1. Rundbrief Nigeria

Lieber Solidaritätskreis,
bei mir ist bisher schon so einiges passiert, deshalb habe ich mich entschlossen, schon mal den ersten Rundbrief zu schreiben. Ich sitze grade in meinem Zimmer und esse Erdnüsse. Die gibt es hier wirklich an jeder Straßenecke zu kaufen. Wir kennen die ja nur in der gerösteten Variante. Hier gibt es die aber auch gekocht vom Markt oder aus der eigenen Anfplanzung vom Parishhouse. Der Weg bis zu meinem jetzigen Stand hat mich jedoch einige Nerven und mehr Zeit als geplant gekostet.

Also zurück zum Anfang:
Am Montag, den 3.8., hat meine Reise in Frankfurt angefangen. Nach einer kurzen Orientierungsphase haben wir uns dann am Flughafen zurechtgefunden und ich musste mich von meiner Famillie verabschieden. Etwas nervös habe ich dann am entsprechenden Gate auf meinen Flug gewartet. Ca eine Stunde nach angegebener Boardingzeit durfe ich dann in den Flieger einsteigen. Die Reise war sehr angenehm, bis auf die Tatsache, dass sich mein Sitz nicht verstellen ließ. Aber ich war so aufgeregt, dass sich meine Stimmung von so einer Kleinigkeit nicht beeinflussen lies. Ich landete also eine Stunde später als erwartet, aber ganz guter Dinge, in Addis Abeba. Nach meiner Uhr hatten wir die Verspätung allerdings wieder aufgholt, da ich die Zeitverschiebung um eine Stunde nicht mitbekommen hatte. Ich musste jedoch feststellen, dass die Zeiten auf dem Ticket nicht wie angenommen einer festen Zeitrechnung entsprechen, sondern den verschiedenen lokalen Zeiten angepasst sind. Von meinen Zeiten relativ überzeugt, hab ich dann geduldig an dem Gate gewartet, das ich mir vor Abflug rausgesucht hatte. Allerdings scheint das mit dem Fliegen ähnlich dem Zugfahren zu sein: Es kann sich immer mal was ändern. Mein Fug startete nicht an Gate 1E, wie mir das Internet versprochen hatte, und auch nicht an Gate 6, was das Ticket verhieß (auf das ich leider nicht geguckt habe), sondern an Gate 7B. Da an dem Gate, wo ich gewartet habe, jedoch keine Anzeigetafeln waren, hab ich diesen Wechsel gar nicht mitbekommen. Geduldig wie ich bin, hab ich also brav auf „meine Boardingtime“ gewartet, bis es auf meiner Uhr bald so weit war. Da hab ich dann mal nachgefragt und wurde direkt zum anderen Ende des Flughafens geschickt. (Man muss jedoch fairer Weise dazu sagen, dass der Flughafen in Addis Abeba um einiges kleiner ist, als der in Frankfurt.) Die Dame am Schalter meinte noch, ich solle mich beeilen, vielleicht geht es noch. Ich – immer noch die falsche Zeit im Kopf – sprinte voller Hoffnung zu Gate 7B, stelle mich in die Schlange und frag dann doch mal den nächst besten neben mir, ob er denn auch nach Enugu will. „Nein, der ist schon lange weg“, war so grob die Antwort. Ich konnte es erst nicht so ganz glauben. Da muss doch noch was zu machen sein! Ich bin zwar chaotisch, aber solche Katastrophen passieren mir doch nicht! – Naja, scheinbar doch.
Da kam jedoch schon ein mitfühlender Mitarbeiter und hat mir erklärt, dass der Flieger seit zwanzig Minuten weg ist und dass man den nicht wegen mir zurückrufen würde war mir dann doch klar. Ich wurde dann über verschiedenste Leute zur Office geschleust, die für so was zuständig ist. Dort wurde mir zum ersten Mal gesagt, dass ich zwei Tage in Addis Abeba warten muss, bevor der nächte Flug nach Enugu geht. Das war nicht unbedingt das, was ich hören wollte. Aber ich musste ja irgendwie damit fertig werden. Ich wurde also gefragt, ob ich im Flughafen warten wolle oder sie mir ein Hotel buchen sollen. Bei dieser Frage muss ich wohl ziemlich hilflos augesehen haben, denn die Dame durfte diese Frage bestimmt drei mal stellen, bevor ich mich für ein Hotel entschieden hatte.
Als es dann ums bezahlen ging, war ich schon froh, dass meine Karte nicht in meinem Gepäck war, das in Enugu auf mich wartete. Bis ich dann aber tatsächlich bezahlen konnte, durfte ich mich noch ein wenig sprtlich betätigen. Erst wollte ich zu einer Wechselstube, Geld abheben. Dort hat jedoch der Apparat nicht funktioniert. Der Automat direkt daneben war gerade in Reperatur, also wurde ich zu einer Bank weiter geschickt. Von da dann zu einer weiteren Bank und dann zu einem anderen Automaten, der meine Karte aber auch nicht annehmen wollte. Schließlich kam eine Frau und ist mit mir zu einem Automaten außerhalb des Flughafens gegangen, wo ich dann endlich 3000 ETB (ca 120 €) abheben konnte. Danach ging es vergleichsweise entspannt weiter: Ich hab mein Geld abgegeben, durfte auf die Bearbeitung warten und wurde noch zu einem Internetcafe gebracht, um in Nigeria Bescheid zu geben, dass ich noch nicht komme. Als das nach kleineren Schwierigkeiten erledigt war, konnte ich meine Bescheinung fürs Hotel und ein Transitvisum abholen. Scheinbar wird dieses Visum allerdings nicht sehr häufig benutzt, da ich wieder über einige Ecken geschickt wurde, bis jemand kam, der wusste, was zu tun ist. Aber es hat funktioniert und ich hab mich regelrecht frei gefühlt, als ich den Flughafen verlassen durfte. Zu dem Personal in Addis Abeba muss ich sagen, dass wirklich alle total nett waren und es mir trotz dem Chaos gut getan hat, dass nicht die deutsche korrekte Mentalität herrschte. Ich glaube nämlich nicht, dass ich sonst so oft von A nach B begleitet worden wäre und ich mit so vielen Menschen in Kontakt gekommen wäre. Anschließend wurde ich dann mit einem Kleinbus zum Hotel gefahren und hab zum ersten mal wirklich realisiert, dass ich grade in Afrika bin.
Mein Hotelzimmer (oder besser Appartement) hat mich dann doch postiv überrascht. Unter normalen Umständen hätte ich mir so was nicht geleistet. Ich hab mich dann jedoch dagegen entschieden an dem Tag noch in die Stadt zu gehen, weil ich einfach zu fertig war.

