierte bis 1767, da in diesem Jahr die beiden jesuitischen padres Fernández und Arias vom spanischen König Carlos III. abberufen worden waren. Innerhalb der spanischen Kolonialherrschaft, die eine Unterdrückung der Indios bedeutete, setzten sich die Jesuiten dafür ein, dass die Gebiete der Indios nicht mehr von bewaffneten Kolonialisten betreten werden durften und boten in ihren Reduktionen der indigenen Bevölkerung Schutz vor der Sklaverei. Zudem kam es im Zuge der Rivalität zwischen der spanischen und der portugiesischen Krone im Grenzgebiet ihrer Herrschaftszonen immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den Kolonialmächten unter denen die indigeneIn Moxos existierte zu dieser Zeit eine Vielzahl indigener Völker (naciones) mit jeweils eigener Sprache, eigenem Gesellschaftssystem, eigener Kriegsführungsstrategien und Glaubensvorstellungen. Obwohl sich die Zahl dieser naciones durch die von den Krankheiten der Kolonialherren ausgelösten Epidemien vermindert hatte und die Moxeños später von den Jesuiten missioniert und christianisiert wurter von den Jesuiten missioniert und christianisiert wurden, was auch die Zerstörung von religiösen Kultstätten bedeutete, sind viele Elemente der Kultur aus der präkolumbischen Zeit erhalten geblieben. In meinem letzten Rundbrief habe ich beispielsweise die für den Departamento Beni, in dem die Provinz Moxos liegt, bekannten Macheteros erwähnt (Chiripieru auf Ignaciano). Bei ihrem imposanten kriegerisch-religiösen Tanz tragen die unter den nativen Ignacianos hoch angesehen Macheteros ein langes Gewand, Schellen an den Füßen, einen an eine Machete erinnernden Stab und nicht zuletzt einen auffälligen Federschmuck, der einer aufgehenden Sonne gleicht. Dies legt die Vermutung nahe, dass dieser Tanz aus der präkolumbischen Zeit stammt und an den Altären des antiken Dios Sol (Sonnengott) aufgeführt wurde. Trotzdem kann man in San Ignacio von einer erfolgreichen Missionierung durch die Jesuiten sprechen. Vereinfacht wurde die Mission, die schließlich zu einer tiefen Religiosität der nativen Bevölkerung geführt hat, dadurch, dass die jesuitischen padres über medizinische Heilmethoden verfügten, die sich als effektiver herausstellen sollten als die der Schamanen.

Schon 1667 als die ersten drei jesuitischen padres, eingeladen vom Cacique Meru, den ersten Missionierungsversuch starten, hatte einer der padres über gute medizinische Kenntnisse verfügt. Die intensive und zugleich vielseitige Katechese der Jesuiten ab 1689, zu deren Zweck die Malerei, Bildhauerei, Theater, Poesie und Musik (vor allem Barockmusik) gefördert wurden, hat maßgeblich die Kultur der Indios beeinflusst und ist schwergewichtiger Grund für den Kulturreichtum der heutigen Ignacianos.

Für jedermann offensichtlich wurde dieser beispielsweise am Johannistag (24. Juni). Im Stadtviertel „San Juan“, dessen Patron gefeiert wurde, gab es ein großes Straßenfest mit Macheteros, Achus und Ciervos (Tänzer in Hirschkostümen) sowie ein großes Feuer, über dessen übriggebliebene heiße Glut später einige Festbesucher barfuß gingen.

La Gran Fiesta, Szene vor der Kirche mit Achu, im Hintergrund Macheteros
La Gran Fiesta, Szene vor der Kirche mit Achu, im Hintergrund Macheteros

Selbst bis in die Stadtverwaltung reicht der Einfluss der damaligen Jesuiten-Mission, da bis heute mit dem sogenannten Cabildo eine indigene Stadtregierung bestehen geblieben ist, die nicht wie die ebenfalls existierende Verwaltung des Bürgermeisters gewählt wurde und seit Anbeginn auch stets neben bürgerlichen auch liturgische Aufgaben übernommen hat. Besonders als ich noch in der Pfarrei gewohnt habe, habe ich mitbekommen, dass Cabildo und Pfarrei sehr oft zusammenarbeiten.

