Rumänien: 1. Rundbrief von Johanna Knebel

Lieber Solidaritätskreis,
Liebe Familie und Freunde,
Liebe LeserInnen,

seit zwei Monaten bin ich nun schon mitten in meinem Freiwilligendienst. Seitdem habe ich schon viel Neues gesehen und erlebt und davon möchte ich Euch jetzt ein wenig berichten.

Sprachkurs in Budapest
Bevor ich in Rumänien meine Arbeit im Projekt aufnehmen konnte, absolvierte ich gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen Tamara (sie leistet ihren Dienst in Târgu Mures) einen zweiwöchigen Ungarisch Sprachkurs in Budapest. Wahrscheinlich sorge ich an dieser Stelle ersteinmal für Verwirrung, denn in Rumänien spricht man bekanntlich doch Rumänisch und nicht Ungarisch. Das stimmt nicht ganz, denn es gibt auch ein ungarischsprachiges Gebiet, aber dazu später mehr.
Meine Reise startete am Koblenzer Hauptbahnhof am 10. August um 1Uhr nachts schon mit einer knappen Stunde Verspätung des Zuges. Bis wir in Budapest ankamen, summierte sich diese auf vier Stunden, sodass es 19Uhr war, als wir endlich, mittlerweile ziemlich erschöpft von der langen Zugfahrt, unser Zimmer in einem kleinen Hotel am Stadtrand beziehen konnten. Für zwei Wochen hatten wir nun jeden Tag 3 Stunden Sprachunterricht bei einer sehr herzlichen älteren Dame, die als private Sprachlehrerin arbeitet. In dieser Zeit wurden wir immer ausgiebig mit Kaffee und Keksen versorgt, da unsere Köpfe doch ziemlich rauchten von so vielen neuen Vokabeln.

Blick über Budapest
Blick über Budapest

Unsere freie Zeit nutzten wir, indem wir weiter fleißig Ungarisch lernten, um das Gelernte auch möglichst bald praktisch umsetzen zu können. Natürlich nutzten wir unsere Zeit auch, um das wunderschöne Budapest zu erkunden. Ein besonderer Höhepunkte stellte dabei die Stadtführung mit dem Sohn unserer Sprachlehrerin dar, der uns die Stadtgeschichte sehr lebhaft näher brachte. Wir hatten auch das Glück am Nationalfeiertag in der Stadt zu sein und konnten so am Abend ein zauberhaftes, musikuntermaltes Feuerwerk über der Donau bewundern.
Nach zwei Wochen waren wir dann aber doch froh endlich in unsere Projektstellen aufbrechen zu können. Also setzten wir uns ein zweites Mal einen ganzen Tag in den Zug und zwar um 6Uhr morgens, um endlich anzukommen.

Meine Stadt – Csíkszereda
Gegen 20 Uhr konnte ich dann in Miercurea Ciuc (ung. Csíkszereda, dt. Szeklerburg) aussteigen und wurde am Bahnhof von meiner Vorgängerin Felicia, meiner Mitbewohnerin Betty und der Freiwilligenkoordinatorin Evá empfangen, die mich in meine Wohnung brachten. Diese befindet sich direkt im Stadtzentrum, im Erdgeschoss eines fünfstöckigen Hauses.
Csíkszereda ist die Hauptstadt des Kreises Harghita in Siebenbürgen und hat ca. 42 000 Einwohner. Die Mehrzahl der Einwohner zählt zur ungarischsprachigen Minderheit der Szekler, weshalb hier auch Ungarisch als zweite Amtssprache gilt. → Deshalb habe ich auch keinen Rumänisch Sprachkurs sondern einen Ungarisch Sprachkurs gemacht ;).
(Ich werde immer den Namen Csíkszereda verwenden, da dies hier üblich ist und ich ja ebenfalls Ungarisch spreche, oder es zumindest versuche.)
Die Szekler sind durch eine nicht eindeutig bestimmbare Herkunft von der ungarischen Minderheit zu unterscheiden. Es wird angenommen, dass sie von den Ungarn zur Landeserschließung und Grenzsicherung in den Ostkarpaten angesiedelt wurden. Im Laufe der Zeit passte sich ihre Sprache dem Ungarischen an. Heute leben noch 1,4 Millionen Ungarn (6,6% der Gesamtbevölkerung) in Siebenbürgen, davon sind circa 600 000 Szekler. (Quelle: „Rumänien- Mehr als Dracula und Walachei“ von Hilke Gerdes, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung)
So viel also zu meinen Rahmenbedingungen ;).

