Uganda: 1. Rundbrief von Lea Graeff

„Hey Muzungu. Biai bo ijo?“

Dieser Ausruf folgt mir in Ococia, wo ich nun seit drei Monaten lebe, fast überall hin. Ococia liegt im Amuria-Distrikt im Nordosten von Uganda, etwas abgelegen im Busch.
‚Muzungu‘ ist in Uganda der Begriff für Leute mit heller Hautfarbe. Die Frage bedeutet auf Ateso ‚wie geht es dir‘. Ateso ist in Ococia fast die Hauptsprache, hier im Busch sprechen gerade von den älteren Leuten viele nur ein einfaches Englisch, weshalb ich natürlich manchmal Sprachprobleme habe.
Die Franziskanerschwestern, mit denen ich zusammen wohne, können aber alle fünf sehr gut Englisch. Im Konvent wohnen auch acht Jugendliche, die hier in Ococia zur Schule gehen und im Konvent mitarbeiten; sie kochen zum Beispiel.
Ococia ist eigentlich kein richtiges Dorf, sondern besteht vor allem aus zwei Schulen (Primary und Secondary), dem St. Clare Health Center und den Unterbringungen für die Lehrer bzw. des Pflegepersonal. Die Schulen sind Internate und eigentlich nur für Mädchen, aber da es bis vor ein paar Jahren in dieser Gegend noch viele Rebellen gab, sind die Schülerzahlen so stark zurückgegangen, dass die Schulen auch für Jungen zugänglich gemacht wurden. Aber jetzt werden keine weiteren Jungen mehr an den Schulen aufgenommen, da es teilweise zu nicht ganz regelkonformen Interaktionen zwischen den Schülern kommt.
Ich arbeite momentan hauptsächlich im Health Center. Ein Health Center ist übrigens kein Krankenhaus, sondern eher ein medizinischer Stützpunkt ohne Arzt. Hier werden kleine Dinge wie Malaria oder Brand- und Schnittwunden behandelt, da das nächste Krankenhaus mit dem Auto eine bis eineinhalb Stunden entfernt in Soroti ist.
Truus, eine ehemalige Krankenschwester aus den Niederlanden, lebt hier seit zwei Jahren und hat ein Projekt für behinderte Kinder aufgebaut. Ihr langfristiges Ziel ist die Fertigstellung einer speziellen Schule für diese Kinder, wo sie einfache Grundlagen erlernen und ihre Eltern darin unterrichtet werden, wie sie ihre Kinder besser fördern können. Daneben hat Truus eine wöchentliche Sprechstunde für Patienten mit Diabetes und Epilepsie eingerichtet und in sechs Dörfern Selbsthilfegruppen gegründet. Die Gruppenmitglieder treffen sich regelmäßig und versuchen dann für Probleme, die mehrere betreffen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Weiterhin hat sie mit dem CoRSU Krankenhaus in Kisubi (nahe der Hauptstadt Kampala) einen Vertrag abgeschlossen, dort Kinder mit Klumpfüßen oder anderen orthopädischen Problemen operieren zu lassen.
In diesem Projekt habe ich etwa einen Monat mitgeholfen, doch dann hatte Truus einen Unfall und musste operiert werden. Da hier für die Pflege in Krankenhäusern (und auch Health Centern) immer Angehörige oder vertraute Personen zuständig sind, war ich mit Truus eine Woche im CoRSU Krankenhaus, um sie zu pflegen. Da bei der OP etwas falschgemacht wurde, ist Truus nun zurück in Holland für eine Reha, aber sie hat fest vor zurückzukommen.
Ich halte mich in der Zwischenzeit im Kindergarten und im Health Center auf, jeden Tag in einer anderen Abteilung. Zweimal die Woche helfe ich mit bei der Medikamentenausgabe an Aidspatienten, dienstags schaue ich beim Verbandswechsel zu, einmal wöchentlich schaue ich in der Geburtshilfe vorbei und natürlich führe ich mit Richard, einem Krankenpfleger, die Epilepsie-Diabetes-Sprechstunde weiter.
