Bolivien: 2 Rundbrief von Julian Hanowski

3 Monate Bolivien. Eine eigentlich nicht besonders lange, und doch unglaublich erlebnisreiche Zeit.
Nach dem sehr erlebnisreichen August und dem eher ruhigen September, hat sich mein Leben seit Anfang Oktober hier sehr verändert.
Das hängt wohl vor allem damit zusammen, dass ich nun nicht mehr im kleinen San Ignacio, sondern seit Anfang Oktober wieder hier in Santa Cruz de la Sierra, der mit ca. 2 Mio. Einwohnern größten Stadt Boliviens lebe.

San Ignacio de Moxos

Zu dem Monat in Moxos gibt es jedoch auch noch Einiges zu ergänzen. Zum Beispiel war ich sehr begeistert von der Jugendkirche in San Ignacio, mit geschätzten 400 aktiven Jugendlichen und 600 sie besuchenden Kindern und Jugendlichen. Verhältnisse, die ich so aus allen Teilen der mir bekannten Welt noch nie erlebt habe und die mich faszinierten.
Toll fand ich auch die unheimlich lockere und friedliche Lebensweise der Menschen dort, deren Leben sich ausschließlich in ihrem Dorf abspielt und die dieses durchschnittlich ein bis zweimal im Jahr verlassen. Die Menschen, die ich dort kennengelernt habe, sind auch generell viel mehr in ihrem Ort und mit ihrer Familie verwurzelt als wir in Deutschland es zum Beispiel sind.
Mindestens genauso interessant ist auch die Artenvielfalt der Natur und der Pflanzen.
Zwar habe ich leider nie die Affen zu Gesicht bekommen, dafür aber viele viele weitere interessante Tiere, von denen wir in Europa noch nicht einmal wissen, dass sie existieren. Lustige kleine grün- rote Echsen zum Beispiel.
Und hier wären dann auch die versprochenen Bilder der abenteuerlichen Überquerung des Flusses, was am Tag irgendwie deutlich schöner und ruhiger ist als in der Nacht.
Darin gibt es übrigens auch Tropentiere wie Pyrannias, Schlangen und auch Krokodile.

Was bisher geschah

Wie ich jedoch auch in meinem letzten Rundbrief schon geschrieben hab, ging es mir nicht besonders gut Moxos. Das hing vor allem an Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und meinen Verantwortlichen.
Aufgrund dieser und einiger anderer Faktoren haben wir uns dann mit allen Beteiligten einvernehmlich darauf geeinigt, dass ich wieder nach Santa Cruz zurückkehre.
Beziehungsweise habe ich einige Tage in Trinidad, einer Stadt zwischen Santa Cruz und San Ignacio verbracht, um dort die Weiterreise zu organisieren und habe dort eine andere Freiwillige sowie eine Partnergruppe besucht.
Santa Cruz de la Sierra
Hier in Santa Cruz hatte ich schon seit längerem die Einladung ans Colegio Martin Sappl, welches eine gemischte Grund- und weiterführende Schule, sowie eine Kindergartengruppe beherbergt. Nachdem ich aus unterschiedlichen Gründen dann doch nicht hierher gelangt bin, bin ich nun zufrieden wieder hier zu sein. Das Leben geht oft seltsame Wege. Ich bin mittlerweile wirklich sehr froh darum, auch wenn ich ein wenig gebraucht habe in dieser Stadt anzukommen, da sie einfach unendlich groß ist. Und häufige Umzüge fordern natürlich viel neue Anpassung.
Hier gibt es zwei Schulen, eine Vor- und eine Nachmittags die zusammen insgesamt um die 1000 Schüler haben.
Auf mich warten also viele Namen die ich mir merken könnte und auch viele neue Persönlichkeiten unter meinen Schülern, die ich kennenlernen darf.
Ich gebe nun verschiedenen Klassenstufen Englisch-(Zusatz)-Unterricht, bzw. helfe vor allem den Lehrern bei ihrem Unterricht und lerne somit auch von ihnen. Außerdem beteilige ich mich als mehr oder weniger als Kulturbotschafter da ich natürlich täglich dutzende Fragen zu Deutschland und der Welt beantworte. Auf diese Weise bin ich in den letzten Wochen schon mit vielen unterschiedlichen Menschen in ganz Santa Cruz in Kontakt gekommen.
Beziehungsweise bin ich an einigen Tagen auch schlicht und einfach nur „der interessante Fremde“.
An Fragen kenne ich mittlerweile auch eine ganze Bandbreite, da gibt es alles von: „Wie ist das Wetter in Deutschland?“, über Fragen zum Schulwesen, bis hin zu der Frage „ Gibt es eigentlich auch Bäume in Deutschland?“. Alles in allem also sehr interessant und manchmal auch ganz lustig für mich.
Natürlich aber mindestens genauso lustig für alle anderen, wenn ich wieder einmal Wörter vertausche und damit sinnlose oder lustige Sätze hervorbringe.
Sehr viel Gelächter gibt es auch, wenn mich jemand nach einer langer Erklärung dann „Entendiste?“ übersetzt: „Hast du verstanden?“, fragt, und ich dann kurz und knapp und lächelnd „No“, also Nein sage. In Gruppen ist das immer sehr witzig.