ICHAPAKENE PIESTA: La Gran Fiesta patronal

Die Patronatsfeier des Sankt Ignatius von Loyola (auch unter dem Namen Ichapakene Piesta auf Ignaciano bekannt) ist immaterielles Unesco-Weltkulturerbe und zugleich die gröβte und wichtigste Feier des Ortes. Während dieser Woche um den 31.07 hatte ich eine interessante Ausgabe als Gehilfe und Übersetzer eines US-amerikanischen Filmteams, welches einen Film über die Fiesta und die geschichtlichen Hintergründe jesuitischer Kultur (auch unter dem Aspekt „Kultur im Wandel“) drehen wollte. So habe ich bereits in der Vorbereitungsphase der Festwoche mit diesem Team interessante Orte besucht,z.B. Werkstätten wo die Trachten der Achus hergestellt, d.h. Holzmasken in Handarbeit geschnitzt, Schellen aus Tierhufen gefertigt und Hüte aus rohem, abgewetztem Leder gemacht oder Webereien, in denen kustvolle Stoffe gewebt werden. In meinem letzten Rundbrief schrieb ich, dass die Achu-Hüte aus Stroh bestünden, obwohl dies nicht üblich ist. Aber ich habe auch schon einen Achu gesehen, der einen Schildkrötenpanzer als Kopfbedeckung trug.

Bei den Dreharbeiten
Bei den Dreharbeiten

Die Achus (Ichasianana in Ignaciano) zählen zu meinen Lieblingsfiguren der hiesigen Kultur, da sie ebenfalls präkulumbische Wurzeln haben. Sie repräsentieren Greise oder Vorfahren. Zu diesem Zweck zeigen ihre Masken den Ausdruck extremen Alters mit vielen Falten, tiefen Lippen und nur zur Hälfte bezahnten Mündern.Im Festgeschehen kommt dem Achu die Narrenrolle zu, der die Menge vor, während oder nach Prozessionen unterhält. Die Puppe, die er dabei in der Hand hält steht stellverstretend für das Achu-Weibchen, welches in antiken Zeiten stets die Begleitung des Achus war. In der anderen Hand hält er einen möglichst oft verdrehten Gehstock. Zudem trägt er, was sein Aussehen nun komplettiert, eine Jacke zum Schutz vor den Feuwerwerksknallern (chasqueros), die in unregelmäβgen Abständen auf der dafür vorgesehenen Vorrichtung auf seinem Hut explodieren. Der Name der Achus „Ichasianana“ kommt aber von ihrer antiken Tracht, einer Art Tipoy, welche Ichasi genannt wird. „Achu“ hingegen bedeutet Groβvater und lässt sich von dem Ort ableiten, an dem die Alten gemütlich ruhen, nämlich in der hier typischen Hängematte „achují“.

Am 29. Juli bin ich um 4 Uhr morgens aufgestanden, um die erste der vielen Prozessionen zu sehen. In der Dunkelheit der Nacht waren die kleinen Feuerwerke auf den Hüten der Achus und die vielen Laternen besonders eindrucksvoll. Unterhaltsam war auch die Mittagsprozession, die ich mir ebenfalls nicht entgehen lieβ, da die Schülerinnen und Schüler und einige der Lehrer des Colegios Fe y Alegría getanzt haben, die Jungs in Hirschkostümen (ciervos, „Cajaguarapí“ in Ignaciano) und die Mädchen in Tracht (tipoy) und mit Blumenschmuck (urupé). Imposant war auch das Seeungeheuer Isireri, welches der Legende nach in der Lagune von San Ignacio lebt, inszeniert von Darstellern unter einem ca. 100 Meter langem Kostümtuch. Die ICHAPAKENE PIESTA ist ein groβes Spektakel. So wurde auch ein Jocheo veranstaltet, eine Art von Rodeo, bei dem viele Personen den Stier ärgern, agressiv machen und versuchen auf seinen Rücken zu steigen. Die Toreros, die das Treiben begleiten fangen dazu immer wieder den Stier mit einem Lasso ein und gestatten so den Wagemutigen den nicht ungefährlichen Ritt auf dem Tierrücken. Zu d Ignacio eine Art Stadion aufgebaut, welches von vielen Zuschauern (mehr als 1000 Besucher kamen von auβerhalb) besucht wurde. Am Folgetag fand neben dem Jocheo an gleicher Stelle ein interessantes Spiel statt. Dazu wurde ein 13 Meter hoher mit Fett bestrichener Pfahl in der Mitte aufgestellt, an dessen oberen Ende viele Preise (u.a. ein Fahrrad, ein Plastikstuhl, Fuβballschuhe)festgebunden worden waren. Die Herausforderung für die Spieler bestand darin, nur mit Hilfe eines Seils den Pfahl hinaufzuklettern und später die Preise unbeschadet hinunterzutragen. Am Abend lud das Esemble der Escuela de Música zu einem Konzert in der Musikschule ein, bei dem neben barocker Musik auch traditionelle ignacianische Musik gespielt wurde, zum Teil wie ein Theater inszeniert mit spanischen Soldaten, Jesuiten und Macheteros. Die Festwoche der Ichapakene Piesta hat deutlich gemacht, dass San Ignacio de Moxosnicht umsonst als Folklorehauptstadt des Beni gilt. Mit vielen bunten Prozessionen, Tänzen und Spielen wurde es in diesem Jahr seinem Ruf auf jeden Fall gerecht.

