Ukraine: 1. Rundbrief von Helena Marx

…von Ankunft, Sprachkurs und ersten Malteser Aktionen

Ihr Lieben,

es ist schon einige Zeit vergangen, seit ich in Trier den Bus gestiegen bin und mich auf den Weg gemacht habe in das Jahr hier in der Ukraine. Trotz der langen und intensiven Vorbereitung und dem Abschied der letzten Tage in Deutschland, kam mir das total komisch und plötzlich vor.

Auf der 30 stündigen Busfahrt hatte ich aber viel Zeit mir nochmal Gedanken zu machen, über das was war, was ich hinter mir lasse, was in Deutschland bleibt und über das was kommt, was vor mir liegt hier in der Ukraine. Und zu der Unsicherheit, die ich auf der Treppe in den Bus plötzlich und sehr stark verspürt hatte, kam dann doch ganz schnell wieder das Gefühl von Vorfreude und Neugier.

Über das, was ich seitdem hier erlebt habe, versuche ich nun zu berichten. Ich hoffe, dass das trotz der tausend Eindrücke, die sich seit der Ankunft in meinem Kopf angesammelt und aufgestaut haben, nicht im totalen Chaos endet.

Also los!

Die Anreise und das Ankommen

Nach einer langen und anstrengenden Busfahrt nach Lviv, einmal Umsteigen und einer ziemlich holprigen Fahrt über Landstraßen bis nach Ivano-Frankivsk habe ich also nach fast 35 Stunden mein Ziel und meine neue Heimat für das nächste Jahr erreicht.

Es fällt mir schwer zusammenzufassen, was dann alles so los war, hier in den ersten Tagen. Jedenfalls habe ich ziemlich viele Menschen kennengelernt, typisch ukrainisches Essen probiert, die Stadt ein bisschen erkundet, versucht mir den Weg vom Büro nach Hause einzuprägen und mit Theresas (Theresa ist meine Vorgängerin) Hilfe versucht, mich auf dem riesengroßen Basar zu orientieren.

Natürlich, wie sollte es anders sein, habe ich auch die ersten Erfahrungen mit der ukrainischen Trinktradition gemacht. Traditionell wird Horilka (das ist der ukrainische Vodka) getrunken und das nach ganz bestimmten Regeln:

  1. Wenn man trinkt, dann trinkt man immer 3 Mal hintereinander, traditionell zuerst auf die Gesundheit, dann auf die Freundschaft und schließlich auf die Liebe.
  2. Es gibt immer nur einen „Ausschenker“, der alle Gläser befüllt.
  3. Während des Einschenkens muss das Glas in irgendeiner Weise geerdet sein, also man darf es nicht in der Luft halten, während eingeschenkt wird.

Wallfahrt nach Krilos

Kaum angekommen hier in Ivano-Frankivsk durfte ich auch schon eine erste große Malteseraktion miterleben. Schon seit meiner Ankunft wurde erzählt von „Krilos“, dem Wallfahrtsort, zu dem wir samstags pilgern sollten. Um 8 Uhr startete die Pilgerfahrt mit einem Gottesdienst in der Kathedrale. Gegen kurz nach 9 stellten wir uns auf, um loszugehen: 20 km Fußstrecke lagen vor uns. Entgegen meiner Erwartung pilgerten nicht nur 50 Malteser mit, nein, der Zug, der von den Malteservoluntären und den Rollstuhlfahrern angeführt wurde, zählte bald über 1000 Menschen aus der ganzen Stadt.

der Pilgerzug am Ortseingang "Krilos"
der Pilgerzug am Ortseingang „Krilos“

Wir machten uns auf den Weg durch die pralle Sonne auf der heißen asphaltierten Straße Richtung Krilos. Zwischendurch gab es immer wieder kleinere Stationen an auf dem Weg liegenden Kirchen, an denen von den Dorfbewohnern ukrainisches Gebäck und „Kompott“ (ein sehr süßes Getränk aus Wasser, abgekochten Früchten und sehr viel Zucker) verteilt wurde.

5 km vor unserem Ziel trafen wir einige Malteser, die schon am Freitag nach Krilos aufgebrochen waren, um dort Feldküche und Zelte aufzubauen. Sie hatten schon am Morgen angefangen zu kochen und verteilten an alle Pilger Nudelsuppe und Brot.

