Ukraine: 5. Rundbrief von Theresa Günther

Liebe Familie,
liebe Freunde,
lieber Solidaritätskreis,
liebe LeserInnen,

die Zeit fliegt gerade und ich kann es kaum glauben, dass schon wieder zwei Monate vergangen sind und mir somit nur noch knapp drei Monate bleiben, aber mit der Zeit sind auch die kalten Tage vergangen. Es ist Frühling und schon bald steht der Sommer vor der Tür. Die Tage werden länger, wärmer und irgendwie unbeschreiblich voller. Es ist wieder viel passiert, von dem ich euch berichten möchte.

Kreuzweg durch Ivano-Frankivsk und Besuch der Malteser aus Saarlouis und Lebach
Ende März fand der große alljährliche Kreuzweg durch die Stadt Ivano-Frankivsk statt. Wir sind mit den Maltesern und vielen unserer Rollstuhlfahrer in der führenden Gruppe mitgegangen. Es gab einen abschließenden Gottesdienst in der Kathedrale und im Büro haben wir zusammen einen kleinen Snack mit Broten, Keksen und Tee gemacht.

Kreuzweg durch Ivano-Frankivsk

Am selben Tag ist eine Delegation der Malteser aus Saarlouis und Lebach zu Besuch gekommen. Neben einem weiteren Hilfsgütertransport wurden wieder viele Ausflüge unternommen. Wir haben erneut einige Familien mit verschiedenen Problemen persönlich besucht, um Hilfsgüter zu verteilen. Diesmal waren wir noch in einem anderen Kinderheim, welches auch schon bei unserer Nikolausaktion dabei war. Hier sind die Kinder nur kurzzeitig, weil sie entweder wieder zurück in ihre Familien kommen oder an Internate oder Pflegefamilien weitervermittelt werden. Einige der Malteser durfte ich als meine Gäste willkommen heißen und es war eine schöne und abwechslungsreiche Zeit.

Ostereier bemalen im Kinderheim
Anlässlich der Osterfeiertage Mitte April, war ich mit ein paar Freiwilligen der Malteserjugend im Kinderheim und habe einen Workshop zum Thema „Dekoration an Ostern“ gegeben. Auch wenn viele Eier sehr patriotisch in den Farben gelb und blau, und nicht so bunt wie eigentlich angedacht, bemalt wurden, haben die Kinder schöne Dekorationen angefertigt.

Pilgerfahrt Hoschiv über (deutsches) Ostern
Am Osterwochenende fand eine zweite Pilgerfahrt nach Hoschiv statt. Diesmal waren wir doppelt so viele und so wurde die Zeit wirklich schön. Jeden Morgen gab es zunächst eine Messe und mit einem Priester haben wir hauptsächlich über das Thema „Entscheidung“ gesprochen. Außerdem haben wir uns in Gruppen aufgeteilt, um jeweils eine der Kreuzwegstationen selbst zu gestalten. Es bestand zudem die Möglichkeit eine Beichte abzulegen. Mit verschiedenen Spielen, Filmen, Gesängen und kreativen Ideen haben wir unsere Freizeit gestaltet. Es waren auch ein paar neue Gesichter dabei, aber wir haben uns alle schnell kennengelernt und konnten gut zusammen arbeiten.

Ostern in der Ukraine
Natürlich war Ostern ebenso wie Weihnachten zu einem anderen Datum, als bei uns in Deutschland. Daher war am deutschen Osterfest erst Palmsonntag in der Ukraine und hier wurden entgegen meiner Erwartungen Weidenkätzchenzweige gesegnet und nur ganz wenige Buchsbaumzweige, so wie ich es aus Deutschland kenne. Auch beim Karfreitagsgottesdienst gab es kleine Ungewohntheiten für mich, so wurde nicht das Kreuz zur Kreuzverehrung vor den Altar gelegt, sondern eine liegende Jesus Ikone, die Jesus im Grab darstellt. Zum Ostersonntag wurde ich von einem Freund zu seiner Familie eingeladen, also führten mich meine Wege an diesem Sonntagmorgen in den Vorort Крихівці. Wir gingen zunächst in den Gottesdienst um unsere Osterkörbe segnen zu lassen. Der Chef der gegenüberliegenden Caritas ist auch der Priester dieser Kirche. Aber um noch einmal auf die Körbe und deren Inhalt zu kommen; in jedem Korb sind Eier, Wurst, паска (ein Milchbrot, dass traditionell zu Ostern gebacken wird), Käse, Blumen und vieles weiteres, was zum Frühstück so gegessen wird. Außerdem eine Kerze und ein Deckchen, dass den Inhalt des Korbes verdeckt. Jeder hat also seinen Osterkorb mitgebracht und alle Besucher standen in einem großen Kreis um die Kirche herum. Warum? Aus dem einfachen Grund, dass die Kirche nicht annähernd die Besucherzahl aufnehmen kann, die an diesem Ostersonntag dem Gottesdienst beiwohnten. Gott sei Dank war das Wetter an diesem Tag traumhaft, sodass es wirklich voll um die Kirche wurde und sich aus dem Kreis zwei gegenüber stehende Ringe gebildet hatten. Nach dem Gottesdienst wurden schließlich die Gaben gesegnet, dazu werden die Deckchen abgenommen und die Kerzen angezündet. Der Priester segnet dann jeden Korb und die Gläubigen.
Ostern ist hier ein sehr großer Feiertag und daher dauerte die gesamte Messe ca. 3 Stunden, außerdem könnte man auch schon am Vorabend zur Osternachtsmesse gehen. Das Anzünden der Kerzen und die folgende Segnung geben in der Nacht sicherlich ein noch schöneres Bild ab, als am helllichten Tag.

