Ukraine: 3. Rundbrief von Theresa Günther

Liebe Familie,
Liebe Freunde,
Lieber Solidaritätskreis,
Liebe LeserInnen,

es ist viel Zeit vergangen und auch ziemlich viel passiert! Ich melde mich daher erst wieder aus dem neuen Jahr und versuche die letzten dreieinhalb Monate so gut wie möglich zusammenzufassen.

Besuch der deutschen Delegation aus Saarlouis und Lebach
Ende Oktober kamen zusammen mit dem Hilfstransporter aus Deutschland auch fünf Malteser aus Saarlouis und Lebach. Ich durfte bei den Ausflügen zusammen mit ein paar Maltesern vor Ort teilnehmen. Zum einen haben wir Hilfsgüter persönlich zu Familien mit ganz unterschiedlichen Problemen gebracht: Eine Familie ist über Nacht aus Donezk geflüchtet und konnte nur das Notwendigste mitnehmen, aber glücklicherweise hat der Vater hier schnell Arbeit gefunden. Eine blinde Frau muss sich alleine um ihre Enkelkinder kümmern und andere Familien haben schwerbehinderte Kinder. Wir waren auch in zwei Schulinternaten und haben diese sowohl mit Süßigkeiten als auch mit Schulmaterialien versorgt. Eines der Schulinternate liegt ca. 1 Stunde entfernt von Ivano-Frankivsk, in Mykulychyn. An diesem Tag haben wir auch noch die Zeit genutzt das Grab eines verstorbenen Bischofs und Freundes der Malteser in Kolomea zu besuchen. So konnte ich mehr von der Oblast (Bundesland) Ivano-Frankivsk sehen und die wunderschöne, malerische Aussicht auf die Vorkarpaten genießen.

Pilgerfahrt Hoschiv
Kaum waren die deutschen Malteser wieder weg, ging es für mich auf eine Pilgerfahrt. Zusammen mit 20 jungen Malteservolontären ging es nach Hoschiv. Das Kloster von Hoschiv ist auf einem Berg gelegen, von wo aus man eine herrliche Aussicht hat, generell ist der Ort sehr schön und vor allem leise. Vierer Zimmer und drei Mahlzeiten am Tag kann man nicht nur mit einer Gruppe bekommen, auch Einzelpersonen können hier eine schöne Zeit im Gebet und Nachdenken verbringen. Ich war vor allem erstaunt darüber, wie viele Jugendliche mir im Voraus mit Begeisterung von diesem Ort erzählt haben. Wenn ich so darüber nachdenke, kenne ich nicht allzu viele junge Leute in Deutschland, die an einem Wochenende auf Pilgerfahrt fahren um den Kreuzweg zu gehen und mit einem Priester über verschiedene Bibelstellen zu reden oder sogar eine Beichte abzulegen. Auch wenn der Herbst deutlich zu spüren war haben wir die Zeit genutzt, um in der Klosterumgebung spazieren zu gehen. Die Zeit war für mich sehr schön und ich würde auch nochmal dorthin fahren!

Die ganze Gruppe vor der Kirche vom Kloster in Hoschiv

Deutschkurs und Kochkurs
Seit Anfang November unterrichten Daniel und Ich Interessierte aus der Malteserjugend in Deutsch. Zwar kannten alle Teilnehmer das lateinische Alphabet aus dem Englischunterricht, aber die etwas andere Aussprache im Deutschen, sowie die Umlaute waren doch neu. Daher haben wir zunächst Sprachübungen mit verschiedenen Wörtern und Sätzen gemacht, mittlerweile klappt es ganz gut! Da im ukrainischen jeder Buchstabe einzeln ausgesprochen wird, sind die Verbindungen von bestimmten Buchstaben und deren Aussprache im Deutschen noch schwierig, aber ich bin zuversichtlich, dass sich das in Zukunft bessert.
Seit Mitte Oktober helfe ich außerdem jeden Mittwoch einer Malteservolontärin beim Kochkurs im Waisenhaus. Die Jugendlichen sollen kochen lernen und daher wird jede Woche ein neues Gericht gekocht. Ich bringe mich natürlich auch mit verschiedenen Rezepten ein, aber lerne auch viel Neues dazu! Es wird zunächst gekocht und genau gesagt, was für Produkte man benötigt und wie diese zubereitet werden. Später essen wir das Gekochte zusammen und unterhalten uns ein bisschen. Eine der Mitarbeiterinnen kann sogar Französisch und obwohl ich jedes Mal aufs Neue versuche auf Französisch mit ihr zu reden, fallen mir leider nur ukrainische Vokabeln ein. Es ist schon ein wenig peinlich nach 7 Jahren Französisch in der Schule zwar ziemlich viel zu verstehen, aber so gut wie kein Wort mehr sprechen zu können. Das liegt denke ich vor allem daran, dass ich mich hier so sehr auf die ukrainische Sprache konzentriere, sodass ich auch manchmal im Englischen meine Probleme habe. Ich habe mir aber vorgenommen, beide Sprachen nach meinem Auslandsjahr noch einmal aufzufrischen!

