1. Rundbrief aus Tamil Nadu von Paulina Zentner

Hallo ihr Lieben,

ich melde mich aus dem langsam kühler werdenden Tamil Nadu. Mittlerweile bin ich schon über zwei Monate hier und ich möchte euch gerne ein bisschen an meinem Leben in Alangayam teilhaben lassen.
Da ich doch erst kurze Zeit hier bin, fällt es mir sehr schwer, diesen Rundbrief zu verfassen. Langsam finde ich zwar meinen Alltag, aber ich bin immer noch in einer sehr beobachtenden Rolle und habe dadurch auch Angst, manche Sachen falsch darzustellen. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, dass dieser Rundbrief erst einmal recht allgemein meinen Tag, meine bisherigen Erlebnisse und Eindrücke beschreibt. Er dient sozusagen als Fundament für die kommenden Rundbriefe.
Ich mache meinen Freiwilligendienst zwar in Indien, da es sich bei Indien aber um das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde handelt, mit über einer Milliarden Menschen, gibt es hier aber sehr viele unterschiedliche Kulturen. Ich bin in Tamil Nadu, dem süd-östlichsten Bundesstaat Indiens. Es wäre falsch, wenn ich in meinen Rundbriefen dauernd von Indien sprechen würde, es wäre wohl, als wenn ich Südspanien mit Dänemark gleichsetzen würde, dabei fühlt man sich ja auf dem Maifeld schon gekränkt wenn man Polcher und Münstermaifelder gleichsetzt. 😉
Ich habe von ganz Indien nur Reiseführerahnung. Ich schreibe aber auch über Tamil Nadu nur, das was ich erlebe und dies ist selbst für die tamilische Kultur nicht zu verallgemeinern. In Gesprächen mit Mitfreiwilligen ist mir dies ganz besonders aufgefallen, also: was ich euch berichte ist meine subjektive Sicht von den Orten, die ich bisher kennen gelernt habe und den Dingen die ich erlebt habe bzw. erlebe.

Mein Leben in Alangayam

Alangayam hat ca.10 000 – 15 000 Einwohner und liegt im Norden des Bundesstaates. Mein neues Zuhause besteht aus unserem Kinderdorf und aus der benachbarten Schule. Das Schulgelände beheimatet neben den 3 Schulgebäuden auch ein „Fathershouse“, hier leben drei Priester (der Direktor der Schule, sein Stellvertreter und ein Korrespondent). Das Kinderdorf besteht aus 40 Kindern im Alter von 5-14 Jahren, 3 Erzieherinnen Mary, Lima und Laura, einem Priester der das Kinderheim leitet, dem Hund Blacky, einem Ehepaar, welches als Koch und Köchin tätig ist und mir. Ich lebe hier in einer Art WG mit den ältesten Mädchen. Sie sind 10-14 Jahre alt. Mein Tag beginnt um sechs Uhr und kurz nachdem die Sonne aufgegangen ist, sitze ich schon auf unserem Balkon und genieße die noch kühle Luft mit einem Becher Tee. Die Mädels machen sich in dieser Zeit fertig für die Schule. Nachdem alle die perfekte Frisur haben, machen wir kleinere Hausarbeiten, wir säubern die Böden und kehren die Treppe und warten mit knurrenden Mägen aufs Frühstück.
Ab neun Uhr sind die Kinder in der Schule und ich habe den Vormittag über keine geregelte Aufgabe. Meist wasche ich meine Wäsche, übe ein bisschen Gitarre, gehe ins Lehrerzimmer von der Schule, lese oder gehe ins Dorf. Nach dem Mittagessen biete ich immer ein paar Deutschstunden in Form einer AG für die Schüler der 7. und 8. Klasse an. Es ist schon ziemlich kompliziert auf Englisch Deutsch zu unterrichten, deswegen würde ich meine Tätigkeit auch nicht als unterrichten bezeichnen, sondern vielmehr als Verständigungsübungen in drei Sprachen (Englisch, Tamil und Deutsch), aber wir haben Spaß dabei.
Wenn die Kinder um vier Uhr Schule aus haben, gibt es meistens für sie kleinere Arbeiten im Garten zu erledigen. Danach ist Spielzeit: Völkerball, Fußball, Criquet und Badminton sind die begehrtesten Spiele oder wir üben ein paar Tänze ein. Vor allem die Mädchen im Kinderheim sind begeisterte Tänzerinnen und sie sind auch wirklich gut. Egal ob traditionelle tamilische Tänze oder Tänze zu moderner Filmmusik, sie haben mir schon viel beigebracht und für mich war es eine große Ehre bei einer Vorführung mit ihnen tanzen zu dürfen.
Nach der Spielzeit ist Snackstime. Die Snackstime besteht ,wie man im Wort sehen kann, aus Snacks (davon hat Tamil Nadu sehr viele zu bieten) und einem Becher Milch für die Kinder und einem Becher Tee für die Erziehrinnen und mich. Im Anschluss machen die Kinder Hausaufgaben und ich sitze meistens bei meinen großen Mädels und versuche mich in dieser Zeit im Armbänder knüpfen, Tamil Vokabeln lernen oder gebe den Kindern Hilfestellungen, aber ich muss sagen, dass ich schon an der ein oder anderen Matheaufgabe der 8. Klasse gescheitert bin. Um acht Uhr gibt es schließlich Abendessen. Meine Mädchen und ich lassen den Tag meistens mit einigen Partien UNO ausklingen.
Am Wochenende haben wir mehr Zeit, so bieten Father Simon (der Leiter des Kinderheims) und ich für die Kinder ein paar Musikgruppen an. Er übernimmt den Chor und die Keyboardstunden und ich die drei Blockflötengruppen. Sonntagsmorgens Flöte zu spielen ist wohl auch in Tamil Nadu meine Beschäftigung (in diesem Sinne liebe Grüße an die Leser und Leserinnen der Stadtkapelle Münstermaifeld).

