Brasilien: 1. Rundbrief von Christina Monz

Liebe Leser,

über zwei Monate lebe ich nun schon hier in Parnaíba und es ist Zeit, euch allen einen ersten Eindruck von hier zu vermitteln.

Reise und Ankunft

Die Reise konnte ich ziemlich entspannt antreten, da ich zum Glück einen orts- und sprachkundigen und vor allem mir bekannten Reisebegleiter hatte, der zufällig denselben Flug gebucht und fast bis Parnaíba den gleichen Weg hatte wie ich. So überwogen Vorfreude und Neugier, auf das was mich erwarten würde. Nach dem zehnstündigen Flug in Fortaleza angekommen, ging es mit dem Taxi weiter zur Rodoviária (Busbahnhof), wo wir nach zirka drei Stunden in den Bus einsteigen konnten. Nach nochmals 11 Stunden Fahrt (für ungefähr 500 Kilometer) kam ich dann am nächsten Morgen an der Rodoviária von Parnaíba an, wo ich noch etwas auf meinen Projektverantwortlichen (außerdem Generalvikar und Gastonkel) padre Carlos warten musste, um mit dem Auto die letzte, definitiv kürzeste Etappe meiner Reise ins Zentrum von Parnaíba anzutreten. Fast 30 Stunden nach dem Verlassen meines Zuhauses in Deutschland hatte ich nun endlich mein neues, brasilianisches Zuhause erreicht – pünktlich zum gemeinsamen Frühstück mit meiner Gastmutter Fátima, meinem Gastbruder Felipe und Carlos.

Zu meiner Gastfamilie gehören außer Fátima und Felipe noch mein Gastvater Fernando und zwei weitere Geschwister (Luiz Fernando und Ana Júlia), die beide zum Studium weiter weg wohnen, aber regelmäßig nach Parnaíba zurückkommen und die ich auch beide schon kennen gelernt habe. Außerdem lebt um das Haus herum noch ein halber Streichelzoo mit zum Teil gewöhnungsbedürftigen Eigenschaften: Da wären die beiden Hunde Duquesa und Logan, drei Katzen, die man auf ihrer Essenssuche immer aus dem Haus jagen muss, einige Hühner (Der Hahn ist leider scheinbar pausenlos wach und kräht alle halbe bis ganze Stunde direkt auf der anderen Seite meines Fensters – ich habe ein paar Nächte gebraucht, um nicht mehr um drei Uhr morgens davon aufzuwachen.) und eine latent aggressive Schildkröte, die gerne nach Füßen schnappt. Bis vor Kurzem hatten wir auch noch zwei Enten, die aber leider inzwischen den Hunden zum Opfer gefallen sind. Meine Gastfamilie ist deutsche Familienmitglieder auf Zeit schon gewohnt, da drei meiner Vorgängerinnen ebenfalls hier gewohnt haben. Das ist zwar nicht immer von Vorteil, hat mir aber im Allgemeinen dabei geholfen, mich schnell in der Familie einzuleben. Dadurch dass ich den größten Teil meiner Zeit mit meiner Gastfamilie verbringe, könnte ich mir mein Leben in Brasilien kaum ohne sie vorstellen, und so ist sie mir schon sehr ans Herz gewachsen.

Um meine Ankunft wurde kein großes Aufheben gemacht, es lief alles unkompliziert und ruhig, mit einer gewissen Normalität und Selbstverständlichkeit – ich habe also keine Sonderbehandlung bekommen, sondern einfach mitgelebt. Manchmal war es natürlich nicht einfach, direkt und ohne große Erklärungen in einem noch unbekannten Alltag zurechtzukommen, aber im Endeffekt hat es das Finden eines Alltags und das Einleben sehr vereinfacht. Ich merke auch immer noch oft genug, dass ich mich von meinen Mitmenschen hier unterscheide, und wenn diese erst einmal herausgefunden haben, dass ich nicht aus Brasilien bin (Vom bloßen Aussehen her ist es kaum möglich in Brasilien als Ausländer aufzufallen, da so ziemlich alle Gesichtszüge und Haut- bzw. Haarfarben hier irgendwie vertreten sind.), werde ich schon aus Neugier auch anders behandelt als die anderen, aber langsam aber sicher finde ich meinen Platz zwischen den zwei Kulturen.

