Ruanda: 1. Rundbrief von Eva Ohlig

Liebe Unterstützer, Freunde und Bekannte,

 

ich bin nun schon seit mehr als zwei Monaten in Ruanda und es ist unglaublich viel geschehen und ich habe viel Neues erleben dürfen. Leider kann ich nicht alles berichten, daher habe ich versucht, mich auf einige Aspekte zu konzentrieren, um euch mein Leben hier darzustellen.


Die Anreise

Am 31.07.14 bin ich zusammen mit den anderen beiden Ruanda-Freiwilligen von SoFiA nach fast einem halben Jahr toller und intensiver Vorbereitung durch SoFiA in Frankfurt ins Flugzeug gestiegen. Es war nicht einfach, Familie und Freunde zurückzulassen, dennoch war ich voller Vorfreude auf das, was auf mich zukommen würde. Nach der langen Nacht im Flugzeug sind wir pünktlich um 14 Uhr in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, gelandet und wurden von unseren Vorgängern und Ansprechpartnern im Projekt empfangen. Zusammen mit den anderen Freiwilligen und deren Vorgängern haben wir in Kigali noch etwas gegessen und hatten Zeit, nicht nur das Essen, sondern auch die vielen anderen Eindrücke zu verdauen.
Gegen 17 Uhr sind wir alle zu unseren Projekten aufgebrochen. Damien, Lehrer an meiner Schule und gleichzeitig mein Mentor, der Schulleiter meiner Schule und Raphael, mein Vorgänger und ich sind zunächst mit dem Taxi zum Busbahnhof und von da aus mit dem Bus 2 Stunden nach Musanze gefahren. Den Busbahnhof in Kigali muss man sich wie einen riesigen Ameisenhaufen vorstellen, freitags abends herrscht dort ein unglaubliches Gewusel und Lärm. Im Bus nach Musanze ist mir allmählich bewusst geworden, dass es nun tatsächlich losgeht.

busbahnhof
Der Busbahnhof in Kigali

Hier in Ruanda geht jeden Abend um 18 Uhr die Sonne unter, das heißt, es war schon dunkel als ich um 19 Uhr in Musanze angekommen bin und nach der langen Reise war ich auch ziemlich müde und froh, in meiner Wohnung angekommen zu sein.

Am nächsten Morgen, nachdem mich der Muezzin der nahe gelegenen Moschee um 4.30 Uhr geweckt hatte, durfte ich das erste Mal die wunderbare Aussicht auf die Vulkane und den Nationalpark aus meinem Zimmerfenster hinaus genießen. Ich wohne in einer kleinen Wohnung bestehend aus einem Schlafzimmer und einem kleinen Badezimmer. Von meiner Wohnung aus sind es ca. 10 Minuten zu Fuß ins Stadtzentrum.

Musanze
die Aussicht auf die Vulkane aus meinem Zimmer


Musanze

Musanze ist eine mittelgroße Stadt im Nordwesten Ruandas, in der ungefähr 70 000 Menschen leben. Sie ist die Hauptstadt des gleichnamigen Musanze Distrikt. Ihr alter Name lautet Ruhengeri und wird noch von sehr vielen Menschen verwendet. Die Stadt liegt umgeben von Vulkanen und dem Virunga-Nationalpark. Hier kann man für sehr viel Geld die berühmten Berg-Gorillas sehen, die Dian Fossey erforscht hat. Außerdem sind die Grenzen nach Uganda und zum Kongo nicht weit entfernt. Musanze erinnert mich ein wenig an Trier. Es ist nicht zu riesig, dennoch ist hier immer etwas los und man findet fast alles, was man braucht, auf dem Markt.