Meine Einsatzstelle – St. Ágoston Tageszentrum für Menschen mit geistiger Behinderung
Mittlerweile hat sich schon ein bisschen Alltag eingespielt, der wie folgt aussieht: Mein Tag beginnt morgens um halb acht mit aufstehen, frühstücken usw.. Um halb neun beginne ich meine Arbeit im Tageszentrum, bis dorthin habe ich etwa 10min Fußweg. Gemeinsam mit vier Kolleginnen (und zwei Meerschweinchen :D) betreuen wir 20 geistig Behinderte im Alter von 12 bis 40 Jahren, überwiegend Menschen mit Autismus, aber auch 4 mit Down-Syndrom.
Es gibt zwei Gruppen, in die die Leute nach ihren Fähigkeiten eingeteilt sind. In der ersten Gruppe ist die Sprachfähigkeit sehr eingeschränkt und auch lesen und schreiben können sie nicht. Es ist wohl vergleichbar mit einer Vorschulgruppe. In der zweiten Gruppe können die meisten lesen und schreiben und brauchen weniger Hilfestellungen von uns. Ich bin jede Woche in der jeweils anderen Gruppe, damit ich mit allen gleich viel zu tun habe.
Der Tag beginnt, nachdem alle angekommen sind, mit einem Morgenkreis, dann folgt Gymnastik, Frühstück und Putzen. Bevor wir dann um 12 Uhr Zähne putzen und in das Nachmittagsprogramm starten, gibt es eine kleine Ruhepause.
Das Nachmittagsprogramm ist von Wochentag zu Wochentag unterschiedlich. Montags und dienstags ist Gruppenstunde, in der gebastelt, gemalt oder gelernt wird. Mittwochs geht meine Kollegin Emöke und manchmal auch ich, mit vier Behinderten zur Wassertherapie. Es ist sehr wichtig, da die meisten auch in ihren motorischen Fähigkeiten eingeschränkt sind und im Wasser viele Bewegungen einfacher und auch entspannter sind. Es macht viel Spaß gemeinsam im Wasser zu sein. Donnerstags gehen wir einkaufen und/oder kochen einfache Gerichte und freitags kommt eine Musiktherapeutin zu uns, die mit den Leuten musiziert, vor allem Glockenspiel wird gespielt.
Um 14Uhr werden die sie entweder abgeholt oder gehen selbst nach Hause, sodass ich gegen 14.30Uhr wieder zu Hause bin.
Meine Aufgabe besteht darin überall zu helfen und zu betreuen, z.B. passe ich beim Zähne putzen auf, helfe beim Anziehen, spiele Memory und Puzzle, und und und.
Mittlerweile kann ich den Morgenkreis schon selbst auf Ungarisch machen, was ein erstes Erfolgserlebnis für mich dargestellt hat, weil es mich im Sprachgebrauch sicherer macht und auch selbstständiger.
Auch wenn unser Tagesablauf immer gleich ist, da eine feste Struktur für die Jugendlichen sehr wichtig ist, ist jeder Tag anders und abwechslungsreich.

Aktionen
Neben dem normalen Tagesgeschäft organisieren meine Kolleginnen auch außerordentliche Aktionen wie Ausflüge und im Sommer sogar eine kleine Freizeit.
Mitte September haben wir einen Tagesausflug in das ehemalige Salzbergwerk nach Praid unternommen. In dem riesigen unterirdischen Abbaugebiet ist heute eine Spielhalle mit Kletterparcours, Rutschen, Schaukeln und Imbiss untergebracht. Hier haben wir den Nachmittag also mit Spielen verbracht. Das hat allen großen Spaß gemacht.

von links: Anna, ich und Szilvia
von links: Anna, ich und Szilvia

Zum Abschluss wurde noch gemeinsam ein Eis geschleckt und dann mussten wir auch schon wieder zwei Stunden mit dem Bus zurückfahren.
Ende September hatten wir dann eine Aktion gemeinsam mit der örtlichen Schule für geistig behinderte Kinder. An einem Samstagvormittag haben wir uns auf dem Spielplatz nahe dem Zentrum getroffen, um diesem einen neuen Anstrich zu verpassen. Bevor wir mit der Arbeit loslegten, spielten wir zum Warmmachen noch Eierlauf und machten ein kleines Wettrennen.

