6. und letzter Rundbrief aus Indien von Natscha Maaß

Hallo lieber Solikreis!Dies ist nun offiziel meine letzte Rundmail aus/über Indien.
Zunächst mal entschuldige ich mich dafür dass es so lange gedauert hat, immerhin bin ich ja schon seit zwei Monaten wieder in Deutschland. Ich muss gestehen: Ich hatte in den letzten Wochen in Indien leider einfach keinen Nerv zu berichten und hier in Deutschland hatte ich zum einen keine Zeit, zum anderen musste ich auch erstmal wieder hier ankommen. An diese verteufelte Kälte muss man sich schließlich auch erstmal gewöhnen wenn man mit mindestens 25°C verwöhnt wird jeden Tag bzw. auch mal gequält.Letzte Zeit in Kerala
Meine letzten Wochen in Kerala waren gefühlt sehr seltsam, da ich irgendwie nicht wirklich begreifen konnte, dass ich tatsächlich gehe. Einerseits war ich im Stress alles für meine Rückkehr und mein Studium vorzubereiten- mir war also durchaus bewusst dass ich Indien schon bald verlassen werde- aber gefühlsmäßig konnte ich es nicht begreifen. Als ich nach Indien ging war es ganz anders, denn ich dachte mir nur „Ich komm‘ ja wieder“, weswegen ich eigentlich nervöser wegen des ersten Males fliegen und dem was auf mich zukommt, war, aber nicht über den Abschied. Ich verließ ja Familie und Freunde nicht, denn ich würde ja wieder zurückkommen. Doch jetzt, als die Rückkehr anstand, war das anders. Ich wusste, ich komme nicht mehr zurück nach Indien und meine Freunde, meine quasi Familie und mein Leben da hinter mir zu lassen und nicht nur zu pausieren, war so seltsam und neu, dass ich es gar nicht begreifen konnte.
Erst wenige Tage vor Abflug, wenn nicht  erst im Flughafen, begriff ich wirklich, dass ich wirklich gehe. Es war ein wirklich seltsames Gefühl.Allerdings muss ich auch gestehen, dass in den letzten Wochen in Kerala nicht viel passiert bis auf mein Gefühls-Auf-und-Ab, Onam und dass ich in den Ferien das Küchenmädchen zu Hause in Wayanad war. Ansonsten ging der Alltag einfach normal weiter, was meine Abreise noch unwirklicher erscheinen ließ und irgendwie wollte ich es auch verdrängen, weil es wieder einen Neuanfang bedeutete. Wieder einen Lebensabschnitt hinter sich lassen und was komplett Neues anfangen. Freunde und einen doch recht angenehmen Tagesablauf hinter sich lassen, dabei die Sorge darüber ob alles glatt laufen wird mit Wohnungssuche, Studium und anderen Schwierigkeiten. Was würde sich geändert haben? Ich fühlte mich unwohl, wenn mich Leute auf meine Rückreise ansprachen und freute mich gleichzeitig auf Familie und Freunde und einfach meinen Lebenstil in Deutschland. Das Tanzengehen, abends Spazierengehen, ohne Bedenken anzuziehen, wozu mir grade der Kopf steht und nach Bedarf einfach mal in der Masse untergehen, so kleine  Dinge die ich in Indien vermisste.
Die Ferien in Wayanad bei Mini waren toll! Ich konnte erleben wie es bei den armen Leuten zu Hause aussieht und Wayanad genießen, eine wunderschöne Gegend, mit faszinierender Natur, frischer Luft und angenehm kühlem Klima (bis auf nachts da war es zu kalt). Wir besuchten auch eine Höhle weit oben in den Bergen und auf dem Weg dahin sah ich zum 2. Mal in Indien ganz viele Affen, die aber wesentlich entspannter und lieber waren als die im Norden.Onam war wie letztes Jahr schon ein Riesenfest, dass ich in der Schule und nochmal im Waisenhaus feierte mit Essen und Spielen. Die Schulfeier war großartig da Schüler- und Lehrertuniere im Seilziehen ausgerichtet wurden, da Seilziehen ein traditioneller Wettkampf an Onam ist.
Da ich die ganze letzte Woche im Waisenhaus verbrachte, war meine vorletzte Woche die letzte in Pudukad. Dort veranstalteten die Schwester eine kleine Feier im Konvent, das heißt ein größeres Abendessen zu dem auch der Bischof eingeladen war, ein sehr netter Mann um die 80, der sogar ein wenig deutsch kann.
