Uganda: 1. Rundbrief von Kathrin Ringeisen

Liebe Daheimgebliebene,

Nach drei überwiegend wunderschönen Monaten in Uganda ist es längst Zeit, zumindest ausschnittsweise von meinen unzähligen Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten. Meine erste Erfahrung mache ich mit der Gastfreundlichkeit, die mir schon die Ankunft im Land und im Projekt unvergesslich macht. Als nächstes, und dann Tag für Tag, rauben mir Landschaft und Klima den Atem, die Landschaft, weil sie so wunderschön ist, das Klima, weil es so ungewohnt warm ist. Meine Arbeit ist ganz anders als erwartet und bringt mich nicht nur ins Health Center, sondern auch in unzählige Dörfer und Schulen im Umkreis. Und immer wieder begegne ich dem Glauben, der hier (vor allem im Konvent, wo ich wohne) ganz selbstverständlich zum Alltag gehört.

Abschied und Ankunft

Der Anfang ist Abschied, ein Abend am riesigen Frankfurter Flughafen, wo Theresa und ich gemeinsam mit unseren Familien vor dem Check-in der Qatar-Airlines uns 3 Stunden vor Abflug treffen, froh sind, dass über unser mehr oder minder dezentes Übergepäck großzügig hinweg gesehen wird, Familie und Freunde mit Tränen und trotzdem lächelnd ein letztes Mal in den Arm nehmen. Wo wir Arm in Arm aus der Sicherheitskontrolle zum Flugzeug marschieren, die Geige in der einen, das Flugticket und den Reisepass in der anderen Hand.

Umsteigen in Katar, aus dem Flugzeugfenster meine erste Aussicht auf die durchaus beeindruckende Meer- und Sandlandschaft; der Anfang einer Reihe von Aussichten, die ich bisher nur vom Bildschirm kenne. Als Souvenir ein Riyal Wechselgeld.
Ankunft in Entebbe nach 12 Stunden Reise, müde und doch irgendwie aufgeregt: ist das Gepäck angekommen? Und wo werden wir Truus finden, die holländische Krankenschwester aus Ococia, die uns abholen wird?
Alles kein Problem, und zwei Stunden später passieren wir pünktlich zur Tea Time das Tor (und nehmen mit der Stoßstange versehentlich ein Stück davon mit) des Gästehauses der Weißen Väter in Kampala. (Die Weißen Väter sind Afrika-Missionare, die ihren Namen von der Farbe ihres Ordensgewandes und nicht etwa von der Hautfarbe ableiten.)
Von diesem Ort aus erkunden wir in den nächsten 4 Tagen Teile von Kampala, probieren unsere erste Jackfruit, essen die ersten Chapati (Pfannkuchen) und erleben in der Kapelle der Weißen Väter eine kongolesische Hochzeit.

Weiterreise und Landschaft

Dann beginnt Teil zwei der Reise: Theresa bringen wir nach Nkokonjeru, wo sie mit den Little Sisters of St Francis leben wird, Truus und ich fahren weiter in den Norden, nach Ococia, wo ich auch mit den Little Sisters of St Francis leben werde. An diesem Tag bekomme ich ein neues Gefühl für Entfernungen. Um 8 Uhr am Morgen haben wir Kampala verlassen, 2 Stunden Pause in Nkokonjeru, um 20.30h am Abend sind wir in Ococia, 450km weiter. Wir fahren über gut ausgebaute, breite Teerstraßen, über Straßen, die gerade gebaut werden, über rote Staubpisten und durch unzählige Schlaglöcher. Die Landschaft ändert sich von Süden nach Norden, einen Großteil der Fahrt verbringe ich trotz Müdigkeit damit, aus dem Fenster zu starren, um Landschaft und Leute zu betrachten.

Uganda ist ein grünes Land. Im Süden mit Regenwald, Tee- und Zuckerrohrplantagen, im Norden mit Sumpfland, überall mit Wald, Wiesen, Feldern. Jetzt, zwei Monate später, bin ich immer noch jeden Tag erschlagen von der Schönheit der Natur, die hier doch noch etwas unverdorbener ist als bei uns. Gewöhnt habe ich mich hingegen an die Menschen, die überall die Straße entlang wandern, die unzähligen Fahrräder und Motorräder, die wir überholt haben, teilweise halsbrecherisch fahrende Matatus(Minibustaxis), die Kleinlaster, auf denen oft Bauarbeiter und manchmal strahlend gelb gekleidete Häftlinge zu ihrem Arbeitsplatz gebracht werden.
Die letzten 20km sind dann das, was ich mir als „Busch“ vorgestellt habe, und ich habe das Gefühl, nie wieder Soroti, die nächst größere Stadt, zu sehen. Na ja.. Es wird keine Woche dauern, bis ich weiß, dass die eine Stunde Fahrt hier nahezu nichtig ist. Und keinen Monat, bis ich merken werde, dass ich noch immer nicht den „wahren Busch“, wenn er denn existiert, kennengelernt habe.