Meine WG im Kinderdorf

 

 

 

 

 

 

 

 

MSFS und unser Tamil Sprachkurs

Nach drei Eingewöhnungswochen im Projekt ging es für mich mit dem Bus ins ca. neun Stunden entfernte Trichy zum Sprachkurs. Dort traf ich auch auf die anderen Indien Freiwilligen von SoFiA. Die vier Priester, die ich in Alangayam um mich habe, sind Priester (hier Fathers genannt) des MSFS Ordens.
MSFS (Missionare des hl. Franz von Sales), ist ein Priester Orden der 1838 von dem Franzosen Pierre-Marie Mermier gegründet wurde. Mermier verfolgte drei Hauptziele mit der Gründung des Ordens, als erstes die Gemeindemission zur Erneuerung des Glaubens, als zweites die Mission der christlichen Botschaft generell und als drittes die christliche Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Die salesianische Spiritualität galt/gilt als Grundlage der Mitglieder des Ordens und so zählt die Ordensgemeinschaft zur salesianischen Familie. Durch die französische Missionierung kam der Orden nach Indien. Mittlerweile besteht er komplett aus indischen Priestern, die ihre Einsatzstellen in Indien, aber auch in vielen anderen Ländern haben. Die South-East Provinz hat ihren Hauptsitz in Trichy, so lebten wir drei Wochen im Provincial house.

