Ukraine: 1. Rundbrief von Theresa Günther

Liebe Familie,
liebe Freunde,
lieber Solidaritätskreis,
liebe LeserInnen,

seit gut anderthalb Monaten bin ich jetzt schon in der Ukraine. Ich werde während meines Freiwilligendienstes hier bei den Maltesern Ivano-Frankivsk tätig sein. Die Malteser begannen hier im Jahre 1991 zu wirken und wurden später im Jahre 1996 als wohltätige Gebietsorganisation registriert. Dabei besteht auch eine Freundschaft und starke Partnerschaft zu den deutschen Verbänden. Was die Malteser im Einzelnen alles machen, werde ich in meinen Rundbriefen näher schildern.
Aber ich möchte alles von Anfang an erzählen!

Meine Hinfahrt und Ankunft in der Ukraine
Am 02.08.2014 sollte es dann soweit sein, um 4:57 Uhr startete meine abenteuerliche Hinfahrt.
Der Zug von Montabaur nach Frankfurt Fernbahnhof kam sehr pünktlich und so wurde es dann Zeit, mich von meinen Freunden und meiner Familie zu verabschieden. Ich muss zugeben, es ist mir doch schwerer gefallen als gedacht!
Schon nach einer halben Stunde musste ich schon umsteigen, was mit einem Koffer, einem Beautycase, einem Rucksack und zwei Handtaschen doch schwieriger war als ich dachte. Zum Glück musste ich nur einen Bahnsteig weiter und da um diese Zeit noch nicht allzu viel los war, schaffte ich die 12 Minuten Umsteigezeit problemlos. In den nächsten Zug eingestiegen, war ich ganz froh, dass dieser mich bis nach Budapest bringen sollte und ich somit bis 17 Uhr nicht mehr umsteigen musste. In Budapest angekommen, war das Umsteigen dann etwas schwieriger; in einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche, ist es nicht ganz so einfach das richtige Gleis zu finden. Ich hatte jedoch Hilfe von einer jungen Frau, die zufällig den gleichen Zug nehmen musste wie ich. Leider wurde zuerst das falsche Gleis angezeigt und als ich schon in den Zug eingestiegen bin, wurde mir gesagt, dass ich hier falsch bin. Na Toll! Nachdem ich dann endlich im richtigen Zug saß, war ich erleichtert das Schlafwagenabteil für mich alleine zu haben.
Ein bisschen verwundert war ich dann doch, als mir beim Einstieg mein Zugticket abgenommen wurde (Kurz bevor ich ausgestiegen bin, habe ich es dann wiederbekommen). Dieser Zug brachte mich nun von Budapest nach Lviv/Lemberg. Das heißt, ich musste über die Grenze, daher wurde mein Pass einmal um 23 Uhr (Ungarn) und einmal um 1 Uhr (Ukraine) kontrolliert. Bei der zweiten Kontrolle wurde mein Pass dann eingesammelt und der Zug fuhr auf ein Abstellgleis, auf dem die Räder des Zuges gewechselt werden mussten. Warum? In der Ukraine sind noch die Schienen aus der Sowjetunion vorhanden, dass heißt, die Schienen sind breiter. Diese Montage dauerte ca. vier Stunden. Bevor wir jedoch weitergefahren sind, bekam ich meinen Pass wieder, der nun einen Stempel mit meinem Einreisdatum trug. Zu dem Zeitpunkt war mir allerdings noch nicht klar, dass dieses Datum eine sehr bedeutende Rolle spielt (mehr dazu später). Nachdem ich um 4 Uhr endlich schlafen konnte, musste ich auch schon um 10:30 Uhr in Lviv aussteigen.
Dort angekommen, wurde ich von einem Malteser aus Lviv abgeholt und zum Busbahnhof gebracht. Da dieser leider nur ukrainisch sprach, habe ich nicht wirklich verstanden, was er mit mir macht. Ein kurzes Telefonat mit einem Malteser aus Ivano-Frankivsk schaffte Klarheit: Ich sollte in den Bus Richtung Ivano-Frankivsk gesetzt werden. Am Busbahnhof musste ich Geld wechseln und ich wunderte mich darüber, dass ich nur 5€ wechseln sollte, aber ich dachte, dass der Mann schon weiß was er tut. Er kaufte mir dann ein Ticket (später habe ich herausgefunden, dass das Ticket umgerechnet nur 2,50€ kostet) und wir warteten auf den richtigen Bus. Mein Gepäck im Bus unterzubringen, war etwas komplizierter, da der Bus sehr klein war, aber viele Leute transportierte. Aber wir haben alles gut verstaut, schließlich wurde dem Busfahrer dann noch gesagt dass ich kein ukrainisch verstehe und wo ich aussteigen muss.
Es startete eine Busfahrt, wie ich sie noch nie erlebt habe! Es lief ukrainische Musik und der Busfahrer sang jedes Lied mit vollem Einsatz mit. Nachdem ich dann ein Schild mit der Aufschrift „Ivano-Frankivsk 130 km“ gelesen habe, dachte ich mir, gut wir fahren dann jetzt auf die Autobahn. Da habe ich wohl falsch gedacht, eine Autobahn gibt es hier nicht und die Straßen sind einerseits nur teilweise geteert und andererseits von riesigen Schlaglöchern übersät. Diese Schlaglöcher hatten zur Folge, dass wir sehr viele Schlangenlinien und teilweise auf der anderen Straßenseite gefahren sind, dazu wurde oft abrupt gebremst. Dann kam es ebenfalls vor, dass eine Kuh mitten auf der Straße steht oder Menschen ihre Hand herausgehalten haben, damit der Bus sie mitnimmt. In den kleinen Dörfern, durch die wir gefahren sind, hatte jedes zweite Haus eine Kuh oder Hühner im Garten (oder auch davor) stehen. Außerdem gibt es hier auf dem Land noch sehr alte Pferdekarren, die man auch des Öfteren am Straßenrand sieht. Als wir in einen Ort kamen, in dem sehr viele Busse, Autos und Menschen waren, habe ich dann durch Zufall am Straßenrand meine Vorfreiwilligen (Almuth und Marcel) gesehen und habe dem Busfahrer zu verstehen gegeben, dass ich hier aussteigen muss, da dieser anscheinend vergessen hatte, wo er mich raus lassen sollte. Was war ich froh endlich jemanden zu sehen, der mich versteht!
In diesem Dorf, in dem ich dann letztendlich ausgestiegen bin, fand eine Pilgerfahrt statt und die Malteser haben dort drei Tage eine Kochaktion für die Pilger veranstaltet. Von der Pilgerfahrt, habe ich lediglich das Ende bzw. den Abbau mitbekommen. Nach einer Abschlussrunde, in der ich dann auch als neue Freiwillige vorgestellt wurde, sind wir schließlich nach Ivano-Frankivsk gefahren, in die Stadt, in der ich für ein Jahr leben sollte. Nach der anstrengenden 30-stündigen Zugfahrt, war ich schließlich froh endlich in meiner Wohnung angekommen zu sein.

