Brasilien: 1. Rundbrief von Frederic Ewen

Lieber Solidaritätskreis,

seit zwei Monaten lebe ich nun in Brasilien, genauer gesagt in Parnaiba, einer mittelgroßen Stadt im Bundesstaat Piaui. Zwei Monate ist es her, dass ich mein gewohntes und schönes Leben in Deutschlang gegen jede Menge Vorfreude aber auch Ungewissheit eingetauscht habe. In diesem Rundbrief versuche ich euch einen kleinen Eindruck von meiner ersten Zeit hier in Brasilen zu vermitteln.

Porto das Barcas - das historische Zentrum von Parnaiba.
Porto das Barcas – das historische Zentrum von Parnaiba.

Die Ankunft

Am 22. August stieg ich zusammen mit Nicole, einer weiteren SoFiA-Freiwilligen, in Frankfurt in ein Flugzeug, welches uns quer über den Atlantik in das Land brachte, dass wir für die nächsten 13 Monate unsere Heimat nennen sollten: Brasilien. Nach neun Stunden Flug landeten wir in Fortaleza, einer Millionenmetropole im Nordosten des Landes. Kaum hatten wir das Flughafengebäude verlassen, hatte ich das Gefühl gegen eine Wand zu laufen. Was eine Hitze! Gegen (metaphorische) Wände sollte ich noch öfters laufen, dazu aber später mehr. Von dort aus fuhren wir acht Stunden mit einem sehr bequemen Nachtbus nach Parnaiba, wo uns gegen 5:30 morgens Sophie, meine Vorgängerin im Projekt, empfing und mit in ihre Gastfamilie nahm. Die ersten zwei Wochen wohnte ich zusammen mit Nicole und Sophie zusammen in Sophies Gastfamilie. Nach einem einwöchigen Aufenthalt im Pfarrhaus zog ich anders als ursprünglich geplant ebenfalls in eine Gastfamilie. Das „Gast“ möchte ich in Klammern setzten, denn ich wurde hier von Anfang an nicht als „Gast“, sondern als Teil der Familie aufgenommen. Und so lebe ich nun hier mit Eltern, Geschwistern, Hund und Katzen im Viertel „Nova Parnaiba“ und tue eben das, was man im Familienleben halt so tut.

Meine Umgebung

Parnaiba ist eine mittelgroße Stadt mit etwa 150.000 Einwohnern im Bundestaat Piaui im Nordosten des Landes. Der „Praca da Graca“ bildet das Zentrum der Stadt und um den Platz herum findet man in jede Menge Geschäften alles, was man so zum Leben braucht und noch viel mehr. Nicht weit von dort entfernt befindet sich das kleine aber wunderschöne historische Zentrum „Porto das Barcas“, wo man heute viele kleine Geschäfte findet, die ihre Produkte (z.B. Hängematten oder Schuhe) in Handarbeit herstellen und verkaufen. Von „Porto das Barcas“ hat man einen wunderschönen Blick auf den Igaraçu, ein Nebenfluss des Rio Parnaiba. Das Stadtzentrum liegt auch nur wenige Kilometer vom Atlantik entfernt und vor allem am Wochenende nutzen meine Familie und ich das aus, indem wir zum Strand fahren, ein paar eiskalte Bier trinken, frischen Fisch essen und ein bisschen im Atlantik plantschen. Das Wetter hier ist ziemlich beständig. Ich bin nun schon seit über 2 Monaten hier und habe noch keinen Tropfen Regen gesehen, allerdings beginnt bald die Regenzeit. Jeden Tag ist es irgendwas zwischen 32 und 36 Grad. Zum Glück geht hier oft ein starker Wind, das hat mir die Akklimatisierung definitiv einfacher gemacht. Vielleicht könnt ihr das nicht nachvollziehen, doch bei solchen Temperaturen fehlt mir manchmal tatsächlich der Herbst.

Das Projekt

Ich bin hier als Freiwilliger der „Projeto Social“, ein Projekt der Diözese Parnaiba, welche diverse Sozialprojekte (v.a. Kindergärten) in und um Parnaiba herum unterhält und finanziert.