Meine Kollegin Emöke und Anna beim Streichen
Meine Kollegin Emöke und Anna beim Streichen

Projektbesuche der deutschen Freiwilligen

von links: Lisa, Tamara, ich und Magdalena
von links: Lisa, Tamara, ich und Magdalena

Vergangene Woche Montag und Dienstag hat die Caritas uns Freiwilligen einen gegenseitigen Projektbesuch ermöglicht. Am Montag starteten wir alle gemeinsam in Târgu Mures/ Vasarhely, wo ich zum ersten Mal nach zwei Monaten meine Mitfreiwilligen von SoFiA, Tamara und Magdalena, wiedergesehen habe, was sehr schön war, und außerdem Lisa aus Österreich kennenlernte, die für drei Monate bei der Caritas ist.

Dort wurden uns die Entstehung der Caritas, deren Struktur und Vernetzung erklärt, sodass wir jetzt einen besseren Überblick über dieses umfangreiche Netzwerk haben.
Anschließend haben wir ein Roma Projekt in Vasarhely besucht. Hierhin kommen die Roma Kinder nach der Schule von 12Uhr bis 15.30 Uhr, damit ihnen bei den Hausaufgaben geholfen werden kann, denn viele Eltern sind Analphabeten.

St. Elisabeth Altenheim in Gyergió
St. Elisabeth Altenheim in Gyergió

Unsere Fahrt führte uns  dann nach Gyergyó, wo wir uns das größte (150 Bewohner) der drei Altenheime, die die Caritas betreibt, anschauten.
Dienstags wurden uns die Programme in Csíkszereda vorgestellt: Dazu zählen u.a. ein Programm für alkoholabhängige Personen, das Familienunterstützungsprogramm und Kinesthetics (Gymnastik für alte Menschen).
Abschließend haben wir natürlich auch das St. Ágoston besucht.
Ich hatte zwei sehr schöne und informative Tage!

Egymillió csillag – Eine Millionen Sterne
Egymillió csillag ist eine Aktion, die in allen Orten stattfindet, wo die Caritas ein Büro hat. Gegen eine Spende, welche den armen Menschen zu Gute kommt, kann man ein Licht aufstellen. Diese Lichter wurden auf dem Boden in Form des Caritas Logos angeordnet. Das soll ein Symbol der Hoffnung und Solidarität sein.

Caritas Logo in Lichtern
Caritas Logo in Lichtern

Bei und hat es gestern Abend leider die ganze Zeit geregnet, aber die Helfer haben tapfer dagegen angekämpft und versucht die Lichter am Leuchten zu halten, sodass es, trotz Regen, sehr schön aussah.

Die Sprach(en)
Ungarisch zu lernen macht mir wirklich Spaß und mittlerweile bin ich schon ganz gut im Smalltalk, aber bis ich eine Unterhaltung führen kann, muss ich mich noch gedulden. Manchmal ist es sehr anstrengend und frustrierend, wenn man nicht alles versteht bzw. nur einzelne Wörter. Gleichzeitig ist es immer ein tolles Gefühl ein neues Wort in den eigenen Wortschatz aufnehmen zu können :D.
Aber nicht nur ich lerne eine neue Sprache, sondern auch andere und zwar Deutsch. Die Caritas hier hat eine Partnerschaft mit der Caritas in der Schweiz. Es gibt ein Programm, dass es Rumänen ermöglicht, für 3 Monate in die Schweiz arbeiten zu gehen. Sie werden dort als Unterstützung für ältere Menschen, vor allem mit Demenz, im Haushalt eingesetzt. Zur Zeit treffe ich mich alle zwei Wochen für zwei Stunden mit 5 Frauen und wir sprechen über alltägliche Dinge wie Einkaufen, Haushalt etc.. Sie haben zwar alle schon einen Sprachkurs besucht, aber Übung und Wiederholung macht sie sicherer und ich versuche sie vor allem zu ermutigen zu sprechen.

Jetzt habe ich ja doch eine ganze Menge geschrieben. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß beim Lesen! 🙂
Ich freue mich über Fragen und Rückmeldungen.
Bis demnächst
Eure Johanna