Arbeit

Da ich an einem Samstag angekommen bin, hatte ich erst einmal zwei Tage zum Ankommen und Ausruhen. Montags ging es dann aber schon los mit der der Arbeit. Ich bin eine von insgesamt ca. 70 Freiwilligen des Projeto Social (Sozialprojekt) der Diözese von Parnaíba, die in zehn verschiedenen Sozialzentren arbeiten. Die Zentren richten sich größtenteils an Kinder, zum Teil aber auch an Familien, Frauen oder Behinderte. Ich helfe montags im Centro Social São Cláudio und den Rest der Woche im Centro Social Santa Terezinha, jeweils Creches, also mit Kindergärten vergleichbare Orte, an denen eine Gruppe Kinder vormittags betreut wird, Hausaufgaben machen bzw. spielen kann und zwei Mahlzeiten (Lunch und Mittagessen) erhält. Angemeldet sind jeweils ungefähr 30 Kinder, wobei die Anzahl der anwesenden Kinder sehr stark schwanken kann. Darauf kommen durchschnittlich fünf Freiwillige, die größtenteils mit mindestens einem der Kinder irgendwie verwandt sind und im Normalfall aus dem barrio (Stadtteil) der Creche sind. Da in São Cláudio die Kinder relativ klein (zwei bis fünf Jahre) sind, bestehen meine Aufgaben dort eher im Spielen, Vorlesen, Streit schlichten und auch schon mal Windeln wechseln, während ich in Santa Terezinha bei den älteren Kindern (fünf bis 13 Jahre) anfangs die meiste Zeit damit beschäftigt war, sämtliche Figuren aus den Märchenbüchern zum späteren Ausmalen abzuzeichnen und inzwischen auch schon zum Teil bei den Hausaufgaben helfen kann.

in der Creche São Cláudio
in der Creche São Cláudio

Im Vergleich zu deutschen Kindergärten geht es in den Creches sehr viel wilder zu. Anfangs musste ich mich daran gewöhnen, dass es nicht so klare Regeln gibt, wie ich es aus Deutschland kannte und dass die Betreuer sich auch meistens nicht daran stören, wenn man vor lauter Geschrei sein eigenes Wort kaum mehr versteht oder die Spiele und Beschäftigungen der Kinder eher Schlägereien ähneln – wobei Eingreifen auch relativ sinnlos ist, da die Kinder erstens eh machen was sie wollen und es zweitens hier einfach normal ist, so zu spielen. Während man in Deutschland die Kinder allein deshalb schon unterbrechen müsste, weil davon auszugehen wäre, dass innerhalb kürzester Zeit jemand am Weinen wäre, fließt hier kaum mal eine Träne – im Gegenteil: die Kinder scheinen kein größeres Vergnügen zu kennen, als sich beispielsweise gegenseitig an den Haaren zu ziehen. Das heißt natürlich nicht, dass sie sich nicht leiden können oder dass alle aggressiv sind; es ist einfach eine andere Art zu spielen. So ist die Arbeit natürlich schon mal recht anstrengend und manchmal sehnt man sich einfach nach einem Dank für eine komplizierte Zeichnung oder die Geduld bei der Hausaufgabenhilfe, aber die Herzlichkeit (die doch überwiegt wenn nicht gerade alle am Raufen sind) und Lebensfreude der Kinder versöhnt einen schnell wieder. Es kann auch schon mal sein, dass wir mehr Freiwillige als Kinder sind oder dass ich den ganzen Vormittag fast nichts zu tun habe – aber eins ist sicher: wenn ich morgens mit dem móto-taxi zur Arbeit fahre, ist es kaum möglich vorherzusehen, was mich heute erwarten wird… Und das hat auch seinen Reiz!