Der Weg war sehr unterhaltsam und als wir Krilos erreichten, konnte ich schon auf ukrainisch bis 20 zählen. Ein Gruppe kleinerer Mädchen hatte mir das unterwegs beigebracht.

Der Wallfahrtsort war ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ja, es gab eine Kirche und es wurde viel gebetet, die Menschen drängten in das Gotteshaus um die berühmte Ikone zu sehen und ihr Bild zu küssen. Alles drumherum glich aber eher einer Kirmes. Es gab Hüpfburgen für Kinder, Verkaufsstände, die ukrainische Leckereien, kalte Getränke, Blumenkränze und Schmuck anboten. Außerdem standen jede Menge Zelte auf dem Gelände, da alle Pilger auch dort übernachten würden. In der Feldküche der Malteser war viel los. Alle waren eifrig dabei das Abendessen für die inzwischen 2500 Pilger zu kochen oder es schon auszuteilen.

Das gemeinsame Schaffen der Malteser hat mich begeistert. Es war schön zu sehen wie sie sich verstehen, wie jeder sieht was wo gerade zu tun ist. Ein bisschen konnte ich auch mithelfen.

Meine Vorgänger Theresa und Daniel haben mich dort so vielen Menschen vorgestellt, dass ich jetzt noch manchmal Malteser treffe, die ich glaube nicht zu kennen und die dann sagen: „Doch, wir haben uns doch schon in Krilos gesehen!“.

Die Pilgerfahrt war zwar unglaublich anstrengend, aber auch eine sehr gute Erfahrung und eine tolle Möglichkeit gleich alle kennenzulernen.

Sprachkurs in Lviv

Lviv von oben
Lviv von oben

Am Sonntag, den 16.08. ,machte ich mich mit der Maschrutka- so nennen die Ukrainer die kleinen gelben Stadtbusse, die aber auch etwas weitere Überlandstrecken fahren- auf nach Lviv. Hier besuchte ich ab Montag für 2 Wochen einen Sprachkurs , um die Grundlagen der ukrainischen Sprache zu lernen. Nach 3 ½ Stunden und abenteuerlichen Straßen mit vielen Schlaglöchern erreichte ich Lviv, das 120 km entfernt liegt.

Am Bahnhof von Lviv traf ich mich mit Oksana. Sie ist Ukrainerin und spricht sehr gut deutsch, weil sie im letzten Jahr als Au Pair in Deutschland gearbeitet hat. Sie fuhr mit mir in der Straßenbahn zum Hostel und zeigte mir am Abend die Stadt. Ich bin sehr froh, dass sie mich so herzlich empfangen hat. Schon der Weg in Ivano, von der Mateika zum Busbahnhof und von dort nach Lviv, waren für mich sehr abenteuerlich und aufregend, weil ich nie ganz sicher war, ob man mich verstanden hat und ich tatsächlich im richtigen Bus sitze.

Am Montag morgen  um 9:30 Uhr startete der Sprachkurs. Ich lernte meine Sprachlehrerin und die Mitschüler kennen. Harald aus Schweden und Sumit aus Indien waren ebenfalls gekommen, um Ukrainisch zu lernen. Wir verständigten uns auf Englisch. Das klingt vielleicht zunächst und logisch. Schnell aber stellte sich heraus, dass sich 4 Leute mit unterschiedlichen Muttersprachen, die sich auf englisch unterhalten, sehr häufig missverstehen. Es war nicht leicht zu kommunizieren, wer was gerade nicht versteht. Nach einigen Tagen hatten wir uns aber einigermaßen aneinander gewöhnt und konnten gut zusammen lernen und lachen.

Lviv als Stadt ist wunderschön und an den Nachmittagen hatte ich viel Zeit, um mich dort ein bisschen umzusehen. Die Stadt gehörte in früheren Zeiten zu Österreich/Ungarn und auch viele andere europäische Staaten hatten Einfluss auf sie, weshalb Lviv sehr westlich geprägt ist.

Die Straßen sind besser als in Ivano und alles scheint ein bisschen gepflegter, was aber auch an den vielen Touristen liegen könnte, die hierher kommen. Es war eine schöne Zeit für mich in Lviv, in der ich viel gelernt habe und diese interessante Stadt kennenlernen durfte.