Vormittags bin ich in der „Horta“. Die Horta ist ein ökologisches Sozialprojekt der Diözese Parnaiba und lässt sich am besten als eine Art Garten beschreiben. Der Leiter dieses Projekts ist Antonio, dem ich bei seiner Arbeit unter die Arme greife. In der Horta kann jedermann kostengünstig ein Beet erwerben. Bei Bedarf weist Antonio die Leute in die Arbeit mit einem Beet ein und erklärt ihnen worauf es ankommt. Die Erträge können die Leute behalten oder verkaufen. Ansonsten unterhält Antonio einige eigene Beete und eine Tomatenzucht, bei deren Bewirtschaftung ich ihm helfe. Das heißt bewässern, Setzlinge pflanzen, ernten und vieles mehr. Bei den Temperaturen ist die Arbeit sehr schweißtreibend und ich muss jede Gelegenheit von Schatten nutzen um mich nicht zu verbrennen. Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß und es ist jedes Mal aufs Neue ein tolles Gefühl ein paar frische Tomaten oder Bananen nach Hause mitbringen zu können. Mit den Erträgen passiert folgendes: Leute aus dem „Bairro“ (Viertel) kommen vorbei und kaufen sehr günstig bei uns ein, es werden Schwesterwohnheime oder die Kindergärten der Projeto Social damit beliefert und, wenn es mal Überschuss gibt, dann wird dieser an Familien verteilt.

Die Tomatenzucht in der Horta.
Die Tomatenzucht in der Horta.

Nachmittags helfe ich im Kindergarten „Sao Francisco“. Wie alle Kindergärten der Projeto Social befindet sich mein Kindergarten in einem der ärmeren Stadtteile von Parnaiba. Hier unterstützte ich die Erzieherinnen bei ihrer Arbeit mit den Kindern. Eigentlich sind es keine ausgebildeten Erzieherinnern, denn neben mir arbeiten 3 Mütter, deren Kinder den Kindergarten besuchen, freiwillig und unentgeltlich im Kindergarten, organisieren das Programm und leiten ihn. Das finde ich sehr beachtlich. Auch wenn mein portugiesisch stetig besser wird, so fällt es mir noch oft schwer die Kinder zu verstehen. Deswegen übernehme ich zurzeit meistens die Aufgaben, bei denen man sich zur Not auch mit Hand und Fuß verständigen kann, also z.B. Fußball spielen, Essen verteilen oder Bilder für die Kinder zum Ausmalen vorzeichnen. Autos, Schmetterlinge und Clowns sind hochbegehrt und diese Motive gehen mir auch schon meisterlich von der Hand.

Die Sprache

Mit der Sprache ist es so eine Sache. Die ersten zwei Monate hatte ich dreimal wöchentlich Sprachunterricht (in Brasilien wird portugiesisch und nicht wie oft angenommen spanisch gesprochen), welcher mir wirklich sehr geholfen hat. Trotzdem war ich in der ersten Zeit des Öfteren überfordert. Mit Menschen sprechen zu wollen und es nicht zu können ist kein schönes Gefühl. Doch wie so oft im Leben half das gute, alte „learning by doing“ Prinzip, also sprechen, sprechen, sprechen. Egal ob richtig oder falsch ausgesprochen, durch Hände oder Füße unterstützt oder durch mehrfache Wiederholung. Mittlerweile verstehe ich fast alles und einfachere Konversationen sind auch kein Problem mehr.

Die Elecaos

Während unserer Ankunft steckte Brasilien mitten im Wahlkampf, die „Elecaos“ standen bevor. Hier in Brasilien wird alles gleichzeitig neu gewählt, Präsidentschafts-, Governador- und Regionalwahlen. Das wäre so als würden in Deutschland die Bundestags-, alle Landtags- und Regionalwahlen am selben Tag stattfinden und dementsprechend waren die Medien voll davon und man wurde ständig damit konfrontiert. Es war eine ziemlich spannende Sache, das alles erleben zu dürfen, denn der Wahlkampf (v.a. der der Governador- und die Regionalwahlen) unterscheidet sich einfach grundlegend von dem in Deutschland. Neben den klassischen Plakaten und Schildern fuhren hier oft Autos mit riesigen Musikanlagen bepackt durch die Straßen und warben oftmals mit eigens komponierten Liedern für den Kandidaten. Oft begegnete man an viel befahrenen Straßen ganzen Menschenmassen, die mit Fahnen mit dem Logo des Kandidaten oder der Partei am Straßenrand standen und diese schwenkten, was das Zeug hielt. Autos wurden bemalt, Wände mit dem Konterfrei des jeweiligen Kandidaten bepinselt und noch so jeder kleine Fleck mit Aufklebern zugeklebt. Von diesen offensiven Werbekampagnen kann man halten was man will, doch Fakt ist, dass sich bei den Governador- und Regionalwahlen nicht diejenigen mit der offensivsten Werbestrategie durchgesetzt haben. Viele Leute haben hier ein wirklich reges Interesse an der Politik ihres Landes. Anders als in Deutschland macht man hier auch kein Geheimnis daraus, wen man wählt, im Gegenteil. Viele Privatpersonen werben beispielsweise auch mit Aufklebern für ihren Kandidaten und diskutieren mit Freunden und Bekannten über die Ansichten des jeweils anderen. Bei den Präsidentschaftswahlen setzte sich letztlich die alte Präsidentin Dilma Roussef von der PT (Arbeiterpartei) erneut durch. Die Arbeiterpartei hat v.a. im Norden und hier im Nordosten, dem ökonomisch schwächeren Teil Brasiliens, immer noch wegen ihren vor mehr als 10 Jahren gestarteten „Sozialprogrammen“ ein Stein im Brett. Das liegt vor allem daran, dass diese Sozialprogramme seit einigen Jahren ihre Wirkung zeigen. Im wohlhabenderen Süden gewann in fast jedem Bundesstaat der konservative Kandidat Aecio Neves, der sich am Ende knapp geschlagen geben musste.

