1. Rundbrief, Luise Fisch, Rumänien

Hallo meine Lieben,

ich bin jetzt schon seit über 2 Monaten hier in Rumänien und wollte euch berichten, was ich alles so erlebt habe und wie mein Alltag aussieht. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Die Reise und der Sprachkurs

Am 1. August machten Kathi, meine Mitfreiwillige, die in einer Stadt 150 km von meiner entfernt arbeitet, und ich uns mit dem Zug auf die Reise nach Csíkzereda, wo ich das nächste Jahr leben und arbeiten werde und wir im August einen Sprachkurs gemacht haben. Aber dazu später mehr.

Früh am Morgen stiegen wir in den Zug in Trier ein und sollten am Abend in Budapest ankommen, um am nächsten Morgen von dort aus weiterzufahren. Allerdings gab es einige Verspätungen und Zugausfälle, sodass wir eine Zeit lang nicht wussten, ob wir wirklich an dem Abend in Budapest ankommen würden. Schließlich hat aber doch alles funktioniert. Wir kamen zwar einige Stunden später an, aber wir waren unendlich froh im Hotel zu sein und unsere schweren Rucksäcke ablegen zu können. Während der Reise haben wir Sophia getroffen. Sie ist Freiwillige von einer anderen Organisation und zu dritt machten wir den Sprachkurs in Csikzereda, wo wir Sonntagsabends nach einer sehr langen Reise erschöpft ankamen. Am Bahnhof wurden wir von meiner Vorgängerin Johanna, der Freiwilligenkoordinatorin Reni und meiner Chefin Mesi empfangen.

Gemeinsam fuhren wir zu dem Hotel, in dem Sophia, Kathi und ich während unseres 4-wöchigen Sprachkurses untergebracht waren. Das Hotel liegt in einer kleinen Stadt Csíksomylo (dt. Schomlenberg) etwa 2 km vom Zentrum der Stadt Csíkzereda (dt. Szeklerburg) entfernt. So fuhren wir jeden Morgen mit dem Bus in die Stadt um dort für 3 Stunden Ungarisch zu lernen. Bestimmt fragen sich nun einige warum wir denn Ungarisch lernen, obwohl wir doch in Rumänien sind. Die Stadt Csíkzereda ist die Hauptstadt des Kreises Hargitha in Transsilvanien. 35.000 von 46.000 Menschen, die in dieser Stadt leben, bezeichnen sich als „Szekler“. Nach dem 2. Weltkrieg mussten große Teile Ungarns an Rumänien abgetreten werden. Dazu zählt auch das Gebiet rund um Csíkzereda, das sogenannte Szeklerland. Noch heute wird hier Ungarisch gesprochen und es gilt auch als zweite Amtssprache neben Rumänisch. Trotzdem sind alle offiziellen Sachen wie zum Beispiel wichtige Dokumente auf Rumänisch. Für die Menschen hier (selber bezeichnen sie sich als Szekler oder Ungarn) ist dies kein Problem, da sie beide Sprachen in der Schule lernen. Für mich ist das aber ziemlich verwirrend, da ich mich auf Ungarisch konzentriere, weil das die Sprache ist, die in meinem Alltag wichtiger ist. Auf der Arbeit sprechen wir ausschließlich Ungarisch, weil meine Mitarbeiterinnen und die Jugendlichen diese Sprache sprechen. Aber die Mitarbeiter der Post oder der Polizei sprechen nur Rumänisch und das ist manchmal echt nicht so einfach. Ich versuche mich im Moment am Ungarischen und es klappt schon besser als am Anfang, aber über Smalltalk geht es noch nicht wirklich hinaus.

Trotzdem war der Sprachkurs echt hilfreich und die 4 Wochen gingen wie im Flug vorbei und dann hieß es Abschied sagen. Sophia und Kathi fuhren weiter nach Târgu Mureş in ihre Projekte und ich blieb hier und konnte endlich in die Wohnung einziehen. Sie liegt mitten im Zentrum. Das ist super, weil ich zu Fuß wirklich alles erreichen kann. Am Anfang hab ich hier gemeinsam mit meiner Vorgängerin Johanna gewohnt und seit 2 Wochen habe ich nun eine Mitbewohnerin, mit der ich mich gut verstehe.