beim Fest zum dia da criança in der Creche Santa Terezinha
beim Fest zum dia da criança in der Creche Santa Terezinha

Im Oktober wurde einmal mehr deutlich, was für eine große Rolle die Kinder in Brasilien spielen. Anlässlich des dia da criança (Tag der Kinder) am 12. Oktober gab es den ganzen Monat lang in den Creches besondere Aktionen: Eine Themenwoche mit viel neuem Material, eine Tanzaufführung von einer Schülergruppe mit Geschenken und anschließendem Schminken und Frisieren auf dem Gelände der Creche (siehe Bild) und schließlich ein großer Ausflug mit allen Kindern und Freiwilligen des Projeto Social ins Schwimmbad.

Nachmittagsprogramm Bis jetzt arbeite ich nur vormittags, weil ich in den ersten zwei Monaten dreimal pro Woche nachmittags Sprachkurs hatte. Der findet in der Cúria statt, am Arbeitsplatz der Mitarbeiter der Diözese. Die ca. 10 Minuten Fußweg sind eine schöne Abwechslung zum Weg zu den Creches, zu denen ich mit dem Motorrad gebracht werden muss, da sie weiter weg in den barrios liegen. Meine Portugiesisch-Lehrerin ist Lehrerin an einem Colégio in Parnaíba und eine „Cousine“ von meiner Gastmutter. Das hat aber nur indirekt was mit der deutschen Definition von Cousine zu tun, denn hier gelten auch entfernteste Verwandte als Tanten/Onkels oder Cousins. Außerdem spiele ich einmal pro Woche im Sesc-Orchester mit und verbringe sonst meine Zeit größtenteils zu Hause und helfe zum Beispiel im Haushalt mit. Abends gehen Fátima und ich dreimal pro Woche zum Zumba-, Samba- und Forró-Kurs. Forró ist der typische nordost-brasilianische Tanz. Anfangs waren wir die restlichen Abende laufen, was aber immer unregelmäßiger wird, sonntags gehen wir in die Messe, und manchmal gehe ich mit meinem Gastbruder zum Volleyball-Training. Und danach verpasse ich inzwischen kaum eine Folge meiner abendlichen Telenovelas 😀 Aber auch wenn ich versuche, jede Möglichkeit wahrzunehmen, aus dem Haus zu kommen, habe ich immer noch viel Freizeit und relativ wenig zu tun, wodurch ich mich bis jetzt auch oft genug noch langweile. Das wird sich aber zum Glück zumindest nachmittags bald ändern, da ich dann in einem zweiten Projekt arbeiten werde. Und auch mein Wochenend-Programm wird mit meiner fortschreitenden Integration langsam aber sicher vielseitiger, während ich anfangs die Wochenenden fast ausschließlich in meinem Zimmer verbracht habe.

Was mein brasilianisches Leben sonst noch so ausmacht Wenn ich zurück an die Zeit kurz nach meiner Ankunft denke und diese Zeit mit jetzt vergleiche, muss ich sagen, dass sich doch schon einiges verändert hat. Meine Portugiesisch-Kenntnisse waren zwar dank meines Sprachkurses in Deutschland schon von Anfang an vorhanden, haben sich aber definitiv verbessert, so dass ich mich jetzt schon ziemlich gut verständigen kann und fast nie mehr das Gefühl habe, gar nichts zu verstehen. Auch in die Familie wurde ich direkt ganz selbstverständlich aufgenommen, inzwischen kenne ich aber auch schon einen Großteil der erweiterten Familie, vergesse immer seltener die Namen und weiß schon wer zu wem gehört. Ähnlich ist es auch in der Creche, wo ich mir fast sicher bin, diverse Verwandtschaftsverhältnisse inzwischen zu kennen. Dort haben sich auch meine Aufgaben im Laufe der Zeit verändert, da ich die Kinder besser kennen gelernt habe und sich meine Portugiesisch-Kenntnisse verbessert haben. Allerdings ist noch ein großer Unterschied zwischen den Creches spürbar, da ich die Kinder in Sao Cláudio nicht so gut kenne und nicht so gut verstehe, weil sie selbst teilweise nicht sehr gut portugiesisch sprechen und vor allem nicht verstehen, dass ich nicht aus Brasilien bin und deshalb mit mir reden wie mit allen anderen auch – während die Kinder in Santa Terezinha auf Nachfrage langsamer und deutlicher mit mir reden. Auch mein Alltag läuft ziemlich anders ab als in Deutschland, auch wenn mir das jetzt kaum noch auffällt: Ich gehe durchschnittlich dreimal am Tag duschen, um Staub und Schweiß los zu werden (obwohl hier an der Küste fast immer ein angenehmer Wind weht, merkt man doch, dass es immer über 30 Grad warm ist), esse ungefähr sechs Mal am Tag (dazu mehr im nächsten Rundbrief!) und kann inzwischen kaum mehr auf meinen Mittagsschlaf verzichten.