Sonnenuntergang in Trichy

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Zeit dort war sehr aufregend. Ich fand es besonders spannend, den Orden, mit dem ich jetzt ein Jahr direkt zu tun habe, mal genauer kennen zu lernen. Im Provincial House haben eine Hand voll Fathers neben dem Provincial (dem Obersten Priester des Ordens in der Provinz) ihren festen Wohnsitz und ein Brother (ein sich noch im Studium befindender Priester, der zur Zeit sein „social year“ leistet). Es war aber auch fast nie ruhig im Haus, denn viele Fathers, die im Ausland tätig sind und zur Zeit ihren Urlaub zu Hause in Indien verbringen, kamen für einige Tage zu Besuch. Neben den Fathers und dem Brother gibt es dort auch zwei Haushälterinnen, die uns mit der Zeit richtig ins Herz geschlossen haben und wir auch sie. Eine von beiden brachte Magda und mir sogar von einer zwei tägigen Pilgerfahrt Schmuck mit. Es war eine große Ehre, dass sie trotz ihres Urlaubs an uns dachte. Die andere der beiden Haushälterinnen lud uns eines Nachmittags sogar zum Tee zu sich nach Hause ein, dieser Nachmittag war ein sehr schönes Erlebnis. So viel uns der Abschied nicht ganz leicht, auch vor allem der Brother war in diesen 3 Wochen wirklich zu einem Bruder geworden.
Der Orden führt eine Freundschaft mit den Schwestern des Holy Cross Ordens. Das machte es uns möglich am Holy Cross College in Trichy unseren Tamil Sprachkurs zu machen.
Tamil ist eine über 2000 Jahre alte dravidische Sprache, die heute noch von knapp 80 Millionen Menschen gesprochen wird; hauptsächlich im indischen Bundesstaat Tamil Nadu, aber sie ist auch Amtssprache in Sri Lanka und Singapur. Die Tamilen sind nämlich außer im indischen Bundesstaat Tamil Nadu auch in Minderheiten in Sri Lanka, Malaysia und Singapur vertreten. Auch wenn ich bei weitem nach diesem dreiwöchigen Aufenthalt nicht der tamilischen Sprache mächtig bin, hat sich der Aufenthalt mehr als gelohnt. Ich konnte, oben genannt, den Orden ein bisschen besser kennen lernen, das indische städtische Leben kennen lernen (auch wenn Trichy mit gerade mal einer knappen Million Einwohner noch zu den kleineren Städten gehört), ein indisches College besuchen und mich mit Churidar eindecken. Churidar ist die Alltagskleidung von jüngeren Frauen. Sie besteht aus einem ca. knielangen Oberteil, einer Stoffhose oder Leggings und einem Tuch. Sari wird nur von älteren (schon verheirateten) Frauen, zur Arbeit oder zu besonderen Feiertagen getragen.

In Churidar 😉

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Glaube und Religion

Durch mein Zusammenleben mit vier Priestern spielen Glaube und Religion natürlich auch eine wesentliche Rolle in meinem Freiwilligendienst.
Neben den Messen in der Gemeinde von Alangayam freitagabends und sonntagmorgens haben wir im Kinderheim noch eine zusätzliche Messe mittwochs auf Englisch. Außerdem beten die Kinder samstagabends zusammen den Rosenkranz. Auch die Messen in der Gemeinde hält immer einer der Fathers (vom Kinderdorf oder aus der Schule), ein oder zwei Mitglieder der Gemeinde lesen die Lesungen und zwei Kinder sind Messdiener. Dank dem katholischen Ablauf der Messe, weiß ich auch in den Messen auf Tamil was gerade gesagt wird und es ist schön, dass ich Gebete wie das Vater unser, das Glaubensbekenntnis und die Gebete während der Wandlung mitbeten kann (zwar auf einer anderen Sprache, aber immerhin). Seit ich hier bin, bin ich wirklich froh, dass es diesen Ablauf überall auf der Welt gibt.
Glaube spielt auch schon für die Kinder eine sehr große Rolle. Mehrmals am Tag zu beten, Gott zu danken und ihm eine bedeutende Rolle in ihrem Alltag zu geben ist für sie absolut normal. Ich finde das sehr beeindruckend. Anders als ich als Kind in Deutschland, würde auch hier niemals jemand motzen, weil er in die Kirche muss oder zum Rosenkranzgebet, vielmehr freuen die Kinder sich darauf.
Das bringt mich oft zum Nachdenken und ich bin wahnsinnig glücklich diese Erfahrung zu machen. Ganz besonders gut gefallen mir die Predigten der Priester (auch wenn ich sie durch mein mangelndes Sprachtalent nicht verstehe), denn bei uns in Alangayam stehen die Priester während ihrer Predigt immer in direkter Kommunikation zur Gemeinde.
Die Umstellung auf einen anderen Kontinent