Nach 2 Wochen dort habe ich mich aber auch wieder gefreut, nach Ivano zurückkehren zu dürfen. Hier ist es übersichtlicher und kleiner. Ich kenne mich besser aus und ich mag meine kleine Wohnung in der Mateika, den kleinen Markt bei mir um die Ecke, die Fußgängerzone, in der immer Straßenmusiker spielen, den großen Brunnen und natürlich die Malteser und die Arbeit im Büro und im Kinderheim.

Katamaran Tour

Gerade erst aus Lviv zurückgekommen, ging es für mich noch am selben Tag weiter zu einem Wochenendausflug mit den Maltesern. Von Freitag bis Sonntag war eine Bootstour mit 2 Katermaran-Schlauchbooten auf einem nahe gelegenen Fluss geplant.

Ein Malteser kam mich mit dem Auto abholen und wir fuhren eine abenteuerliche, schlaglochreiche Strecke, um das schon aufgeschlagene Lager am Ufer des Flusses irgendwo im Nirgendwo zu erreichen. Dort trafen wir die Gruppe, die schon seit dem Morgen mit den Booten unterwegs gewesen war. Das Zelt war bereits aufgebaut und eine Gruppe eifrig am Kochen. Wir grillten Schaschlik über dem Lagerfeuer und es gab Salat. Nach einigen gemütlichen Stunden am Feuer fielen alle relativ früh und erschöpft vom Paddeln in die Feldbetten.

Am nächsten Morgen sollte es früh weiter gehen, wir standen um 8 Uhr auf, frühstückten gemeinsam und fingen an, unser Nachtlager abzubauen. Als das Zelt, alle Feldbetten, Schlafsäcke und Rucksäcke wieder im Bus verstaut waren, setzten wir die Boote aufs Wasser und es konnte losgehen.             Das Wetter spielte super mit und wir verbrachten einen wunderbar sonnigen Tag auf dem Fluss. Es war immer wieder Zeit für eine kleine Badepause oder für ein gemeinsames Mittagessen auf den Booten mitten im Wasser. Gegen 18 Uhr erreichten wir das Ziel des heutigen Tages, ein kleines Örtchen am Fluss. Wir zogen die Boote an Land und warteten auf den Malteser-Bus der unsere Sachen brachte. Nun wurde alles, was am Morgen abgebaut wurde, wieder aufgebaut.

An dieser Stelle möchte ich kurz etwas zu Rollenklischees in der Ukraine loswerden: Beobachte ich um Beispiel die Malteser dabei, ein solches Lager aufzuschlagen fällt  mir Folgendes auf:

Die Männer und Jungs machen sich sofort daran, Zelt und Feldbetten aufzubauen und Feuer zu machen. Die Frauen und Mädels beginnen, Essen zu kochen. Bisher habe ich es noch nicht erlebt, dass eine ukrainische Frau auf die Idee kam, ebenfalls beim Zeltaufbau zu helfen, selbst wenn es dort mehr zu tun gibt, als in der Küche, wo schon 5 Frauen am Schnippeln und Kochen sind.

Das mag klingt altmodisch und unemanzipiert klingen, ich habe diese klare Rollenverteilung hier aber auch schon als etwas Schönes zu schätzen gelernt. Beiderseits ist die Aufgabe, die übernommen wird, so etwas wie ein liebevolles Kümmern um das Wohl des anderen. Da ist es halt am Besten, wenn jeder das macht, was er gut kann, um dem anderen eine Freude zu machen.

Ich habe meine Rolle hier noch nicht ganz gefunden, ich werde beim Zeltaufbau akzeptiert und manchmal sogar um Hilfe gebeten. Für mich ist es unverständlich, das Frauen nichts tragen dürfen, außer eventuell einer Isomatte. Mir wird alles nach 2 Metern aus der Hand genommen.                   Wenn ich entgegen der Rollenbilder der Ukrainer helfe, das Zelt auf- oder abzubauen, ist das für sie in Ordnung. Es wird aber trotzdem darauf geachtet, dass ich nichts zu „Schweres“ mache. Diese Ordnung zeigt Erfolg: Wenn das Zelt steht und die Jungs und Männer um das Lagerfeuer sitzen, sind auch die Mädels und Frauen mit Kochen fertig. Einem gemütlichen Abend mit leckerem Essen am Feuer sowie einer Nacht auf Feldbetten im trockenen Zelt steht nichts mehr im Weg.