„Linienbusse“ (Marschrutka) in Ivano-Frankivsk → Die Größe hatte auch mein Bus von Lviv zum Pilgerort
„Linienbusse“ (Marschrutka) in Ivano-Frankivsk → Die Größe hatte auch mein Bus von Lviv zum Pilgerort

 

Brunnen in der Innenstadt von Ivano-Frankivsk (wenn man sich verabredet, dann trifft man sich meistens dort)
Brunnen in der Innenstadt von Ivano-Frankivsk (wenn man sich verabredet, dann trifft man sich meistens dort)

Meine ersten Tage und Zaxidfest
Schon an meinem zweiten Tag wurden Almuth, Marcel und ein paar Freunde aufs Land eingeladen und ich durfte natürlich auch mit. Es war ein sehr lustiger Abend und ich durfte feststellen, dass Frauen bei der Begrüßung nicht die Hand gegeben wird. Obwohl dies durchaus als höflich zu verstehen ist (Nach altem Brauch soll eine Frau nicht von einem fremden Mann berührt werden, um nicht unhöflich zu sein wird daher nicht die Hand gereicht), muss ich mich daran erst einmal gewöhnen.
Die erste Woche habe ich dann noch zusammen mit meiner Vorgängerin Almuth und ihren Eltern verbracht. Auf der Abschiedsfeier meiner Vorfreiwilligen hatte ich die Möglichkeit viele der Malteser kennenzulernen. Ich bin froh, dass Almuth mir noch vieles zeigen konnte bevor wir dann zusammen auf das Zaxidfestival (Das Zaxidfestival ist ein großes Musikfestival in der Nähe der polnischen Grenze) gefahren sind. Zusammen mit einer Freundin von Almuth ging es Freitagsmorgens los und ich muss sagen, dass mir sowohl die Atmosphäre, als auch die Musik gefallen hat. Da die meisten Bands aus der Ukraine kamen, war es kein Wunder, dass diese durch Gedenkminuten, Ansprachen oder durch Anstimmen der Nationalhymne an die Helden vom Maidan erinnert haben.
Von dem Festival zurück in Ivano wartete dann Marcel, der Vorgänger von meinem Mitfreiwilligen Daniel (der bei der Caritas in Ivano-Frankivsk arbeiten wird), auf mich. Mit ihm und einem Maltesermitarbeiter, haben wir uns um meine Aufenthaltsgenehmigung gekümmert, was eine doch schwierigere Angelegenheit wurde, als ich anfangs dachte. Aber bevor ich alles zusammen hatte, musste ich auch schon nach Lviv zum Sprachkurs.