Die ersten Tage in Ruanda

In der ersten Woche waren hier in Ruanda noch Schulferien.
Daher sind Raphael, Damien, mein Mentor und ich in den Osten des Landes gefahren und haben Damiens Familie und ein anderes SoFiA-Projekt besucht. In Ruanda fährt man eigentlich immer über Kigali, denn der Busbahnhof in Kigali ist der zentrale Knotenpunkt. Durch die langen Busfahrten, 2 Stunden nach Kigali und noch einmal 3 Stunden nach Nyagatare im Osten Ruandas, hatte ich die Gelegenheit, sehr viel von der Landschaft in Ruanda zu sehen, welche wirklich wunderschön ist. Ruanda nennt man nicht um sonst „das Land der tausend Hügel“.

Die Landschaft in Ruanda
Die Landschaft in Ruanda

Nachdem wir zunächst bei einem Verwandten von Damien auf einer Feier waren, bei der allen Dorfbewohnern das Neugeborene vorgestellt wurde, sind wir abends zu Damiens Mutter gefahren, die in Nyarurema wohnt, was ca. 30 Minuten von dem Dorf entfernt liegt. Dort haben wir Alwine und Johanna getroffen, zwei andere SoFiA-Freiwillige, die hier in der Pfarrei leben und arbeiten. Auch an diesem Abend war ich wieder ziemlich müde, da ich unglaublich viel Neues gesehen und erlebt habe. Am nächsten Tag sind wir alle zusammen nach Matimba gefahren, ein Ort im Nordosten Ruandas, nahe der Grenze zu Uganda, und haben Freunde von Johanna besucht. Außerdem haben wir Inno getroffen. Er ist ein Ruander, der in Deutschland lebt, uns in Deutschland schon ein wenig Kinyarwanda-Unterricht gegeben hat und gerade mit einer Gruppe von Deutschen zu Besuch war.
Für mich war und ist es nicht immer einfach, mit der Armut auf dem Land konfrontiert zu werden und gleichzeitig den positiven Rassismus zu erleben und bevorteilt zu werden. Auf der Feier des Neugeborenen wurden uns beispielsweise Ehrenplätze zugewiesen und wir bekamen besonderes Essen und Getränke und als wir bei Damiens Mutter im Innenhof saßen, saßen uns 30 Kinder gegenüber und haben uns angeschaut.
Ich muss zugeben, dass es für mich immer noch sehr befremdlich ist, so sehr aufzufallen, auch wenn ich mich langsam daran gewöhne.

Mein Projekt – Die Groupe Scolaire Nyange I.

Mein Projekt ist in einer Schule, ca. 7 km von Musanze entfernt. Die Schule liegt auf halben Weg zum Nationalpark und auch von dort hat man einen wunderbaren Ausblick auf die von Regenwald bedeckten Vulkane.
Die Schule besteht aus einer Primary und einer Secondary School. Die Primary School hat etwa 2000 Schüler und die Secondary School etwa 700. Ich bin jedoch momentan ausschließlich in der Secondary School.
Dort helfe ich den Schülern in Französisch und Englisch und bringe Ihnen sogar ein wenig Deutsch bei. Meistens sind es gerade die älteren Klassen, die gerne ihr Französisch auffrischen, da sie es lange nicht gesprochen haben.
In Englisch sind die meisten Schüler ziemlich gut. Generell wird der Unterricht auch auf Englisch abgehalten, auch wenn die Lehrer vieles auf Kinyarwanda erklären. Die Texte sind jedoch alle auf Englisch.
Auf Wunsch der Schüler haben wir jetzt eine Deutsch-Klasse aufgemacht, die alle Schüler in ihrer Freizeit besuchen können. Gerade die Abschlussklasse S6EKK gibt sich sehr große Mühe und ist sehr motiviert.

Die Secondary School ist eingeteilt in sechs Jahrgangsstufen S1-S6.
Nach den O-Levels am Ende der S3 können die Schüler an meiner Schule zwischen CEM (Calculation-English-Maths) und EKK (English-Kinyarwanda-Kisuahili) wählen.
Das Schuljahr in Ruanda beginnt im Januar und endet im Oktober und ist ein 3 terms eingeteilt, ein term umfasst 13 Wochen. Am Ende jedes terms folgen die Examen, am Ende des Schuljahres, also Ende Oktober, kommen dazu noch die National Exams für die Schüler, die O-oder A-Levels machen, also die Jahrgangsstufen 3 und 6.