Da ich in Ococia nur schlechten Internetempfang habe, bin ich etwa alle zwei Wochen in Soroti, um Nachrichten zu lesen und zu verschicken und auch zum Einkaufen. Bei uns gibt es einmal wöchentlich einen kleinen Markt, aber da bekommt man nicht immer alles. In Soroti dagegen schon und ich mag es, dort über den Markt zu schlendern. Die Leute freuen sich total, wenn man sie mit ein paar Worten Ateso begrüßt und sind immer ganz interessiert zu erfahren, woher ich komme und was ich hier in Uganda mache. Auch in dem einen Supermarkt kennen sie mich jetzt schon ganz gut und manchmal bekomme ich sogar etwas Kleines geschenkt.
Generell sind die Leute hier immer sehr freundlich und hilfsbereit, aber trotzdem ist es gut, dass Alfred neben an wohnt. Alfred Pfeifer ist vor elf Jahren über Cap Anamur nach Uganda gekommen und er war es auch, der den Kontakt zu SoFiA geknüpft hat. Ococia ist wie gesagt sehr isoliert, das heißt, fließendes Wasser gibt es nur, wenn der Wassertank voll ist ,und Strom bekommen wir durch eine Solaranlage. Das Trinkwasser kommt aus dem Brunnen und in der Trockenzeit auch das Waschwasser. Eine ziemliche Umstellung also und auch manche Kleinigkeiten in der Kultur sind nicht immer verständlich für mich, daher ist es gut, Alfred zu haben, da er das nachvollziehen kann und mich versteht. Aber auch bei den Schwestern finde ich, wenn ich ein Problem habe, immer einen Ansprechpartner.
Was für mich am Anfang schwer war, ist das teilweise sehr extreme angestarrt werden. In Ococia gibt es nicht viele Weiße, daher ist es für die Patienten etwas Besonderes, wenn sie mich sehen und auch das Pflegepersonal ist immer extra höflich zu mir. Ich habe hier eine ziemliche Sonderstellung und muss aufpassen, was ich machen darf und was nicht. Beispielsweise wurde ich nach der dritten Geburt, die ich beobachtet habe, aufgefordert, die Plazenta zu entfernen. Dass ich nur eine Freiwillige ohne medizinische Kenntnisse bin, ist für viele hier sehr unverständlich. Auch wenn ich es erkläre, habe ich trotzdem angeboten bekommen, eine Geburt alleine durchzuführen.
Ich muss mich aber auch bei kleineren Sachen ständig selbst fragen, ob ich das nach deutschem Recht überhaupt darf und auch aufpassen, dass ich mir nicht zu viel herausnehme.
Ich habe hier schon viele Freiheiten, auch was das Leben im Konvent betrifft. Ich gehe sonntags immer in die Frühmesse, aber die sonstigen morgigen Messen unter der Woche besuche ich nie und auch beim Abendgebet der Schwestern muss ich nicht anwesend sein. Auch bekomme ich oft etwas extra gekocht, obwohl ich die meisten lokalen Gerichte esse. Darüber hinaus habe ich mit Abstand das größte Zimmer, das dazu noch eine der wenigen Steckdosen hat, die an den Solargenerator angeschlossen sind. Die anderen Steckdosen sind nämlich nur an den Dieselgenerator angeschlossen, der während der Schulzeit ab und zu läuft. Aber um an meinem Laptop zu arbeiten oder mein Handy aufzuladen, ist es so schon wesentlich praktischer.
Ein großer Baum steht etwa 200m von unserem Konvent entfernt und ich komme immer daran vorbei, wenn ich nach Soroti will oder von dort komme. Besonders wenn ich zurückkomme, freue ich mich, den Baum zu sehen, dann weiß ich nämlich, dass die Fahrt zu Ende ist und ich gleich daheim bin. Die Fahrt dauert zwischen einer und eineinhalb Stunde, je nachdem wie die Straße aussieht. Die ersten 25km von Soroti nach Ococia sind noch geteert, aber danach geht es dann über rötliche Sandpisten, die mitunter sehr holprig sind und jetzt in der Regenzeit teilweise nur sehr schlecht befahrbar sind. Da braucht man schon ein ordentliches Auto mit genug Bodenfreiheit und man sollte besser keinen empfindlichen Magen haben, da man ziemlich durchgeschüttelt wird, auch wenn die meisten da selten schneller als 50 km/h fahren. Aber irgendwie mag ich das, aber trotzdem freue ich mich dann doch, wenn ich den Baum sehe, weil eine Stunde durchgeschüttelt zu werden dann auch wieder reicht.

Liebe Grüße, Lea