Aussicht von Ococia aufs Umland
Aussicht von Ococia aufs Umland

Ankunft im Projekt

Auf dunklen, verschlungenen, holprigen Wegen (mittlerweile bin ich wirklich absolut desorientiert) nähern wir uns durch die Dunkelheit meinem Zuhause auf Zeit. Und noch bevor ich das Auto richtig verlassen kann, merke ich, wie willkommen ich hier bin. Freudenschreie und Arme kommen von allen Seiten, mein Empfangskomitee, das zum einen aus den Little Sisters, zum anderen aus den Mädchen besteht, die auch im Konvent wohnen. Schöner könnte man nicht ankommen.
Schon am nächsten Tag nach dem Gottesdienst finde ich meine ersten zwei Freundinnen Sarah und Kevin, die mich überall hinführen, mir alles zeigen und mir die ersten Worte auf Ateso beibringen.
Was an diesem Tag für mich wie Zungenbrecher wirkt, ist Gottseidank mittlerweile Standardvokabular, das sich langsam aber stetig ausweitet.

 

Das Health Center und meine Arbeit im Projekt

Nachdem meine Schon- und Kennenlernfrist um ist, bin ich zwei Wochen lang Praktikantin im Health Center, bis die Schulferien um sind.
In der HIV-Klinik, in welcher zweimal in der Woche kostenlos Medikamente an die HIV-Infizierten aus dem Umkreis verteilt werden, erlerne ich die Kunst der Aktenführung. Wirklich alles wird akribisch dokumentiert.
In der Maternity sind manchmal mehrere Geburten am Tag. Es gibt zwei Hebammen und mehrere angelernte Krankenschwestern, die sich um die Geburten genauso kümmern wie die Hebammen.

Die Maternity im Health Center
Die Maternity im Health Center

Truus, die niederländische Krankenschwester, ist immer wenn ich sie sehe beschäftigt: Sie unterhält eine Diabetesklinik (es gibt hier wirklich erstaunlich viele Menschen mit Diabetes), fährt mindestens einmal pro Woche nach Soroti, um Blut und Medikamente und andere Dinge zu besorgen. Außerdem organisiert sie Baumaterial für Renovierungen im Ort und ist gerade dabei ein Projekt für geistig Behinderte zu starten. Dafür hat sie eine Sozialarbeiterin engagiert- und jetzt auch mich.

Wir fahren in die Dörfer ringsum, wo wir jeweils im Zentrum des Dorfes stundenlang Kurzinterviews mit Betroffenen führen. Man bringt uns aber nicht nur die Kinder mit Geistiger- und Lernbehinderung (die allein schon eine ganze Menge sind) sondern die Menschen kommen mit sämtlichen Arten von gesundheitlichen Problemen zu uns, von Taubheit über Lähmungen und Fehlbildungen hin zu nachlässig oder nicht behandelter Epilepsie.
Vor allem diese Epilepsiefälle sind so zahlreich, dass Truus beschließt auch für diese Gruppe etwas tun zu müssen. Binnen weniger Wochen richtet sie im Health Center neben der Diabetesklinik eine Epilepsieklinik ein, wo die Patienten jeden Freitag ihre Medikamente abholen können.

Mithilfe eines Fragebogens finden wir heraus, was die Menschen hier über Epilepsie wissen und stellen fest, dass dieses Wissen oft sehr begrenzt ist. Wir beschließen, ein Bildungsprogramm zu starten, um die Menschen über Epilepsie zu informieren.

Manche Eltern haben uns auch erzählt, dass sie die Kinder wegen der Epilepsie aus der Schule nach Hause geschickt wurden oder dass sie ihr Kind deshalb nicht zur Schule schicken. Unser aktuellster Plan ist also eine Rundreise durch die Schulen im Umkreis, um Schüler- und Lehrerschaft über Epilepsie aufzuklären. Die ersten paar Schulen haben wir schon besucht. Zwischen 40 und 700 Kinder gleichzeitig werden dann unter dem Mangobaum oder in der leerstehenden Kirche versammelt und hören, die jüngeren mehr, die älteren weniger aufmerksam zu, wie zuerst ich auf Englisch und dann Sophia, die Sozialarbeiterin, auf Ateso über Epilepsie referieren.

Der langfristige Plan ist Unterricht für die vielen geistig behinderten und lernbehinderten Kinder aus den Dörfern. Die Entfernungen sind allerdings groß und wir wollen die Kinder nicht aus ihren Familien herausreißen, stehen erst ganz am Beginn der Planung und Erwägung dessen, was logistisch und organisatorisch machbar und finanziell möglich ist.

Mit Schulbeginn beginnt auch langsam und vorsichtig meine Arbeit in der Schule, die sich bisher aber ausschließlich auf eine Theater-AG beschränkt und gerade erst ans Laufen kommt, weil ich mich schon zwei Wochen nach Schulbeginn (also einmal Theater-AG) selbst unterbreche und krank werde. Mittlerweile bin ich aber wieder fit, wie könnte es auch anders sein, wenn die Sisters so ausdauernd dafür gebetet haben.