Ich bin nun in einer anderen Kultur, in einem mir bislang völlig fremden Land. Schon am Flughafen bzw. aller spätestens während der Fahrt vom Flughafen nach Alangayam habe ich dies festgestellt. Ich war während der vierstündigen Autofahrt zwischen absoluter Faszination und dem Gefühl jeden Moment los zu weinen hin- und hergerissen. Es ist hier alles so anders und ich merke immer mehr, dass mein Leben hier so fern ab von meinem Leben in Deutschland ist. Es fängt mit der Kleidung an: ich musste feststellen, dass der Abschied von Jeans und T-Shirt mir schwerer fiel als angenommen und dass ich mich in den ersten Wochen in Churidar schon in einer Art und Weise kostümiert gefühlt habe. Aber wenn man vor Ort dazu gehören will, ist landestypische Kleidung auf jeden Fall der erste Schritt und mittlerweile ist es für mich völlig normal. Eine weitere Umgewöhnung die mein Äußeres betraf, war die Frisur. In Deutschland gehöre ich zu denjenigen die sich darum eher überhaupt keine Gedanken machen und wenn ich meine Haare nicht offen trage, sie als Pferdeschwanz oder als Knuddeldutt „frisiere“. Mein erster Knuddeldutt in Tamil Nadu brachte rechtes Entsetzen bei den Kindern, ich wurde an dem Tag mehrmals gefragt, ob ich mir die Haare nicht kämmen würde. Lange gut gepflegte Haare sind der Schatz der indischen Frau, in Tamil Nadu werden die meist geflochtenen Haare mit Blumenketten und vielen Spangen frisiert, außerdem machen sich fast alle Frauen und Mädchen für den Glanz noch Kokosöl in die Haare. Unfrisierte Haare gehen gar nicht. Die nächste Umgewöhnung ist das Essen, die tamilische Küche ist zwar sehr vielseitig und auch wirklich gut, aber auch ganz anderes als bei uns in Deutschland. Mit drei Mal am Tag warmes Essen, und vor allem dem warmen Reis morgens, musste ich mich erst einmal anfreunden. Das mit den Fingern essen klappt hingegen mittlerweile echt gut. Meine Lust nach Omas Dippekuchen unterdrücke ich im Moment mit der Vielzahl von tamilischen Snacks (mal sehen wie lange meine sehr eng genähten Churidars das noch mittmachen) ;). Es gibt neben Chips, Keksen, getrockneten und gewürzten Bananen auch eine Vielzahl von gebackenen Snacks, süße wie auch deftige. Diese kauft man, wie in Deutschland, in Bäckereien. In Alangayam habe ich mittlerweile meine Stammbäckerei gefunden, die ich ca. dreimal die Woche aufsuche. Meine Lieblinge sind sogar eine Spezialität aus meinem neuen Heimatdorf. Es sind braune muffingroße Kugeln, ihre Füllung besteht aus recht festem Teig und Nüssen, drumherum ist eine Zuckerglasur; richtig fein ;). Aber neben den Snacks genieße ich vor allem die Früchte: Bananen aus dem eigenen Garten, frisch gepflückte Papayas, frische Govas, im Sonnenschein gewärmte Erdnüsse und vor allem, viele sehr leckere Früchte, deren Namen ich bereits wieder vergessen habe.

Ich möchte euch aber auch die andere Seite nicht vorenthalten. Denn nicht jeder Moment ist/war wunderschön, es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, jetzt hier zu sein und meine ersten Wochen im Projekt waren nicht einfach. Mir geht es jetzt zum Glück viel besser und trotzdem ist nicht alles immer super. Ich erlebe hier nicht täglich oder wöchentlich einen „Instamoment“ und habe nicht immer was zum Posten parat. Aber das ist ja auch nicht der Sinn eines sozialen Lerndienstes. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich jeden Tag ein Stückchen mehr dazu gehöre und Teil von dem Leben hier im Kinderdorf werde. Auch wenn sich so viel in meinem Leben nun verändert hat, lohnt es sich sehr, diese Erfahrung zu machen. Ich bin dankbar um die vielen lieben Kinder, die ich täglich um mich habe und die es mir so viel einfacher machen, hier anzukommen.

Ein tamilisches Rangoli, welches zum Geburtstag von Father Simon gestreut wurde. (Ich bin gerade dabei Rangoli malen und streuen zu lernen).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich hoffe ich konnte euch ein paar Eindrücke über Tamil Nadu und meine Gedanken dazu geben.
Alles Liebe! Eure Paulina