Ukraine: 2. Rundbrief von Theresa Günther

Liebe Familie,
liebe Freunde,
lieber Solidaritätskreis,
liebe LeserInnen,

es ist wieder einiges passiert und daher schreibe ich früher als geplant diesen zweiten Rundbrief. Ich verrate schon mal Anfang meines Briefes, dass am Ende eine doch eher überraschende Nachricht kommt!

Meine Wohnsituation und Stichworte zu aufgefallenen Unterschieden
Wie ich schon in meinem ersten Rundbrief erwähnt habe, lebe ich hier in einer eigenen Wohnung. Das Haus gehört den Maltesern und wird von allen nur Mateika genannt, da es in der gleichnamigen Mateika Straße steht. Im Keller befindet sich eine Art Partyraum, den alle Malteser nutzen können und im Erdgeschoß ist ein großer Raum der für Gruppentreffen oder Erste-Hilfe-Kurse zur Verfügung steht. Im ersten Stock befindet sich das Büro von Nastia, unserer Jugendreferentin. Da sie auch Englisch spricht ist es schön für mich zu wissen, dass ich immer zu ihr kommen kann, wenn ich ein Problem habe. Aber auch mein Chef und die anderen drei Mitarbeiter der Malteser haben immer ein offenes Ohr, wenn ich mal Hilfe brauche oder ein Problem habe und diese vier sprechen auch Deutsch. Nastia hat mir dabei geholfen eine Tennispartnerin zu finden, mit der ich anfangs regelmäßig gespielt habe, was aber dann im Herbst auf Grund der Nässe und Kälte schwieriger und daher weniger wurde. Ich habe daher vor, ab November regelmäßig schwimmen zu gehen! Im zweiten Stock ist dann schließlich meine Wohnung, sie besteht aus einem Zimmer mit Küchenzeile und einem angrenzenden Badezimmer. Da auch schon ca. 10 Freiwillige vor mir hier gewohnt haben, fehlt so gut wie nichts in der Einrichtung!
In Ivano-Frankivsk gibt es neben einem großen See, einem Fußballstadion und einem Fluss auch einen riesigen Markt. Der See ist ungefähr 20 Minuten von mir entfernt, hat einen Umfang von 3km und ist im Sommer eine wunderbare Gelegenheit zum Baden. Der Markt, oder auch Basar, wie sie alle hier dazu sagen, befindet sich im Stadtzentrum und hier findet man neben Lebensmitteln auch Klamotten und allerlei Haushaltswaren. Bis man sich dort allerdings zu Recht findet, ohne sich großartig zu verlaufen, dauert es eine kleine Weile!
In meiner Zeit hier, sind mir schon einige Unterschiede zu Deutschland aufgefallen, die ich hier kurz aufzählen möchte:
– Die Tankfüllung zahlt man vor dem Tanken
– In vielen Läden sind russische Produkte mit der Russland-Flagge markiert
– Das Leitungswasser sollte erst abgekocht werden, bevor man es trinkt, daher bekomme ich immer einen Kanister mit frischem Quellwasser nach Hause gebracht!
– Es gibt hier noch Busse mit Oberleitungen
– Die Verkehrslage ist mir oft nicht ganz klar
– Zugtickets werden personalisiert, weshalb man nie seinen Ausweis vergessen sollte
– Wechselstuben und Notare gibt es hier wie Sand am Meer
– Die Straßen sind von Schlaglöchern übersät und eine Baustelle kann auch mal bis zu mehreren Jahren dauern (die Straße meines Chefs wird seit 3 Jahren erneuert)
– Auf vielen Lebensmitteln steht nicht das Haltbarkeitsdatum, sondern das Datum des Herstellungstages
– Viele Grabsteine sind mit Bildern der dort ruhenden Person bedruckt
Übrigens fragte mich mein Sprachlehrer während einer Autofahrt, ob ich denn wüsste was der Vorteil von ukrainischen Straßen gegenüber deutschen wäre. Da ich es nicht wusste, sagte er mir, dass man hier abnimmt während der Fahrt, und zwar immer dann, wenn man durch ein Schlagloch fährt!