Und sonst?

So, dass waren ja jetzt erstmal jede Menge Fakten. Wie geht es mir? Mir geht es gut hier!

Die ersten Wochen war ich sehr mit mir selber beschäftigt und damit zu begreifen das mein zu Hause jetzt 8.000 km entfernt auf der anderen Seiten des Atlantiks liegt. Ein Prozess der für mich, auch wenn er nicht überraschend kam, doch schwierig war. Durch das Internet ist es heute ja einfach immer und überall möglich online zu sein und dadurch fühlte sich mein altes Leben aus Deutschland sehr nah und vertraut an. Es hat einige Zeit gedauert bis ich ein gesundes Mittelmaß gefunden habe um HIER anzukommen und zu leben und trotzdem den Kontakt nach Deutschland nicht abreißen zu lassen. Aber mein Umfeld hier vor Ort lässt mir auch keine andere Möglichkeit, als sich einfach nur wohlzufühlen. Generell bewundere ich wie liebenswert aber auch offen und ehrlich viele Leute hier miteinander umgehen. Wie oft habe ich in schwierigen Phasen aufmunternde Worte oder ein verständnisvolles Lächeln bekommen, auch von Personen die ich kaum kannte. Andersrum teilen die Leute meine Freude mit mir und das ganz ehrlich. Oft komme ich mir vor wie ein kleines Körnchen, das in dieses wunderbare Land geraten und seitdem damit beschäftigt ist, Tag für Tag neue Eindrücke zu erforschen und verarbeiten. An dieser Stelle ins Detail zu gehen würde vermutlich den Rahmen sprengen und Unterschiede zum Leben in Deutschland gibt es auf allen Ebenen, doch sind es irgendwie die Kleinigkeiten, die den Unterschied machen wie z.B. mit laufendem Ventilator zu schlafen, von Fremden mit „Oi Amigo“ begrüßt zu werden oder drei bis vier Mal täglich zu duschen (das ist unabdinglich!)

Das wichtigste zum Schluss

Die Früchte! Ich habe mich in die Früchte und deren wahnsinnige Vielfalt vor Ort hier verliebt. Abacaxi (Ananas), Laranja (Orange) Melancia (Wassermelone), Manga (Mango) und Co. sind ja schon lange genug in Deutschland bekannt, doch muss ich mitteilen, dass das Obst hier einfach anders schmeckt. Vielleicht liegt es daran, dass diese Früchte hier heimisch sind und nicht um die halbe Welt verfrachtet werden müssen, das kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Was mindestens genau so toll ist, das ist die Tatsache dass sich diese ganzen Früchte nicht nur pur, sondern auch mithilfe von Wasser zu „Sucos“ oder mit Hilfe von Milch zu „Sucos com leite“ verwandeln lassen. Neben dem ganzen frischen Obst zum Frühstück gibt es auch beispielsweise öfters frischen Saft zum Mittagessen. Neben den uns bekannten Früchten gibt es (v.a. dank des Amazonas) hier jede Menge neue Früchte kennenzulernen. Meine Favoriten sind übrigens Mamao (Papaya), Sapote, Acai, Manga (Mango) und Goiaba.

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Eindruck von meinem Leben hier vor Ort vermitteln. In der Hoffnung, dass euch allen gut geht und an nichts mangelt sende ich euch viele liebe Grüße über den Atlantik.

Abracos e beijos,
Frederic