Theaterprobe in der Secondary School
Theaterprobe in der Secondary School

Glaube und Kirche

Ein Satz, den ich nämlich nach kurzer Zeit in meinen Wortschatz übernommen habe, ist „I pray for you!“
Ich erlebe hier einen absolut unerschütterlichen (und auch unhinterfragten) Glauben an Gott. Die Kirche ist jeden Sonntag voll (spätestens eine halbe Stunde nach Beginn der Messe, mit der Uhrzeit nimmt man es hier wirklich nicht so genau). Jeder, der nicht zu krank ist, kommt in die Kirche. Deshalb gibt es während der Schulzeit auch zwei Messen, eine auf Englisch für die Schüler und eine auf Ateso für die Dorfbewohner.

Jede Messe dauert mindestens eineinhalb Stunden. Es folgt eine halbe Stunde Abkündigung, die ich allerdings genauso wenig wie die Predigt verstehe. Trotzdem ist der Gottesdienst keine schlechte Gelegenheit zum Ateso lernen. Die Wörter wiederholen sich oft (aber dem Vaterunser komme ich beim besten Willen nicht hinterher) und vor allem im Kirchenchor lerne ich viele neue Wörter, die sich mit Melodie auch besser einprägen. Demnächst werde ich dann hoffentlich auch verstehen, was ich gerade singe.

Der Kirchenchor ist beeindruckend. Alles wird vierstimmig gesungen. Lernen wir bei der Probe ein neues Lied, geschieht das nicht mit Noten: Der Chorleiter singt die Stimmen nacheinander vor, die Stimmen singen nach. Fünf Minuten später kann jeder seine Stimme und das Lied klingt gut. Begleitet wird mit Trommeln, Rasseln, Fingerpianos, zehnsaitigen Harfen und einem Keyboard, das mit Autobatterie angetrieben wird. Und ich bin bei weitem nicht das jüngste Chormitglied, weder im Schulchor noch im Dorfchor. Bei den Proben sind wir zwar nicht allzu zahlreich, beim Gottesdienst aber dafür immer mindestens 30 Sänger, dirigiert von einer Schülerin der Secondary School.

Und nicht nur durch den Chor ist die Kirche lebendig: Manchmal wird der Gesang von vier bis acht tanzenden Mädchen begleitet, immer dabei sind die Jubelschreie, die wohl am ehesten mit Indianergeheul zu vergleichen wären, aber viel variabler sind, und die ich auszuführen nicht in der Lage bin. Der Rest Lebendigkeit geschieht durch die Kinder, die sich auf dem Boden vor den Bänken ansammeln, manche von den größeren mit einem kleinen Geschwisterchen auf dem Schoß oder dem Rücken. Die jüngeren Kinder laufen manchmal herum, wenn sie zu viel schreien, werden sie hinausgetragen. Gestillt wird überall, auch im Gottesdienst. Ab und zu verläuft sich auch der parish dog während des Gottesdienstes in die Kirche, alles kein Problem.

Eine der Wandbemalungen in unserer Kirche
Eine der Wandbemalungen in unserer Kirche

Klima

Trotzdem wird mir der Gottesdienst manchmal lang, vor allem, wenn es warm wird und er spät beginnt. Zu Beginn ist die Temperatur immer angenehm, aber trotz der Tatsache, dass alle drei Eingänge geöffnet sind und die Fenster gar nicht verschließbar, wird es ab 10 oder 11 Uhr oft unangenehm warm für mich, vor allem wenn es zwei oder drei Tage nicht geregnet hat.

Die Sisters ziehen noch nicht einmal in der Mittagshitze ihre Strickpullunder (wahlweise mit Strickjacke darüber) aus, während ich mich normalerweise schon vor Sonnenaufgang so dünn angezogen habe, dass zum ausziehen nichts mehr da ist. Bis dann im Dezember die echte Trockenzeit beginnt, muss ich mich wohl noch ein bisschen akklimatisieren.

Wenn es dann tatsächlich einmal nachts geregnet hat, ist Sr Stella am nächsten Morgen mit Sicherheit am erfrieren und ich genieße die frische, kühle Luft. Der Regen hier beginnt so wie unserer, wird aber binnen weniger Minuten zu einem Sturzbach vom Himmel- 20 Sekunden reichen vollkommen, um nass bis auf die Knochen zu werden. Die Dauer reicht von 10 Minuten bis zu 2 Stunden. Dann steht der grasbewachsene Innenhof des Konvents für eine Weile unter Wasser und ich freue mich an der frischen, kühlen Luft.
Damit möchte ich den ersten Rundbrief nun abschließen; Ich hoffe, einen kleinen Einblick in meine neue Welt bieten zu können und freue mich über Rückmeldung jeglicher Art.

Viele Grüße,
Kathrin Ringeisen