In der Schule verabschiedete ich mich an meinem letzten Tag morgens beim Assembly von den Schülern und nachmittags bei einer kleinen „Feier“ mit Snacks und ein paar Worten von meinen Lehrerkollegen wobei manch unerwartete Reaktionen kamen, die mir den Abschied doch etwas schwer gemacht haben.
In der letzten Woche in Arthat, wo ich hauptsächlich damit beschäftigt war meine Abreise vorzubereiten, besuchte ich zum Abschluss zusammen mit den Schwestern Athirapalli, einen riesigen atemberauenden Wasserfall, der in Kerala sehr berühmt ist und an dem wohl auch schon ein paar Menschen in den Tod gestürzt sind, weil sie ins Wasser gegangen sind und von der Strömung mitgerissen wurden.
Abschied mit Kokosnuss
Ein großer Teil meines persönlichen Abschiednehmens von Indien war mein Besuch in einem Ganesha-Tempel früh morgens am Tag vor meiner Abreise.
Dazu müsste ihr wissen, dass Ganesha ein sehr schlauer und gewitzter Gott ist der zum einen für Leben und Lebensfreude steht zum anderen aber auch für Buße und Neuanfang. Man trägt seine Sorgen, Ängste, Fehler, alles Negative der Vergangenheit, alles was einen belastet vor ihn, reflektiert es und tut geistlich Buße für seine Fehler.
Dabei gibt es in Kerala das sehr schöne Ritual, bei dem man eine Kokosnuss, die in Kerala sehr wichtig ist und auch symbolische Bedeutung hat, mit in den Ganesha Tempel nimmt und während man zu Ganesha betet vom Priester weihen lässt. Nach dem Gebet nimmt man seine nun geweihte Kokosnuss und geht zu einem kleinen Platz vor einer weiteren Ganeshastatur, auf dem meist noch ein großer Stein am Boden liegt. Hier betet man erneut und kreist dabei die Kokosnuss dreimal vor seinem Gesicht und überträgt somit symbolisch die ganzen Sorgen, Ängste usw. auf die Kokosnuss bevor man sie dann mit Schwung auf den Stein wirft und sie somit zerschmettert. Mit ihr zerschmettert man all die Sachen die einen belasten, lässt sie los und geht mit neuem Mut, Motivation und neuer Lebensfreude voran. Es ist eine wunderbare Symbolik, die wie ich fand nicht besser zu meiner Situation hätte passen können. Vielleicht mag es für den ein oder anderen seltsam oder schräg wirken aber als Byjesh mir das erste Mal erklärte was der Sinn hinter dem Kokosnusszerschmerttern ist, wusste ich: „Das muss ich tun, bevor ich nach Deutschland zurückgehe.“
Das Faszinierendste war dass ich mich tatsächlich leichter, beschwingter und einfach viel sorgenfreier fühlte. Ich ließ wirklich meine Sorgen die ich hatte über meine Rückkehr nach Deutschland, die Schwierigkeiten die ich in Indien hatte, alles was mich belastete zu dem Zeitpunkt einfach zurück, zerschmetterte sie quasi im Tempel und konnte viel positiver nach vorne schauen.
Ich verabschiedete mich damit von einem sehr wichtigen Abschnitt in meinem Leben um einen neuen anfangen zu können; ohne negative Gefühle für die Zukunft oder Sehnsucht nach dem, was nun vorüber war.Dieses Jahr in Indien hat mich gelehrt nicht immer so viel Angst zu haben, denn es wird sich alles schon irgendwie ergeben. Es hat mich gelehrt dass ich doch glücklich sein kann darüber, dass ich ganz und gar ich selbst sein darf und alles in meinem Leben frei wählen darf. Einfach dass ich leben darf, wie ich es möchte und darum geht es ja. Dass ich lebe und auch mal Dinge auf mich zukommen lasse, entspannter an Sachen gehe. Denn Leben ist kein perfekter Lebenslauf mit perfekten Noten sondern das Hier und Jetzt.Damit, mein lieber Solikreis, verabschiede ich mich nach nun einem guten Jahr von euch, ich freue mich mit dem ein oder anderen in Kontakt zu bleiben und stehe euch natürlich allen immer zu Rückfragen zu meinen Erlebnissen dort zur Verfügung.Euch allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr,

Natascha
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