5. Rundbrief aus Indien von Natascha Maaß

Lieber Solikreis,

Nach zwei Monaten Sommerferien, die ich teils im Waisenhaus und teils auf Reisen verbracht habe, hat nun am ersten Juni die Schule wieder angefangen.Ankommen

Hier gab es richtig viele Veränderungen, die mir in den Ferien und am ersten Schultag beim blossen Gedanken daran hier noch ein paar Monate unterrichten zu müssen, die Laune total vermiest haben.
Zum ersten wurden Kameras in der Schule installiert, wobei ich mich in meiner Privatsphäre gestört und einfach in allem kontrolliert fühle. Ich habe nichts zu verbergen, aber ich bin es einfach gewohnt, dass mir vertraut und ein verantwortungsbewusstes Verhalten zugetraut wird und die Kameras suggerieren mir, dass dem nicht so ist. Zum zweiten sind vier Leute aus meinem kleinen Lehrerzimmer weggegangen, womit das Lehrerzimmer schon fast komplett ausgetauscht wurde. Zum dritten ist mein Lehrerzimmer umgezogen, womit ich nicht mal mehr in der Nähe des Technischen Assistenten bin, mit dem ich immer so nett über Religion, Politik, Philosophie, Ethik, Kultur, Naturwissenschaften einfach alles, was ein wenig Niveau hat, diskutieren konnte.
Zusammen mit der Bewegungsfreiheit von der Reise und der totalen Kleidungsfreiheit usw. in Goa, die ich sofort vermisste, war ich am ersten Schultag ziemlich negativ eingestellt und somit auch sehr verschlossen gegenüber den neuen Kollegen. Vor allem als dann die üblichen Fragen kamen, wo ich herkomme usw., die mir wieder zeigten, dass von einer weissen Person einfach grundsätzlich erwartet wird, dass sie nicht von hier ist, war mein erster Tag im Eimer.
Ja, und dann kam der zweite Schultag und es bewies sich mal wieder dass der erste Eindruck nicht immer richtig sein muss.
Erstens bemerkte ich dass ich es ganz gut hinkriege die Kameras einfach zu ignorieren und sie einfach halb so schlimm sind, ich habe einfach zu viel reininterpretiert, glaube ich. Des Weiteren stellte ich fest, dass die neue Sportlehrerin Sathya, die ich am Anfang als mögliche Freundin schon abgehakt hatte, weil sie aus Tamil Nadu kommt, kein Englisch kann und ihr Malayalam noch schlechter ist als meines, und ich, es irgendwie trotzdem schaffen zu kommunizieren. Sie ist unglaublich lieb, höflich und ist nicht so voreingenommen mir gegenüber. Ausserdem ist sie jung und die einzige Frau zusammen mit mir die nicht verheiratet ist, nachdem Milmi (ich hatte in einem früheren Rundbrief von ihr berichtet) in den Ferien geheiratet hat. Kurz gesagt wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, nachdem ich mit dem Geschmolle wegen der Kameras und den doofen Fragen, die auch gar nicht von ihr kamen, aufgehört hatte. Meine anderen neuen Kollegen sind auch ganz nett und nachdem realisiert wurde dass ich hier nicht neu bin, werde ich auch von denen ganz normal behandelt. Desweiteren hat sich auch eine Freundschaft zu einer Lehrerin vertieft, die letztes Jahr schon da war, mit der ich aber wegen der Stundenpläne leider weniger Kontakt hatte als ich gern gehabt hätte und da sie aus Punjab ist kann ich mit ihr um einiges freier reden wobei ihre sehr offene Welteinstellung das ganze noch viel leichter macht.
