3. Rundbrief aus Indien von Natascha Maaß

Hallo lieber Soli-Kreis!  
Ich habe leider lange nichts mehr von mir hören lassen und in der Zeit ist eine Menge passiert.
Es ist für mich etwas schwer an Internet zu gelangen, da in dem Konvent in dem ich lebe, kein Internetanschluss ist und ich den in der Schule aus Verwaltungsgründen nicht benutzen darf.  Deswegen liess habe ich mit den Neuigkeiten aus Indien auf mich warten lassen.

Aber nun endlich, an Weihnachten, kann ich wieder aus Indien berichten und muss alle enttäuschen, die glaubten Weihnachten wäre hier grundlegend anders- der grösste Unterschied ist, dass hier am 25. gefeiert wurde. Dennoch hatte ich ein sehr angenehmes Weihnachtsfest und hoffe euch allen ging es genauso. Ich bin jetzt bald drei Monate an der Mary Matha ICSE School in Pudukad und weiss gar nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen. Ich habe einen Sporttag, einen Kunsttag, die Weihnachtsfeier und viele alltägliche Schulsituationen erlebt. Den “Children’s Day” habe ich leider verpasst weil ich da im Krankenhaus lag. Ja, das Krankenhaus hab ich auch erlebt und kann alle beruhigen, die Krankenversorgung hier in Kerala ist klasse, man braucht sich absolut nicht den Kopf darüber zu zerbrechen.

 
Krankenhausaufenthalt
Vielleicht erstmal zu meinem Krankenhausaufenthalt, damit sich keiner unnötig Sorgen machen muss. Also auf meinem ersten Ausflug zum Cherrai Beach habe es leider geschafft mein Knie in die entgegengesetzte Richtung zu beugen und das leider beim Stoppen aus dem Rennen heraus, was dazu geführt hat, dass ich mir eine Fraktur im Knie am oberen Ende des Schienbeinknochens zugezogen habe. Dadurch, dass das im Knie ist, könnte das später, wenn es nicht gut zusammenwächst, zu Problemen führen, weswegen die Ärzte mir eine OP empfohlen haben, mir aber die Wahl gelassen haben. Ich habe mich für die OP entschieden, weil es einfach das Beste war und ich keine Athritis mit 25 riskieren möchte. Es war auch nur eine kleine OP, ein ca. 2-3 cm langer Schnitt und drei Schrauben um den Bruch zu fixieren. Die Ärzte haben hervorragende Arbeit geleistet und mich sehr sorgfältig behandelt, wie es in Deutschland vermutlich kein Arzt getan hätte. Ich war auch in einem guten Krankenhaus und kann alle beruhigen. Auch wenn es an manchen Stellen vielleicht nicht so aussah, stand es deutschen Krankenhäusern in nichts nach und ich bin richtig froh über meine Ärzte. Auch die Schwestern, bei denen ich wohne, haben sich rührend um mich gekümmert und tun es immer noch, weswegen es mir inzwischen auch schon wieder ziemlich gut geht und ich es gar nicht erwarten kann bis ich endlich wieder ohne Krücken laufen darf.
Schulleben
Aber nun zum wirklich Interessanten: Die Schule.
Zunächst mal ganz allgemein: Meine Schule ist die Mary Matha ICSE School in Pudukad. So ganz blicke ich bei dem indischen Schulsystem mit öffentlichen und privaten Schulen und verschiedenen Standards leider noch nicht durch, aber was ganz klar und einfach ist, ist, dass es hier grundlegend erstmal zwei verschiedene Schulen gibt:  Die Malayalam Medium Schools und die English Medium Schools. An Malayalam Medium Schools ist die Unterrichtssprache Malayalam und Englisch nur ein Schulfach, wie bei uns in Deutschland auch. An English Medium Schools ist die Unterrichtssprache Englisch, weswegen Kinder von English Medium Schools meist besser Englisch sprechen als die von Malayalam Medium Schools.