Beispiel eines Osterkorbs
Beispiel eines Osterkorbs

Nach dem Gottesdienst sind wir dann nach Hause gegangen und haben gemeinsam mit den Eltern, dem Bruder und der Frau meines Freundes gefrühstückt. Natürlich sollte ich wieder alles probieren und es war wirklich sehr lecker. Später habe ich noch den Tierbestand und den Garten betrachten können und dieser erklärte die vielen Eier, die selbstgemachte Wurst und das frische Gemüse. Nach dem Essen sind wir ca. 30 km außerhalb von Ivano-Frankivsk in ein Dorf gefahren, um verschiedene Verwandte zu besuchen. Es war wirklich ein schöner Tag und ich wurde überall freundlich empfangen. Jedoch musste ich feststellen, dass ich schon nach dem dritten Hausbesuch so viel gegessen hatte, dass ich die folgende Woche nichts mehr essen bräuchte.
Nach der langen Fastenzeit ohne Fleisch und Alkohol, war auch dieser Tag der erste, an dem die selbstgemachte Wurst und die anderen Leckereien, die ca. eine Woche für diese Feiertage vorbereitet wurden, gekostet wurden. So wurden mir in jedem Haushalt die selbstgemachten Produkte angeboten und ein nein hat man kaum akzeptiert.

Besuch aus der Heimat
Am 25.04. durfte ich Besuch von Zuhause empfangen. Meine Eltern hatten sich wirklich auf den Weg gemacht, um mich zu besuchen und sich selbst einen Eindruck von meiner Arbeit und dem Land, dass ich jetzt schon seit 9 Monaten mein Zuhause nenne, zu machen. Wir haben viel gesehen und unternommen. Ich war natürlich ganz stolz endlich meinen Eltern zeigen zu können, wie ich hier lebe und wie sich meine Sprachkenntnisse verbessert haben. Es ist ein schönes Gefühl mal diejenige zu sein, die sich auskennt und auf die Fragen der Eltern antworten zu können.
Am Wochenende waren wir in Lviv und später sind wir natürlich nach Ivano-Frankivsk in meine kleine Wohnung gefahren. Wir waren außerdem noch in Jaremche, Kolomyja im berühmten Ostereimuseum und haben uns das Stonehenge der Ukraine „скелі довбуша“ angeschaut.
Obwohl die Woche natürlich viel zu schnell vorbei war, haben wir die schöne gemeinsame Zeit genossen.

Gesicht eines Löwens in einem Stein der „скелі довбуша“
Gesicht eines Löwens in einem Stein der „скелі довбуша“

Pilgerfahrt nach Univ
Am dritten Maiwochenende ging es auf Pilgerfahrt und diesmal sind wir von Lviv bis Univ gewandert. Nach einer ziemlich kurzen Nacht sind wir mit einer Gruppe von 13 Mann um 3 Uhr nachts mit dem Zug nach Lviv gefahren, dort angekommen wurden nach einem gemeinsamen Gottesdienst alle Pilger in 30 Gruppen aufgeteilt und so zählte unsere Pilgerfahrt ca. 1000 Pilger. Unsere Gruppe machte den Anfang und wir wanderten an unserem ersten Tag von Lviv bis in das Dorf Romaniv 37,9 km. Schmerzende Füße waren also schon vorprogrammiert und im Laufe des schönen Tages schlossen sich uns auch zwei Straßenhunde an, die uns bis nach Univ begleitet haben. Wir haben sehr viel gesehen und wurden in jedem Dorf herzlich willkommen geheißen. Neben Keksen, Kompott, Butterbroten und Kuchen wurden uns auch die Toiletten in der Nachbarschaft der Kirche angeboten. Es gab in fast jedem Ort, eine kurze Messe und danach eine kleine Pause. Geschlafen haben wir in einer Schule und nach einer Wanderung von 9 Uhr morgens bis 10 Uhr abends wollte ich nur noch in mein Bett. Aber leider hieß es dann auch schon um 6:30 Uhr wieder fertig machen, die wunden Füße verbinden und am Gottesdienst teilnehmen. Am diesem zweiten Tag sind wir noch 25,6 km gelaufen, sodass wir am Ende in Univ angekommen insgesamt 63,5 km Fußmarsch zurückgelegt hatten. Am zweiten Tag sind auch ein paar unsere Rollstuhlfahrer zu uns gestoßen und von Dorf zu Dorf kamen immer mehr Pilger dazu. In Univ angekommen, hieß es dann immer noch nicht schlafen und ausruhen, sondern es gab reichlich Programm. Gottesdienste, Gebete, Kreuzwege und die Möglichkeit eine Beichte abzulegen, gab es bis mitten in die Nacht. Ob mit schmerzenden Füßen, Rückenschmerzen oder Sonnenbrand waren wir natürlich alle froh endlich angekommen zu sein. Und meine Wenigkeit freut sich auf das langersehnte Bett und den fehlenden Schlaf.

Am ersten Tag sind wir bis in die Nacht hinein durch Rapsfelder gewandert!
Am ersten Tag sind wir bis in die Nacht hinein durch Rapsfelder gewandert!

Meine wunden Füße verheilen wieder und hier herrschen gerade sommerliche Temperaturen bis 26 Grad, bei denen ich mich ein bisschen bräunen lasse. In den letzten Monaten geht’s hier nochmal so richtig los und viele Aktionen stehen an, da freue ich mich riesig drauf!

Sonnige Grüße nach Deutschland
Eure Theresa