Warum ich euch so ausführlich von den Freundschaften und Personen erzähle liegt zum einen daran, dass auch wenn viele meinen Indienaufenthalt gerne für ein Dauerabenteuer halten, das gar nicht so ist. Es ist auch viel Alltag. Des Weiteren aber erzähle ich euch davon, weil etwas ganz interessantes passiert ist. Oft erzählte ich in früheren Briefen, Nachrichten, Telefonaten etc. „Ich bin gut angekommen und habe mich gut eingelebt“, und ja klar hatte ich auch, bis zu einem gewissen Grad. Ich wusste wo der Hase lang läuft, hatte mit meinen Problemen vor Ort zu kämpfen, mogelte mich irgendwie durch meinen Unterricht und ja ich schaffte es mit den Schülern klar zu kommen. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich deplaziert. Das Problem habe ich in Deutschland auch, ich machs mir sehr schwer mit dem Freundefinden, deswegen hatte ich damit nicht wirklich ein Problem, aber auch vor der Klasse hatte ich immer ein gewisses ungutes Gefuehl, dass ich natürlich nicht zeigte.
Nur jetzt hat sich etwas inmeiner Einstellung geändert. Vielleicht war es das Reisen, das ich brauchte um etwas Abstand zu kriegen, die Veränderungen, die mich am Anfang so genervt haben, vllt auch dass die Mutter Oberin in meinem Konvent gewechselt hat oder dass ich mir nicht mehr so einen Stress mache weil ich denke ich bin eh nicht mehr solange da- aber ich bin viel entspannter und selbstsicherer geworden. Ich habe meinen Platz hier und den habe ich auch den neuen Kollegen schnell klar gemacht, ich kann meine Meinung inzwischen sagen ohne ständig Angst zu haben, wem auf die Füsse zu treten und weiss, bei wem man besser den Rand hält. Endlich hat meine blöde Angst davor etwas verkehrt zu machen aufgehört.
Wenn ich Lust auf ein gutes und/oder auch kritisches Gespräch habe, gehe ich in meiner Freistunde zum technischen Assistenten und wenn mich was an der Kultur hier nervt, rede ich mit meiner Punjabfreundin. Mit der neuen Sportlehrerin kann ich einfach gut quatschen und ein wenig giggeln und wir haben heute abgemacht, dass ich nächsten Samstag mit ihr zum Tempel gehe. Etwas was banal klingt aber für mich grossartig ist, da hier das meiste Leben zu Hause oder in der Schule abspielt und so eine „Verabredung“ was Seltenes bis Nichtvorhandenes ist. Witzig ist auch, dass ich ihr mit dem Malayalam lernen helfe, vor allem die Buchstaben und so.