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Meine Schule ist eine English Medium School und bietet Unterricht vom Pre-KG( KG steht für Kindergarden) bis zur 10. Klasse an. Im Pre-KG sind Kinder so um die 3 Jahre und im Prinzip ist es das Gleiche wie in Kindergärten in Deutschland. Danach geht es mit LKG (Lower KG) und UKG (Upper KG) weiter und dann ganz normal die Klassen 1-10. Grundlegend anders sind aber die LKG und UKG. Während bei uns jeder ganz stolz ist, wenn ein Kindergartenkind seinen Namen schreiben kann ist das hier ganz normal. Ab LKG geht es nämlich los mit den Fächern Malayalam, Englisch, Allgemeinbildung und auch ein wenig Mathe. Auch wenn die KG- Klassen natürlich dennoch viel Spielen, Zeichnen und viele Reime und Lieder Lernen, lernen sie also schon Schreiben, Zählen und hier auf den English Medium Schools auch Englisch.
Meine Aufgaben
Ich bin im Prinzip eine Vertretungslehrerin und meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, die Schüler zum freien Sprechen zu animieren und ihre Aussprache zu verbessern. Denn auch wenn deren Englisch-Wortschatz Wörter beinhaltet, bei denen ich manchmal anfange daran zu zweifeln ob man uns in der Schule wirklich ein gehobeneres Englisch beigebracht hat, so sind die Schüler meist recht sprechfaul und werfen einem eher einzelne Woerter an den Kopf mit denen man sich dann selbst denken muss was sie wollen. Es ist nicht so dass sie keine Sätze bilden könnten, sie wenden es aber nur selten im Gespräch an. Ein veranschaulichendes Beispiel ist die Frage in der Mittagspause, ob sie denn einen Ball zum Spielen holen dürfen. Die Frage geht immer an den Sportlehrer und sorgt in dem kleinen Lehrerzimmer, in dem auch ich sitze, jedesmal für Belustigung, da sie ganz knapp lautet „Sir? Ball take?“. Dazu muss man sich noch einen extremen Malayalam- Akzent vorstellen und schon ist der Running Gag unter den Lehrern entstanden. Irgendwann bin ich dann dazu übergegangen, in den Grundschulklassen mal nachzufragen, wie man den höflich nach einem Ball fragt und siehe da, ohne dass ich es ihnen sagen musste, wussten von der 1. Klasse an alle, dass es eigentlich „May I take a ball, please?“ heisst. Also das Können ist durchaus da, aber im Eifer des Gefechts wird es gerne unter den Tisch fallen gelassen- wäre auch schade wenn nicht, denn es versüsst jedes mal wieder die Mittagspause.
Aber an alle, die mir Dinge erzählt haben wie: “In Indien, da wollen die Kinder ja lernen, die sind ja froh, dass sie in die Schule können.” Oder: “In Indien, da haben die Kinder ja noch viel mehr Respekt vor den Lehrern!” denen kann ich nur sagen: Falsch. Beziehungsweise: Teils teils. Die Kinder hier sind genau so froh über die Schule wie die lieben deutschen Kinder. Manche gehen gerne hin andere finden die Schule nervig. Alle Kinder spielen lieber als zu lernen und finden Hausaufgaben doof. Wer da einen Unterschied zu deutschen Kindern sieht, der melde sich bitte, ich sehe ihn nämlich nicht. Was den Respekt und die Disziplin angeht ist es das Selbe. Manche Schüler reden und verhalten sich sehr respektvoll, andere machen gerne den Klassenclown. Es gibt die Schüler, die nie das machen, was sie sollen oder die, von denen man sich fragt, wann man sie mal gesehen hat, weil sie im Unterricht einfach total mit Unauffälligkeit glänzen. Genau so gibt es die Schüler, die immer die Hand heben, immer genau die Antwort wissen und sich so sehr engagieren, dass man denkt “Entspann dich mal, es ist nur Schule.”