Am nächsten Tag hab ich das dann nach einem guten Frühstück mit frischer Melone und Ananas nachgeholt. Ich wollte noch ein paar Wechselklamotten besorgen, da ich außer einem kleinen Kulturbeutel nichts dabei hatte. Ich kam mir schon entwas seltsam vor, als Weiße durch die Straßen von Addis Abeba zu laufen und scheinbar hat man mir das auch deutlich angesehen. Ich durfte nämlich noch auf dem Rückweg zum Hotel mein Handy abgeben.
Das Ganze passierte quasi wie im Bilderbuch: Ich wurde von zwei Jungs an einer unübersichtlichen Stelle von beiden Seiten angesprochen. Der eine hat mich leicht am Arm festgehalten und was von “ Welcome to Addis Abeba“ gesagt, der andere wollte mir Zeitungen verkaufen und hat wohl dabei mein Handy aus der Jackentsche gezogen. Ich bin dann noch fünf Meter weiter gegangen, bevor ich gemerkt hab, dass was nicht stimmt. Die Jungs waren natürlich schon lange nicht mehr zu sehen. Was sollte ich machen? – Nichts. Ich bin dann zurück ins Hotel und hab erst mal versucht, alle zu informieren, dass ich nur noch über Skype erreichbar bin. Das alles hört sich allerdings schlimmer an, als es wirklich war. Ich hatte noch ein zweites Händy dabei, das ich in Awgu mit einer neuen Simkarte benutzen wollte. Die Kontakte hatte ich zum Glück auch schon übertragen und das geklaute Handy hatte keinen hohen Selbstwert mehr. Aber ich habe daraus gelernt, dass ich doch etwas vorsichtiger sein sollte. Immerhin waren meine restlichen Wertsachen, die ich in einer Tasche am Gürtel hatte, noch da.