Verschiedene Aktionen der Malteser
Ich lebe hier von Aktion zu Aktion! Mitte September war ich wieder in Lviv, da die Malteser aus Ivano-Frankivsk zusammen mit den Maltesern aus Lviv eine Informationsveranstaltung geplant hatten. So wurde der Bus mit einem Zelt, heißem Wasser, Teezubehör und Beatmungspuppen bepackt. Beim Zeltaufbau merkt, man schon mit was für einer Präzision die Malteser arbeiten, da hier alles seine Ordnung haben muss. Der Tee wird mit Ingwer, Zitronen, losem Tee und ganz viel Liebe zubereitet und genau für diesen Tee sind die Malteser bekannt, denn er war Bestandteil der Aktion auf dem Euromaidan, Anfang diesen Jahres! Die Interessierten konnten sich also einen Tee oder Informationsflyer nehmen und sich durch eine unserer vier Referentinnen in die richtige Reanimationstechnik einweisen lassen.
Kurze Zeit später ging es auch schon nach Polen zu einem Tischtennisturnier für Rollstuhlfahrer. Wir machten uns mit vier Rollstuhlfahrern und fünf Begleitern auf den Weg nach Pulawy. Da wir schon donnerstags angereist sind und das Turnier aber erst samstags starten würde, konnten wir die Zeit freitags nutzen um noch ein bisschen shoppen zu gehen. Ich muss schon zugeben, es tat gut bekannte Geschäfte wie LIDL, Kaufland oder Deichmann zu sehen! Nachmittags sind wir dann noch nach Kazimierz Dolny gefahren, ein kleines Dorf in der Nähe Pulways. Der Marktplatz, die Schlossruine aus dem 16. Jahrhundert und ein schöner Weg entlang der Weichsel sind nur ein paar der reizenden Ecken dieses alten Dorfes. Samstag und Sonntag fand schließlich das Turnier statt. Da es zunächst eine Gruppenphase gab, hatten alle Teilnehmer mindestens 3 Spiele zu absolvieren, bevor es in die Halbfinale ging. Obwohl keiner unserer Teilnehmer es bis ins Halbfinale schaffte, hatten alle sehr viel Spaß und somit war das Turnier ein voller Erfolg! Ich war sehr begeistert von der Organisation und den Bemühungen des Staates gegenüber Rollstuhlfahrern, denn diese spielen in Polen wohl eine nicht unerhebliche Rolle. Vieles in der Öffentlichkeit, seien es Bürgersteige oder öffentliche Gebäude, ist extra für die Rollstuhlfahrer angepasst worden. Was in der Ukraine bzw. in Ivano-Frankivsk leider nicht sehr oft der Fall ist!
Um neue Freiwillige anzuwerben, sind ein paar Jugendliche von den Maltesern und auch ich in verschiedene Schulen gegangen, um die Arbeit der Malteser vorzustellen. Dass unsere Präsentationen erfolgreich waren, erkennt man daran, dass wir nun 15 neue Freiwillige zählen können. Diese haben auch fleißig bei unserer Müllaktion geholfen! Wir sind auf einen Berg außerhalb der Stadt gefahren, von dort kann man über ganz Ivano-Frankivsk blicken und daher ist dieser Platz auch sehr beliebt zum Grillen. Leider hinterlassen die Besucher ziemlich viel Müll und daher haben wir uns an einem Sonntag mit Müllsäcken bewaffnet und einen Aufräumwettbewerb veranstaltet. Nachdem wir den Malteserbus bis oben hin mit Müllsäcken gefüllt hatten, hatten wir uns eine Stärkung verdient. Wir haben Schaschlik und Kartoffeln gegrillt, dazu gab es Salat und als Nachtisch Marshmallows sowie Kuchen.
Seit Anfang Oktober haben hier bei den Maltesern die Vorbereitungen für die Nikolausaktion begonnen und so musste ich dann zusammen mit den Malteservolontären den ganzen Tag Spendendosen säubern und mit neuen Aufklebern versehen, damit diese in den Geschäften verteilt werden können.
Aber es gibt weiterhin noch zusätzliche Aktionen, wie zum Beispiel das Sportfest für unsere Rollstuhlfahrer. Dieser Tag sollte hauptsächlich dem Spaß dienen, aber hatte natürlich auch den Hintergedanken, dass die Rollstuhlfahrer neue Fähigkeiten von sich selbst entdecken können, um eine dieser Sportarten vielleicht in Zukunft auszuüben. Unter den Sportarten waren Tischtennis, Kricket, Darts, Schach, Hockey, Boule und Hindernislauf vertreten. Die Malteserfreiwilligen haben sich an den einzelnen Stationen viel Mühe mit der Durchführung gegeben und so konnte jeder Rollstuhlfahrer alles einmal testen.