Als Anfang November ein kleines Seminar mit den deutschen Freiwilligen, die hier in der Ukraine sind, war, haben wir einen Tagesausflug nach Bukovel gemacht. Bukovel liegt in den Karpaten und ist der bekannteste Skiort in der Ukraine. Was das für mich heißt, können sich einige von euch bestimmt denken: Sobald Schnee liegt, muss ich dorthin und skifahren! Ich werde das wohl im Laufe des Januars in Angriff nehmen, aber hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack:

Vom Berg „Bukovel“ hat man einen sehr schönen Blick auf den höchsten Berg der Ukraine „Hoverla“ (2061m)
Vom Berg „Bukovel“ hat man einen sehr schönen Blick auf den höchsten Berg der Ukraine „Hoverla“ (2061m)

Briefumschlagfabrik
Es ist schon erstaunlich, dass ich erst in die Ukraine fahren muss, um herauszufinden, was eine gewisse Firma „Winkler + Dünnebier GmbH“ aus Neuwied herstellt! Ich war total erstaunt, als mein Chef mich mitnahm, um mir die Herstellung der Briefumschläge unserer Nikolausaktion zu zeigen. Dort angekommen muss ich sagen, war ich schon ziemlich überrascht war, wie klein die Welt doch ist, denn die Maschinen für die Briefumschlagherstellung kommen aus oben genannter Firma. Der Nachmittag dort war sehr interessant und es ist unglaublich, dass jede dieser Maschinen 1 Millionen Briefumschläge am Tag herstellen kann. Vom Schneiden, über Falten bis hin zum Kleben, ist es eine schwindend geringe Zeit der Herstellung eines einzigen Briefumschlages.
Die Straße zum Industriegebiet ist übrigens die „beste“ Straße, die ich je in meinem Leben gesehen habe, aber die muss man auch einmal gesehen haben, wenn man hier wohnt, sagte mein Chef!

Die Nikolausaktion
Ich würde sagen, einer meiner vielen Kindheitsträume hat sich erfüllt: Als Elfe für den Weihnachtsmann am Nordpol arbeiten!
Nun ja, jetzt bin ich ja keine Elfin geworden und ich arbeite auch nicht für den Weihnachtsmann, aber so gesehen kann man es vergleichen. Ich bin als Freiwillige bei den Maltesern eine der vielen Helfer des Heiligen Nikolauses. Auch sind wir nicht am Nordpol, aber ich würde mal sagen, dass die Temperaturen sich nicht großartig unterscheiden.
Aber ich möchte die ganze Aktion von Anfang beschreiben:
Im November haben die Briefe bzw. die Wunschzettel der ca. 2000 Kinder aus Waisenhäusern oder Schulinternaten aus der Region auf ihre Abholer gewartet. Seit dieser Zeit war ganz schön viel los im Büro! Neben den Volontären, die entweder Geld aus den Spardosen gezählt haben oder, so wie ich, Flyer und Briefe gefaltet haben, war das Büro immer mit Menschen gefüllt, die sich die Briefe der Kinder anschauten, um schließlich einen mitzunehmen. In diesen Briefen schreiben die Kinder nicht nur über ihre Geschenkwünsche, sondern auch über sich, ihre Interessen, Träume und Fähigkeiten. Sie erzählen darüber, was schmerzt und was fehlt. Man kann also ziemlich viel über die Kinder erfahren, obwohl man sie noch nie gesehen oder mit ihnen gesprochen hat.
Wir Freiwilligen hatten ziemlich viel zu tun, nachdem die 20000 Flyer und 14000 Briefe gefaltet waren, mussten diese natürlich auch in die Briefumschläge. Dachte ich, wäre es damit dann getan, musste ich feststellen, dass die Briefe noch sortiert werden. Auch wenn dieser Prozess sehr anstrengend war und ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen hat, hatte ich immer das Gefühl, die Briefe für alle Kinder der Welt zu sortieren.
Bis zum 10. Dezember sollten schließlich alle Geschenke wieder im Büro abgegeben werden, was bei 2000 Geschenken ziemlich viel Platz in Anspruch nimmt. Daher war nicht nur das Büro bis oben hin mit Geschenken gefüllt, sondern auch der große Raum unten in der Mateika, sodass es nur noch einen kleinen Weg bis zur Treppe gab, damit ich auch noch in meine Wohnung kommen konnte. Die Geschenke werden in schwarze Müllsäcke verpackt, damit sie besser transportiert werden können und auch kein Geschenk verloren geht! Würde man sich diese Bild allerdings ohne Müllsäcke vorstellen, wäre das wirklich ein bunter Traum für jedes Kind:

Die Mateika voller Geschenke
Die Mateika voller Geschenke

Bevor wir jedoch die Geschenke ausfahren konnten, haben wir noch jede Menge Obst gekauft. Jedes Kind soll nämlich ca. 1kg Obst bekommen, darunter Äpfel, Orangen, Mandarinen, Granatäpfel, Zitronen und Kiwis.

In der Stadt hat sich für die Winter- und Weihnachtszeit auch einiges geändert, zunächst wurden Ende Oktober alle Restaurantterrassen abgebaut und die Innenstadt sah sehr leer aus. Ende November wurden aber ein paar kleine Holzhäuser aufgebaut und wie sich herausstellte, sollte ich auch dieses Jahr nicht ohne Weihnachtsmarkt die Adventszeit genießen. Dieser wurde am 13.12 zum Andreas- Feiertag geöffnet. Auch wenn der Weihnachtsmarkt kleiner und von einer etwas anderen Art ist als in Deutschland, gab mir das schon ein besinnliches und heimatliches Gefühl! In der Nähe des Weihnachtsmarktes wurde auch ein riesiger Tannenbaum aufgestellt, der in den verschiedensten Farben leuchtet. An der Straßenbeleuchtung hat sich nicht allzu viel verändert, außer, dass die ohnehin schon das ganze Jahr hängende Weihnachtsbeleuchtung abends endlich angeschaltet wurde.

Als nun die Tage endlich gekommen waren, in die Internate zu fahren, glänzte mein Gesicht nur noch vor Freude. Die Kinder auf einfache Weise glücklich zu machen, indem man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, sie nach ihren Geschenken fragt oder einfach nur zusieht, wie sie mit großen Augen ihre Geschenke auspacken, hat mich selbst glücklich gemacht. Obwohl die verschiedenen Internate sehr unterschiedlich aufgebaut waren, konnte man keine Unterschiede zwischen den Freuden der Kinder ausmachen. Diese eine Woche verging zwar viel zu schnell, aber ich werde sie in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen!

Die Kinder in „Долина“ trugen zur Feier des Tages ihre traditionelle Tracht!
Die Kinder in „Долина“ trugen zur Feier des Tages ihre traditionelle Tracht!

Überraschender Kurzurlaub und Silvester
Als Überraschung für meine Eltern bin ich über Weihnachten für eine Woche nach Hause gekommen. Die Mühe der Geheimhaltung hat sich gelohnt und ich konnte ein schönes und unvergessliches Weihnachtsfest mit meiner Familie feiern.
Pünktlich zu Silvester war ich dann jedoch schon wieder in der Ukraine und habe zusammen mit den rumänischen Freiwilligen von SoFiA und ein paar ukrainischen Freunden, in einer Wohnung ein bisschen außerhalb von Ivano-Frankivsk, ins neue Jahr gefeiert.

Und damit ende ich auch erst einmal und wünsche euch allen ein frohes neues Jahr. Möge das Jahr 2015 euch viel Glück und Segen bringen!

Liebe Grüße
Theresa