Dennoch gibt es grosse Unterschiede, was die Regeln und Disziplin angeht. So gibt es drei verschiedene Uniformen, die an den vorgeschriebenen Tagen getragen werden müssen. Man darf nur ohne Uniform zur Schule kommen, wenn man Geburtstag hat. Ansonsten ist immer Uniformpflicht. Es gibt auch eine Uniform für Lehrer, die wird aber nur am Mittwoch getragen und besteht aus einem recht hübschen Saree, die 5 männlichen Mitarbeiter/Lehrer tragen Hemd und Hose in der gleichen Farbe. Ebenso müssen alle Schüler und auch die Lehrer eine „Identity Card“ mit Foto bei sich tragen, auf der Name, Klasse und Adresse steht, die sie eindeutig als Mitglied der Schule kennzeichnet. Was ich gar nicht so schlecht finde, wenn man bedenkt, dass es an meiner Schule häufiger mal vorkommt, das Schüler der anderen Schulen auf dem Schulgelände Unsinn veranstalten.
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Assembly
Jeden Morgen vor der ersten Stunde findet die sogenannte „Assembly“ statt. Dafür versammeln sich die Schüler in ordentlichen Reihen vor ihren Klassenräumen, die höheren Klassen auf dem Hof, und eine Gruppe von Schülern leitet die ca. 10 minütige Assembly von der Bühne aus. Die Assembly fängt, da es eine von den Schwestern gegründete christliche Privatschule ist, mit einem Gebet an. Das Gebet ist häufig ein kurzes Lied, gesungen von 3 Schülerinnen. Danach kommt der „Pledge“, bei dem alle Schüler schnurgrade stehen und die rechte Hand grade ausgestreckt halten müssen und dem Schüler auf der Bühne nachsprechen müssen. Ich habe leider keine adäquate Übersetzung für „pledge“, weil es in Deutschland einfach nichts vergleichbares gibt und Schwur oder Gelöbnis klingt irgendwie falsch.  In diesem pledge erklären die Schüler, dass sie ihr Land lieben und den Älteren gehorchen und ihr Bestes geben. Danach wird ein kleiner Part aus der Bibel und das Wichtigste aus der Zeitung vorgelesen, ein Gedanke des Tages vorgetragen und manchmal auch ein Sprichwort erklärt.
Vor jeder Stunde ist es ebenso üblich, dass die Schüler beten, allerdings wird das so gehandhabt wie bei uns das Aufstehen zum Begrüssen- je älter die Schüler werden, desto häufiger wird es auch mal unter den Tisch fallen gelassen. Ich persönlich verlange es nur in den Klassen bei denen ich merke: „Die sind so nervös, dass ich die jetzt erstmal ruhig kriegen muss.“
Neben meinem Job als Vertretungslehrerin, bei dem ich immer da einspringe wo ich gebraucht werde, habe ich einmal pro Tag eine KG-Klasse, was gut aufgeht da es genau  3 UKG und 2 LKG gibt, und gebe zwei mal pro Woche Volleyball Training.
Das Unterrichten in den KG-Klassen ist genauso herzerwärmend wie anstrengend. Denn auch wenn ich mich jedes Mal wieder auf die unglaublich goldigen Kinder freue, ist das Unterrichten dort nicht so einfach. Erstes Problem ist die Sprache, denn die Kleinen sprechen nur ganz wenig Englisch und meine Aufgabe ist es ja ihnen kleine Sätze beizubringen. Wörter sind sinnlos, da kennen die mehr als genug, traurigerweise, denn ich wurde schon von einem 5-jährigen Maedchen korrigiert, dass es Colour-Box und nicht nur Box heisst. Zweites Problem ist die Aufmerksamkeitsspanne. Was man ihnen in den ersten 10 Minuten nicht begreiflich gemacht hat, wird auch nichts mehr, denn nach 10 Minuten ruht die Aufmerksamkeit der Kleinen überall, nur nicht auf dem was man sagt. Den Rest der Stunde verbringt man dann mit Lieder singen oder zeichnen lassen und zwischendrin nochmal die Sätze vom Anfang der Stunde abfragen. Dafür ist ein Erfolg umso feiernswerter. Ich hätte das erste Kindergartenkind, das mir auf die Frage: „What’s the shape of a plate?“ mit „The shape of a plate is a circle.” und nicht mit “a circle” geantwortet hat, einfach knutschen können. Ebenso das Kindergartenkind, das als erstes verstanden hat, dass man bei dem Satz “My shirt is blue” Nomen und Adjektiv auch durch andere Woerter ersetzen kann. Auch gibt es nichts Schöneres, als zu hören, wie sie meine Aussprache kopieren, was die Kleinen einfach am besten können. Denn trotz grossen Grammatikkenntnissen und einfach unglaublich riesigem Wortschatz ist die Aussprache einfach Malayali. Nicht nur die der Kinder, sondern auch die der Lehrer, weswegen mir immer gesagt wird ich soll hauptsächlich auf die Aussprache achten. Das Problem ist nur je älter die Schueler sind, desto länger haben sie die falsche Aussprache verinnerlicht, weswegen ich da bei den KG-Students einfach am meisten Erfolg habe.