ggffbb

Sona
Was mir noch extrem geholfen hat ist ein kleines unglaublich süsses Mädchen aus dem Waisenhaus. Ihr Name ist Sona. Sona kam irgendwann im Oktober ins Waisenhaus, also nach mir. Sie fiel mir sofort auf, weil sie mitten im geschäftigen Treiben einfach da stand und vor sich hinstarrte, was mich erst etwas verwirrte, da sie so deplaziert wirkte. Doch dann schaute sie auf, sah mich und ihr Gesichtsusdruck wechselte zu etwas zwischen Erstaunen und Verwunderung. Wie sie mich anstarrte, verunsicherte mich und mehr reflexartig lächelte ich ihr kurz schüchtern und verhalten zu und wollte weiter meinen Kram erledigen als plötzlich ihre ganze leicht starre Mimik aufbrach und sie mir das grossartigste, wärmste Strahlen schenkte, dass ich je gesehen habe und das einem nichts anderes übrig lässt, als einfach dahinzuschmelzen. Nachdem sich das dann drei oder vier Mal so oder so ähnlich ereignet hatte, fragte ich die Schwestern nach dem neuen Mädchen. Dort erfuhr ich dann, dass sie aufgrund ihrer Vergangenheit, trotz ihres Alters von 8 Jahren, eher auf dem Entwicklungsstand einer 4-Jährigen ist. Ausserdem hat sie wohl den Schwestern gesagt, dass sie, immer wenn sie mich sieht, „happy“ ist. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als sie einfach unglaublich süss zu finden.Sie ist einfach insgesamt extrem goldig. Sona ist sehr abwesend in allem was sie tut und sehr langsam. Aber faszinierend ist wie leicht sie sich für ganz einfache Sachen begeistern kann und noch viel faszinierender ist, dass sie, trotz ihres Entwicklungsstandes, eine der wenigen ist die sich ehrlich Mühe geben, immer in Englisch mit mir zu reden und auch gar nicht so schlecht ist darin. Aber ich versuch öfter Malayalam zu sprechen mit ihr, weil sie sich dann immer so süss freut.
hhii
Sie hat mir insofern geholfen, dass ich dank ihr viel entspannter und offener auch mit den anderen umgehen kann. Vor Sona war ich immer noch etwas unsicher, wusste nie, wie viel Nähe usw ok ist wann was angebracht ist und das liess mich oft ins so peinliche Stillsein geraten.  Wobei die Sprachbarriere auch so ihren Teil beitrug, mich andererseits aber auch davor bewahrte, ein Fettnäpfchenwetthüpfen zu veranstalten.
Natürlich kam ich auch vorher schon mit den Mädels  klar und ich mochte sie schon immer und sie mich, aber es war immer ein wenig distanziert bzw. zu höflich, zumindest fühlte es sich für mich so an. Ich war halt die Aunty aus Deutschland. Dazu muss man auch noch wissen dass Aunty in Malayalam eigentlich für mich noch gar nicht zutrifft . In dem Waisenhaus werden aber respektvoll alle von ausserhalb als Aunty oder Uncle bezeichnet. Manchen war ich vorher schon nah, wie zum Beispiel Reshma, eines der älteren Mädels, die sehr sanftmütig ist und mich am schnellsten wie eine Freundin behandelt hat und nicht wie eine Respektsperson; oder die 8-jährige Shijina, ein sehr aufgewecktes, schlaues Maedchen, die schon gut Englisch kann- aber ich war immer so angespannt. Sona machte alles einfacher. Bei ihr gab es keine Berührungsängste. Wie von selbst nahm ich immer ihre Hand, weil sie einfach immer überglücklich strahlte, wenn ich es tat und ihre Art ist einfach so goldig, dass man sie immer knuddeln möchte. Zum Beispiel deutete ich einmal mit krausgezogener Nase einen Eskimokuss an, weil sie wieder was unglaublich süsses gesagt hatte. Das brachte sie zum Lachen und man sah richtig wie sehr sie sich freute, also tat ich es ein paar Mal, wobei sie dann gar nicht mehr aufhören konnte fröhlich zu kichern und zu glucksen. Seit dem ist ein Eskimokuss unsere kleine Zuneigungsbestätigung und jedes Mal wieder strahlt sie aus vollem Herzen und kichert wenn meine Nase ihre berührt.
Als dann vor kurzem neue Mädels in Sonas Alter dazukamen, konnten sie an Sona sehen dass sie mir ruhig nahe kommen dürfen und ich wusste dass es voll ok ist die Hand an die Wange zu legen oder den Arm um die Schulter zu legen usw.. Was hier auch sehr geläufig ist, ist in die Wange kneifen, was ich ziemlich verabscheue. Aber es kann sehr liebevoll sein wenn es nur sanft angedeutet ist, vor allem da es ebenfalls geläufig ist, nach dem Wange kneifen die Fingerspitzen geschlossen an die Lippen zu führen und ein Kuss darauf anzudeuten. Falls das jetzt sehr skurril klingt entschuldige ich mich vielmals, es fällt mir nur ungemein schwer es anständig zu beschreiben. Diese Geste habe ich mir auch etwas angewöhnt, vor allem als ich sah wie Sona sich jedes Mal freut. Die Mädels in Sonas Alter, wie Shijina, die schon vorher da waren, haben mit den neuen Mädels und Sona auch ihre letzte Scheu vor mir verloren und kommen mir genauso nahe und fassen mich ohne Probleme an, was sie vorher auch schon gemacht haben aber zurückhaltender und so als wüssten sie auch nicht, ob das ok ist oder nicht.