Sprachkurs und Kulturprogramm in Lviv
Zusammen mit einer Freiwilligen aus dem Bistum Hildesheim, hatte ich einen zweiwöchigen Sprachkurs in der schönen Stadt Lviv. Die Stadt erinnert an westeuropäische Städte wie zum Beispiel Wien oder Gent und hat neben der Oper und dem Rathaus, noch viele andere schöne Plätze. Es gibt sowohl eine Schokoladenfabrik, die bekannt ist für ihre handgemachten Köstlichkeiten, als auch ein Kaffeehaus und eine Kaffeemanufactura, in denen man beobachten kann, wie die verschiedenen Kaffeesorten geröstet werden. Man nennt Lviv auch „Die Stadt des Löwen“, da zum einen sehr viele Löwenskulpturen innerhalb der Stadt zu finden sind, aber auch weil der Name auf unterschiedlichen Sprachen Löwe (ukrainisch: лев) heißt.
Morgens hatten wir nun immer drei Stunden Sprachunterricht und nachmittags konnten wir an Kulturprogrammen teilnehmen oder wie wir es oft gemacht haben, nach Hause gehen und lernen! Dennoch haben wir verschiedene Dinge über die ukrainische Kultur gelernt (Traditionelle Puppen: лялька-Мотанка (Lalka-Motanka) basteln; eigenes Muster für die traditionellen ukrainischen Tücher malen; Animationsfilm, auf Basis einer ukrainischen Volksgeschichte: „There once was a dog“, schauen). An einem Nachmittag hatten wir sogar die Möglichkeit ukrainische Küche zu kochen, wir haben gelernt eine rote Borschtsch (eine Suppe deren Hauptbestandteil rote Bete ist) und Vareneke (eine Art Maultasche, die hier mit den unterschiedlichsten Lebensmitteln gefüllt wird; bei uns war es Hackfleisch, aber man kann sie durchaus auch mit Käse, Gemüse oder Obst füllen) zu kochen, natürlich haben wir unser Essen auch probiert und es hat total lecker geschmeckt! Während meiner Zeit in Lviv hatten die Malteser zwei Aktionen dort, an denen ich ebenfalls teilgenommen habe:
1. Ehrungen durch den Malteserchef Deutschland
Mein Chef Roman und Natalia wurden für ihren Einsatz auf dem Maidan in Kiew geehrt!
2. Konzert von Okean Elzy
Diese Band kommt aus Ivano-Frankivsk und hatte am 24.08, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, ein Konzert im Fußballstadion von Lviv. Da die Malteser mit einigen Rollstuhlfahrern dorthin gefahren sind, durfte ich auch mitkommen. Das Konzert war sehr schön und auch wenn ich die Lieder alle zum ersten Mal gehört habe, gefielen sie mir sehr gut. Wie schon auf dem Zaxidfest, galten viele Lieder den Helden vom Maidan und auch hier wurde die Nationalhymne angestimmt.

Ivan Franko National University of Lviv
Ivan Franko National University of Lviv

Visum und erste Eindrücke von meiner Arbeit
Als ich dann Anfang September wieder zurück in Ivano-Frankivsk war, wurde mein Einreisedatum der 03.08.2014 schließlich bedeutend, in den Bemühungen die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Denn normalerweise hat man einen Monat Zeit, alle nötigen Unterlagen zu bekommen, da aber bis zum 03.09 ein gewisses Papier aus Kiew immer noch nicht da war, mussten wir mit dem Amt reden und hatten letztendlich Gott sei Dank noch 15 Tage Zeit! Und siehe da, einen Tag bevor ich illegal hier gewesen wäre, habe ich dann am 17.09 endlich meine Aufenthaltsgenehmigung abholen können.
Meine erste Aktion mit mehreren Rollstuhlfahrern und Begleitern, ging nach Stradch an eine Pilgerstätte nicht weit von Lviv. Der Kreuzweg führte durch einen Kiefernwald mit Berg und Tal, daher wurden der Abstieg und Aufstieg zu einer etwas komplizierteren Angelegenheit mit den Rollstuhlfahrern. Dazu kamen noch viele Wurzeln, die den Boden uneben machten, dennoch haben wir den Weg ohne Probleme gemeistert. Zum Abschluss sind wir dann noch in der Lviver Innenstadt ein Eis essen gegangen, somit war ich früher wieder in Lviv als ich gedacht hatte!
Ein normaler Arbeitstag beginnt für mich um 8:30 Uhr mit der Sprachstunde bei Pan Igor, dem Übersetzer der Caritas. Bei ihm lerne ich weitere grammatikalische Grundlagen und kontrolliere seine Übersetzungen. Momentan ist im Malteserbüro für mich nicht so viel Arbeit (außer auch hier einige Übersetzungen zu kontrollieren), daher nutze ich die Zeit nach der Sprachstunde zum Vokabellernen im Büro. Nachmittags bringe ich dann entweder, alten Menschen Essen aus der Armenküche der Caritas oder helfe bei der Hausaufgabenbetreuung im Waisenhaus.

Zum Schluss möchte ich kurz sagen, dass ich hier im Westen der Ukraine nichts von den Unruhen in der Ostukraine mitbekomme, außer in Gesprächen von den Ukrainern untereinander. Ich bin aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse also auch auf die deutschen Medien angewiesen!

Das war es erst einmal. Ich hoffe, ich konnte euch meine ersten Wochen und Erlebnisse ein bisschen näherbringen!
Ich freue mich auf jede Antwort, die ich bekomme.

Liebe Grüße
Theresa