Mein Projekt

Von Montag bis Freitag arbeite ich in einem Tageszentrum „Szent Ágoston“ für geistig behinderte Jugendliche zwischen 13 und 40 Jahren. Es ist eine Einrichtung der Caritas, in die die Jugendlichen meist von ihren Eltern gebracht werden und am Nachmittag wieder abgeholt werden. Einige kommen auch alleine mit dem Bus oder zu Fuß. Insgesamt werden rund 20 Jugendliche von meinen vier Mitarbeiterinnen und jetzt auch von mir betreut. Sie sind in 2 Gruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe sind die Jugendlichen, welche sprachlich eingeschränkt sind und die nicht lesen oder schreiben können. Dort wird viel mit Symbolen und Bildern gearbeitet. Es gleicht wohl einer Art Vorschule, weil alles sehr spielerisch angegangen wird. Die Jugendlichen in der zweiten Gruppe können lesen und schreiben und sind teilweise auch handwerklich sehr begabt, sodass manche gestrickte Schmuckstücke dabei herauskommen. Ich wechsle jede Woche die Gruppe, damit ich zu allen Jugendlichen einen guten Bezug herstellen kann.

Der Tagesablauf im „Szent Ágoston“ hat eine bestimme Struktur. Dies ist besonders für die Autisten wichtig, die die Mehrheit der Jugendlichen ausmachen. Wir betreuen außerdem vier junge Menschen mit Down-Syndrom. Nachdem alle im Zentrum angekommen sind und sich umgezogen haben, beginnt der Tag mit einem Morgenkreis. Jeder sagt, wie es ihm geht und gemeinsam sprechen wir über den Tag und das Wetter. Danach wird geturnt und gemeinsam gefrühstückt. Nachdem alle gegessen haben wird das Zentrum auf „Vordermann“ gebracht. Jeder hat eine Aufgabe, wie zum Beispiel Putzen oder Staubsaugen. Da das oft anstrengend ist, wird danach geruht bis das Nachmittagsprogramm anfängt, was jeden Tag ein bisschen anders ist. Montags und dienstags machen wir Gruppenarbeit und Dió, ein Therapiehund kommt uns mit seiner Besitzerin Marianne besuchen. Mittwochs gehen meine Kollegin Emöke und ich mit ein paar Jugendlichen zur Wassergymnastik ins Schwimmbad. Im Winter machen wir das allerdings nicht, da die Erkältungsgefahr zu hoch ist. Donnerstags wird gekocht, was allen großen Spaß macht und freitags findet eine Musiktherapie statt, zu der eine Musiklehrerin zu uns ins Zentrum kommt. So ist jeder Tag trotz der festen Struktur individuell und abwechslungsreich.

Zu der Abwechslung trägt außerdem bei, dass wir mit den Jugendlichen viele Ausflüge machen. Oft gehen wir in die Stadt, um ein paar Besorgungen zu machen. Zum Beispiel kaufen wir dann auf dem Markt Obst oder Gemüse, was wir donnerstags zum Kochen verwenden.

Vor etwa einem Monat haben wir auch einen Ausflug mit dem Bus in eine Stadt gemacht, die etwa eine Stunde entfernt liegt, gefahren. Dort haben wir uns mit den Betreuern und Kindern von einem anderen Projekt der Caritas in einem Restaurant getroffen, um gemeinsam Mittag zu essen. Denn vor einem Jahr gab es eine große Veranstaltung, zu der eine Menge Kinder und Jugendliche gekommen sind, um Teller zu bemalen. Diese Teller wurden danach gebrannt und in Österreich wurden darauf Speisen serviert. Der Erlös dieser Aktion kam der Caritas zugute. An dem Tag als wir in dem Restaurant zum Essen eingeladen wurden, bekamen die Kinder ihre Teller das erste Mal fertig gebrannt zu Gesicht und konnten sie auch mit Nachhause nehmen. Alle haben sich sehr gefreut, schließlich haben sie ein Jahr lang darauf gewartet.