Am Sonntag paddelten wir auch noch eine Strecke und kamen gegen Abend erschöpft, aber glücklich in einer kleinen Stadt an. Dort warteten schon 2 Malteser-Busse auf, um uns und die Boote abzuholen. Um 22.30 kamen wir schließlich in Ivano an.                                                                                         Nach meiner langen Zeit im Hostel und anschließend im Zelt, habe ich mich gefreut, endlich mal wieder in meinem Bett schlafen zu können.

Rettungswettbewerb in Ivano-Frankivsk

Am Wochenende vom 4. – 6. September wurde der erste internationale Rettungswettbwerb von den Maltesern hier in Ivano-Frankivsk ausgerichtet.

Wie es sich für den Malteser Hilfsdienst gehört, sind im letzten halben Jahr insgesamt 25 Jugendliche und junge Erwachsene zu Ersthelfern ausgebildet worden. Dies geschah in Zusammenarbeit mit dem Malteser Hilfsdienst aus Polen und dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten in Polen. Der Höhepunkt dieses Entwicklungsprojektes war der Wettbewerb, an dem Teams aus Kiew, Lviv, Polen und ein Team aus Deutschland (Wittlich bei Trier) teilnahmen. Leider konnten die insgesamt 4 Teams, die wir Malteser aus Ivano-Frankivsk stellten, dabei keinen Pokal ergattern. Dennoch war es ein schöner und fairer Wettkampf!

Ich konnte bei den verschiedenen Stationen zuschauen, einige Fotos machen und teilweise auch in der Feldküche helfen. Es war ein sehr schönes Wochenende mit vielen neuen Eindrücken, interessanten Einsätzen und einer guten Gruppendynamik, auch international.

Alltag und Arbeit im Büro

Das hört sich jetzt alles an, als wäre hier andauernd Halli Galli und ein Großevent würde das nächste jagen. Und ja, der Anfang meiner Arbeit hier in Ivano-Frankivsk war tatsächlich sehr turbulent und lebhaft. Deshalb kam ich bisher kaum dazu, einen Alltag zu entwickeln. Im Büro wechselt die Arbeit immer, je nach dem was als nächstes ansteht. Das mag zwar spannend klingen, ist aber auch extrem anstrengend. Ich muss mich immer neu orientieren, neu erfragen, was gerade zu tun ist. Manchmal wünsche ich mir dann, es wäre weniger los und in all der Fremde würde mir wenigstens ein geregelter Tagesablauf und etwas Routine geschenkt. Ist das „typisch deutsch“?

Trotz all der Abwechslung und den vielen Sachen, die ich schon miterleben durfte, bin ich auch nicht immer glücklich gewesen in der Zeit hier. Ich war manches Mal einsam und traurig. Abende oder Wochenenden allein im Zimmer zu sitzen oder Abende zwar in Gesellschaft zu verbringen, aber die ganze Zeit über kein Wort zu verstehen oder sagen zu können, ist wirklich nicht leicht. Und auch darüber möchte ich nicht schweigen. Ich weiß, dass solche Erfahrungen dazu gehören zu diesem Jahr des sozialen Friedensdienstes im Ausland.

Diese kleinen Zwischendurch-Dinge und den „ganz gewöhnlichen Tag“, wenn es ihn denn gibt, möchte ich mir für den nächsten Rundbrief aufheben.

Zum Schluss bleibt mir zu sagen, dass ich mich alles in allem doch wohl fühle und mich schon ganz gut eingelebt habe. Obwohl ich immer sehr wenig ukrainisch verstehe, fühle ich mich willkommen und aufgenommen. Und das ist ein wirklich gutes Gefühl.                                                                             Auch wenn ich manchmal frustriert bin, dass ich keine merklichen Fortschritte bei der Sprache mache- und das obwohl ich täglich Vokabeln pauke- bleibe ich dran und versuche Geduld zu wahren.

Alles liebe und bis bald!

Eure Helena

P.S.: Im nächsten Rundbrief erfahrt ihr mehr über meinen „ganz gewöhnlichen Tag“, wenn es ihn denn gibt, und über viele andere Dinge, die bisher schon passiert sind…