Religion Der sonntägliche Messbesuch gehört schon fest zu meiner Wochenroutine, was ich – auch wenn ich in Deutschland nicht gerade so regelmäßig in die Kirche gehe – echt schön finde. Die Messe unterscheidet sich zwar grundsätzlich nicht von der in Deutschland, aber es ist schön zu sehen, wie lebendig der Gottesdienst ist. Allein schon dadurch, dass die Messe sehr gut besucht ist, – zumindest sonntags und in der Kathedrale, an den anderen Tagen sieht das schon anders aus und in kleineren Kirchen vielleicht auch – sodass wir eigentlich immer zusammen mit ca. 100 weiteren Leuten draußen auf dem Kirchvorplatz sitzen. Nach dem Evangelium klatscht die Gemeinde, genauso wie zu vielen Liedern, zu anderen wird gewunken oder gesegnet (was dann mehr an ein Rap-Konzert erinnert) und so ist die Stimmung immer ausgelassen.

An der kombinierten Prozession für den Hl. Franziskus und der Caminhada pela Paz (dt. Friedensmarsch) haben laut Bistums-Zeitung ungefähr 70.000 Menschen teilgenommen.
An der kombinierten Prozession für den Hl. Franziskus und der Caminhada pela Paz (dt. Friedensmarsch) haben laut Bistums-Zeitung ungefähr 70.000 Menschen teilgenommen – zur Einordnung: Parnaíba hat ungefähr 150.000 Einwohner

Kurz nach meiner Ankunft fand ein 14-tägiges Fest zur Feier des Heiligen Franziskus statt. Im Rahmen dieses Festes fanden jeden Abend im Freien eine große Messe und am Festtag selbst eine riesige Prozession statt – wir sind nur einen Teil mitgegangen und waren trotzdem mit der anschließenden Messe insgesamt etwa fünf Stunden unterwegs.

Aber der Glaube hat seinen Platz nicht nur im Gottesdienst, sondern ist auch im täglichen Leben allgegenwärtig: Sei es in zahlreichen Redewendungen, in Kirchenliedern – die meine Gastmutter beim Putzen mitsingt und zu denen die Kinder in der Creche tanzen – oder auch in den zahlreichen alltäglichen Situationen (wenn etwas Besonderes in der Creche stattfindet, jedes Mal nach dem Tanzkurs, bei Ausflügen …), in denen das Vater Unser aufgesagt wird.

 

Das war es erst mal aus dem inzwischen schon weihnachtlich gestimmten Parnaíba – dazu dann mehr im nächsten Rundbrief! Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen und freue mich auf Rückmeldungen jeglicher Art

Bis dahin beijos und abraços an den Rest der Welt

Eure Tia Christina

(dt. „Tante Christina“, die ich hier nicht nur in der Creche bin, wo alle Betreuer mit Onkel/Tante angesprochen werden, sondern auch zu Hause, da meine Gastmutter den einen Hund zu ihrem Enkel und so zu meinem Neffen ernannt hat)