Bolivien: 1. Rundbrief von Hannah Schröder

Tabacal, 19.09.2015

Hallo Ihr Lieben,

Ich bin jetzt gut 1 ½ Monate in Bolivien und eine Woche in meinem Projekt, und habe schon viel erlebt. Aber ich fang mal vorne an:

Am 3.August bin ich mit den anderen Freiwilligen von SoFiA in La Paz, genauer gesagt in El Alto, gelandet. El Alto war früher einmal das Armenviertel von La Paz, ist aber mittlerweile eine eigene Stadt mit fast 1 Millionen Einwohnern, und liegt auf einer ca. 4000 Meter hohen Hochebene.

Der Landeanflug war wirklich gigantisch, genau wie der erste Blick auf die Stadt La Paz, die in einem Kessel liegt und von zum Teil schneebedeckten Bergen umgeben ist. Am Flughafen wurden wir von Mitarbeitern der Hermandad, eine Organisation, die sich innerhalb von Bolivien nochmal um uns Freiwillige kümmert, und einigen Vorgänger-Freiwilligen begrüßt.    

Die ersten drei Tage habe ich dann mit den anderen Freiwilligen vom Bistum Trier, vom Bistum Hildesheim und den Vorgänger-Freiwilligen, die schon ein Jahr in Bolivien sind, in La Paz verbracht. So konnten wir die sehr lebendige, etwas rummelige und super schöne Stadt kennenlernen. Mit der Höhe hatte ich zum Glück keine Probleme. Wir sind zum Beispiel mit der Seilbahn gefahren, die einmal über die ganze Stadt und bis hoch nach El Alto geht. Außerdem haben wir noch viele Tipps von den Vorgänger-Freiwilligen bekommen.

Seilbahnfahren in La Paz
Seilbahnfahren in La Paz

Als nächstes ging es für mich und zwei andere Freiwillige, Anne und Franz-Peter, nach Sucre, wo wir unserern Sprachkurs haben sollten. Die nächtliche 12h-Fahrt im Bus war bequem: mit Liegeplätzen. Zuerst habe ich meine Gastfamilie kennengelernt, bei der ich während des Sprachkurses gewohnt habe. Sie besteht aus den Eltern, der 18-jährigen Vero, dem 8-jährigen Rodrigo und zwei Hunden. Außerdem wohnt noch ihre 19-jährige Patentochter Leticia, die in Sucre studiert, bei ihnen. Ich wurde direkt super herzlich in die Familie aufgenommen. Meine Gastfamilie ist wirklich unglaublich gastfreundlich und ich habe mich schnell als Teil der Familie gefühlt. Und auch jetzt, wo ich nicht mehr bei ihnen wohne, haben wir einen engen Kontakt. Ich wurde schon mehrmals zum Essen eingeladen, fühle mich bei ihnen wirklich willkommen und werde wahrscheinlich noch viele Sonntage dort verbringen. Am ersten Wochenende habe ich dann auch die gesamte Großfamilie, bei der wir sonntags auch immer essen, kennengelernt. Sie haben mich genauso herzlich aufgenommen. Eine der Cousinen wurde nämlich getauft, was bis tief in die Nacht gefeiert wurde. Außerdem haben wir uns noch eine Militärparade zum Nationalfeiertag angeguckt, von der die meisten Bolivianer sehr beeindruckt waren.

Meine Gastfamilie bei der Taufe einer Cousine.
Meine Gastfamilie bei der Taufe einer Cousine.

Am Montag ging dann mein Sprachkurs los. Ich hatte jeden morgen vier Stunden zusammen mit Anne Unterricht: 2 Stunden Kommunikation und 2 Stunden Grammatik. Unsere Sprachlehrer waren super nett und sehr engagiert, sodass wir in und neben dem Unterricht auch noch viel über Bolivien gelernt haben. Wir haben Gemüse- und Obstsorten auf dem Markt gelernt, waren im Museum, essen im Café, sind auf einen Berg gewandert, haben Walley (Volleyball in einem Raum, wobei man die Wände mitbenutzen darf) gespielt und bei gemütlichen Teepausen gequatscht.