Inzwischen ist es so, dass das am Wochenende nach Arthat fahren, nach Hause Familie besuchen ist. Vor allem da eins der neuen Mädchen den „Frevel“ begangen hat mich „Cheechi“ zu rufen. „Cheechi“ heisst grosse Schwester und ist bei Mädchen derselben Generation, die aber älter sind, als Anrede durchaus angebracht und auch respektvoll gemeint. Bei den Mädels unter sich hört man das oft. Jaa, aber zu mir sagt man halt noch respektvoller Aunty, aber ich unterbrach das Mädchen, das geschockt zischte, dass es „Natascha-Aunty“ heisst und erklärte ihr auf Malayalam, dass Cheechi schon passt. Jetzt höre ich beides, Aunty oder Cheechi, wobei ich mich über Cheechi mehr freue. Aber da es jetzt normal ist wenn sich eins der jüngeren Maedels auf meinen Schoss setzt, ich immer in den Schlafsaal der Mädels kommen kann zum quatschen und da Aunty vor allem von Sona inzwischen sehr liebevoll gemeint und weniger respektvoll ist, stört mich Aunty keineswegs, auch wenn es eigentlich eher für eine Altersklasse über 35 angebracht wäre, zumindest im Malayalam Kontext.
Was das Malayalam betrifft, komme ich mit schlechter Grammatik usw. schon irgendwie durch, wie mit dem Küchenmädchen Mini, die inzwischen irgendwas zwischen Cheechi, Amma(Mama) und enger Freundin ist, die nur Malayalam spricht. Wundersamerweise rede ich mit ihr nur in Malayalam und irgendwie verstehen wir uns, aber fragt bitte nicht wie. Mini ist 34 und hat zwei Kinder, die in Arthat im Waisenhaus sind. Sie ist superlieb und hat mich von Anfang an unter ihre Fittiche genommen. Ich bin inzwischen auch Gruss-Übermittler zwischen ihr und den Kindern.
ddcc
Begegnung am Busbahnhof
Natürlich gibt es auch Sachen, die mich stören, aber inzwischen komme ich gut damit klar und wenn nicht, rege ich mich mal bei meinen Freunden auf oder zeige den entsprechenden Personen (auf der Strasse) entsprechende Reaktionen.
Dazu gibt es eine kleine Story am Busbahnhof. Ich stand an meinem üblichen kleinen Shop, wo ich grade einen Tee getrunken hatte, als eine Gruppe College-Schüler dazukam. Es war eine Gruppe Halbstarker die fleissig und laut Sprüche am Klopfen waren, was sich verstärkte, als sie mich sahen. Naja, in den Witzeleien tönte einer sehr laut und gross (in Malayalam) dass sie ja sagen können was sie wollen und ich versteh sowieso nichts. Daraufhin drehte ich mich zu ihm um und sagte „Njaan ivide thamassikunnu, njaan kurach malayalam manassilai.“ was übersetzt heisst: „Ich wohne hier, ein bisschen Malayalam verstehe ich.“ . Ich verspürte selten eine so grosse Genugtuung wie in diesem Moment, denn des Halbstarken Mimik entgleiste völlig und nach einem kurzen Augenblick erstaunter Ruhe, wurde er zum Objekt der Witzeleien, weil er dermassen ins Fettnäpfchen gesprungen war.
Jaa, das wars auch schon wieder, denn was ist ein besseres Ende als eine kleine Anekdote? Ich hoffe euch gehts allen gut und ihr könnt das jetzt hoffentlich schöne Wetter geniessen. Hier ist jetzt Regensaison und hat damit den zu heissen Sommer abgelöst, dafür aber eine dauerfeuchte Atmosphäre geschaffen.
Ganz ganz liebe Grüsse aus der Chaayapause im Lehrerzimmer

Natascha

kk

Ps.: In den Anhängen befinden sich 2 Selfies von Sona und mir, die beim Rumalbern entstanden sind, ein Bild meiner Freundin und Kollegin auf ihrer Hochzeit, 2 Bilder von einen Nachmittag bei einer Kollegin, wo sie mir beibrachte Adda (einen kleinen Snack aus Reismehl mit Kokosnuss) zuzubereiten. Des Weiteren sind 2 Bilder von Onam dabei, die ich damals noch nicht geschickt hatte, auf denen die Kinder die Blumenteppiche vorbereiten und legen und 2 Bilder meiner Reise, zum einen ein Bild der Backwaters in Allapuzha und zum anderen, das Taj Mahal Bild, das ja sowas wie ne Pflicht ist, wenn man in Indien ist. Ach und ein Bild von dreien der älteren Mädels in der Küche.

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