Da ich meiner Schule im August schon einige Male Besuche abgestattet habe, war ich dort kein Unbekannter mehr und wurde sehr herzlich (im wahrsten Sinne des Wortes ( Bild nächste Seite)) bzw. sehr liebenswert empfangen.
Auch wenn es auf dem Bild den Anschein hat es wäre kalt hier, das war es nur an diesem Tag. Normal ist es hier täglich so von 20 bis 34 Grad warm. Das hört sich jetzt nach viel an, ist es aber nicht unbedingt, da immer ein wenig frischer Wind weht.
Da es aber auch hier an der Schule, in wenigen Wochen größere Veränderungen geben wird werde ich mir eine ausführliche Beschreibung meiner Schule für den nächsten Rundbrief aufheben.

Ich wohne nun wieder bei meiner Gastfamilie von August. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich natürlich in meinem Projekt, an Wochenenden jedoch habe ich auch etwas Zeit mit Familie und Freunden in und um Santa Cruz Ausflüge zu machen, bzw. das Leben meiner bolivianischen Familien mitzuerleben.

In vielen Gesprächen oder auch beim gemeinsamen Kochen mit diesen lerne ich natürlich auch viel über lokale Gewohnheiten kennen, was mir einen sehr interessanten tieferen Eindruck in Familien und die Gesellschaft hier bringt.

Zur Stadt Santa Cruz selbst: Trotz seiner 2 Mio. Einwohner kennt sie irgendwie kaum einer außerhalb Boliviens, sogar Google gibt einem zuerst einige andere Santa Cruz´ als Suchvorschläge, dabei ist „mein“ Santa Cruz eigentlich das größte weltweit.

Die Region ist auch wirtschaftlich sehr stark. Einheimische nennen sie auch gern „den Motor Boliviens. (Frei übersetzt).

Aufgrund von Gasvorkommen und Landwirtschaft entstehen viele neue Arbeitsplätze. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten sehen die Menschen hier positiv in die Zukunft. Das sieht man hier auch daran, dass es jedes Jahr sehr viel mehr Einwohner gibt, Zuwanderung, aber auch eine hohe Geburtenrate sind die Hauptgründe. Auch wird hier viel gebaut und modernisiert. Bis um 1950 war diese Millionenstadt übrigens eine kleine unbedeutende Kolonialstadt, der Aufschwung dieser Stadt ist noch nicht allzu alt.
(Zusammenfassung eines sehr schönen Wikipedia Artikels), mehr zu der Stadt selbst dann in den nächsten 10 Monaten.

Das Stadtbild der „Stadt der Anillos“(Anillos sind die 6 großen, bzw. viele weitere im Bau, Autobahnringe hier) ist also, abgesehen von der kolonialen Stadtmitte in großen Teilen recht modern geprägt. Es gibt ein aufgrund der tausenden von kleinen Kleinbussen sehr gutes öffentliches Nahverkehrs System, bzw. auch die Taxis sind für unsere Verhältnisse sehr günstig. Die Kleinbusse die hier Micros heißen kann man coolerweise überall an der Straße anhalten und einsteigen. 2 Bolivianos (~27 Cent) bezahlen, mitfahren und aussteigen wo man gerade will.

Das hört sich nun nach sehr wenig an, trotzdem gilt Santa Cruz in Bolivien, als eine teure Stadt. Ein Durchschnittseinkommen ist hier so um die 200 bis 700 Euro hoch ist. (je nachdem wen man fragt).
Damit kann man sich hier ein Leben im Mittelstand leisten, da viele Kosten deutlich geringer als in Deutschland sind (Dienstleistungen), einige aber auch ähnlich hoch. (Elektrogeräte).
Und ja, es gibt sogar Dinge, die sind teurer als im Saarland, Bier zum Beispiel.
Generell kann man aber so gut wie alle Preise verhandeln, das ist vor allem als „Weißer“ notwendig, da man manchmal gerne um ein paar Bolivianos mehr gebeten wird.

Leider gibt es aber auch viele ärmere Stadtviertel, in denen die Menschen unter für uns unvorstellbaren Bedingungen leben. Dazu aber mehr wenn ich diese genauer kenne.
Es gibt also einen sehr großen Unterschied zwischen Arm und Reich.
Dieser wurde mir unter anderem sehr verdeutlicht, als ich innerhalb einer Woche auf zwei verschiedenen Beerdigungen war. Die eines finanziell soliden Nachbarn und die eines Grundschülers meiner Schule, der aus einer sehr armen Familie kam.

Es gibt also wieder einmal unheimlich viele Eindrücke dich hier so erlebe.
Und täglich werden es mehr.
In diesem Sinne. Schöne Grüße, nunmehr aus dem sonnigen Santa Cruz de la Sierra.
Julian Hanowski

Oktober 2015