bb
Volleyball
Das Volleyballteam habe ich gegründet, weil hier Sport einfach nicht als sonderlich wichtig gilt und gerne unter den Tisch fällt. Allerdings gibt es ein Schulfussbalteam für die Jungs. Ich dachte mir das ist unfair, die Mädchen kriegen keine Gelegenheit geboten und habe dann zusammen mit einer anderen Lehrerin namens Milmi als moralische Unterstützung und einem der zwei Sportlehrer Ranjith, der auch das Fussballteam leitet, als fachliche Unterstützung eine Volleyballteam für die Klassen 7-9 auf die Beine gestellt. Inzwischen sind auch noch 4 Schülerinnen aus 5 und 6 dazu gekommen. Vor allem der Sportlehrer hilft mir mit dem Volleyballteam wann immer er kann, wofür ich sehr dankbar bin, denn auch wenn ich nicht unbedingt schlecht bin im Volleyball, so bin ich doch froh wenn ab und zu mal jemand vorbeikommt, der es richtig gut kann und den Mädchen zeigt wie es dann irgendwann mal aussehen soll.
Die zwei Lehrer sind inzwischen auch meine Freunde und wenn ich nicht verletzt wäre, hätte ich jetzt in den Ferien auch was mit Milmi unternommen. Wir haben uns fest vorgenommen, das nachzuholen.
Ihr seht also, auch privat lebe ich mich immer besser ein.
Insgesamt komme ich auch mit dem Klima inzwischen ganz gut klar, man gewöhnt sich dran und nachts oder auch kurz nach dem Duschen kann es durchaus mal vorkommen, das es einem etwas kühl ist. Allerdings merke ich dass es derzeit wieder wärmer wird und habe etwas Bammel vor März/April, wenn es hier dann 40 Grad und mehr wird, denn auch wenn ich derzeit das Klima ganz gut finde, weiss ich nicht was ich machen soll ,wenns wärmer wird.
So aber ich denke das ist jetzt erstmal genug! Ich freue mich immer über eure Rückmeldungen, auch wenn mein Internetzugang derzeit leider sehr schlecht ist und meine Antwort deswegen öfter mal auf sich warten lässt. Ihr seht die Bilder vom Arts-Festival, mit ein paar meiner Schülerinnen (das tanzende Mädchen ist aus UKG, die Gruppe von Mädchen sind aus der 2. Klasse) und zum anderen ein Bild von den Kindern im Waisenhaus in Arthat. Das Bild, auf dem die Schüler so sauber in Reihen stehen, ist vom Sporttag, wo das Programm mit einer Parade gestartet wurde. Die vier verschiedenen Farben weisen die Schüler ihren „Häusern“ zu. Diese Uniform, wird nur mittwochs oder an offiziellen Wettbewerben getragen, da die vier Häuser miteinander konkurrieren.
Ich wünsche euch allen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Ganz liebe Grüsse aus dem immer noch angenehm warmen Kerala, wo die Weihnachtskrippen einfach noch hübscher sind als in Deutschland.
Natascha

cc