 

Auch die Schule Fe y Alegría ist dabei!
Auch die Schule Fe y Alegría ist dabei!
Jocheo
Jocheo

 

6 de Agosto, der Nationalfeiertag

Dass ich in diesem Rundbrief schon so viel über Tradition und Brauchtümer geschrieben habe, ist sicher auch dadurch angeregt worden, dass diese in Bolivien besonders gefördert werden und als wichtig gelten. Besonders an den Schulen wird die Brauchtumspflege gelehrt. Tänze, die die Schülerinnen und Schüler während der Gran Fiesta aufgeführt haben, wurden vorher gründlich geprobt und es wurde viel Zeit dafür aufgewendet, die aufwendigen Kostüme herzustellen. In Bolivien trifft man auf viele Menschen, die stolz auf den Kulturreichtum ihres Landes sind und genauso verhält es sich auch mit dem Stolz auf die bolivianische Nation an sich. In meinem letzten Rundbrief habe ich bereits von dem sogenannten „Acto Cívico“ erzählt, der jeden Montagmorgen auf dem Schulhof des Colegios Fe y Alegría durchgeführt wird und bei dem die Schülerinnen und Schüler in Reihe aufgestellt die bolivianische Nationalhymne singen. Was dabei den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden soll nennt sich Civismo (deutsch „Bürgersinn“).

Am Día de Independencia, dem Nationalfeiertag Boliviens (06.08.1825 Unabhängigkeitserklärung und Gründung der Republik Bolivien, Namesgeber ist der als Befreier gefeierte erste Staatspräsident Simón Bolívar), wurde ich dann auch dazu eingeladen, meinen Bürgersinn zu zeigen. Zusammen mit den Kindern des Internats habe ich erst Laternen (faroles) für den nächtlichen Straβenumzug am 8. August gebastelt und bin schlieβich mitmarschiert. Am Unabhägigkeitstag fand dann noch eine zweite, noch gröβere und wichtigere Parade (desfile) statt, zu der ich mich ebenfalls überreden lieβ, wissend, dass es sich dabei um einen höchst patriotischen Akt handelte. Diese zweite Parade wurde mittags und ohne Laternen durchgeführt. Die Fe y Alegría-Gruppe stellte sich zunächst an der Schule auf, um dann zum Versammlungsort an der Plaza zu gehen. Dort angekommen wurde die Nationalhymne sowie die Hymne des Beni gesungen und in der prallen Sonne gewartet bis die Ansprache von einer der anwesenden Ortsautoritäten vorüber war und man sich zum zweiten Marsch aufstellen konnte, der diesmal direkt an der Tribüne der Autoritäten vorbeiführte. Zurück im Internat konnte ich mich dann kurze Zeit später mit den anderen Lehrern und Schülern auf dem lokalen Sender San Ignacios im Fernsehen bei der Parade sehen.

 

Schülerinnen und Schüler der Fe y Alegría bei der Parade
Schülerinnen und Schüler der Fe y Alegría bei der Parade

 

Ein Traum, der zur Realität wurde: Noch ein paar Worte zum Schluss

Wie ich es schon in meiner Einleitung erwähnt habe ist dieser Freiwilligendienst, welcher nun vor über einem Jahr am 8. August 2013 begann, ein groβartiges Geschenk für mich persönlich. Wenn ich an das bisher Erlebte in Ruanda und Bolivien zurückdenke, kann ich mein Glück kaum fassen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um noch einmal allen zu danken, die dies möglich gemacht haben: SoFiA, Inshuti und der Hermandad, allen ideellen und finanziellen Unterstützern, ruandischen sowie bolivianischen Partnern, meinen Freunden und lieben Freiwilligenkollegen sowie meiner Familie. Danke, Murakoze, Gracias!!!

Es hat mich immer gefreut, Grüβe sowie Rückmeldungen und Antworten auf meine Rundbriefe zu lesen und hoffe, dass ich Ihnen mit meinen Schreiben zumindest jedesmal kleine Eindrücke von dem vermitteln konnte, was ich in meinem Freiwilligenjahr erlebt habe und ein paar meiner Erfahrungen mit Ihnen teilen konnte. Gerne können Sie mir auch diesmal schreiben. Auch der SoFiA-Blog (www.sofia-blog.de) ist jetzt mit vielen Berichten und Rundbriefen meiner Freiwilligenkolegen gefüllt, die ich Ihnen empfehlen möchte.

Ende September bin ich dann auch wieder in Deutschland anzutreffen. Das sagt zumindest mein Flugticket.

 

Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute und verbleibe mit freundlichen Grüβen,

 

Euer Maximilian

San Ignacio de Moxos, 10.08.2014