Nach dieser Aktion ist mir dann aber doch erst mal die Abenteuerlust vergangen und ich hab brav in meinem Hotel die Zeit abgesessen. Am Donnerstagmorgen bin ich dann früh aufgebrochen, um um 9:55 meinen Flieger zu besteigen. Diesmal hab ich mich jedoch bei mindestens fünf Leuten versichert, dass ich richtig bin. Das war auch ganz gut so, weil mein Gate scho wieder falsch angegeben war. Ich saß also ENDLICH im Flugzeug, das mich zu meinem neuen „Zuhause auf Zeit“ bringen sollte.
Meine Odyssee war jedoch noch nicht beendet, wie ich in Enugu feststellen musste.
Wenn man in ein Nicht-EU-Land einreisen will, braucht man ein Visum (gibt es für max. drei Monate). Wenn man in diesem Land arbeiten will, braucht man bestimmte Dokumente vom Arbeitgeber, die von der entsprechenden Botschaft beglaubigt wurden. So weit sehr einfach. Mit diesen Dokumenten, die einem die Botschaft vor Reiseantritt zuschickt, kann man dann sein Visum verlängern lassen. Das erste hatte ich in meinem Pass. Das zweite wurde allerdings nicht rechtzeitig mitgeschickt und sollte deshalb später nach Nigeria mitgebracht werden, um es innerhalb der gegebenen drei Monate einzureichen. So weit der Plan. Die Leute vom Immigration Service in Enugu sahen das allerdings etwas anders. Die wollten die Dokumente sofort sehen, damit sie wissen können, dass alles seine Richtigkeit hat. Das Visa allein würde nicht reichen. Ich stand also am Flughafen und durfte mir in einem mir noch ziemlich unverständigen Englisch erklären lassen, dass ich nicht ins Land durfte. Inzwischen waren alle anderen Passagiere durch zur Gepäckannahme und ich hatte nur ein Handy ohne Simkarte und konnte noch nicht mal irgendwem Bescheid sagen. Im Nachhinein wundert es mich, dass ich in dieser Situation so ruhig geblieben bin und erst mal abgewartet habe. Scheinbar war ich schon ein bisschen von meiner bisherigen Reise abgehärtet. Es hat dann auch nicht lange gedauert, bis ich Franzi und Father Basil gesehen habe. Von da an hat sich zwar an der Meinung der Beamten nichts geändert, ich konnte mich allerdings erst mal entspannen und andere für mich diskutieren lassen. Schlussendlich musste ich dann meinen Pass vor Ort lassen und darf ihn mir erst abholen, wenn ich die Dokumente hab.
Die nächste Aufgabe war dann, mein Gepäck zurück zu bekommen. Immer hin dabei wurde ich von größeren Komplikationen verschont und ich hatte meine Sachen nach einer kleinen Wartezeit wieder zurück. Nun wir konnten uns mit dem Auto auf den Weg nach Awgu machen.
Seitdem sind jetzt schon einige Tage vergangen und ich fange an mich an alles zu gewöhnen. An was genau berichte ich das nächste Mal. Erst mal nur so viel: Es geht mir hier richtig gut und da meine Arbeit in der Schule erst in einem Monat beginnt, hab ich fürs erste entschieden, im Chor mitzusingen und bin drei mal die Woche bei der Probe. Ansonsten verbringe ich viel Zeit damit, Leute zu treffen, mit denen Franzi viel zu tun hat.
Ganz liebe Grüße aus dem regnerischen Nigeria
Johanna

Eins hab ich noch vergessen: An meinem ersten Tag waren wir in Enugu in einem Supermarkt. Als erstes sind mir dort die Pringels aufgefallen und ich hab mich schon gewundert, dass es die hier gibt. Dann hab ich mich mal auf die Suche gemacht und wirklich: Ich hab Tuc-Kekse mit Herstellungsort Polch gefunden. In einem einfachen Supermarkt in Nigeria!!! Da kommt einem die Welt schon viel kleiner vor.
(Für alle, die nicht vom Maifeld kommen, das ist ein Ort drei Kilomter von Mertloch entfernt.)