Jetzt gerade hat die Examens-Zeit angefangen. Daher habe ich zusammen mit meinem Mentor jede Menge Arbeiten aufgesetzt, 3 Französisch Examen und sogar eine Religionsarbeit auf Kinyarwanda.
Während den Examen habe ich wie die anderen Lehrer an meiner Schule Aufsicht geführt. Nach den Examen haben die Schüler erst einmal ein paar Tage frei, während die Lehrer die Arbeiten korrigieren und benoten. Anschließend werden Zeugnisse geschrieben und die Schüler kommen wieder, um sie sich abzuholen. Danach haben die Schüler der S 1,2,4,5 frei, S3 und S6 beginnen mit den National Exams, die in ganz Ruanda gleich sind.

Die Groupe Scolaire Nyange I.
Die Groupe Scolaire Nyange I.


Die Sprache

Ruanda gehört zu den wenigen afrikanischen Ländern, in denen alle Einwohner die gleiche Muttersprache sprechen. 80% der Einwohner sprechen nur Kinyarwanda, jedoch sind auch Französisch und Englisch seit 1996 als Amtssprachen anerkannt. Kinyarwanda ist eine Bantusprache mit über 7 Millionen Sprechern.
Kinyarwanda wird nicht nur in Ruanda, sondern auch in angrenzenden Gebieten der Demokratischen Republik Kongo und Ugandas gesprochen, außerdem ähnelt es stark dem Kirundi, der Sprache Burundis.
Auch wenn viele Menschen Englisch oder Französisch sprechen, ist es wichtig, diese Sprache zu lernen, um im Alltag gut zurecht zu kommen. Mittlerweile reichen meine Sprachkenntnisse aus um auf dem Markt einzukaufen, mit Motofahrern zu verhandeln oder um einfache Konversationen zu führen. Manchmal verstehe ich ein paar Wörter und kann dann den Kontext erraten.
Die Sprache basiert auf 16 Nomengruppen, nach denen sich auch die Verben und Adjektive richten. Kinyarwanda ist für Europäer schwer zu erlernen, da es keine Gemeinsamkeiten mit Englisch oder Französisch hat. Dennoch gebe ich mir Mühe, da es mir das Gefühl gibt, angekommen und Teil der Gesellschaft zu sein. Die Menschen hier freuen sich jedes Mal, auch wenn es nur ein Verb in der Grundform oder ein Guten Morgen in ihrer Sprache ist.

Das Klima

Das Klima in Ruanda ist wirklich sehr angenehm. Es ist nicht zu heiß, aber auch nicht zu kalt, wobei es hier in Musanze kälter ist als in Kigali und man schon eine Fleecejacke braucht, gerade nachts kühlt es hier ordentlich ab. Das Wetter kann sich sehr schnell ändern, was bei mir am Anfang für ein wenig Schnupfen gesorgt hat.
Das Jahr ist unterheilt in vier verschiedene Jahreszeiten, Itumba (die lange Regenzeit von März bis Mai), Impeshyi (die lange Trockenzeit von Juni bis August), Umuhindo (die kurze Regenzeit von September bis November) und Urugaryi (die kurze Trockenzeit von Dezember bis Februar). In der Regenzeit regnet es meistens morgens, nachmittags und nachts, es kann aber auch mal ganze Tage durchregnen oder auch mal ein paar Tage trocken sein.
Wenn es hier regnet, steht das Land still. Niemand verlässt das Haus, da der Regen meistens sehr stark ist. Hier kann es auch ordentlich gewittern, was zugleich wunderschön aber eben auch sehr gefährlich sein kann.

 

Ich hoffe, mir ist es gelungen, euch einen Einblick von meinem Leben hier zu geben. Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl und habe sehr nette Menschen um mich herum.

Liebe Grüße aus dem Herzen Afrikas,

 

eure Eva