Das Caritas „Teambuilding“

Doch bevor ich meine Arbeit überhaupt begonnen habe bin ich mit meinen Kolleginnen und allen anderen Caritas Mitarbeitern aus Csíkzereda nach Stremţ gefahren. Dort trafen sich alle, die für die Caritas hier in der Region Alba Iulia arbeiten. Wir waren ziemlich viele Leute und Kathi hab ich dort auch das erste Mal wiedergesehen. Laura, eine andere Freiwillige von SoFiA, die in Petroşani arbeitet, war auch da. Es hat mich sehr gefreut die beiden wiederzusehen und uns ein bisschen auszutauschen. Wir blieben drei Tage lang dort und arbeiteten tagsüber in dem örtlichen Kinderheim. Dazu wurden wir in verschiedene Gruppen mit verschiedenen Aufgaben eingeteilt. Einige arbeiteten im Garten und ernteten und pflanzten dort Obst und Gemüse, andere verarbeiteten das Geerntete dann zu Marmelade oder Suppe. Am ersten Tag war ich einer Gruppe zugeteilt, die Spiele für die Kinder bastelte, wie zum Beispiel Memories, Spiele zum Rechnen üben und andere Kartenspiele. Am nächsten Tag durfte ich helfen die Wände in dem Kinderheim zu gestalten. Dazu wurde mit einem Beamer ein Bild an die Wand geworfen, das zuerst mit Bleistift abgepaust wurde und dann mit Farbe ausgemalt wurde. Im Essenssaal schmückt nun Obst und Gemüse die Wände und in den Schlafzimmern viele verschieden Disneyfiguren, wie „Micky Mouse“ oder „Ariele“. Das hat wirklich großen Spaß gemacht und die Kinder waren sehr glücklich. Wir haben uns dort aber nicht nur getroffen, um es den Kindern schöner zu machen, sondern es ging auch darum die Gemeinschaft der Caritas zu stärken und sich gegenseitig besser kennenzulernen. So machten wir am dritten Tag eine Wanderung, die durch eine Schlucht ging und wir praktisch auf gegenseitige Hilfe angewiesen waren, um die Felsen rauf und runter zu klettern. Das war wirklich eine tolle Wanderung. Nach einem gemeinsamen Picknick haben sich dann alle verabschiedet und wir sind wieder Nachhause gefahren.

Egymillió Csillág

„Egymillió Csillág“ (dt. Eine Millionen Sterne) ist eine europaweite Aktion der Caritas, bei der gegen Spenden Kerzen erworben werden können, die dann in Form des Caritas Logos auf dem großen Platz in der Stadt aufgestellt werden. Die brennenden Lichter sind ein Zeichen von Hoffnung und Solidarität für Menschen in Not. Ihnen kommt auch der Erlös der Aktion zugute.

Der Abend war wirklich sehr schön. Leider war es nur sehr windig, sodass wir die meiste Zeit damit beschäftigt waren, die Kerzen, die der Wind ausgeblasen hat, wieder anzuzünden. Irgendwann haben auch die vielen Kinder Gefallen daran gefunden uns zu helfen und haben uns die erloschenen Kerzen gebracht. So konnten wir mit vereinten Kräften die „eine Millionen Sterne“ zum Leuchten bringen und bei Musik und Tee den Anblick genießen. Am Ende ist noch ein Feuer-Jongleur aufgetreten, der uns alle in seinen Bann gezogen hat. Gemeinsam mit ein paar Kollegen haben wir den Abend gemütlich ausklingen lassen und uns über den großen Erfolg der Aktion gefreut.

Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen und ich konnte euch einen Eindruck von dem vermitteln, was ich hier mache und wie es mir geht. Ich freue mich gerne über Mitteilungen und Anregungen und stehe auch sonst gerne für Fragen zur Verfügung.

Ganz liebe Grüße aus dem herbstlichen Csíkzereda

Eure Luise