Sportfest der Rollstuhlfahrer
Sportfest der Rollstuhlfahrer

Ankunft meines Mitfreiwilligen und Fahrt nach Kiev
Anfang Oktober ist dann schließlich mein Mitfreiwilliger Daniel gekommen, er wird hier in Ivano-Frankivsk bei der Caritas tätig sein. Da auch er natürlich die Sprache lernen musste, ging es für ihn ebenfalls zwei Wochen zum Sprachkurs, aber er ist nicht so wie ich nach Lviv gefahren, sondern hatte seinen Sprachkurs in Kiev. Daher habe ich die Gelegenheit genutzt, um ihn eine Woche dorthin zu begleiten, damit ich mir endlich mal die Hauptstadt der Ukraine angucken konnte. Wir wohnten dort bei zwei Freiwilligen von Pax Christi in der Wohnung. Da Kiev wie jede andere Hauptstadt ziemlich groß ist, ist es von Vorteil, dass es eine Metro gibt. Übrigens gibt es in Kiev die tiefste Metrostation der Welt: „Арсенальна“ (Arsenalna) befindet sich in 100m Tiefe und ist nur mit zwei Rolltreppen zu erreichen, wovon eine 65m lang ist. Generell kann man sich in Kiev unter der Erde ziemlich verlaufen, da sich nicht nur unter dem Unabhängigkeitsplatz Geschäfte befinden. Ich habe dies gerne mit Einkaufszentren in Deutschland verglichen, der Unterschied besteht nur darin, dass die verschiedenen Ebenen unterirdisch sind und sich darüber Straßen befinden.
Neben Sehenswürdigkeiten wie dem Майдан Незалежності (Unabhängigkeitsplatz), dem Olympiastadion, dem alten Dynamo Kiev Stadion, der roten Taras-Schewtschenko-Universität, der Taras-Schewtschenko-Oper, Golden Gates (Tor der alten Stadtmauer), dem Marienpalast und dem Bogen der Völkerfreundschaft gibt es natürlich auch viele Kirchen zu besichtigen. Da mein Namenstag am 15.10 in meinen Aufenthalt in Kiev fiel, habe ich eine der berühmten „Roshen“ Torten gekauft (Inhaber von Roshen ist Petro Poroshenko der Präsident der Ukraine, er wird daher auch gerne als „Schokoladenbaron“ bezeichnet).
Natürlich wusste ich schon bevor ich nach Kiev gefahren bin, dass im östlichen Teil der Ukraine oft russisch gesprochen wird. Aber in Kiev habe ich dies zum ersten Mal erlebt, da auch die Freiwilligen dort nicht ukrainisch sondern russisch lernen. Man kommt in Kiev zwar mit beiden Sprachen zurecht, aber in den Projekten der Freiwilligen wird eben nur russisch gesprochen. Wenn ich versucht habe Gesprächen im Bus, in der Bahn oder im Café zu folgen, konnte ich durchaus sagen ob dies nun russisch oder ukrainisch ist. Obwohl doch vieles sehr ähnlich ist und ich bevor ich ukrainisch gelernt habe, sicherlich nicht die beiden Sprachen voneinander hätte unterscheiden können, fangen die kleinen Unterschiede schon im Alphabet an. Jede slawische Sprache hat kleine Unterschiede im kyrillischen Alphabet, was ich bis vor kurzem auch nicht wusste.

„Майдан Незалежності“ (Unabhängigkeitsplatz)
„Майдан Незалежності“ (Unabhängigkeitsplatz)
Statue „Mutter Heimat“ mit dem Dnepr Fluss im Vordergrund
Statue „Mutter Heimat“ mit dem Dnepr Fluss im Vordergrund

Meine letzten zwei Tage in Kiev haben mir dann doch etwas zugesetzt, als es schlagartig ziemlich kalt und windig wurde! Zurück in Ivano-Frankivsk hatte ich mich schon gefreut, als es ziemlich warm war, doch das sollte nicht lange anhalten.
Ich muss ja sagen, dass ich den Winter mag und ich mich auch auf ganz viel Schnee hier freue, aber der Schneeschauer bei -2 Grad Ende Oktober (24.10 also genau zwei Monate vor Weihnachten) kam dann doch etwas früher als ich erwartet hatte. Ich war daher ziemlich froh als Ende Oktober die Malteser aus Saarlouis mit dem Hilfstransport und meinen Wintersachen kamen!
Ich bin gespannt, ob diese Weisheit auch für dieses Jahr gilt: „Will das Laub nicht gern von den Bäumen fallen, so wird ein kalter Winter erschallen!“

Hier also die kleine Überraschung, ein Bild von einem perfekten Wintertag und das im Herbst:

Schnee im Oktober
Schnee im Oktober

Und damit sende ich winterliche Grüße aus der Ukraine in die schöne Heimat, wo es höchstwahrscheinlich noch sehr herbstlich und nicht ganz so kalt wie hier ist!

Ich möchte auch noch kurz darauf hinweisen, dass Sie immer die Internetseite der Malteser aufrufen können, dort finden sie zu den verschiedenen Aktionen nochmal ausführliche Artikel, auch auf Deutsch: www.malteser.if.ua

Liebe Grüße in die Heimat
Theresa