Mittags habe ich dann immer mit meiner Gastfamilie zusammen, super lecker gegessen. Ich habe auch viel mit meiner Gastschwester gemacht. Zum Beispiel waren wir fast jeden Abend in einem Zumbakurs und sie hat mich zu ihren Freunden mitgenommen. Nachmittags hatte ich aber auch viel Zeit um mit Anne, Franz-Peter und Greta, die in der Schulzeit ein Jahr in Bolivien war und jetzt hier Freunde besucht, Sucre kennenzulernen. Sucre ist eine eher ruhige, wunderschöne, alte Kolonialstadt, umgeben von Bergen, aber relativ grün, mit Bäumen und Palmen. Besonders fasziniert haben mich außerdem die großen, sehr rummeligen Märkte, wo man wirklich alles bekommt, und das einkaufen echt ein Erlebnis ist. Viele Frauen hier in Bolivien sind tradionel gekleidet, das heißt mit zwei Zöpfen, Hut, Rock und Bluse. Babys und Einkäufe werden in bunten Tüchern auf dem Rücken transportiert. Außerdem gefallen mir die (Menschen verkleidet als) Zebras, die den Leuten über die Straße helfen und vor allem gute Stimmung verbreiten.

Mit Anne über den Dächern von Sucre.
Mit Anne über den Dächern von Sucre.
Mercado Campesino
Mercado Campesino
Mit Franz-Peter und einem Zebra.
Mit Franz-Peter und einem Zebra.

In meinem Jahr hier in Bolivien werde ich bei der Fundacion Amistad y Solidaridad Chuquisaca-Tréveris arbeiten. Das ist eine Partnerorganisation vom BDKJ-Trier. Der BDKJ wiederum ist ein Verband verschiedener Jugendorganisationen, zum Beispiel der DPSG (mein Pfadfinderverband). Es gibt verschiedene Aktionen die innerhalb dieser Partnerschaft laufen, zum Beispiel die Bolivienkleidersammlung. Schon während der Zeit des Sprachkurses habe ich beim gemütlichen Teetrinken einige Mitarbeiter von der Fundacion kennengelernt und wurde sehr nett begrüßt. Nach dem Monat Sprachkurs habe ich dann einige Projekte der Fundacion kennengelernt.

Ich habe bei der 24h-Solidaritätsaktion, die die Fundacion organisiert hat, mitgemacht. Dabei habe ich mit Studenten im Randbezirk von Sucre Bäume gepflanzt, Müll gesammelt und mit den Kindern in der Schule über Menschenrechte, Umwelt und Hygiene gesprochen und Spiele gespielt. Die Menschen dort leben wirklich sehr ärmlich und ich wurde zum ersten Mal richtig mit Armut konfrontiert. Meine Gastfamilie und die Leute, die ich sonst in Sucre kennengelernt habe, leben nämlich ähnlich wie wir. Auf den Straßen habe ich allerdings schon viele Kinder, die Auto waschen und Schuhe putzen, und alte Menschen oder Menschen mit Behinderung, die betteln, gesehen.

Vorallem unterstützt die Fundacion Menschen in der ländlichen Umgebung um Sucre (Departement Chuquisaca). Es gibt Internate für Kinder und Jugendliche, die so abseits wohnen, dass sie sonst nicht die Möglichkeit hätten zur Schule zu gehen. Zum Teil können die Älteren auch gleichzeitig noch andere Dinge, wie zum Beispiel Nähen oder etwas über Landwirtschaft, lernen. Alle Internate bauen auch selbst Sachen an, die sie dann verwenden oder verkaufen können. Außerdem gibt es noch Zentren für Menschen mit Behinderung. Auf der Projektreise habe ich mehrere Internate und Zentren für Menschen mit Behinderung kennengelernt. Alle erschienen mir sehr sinnvoll und mit Liebe geführt. Natürlich habe ich bei der Reise auch die beeindruckende Landschaft von Chuquisaca kennengelernt. Es ist sehr bergig und mal sehr kahl, mal auch ziemlich grün. Auch die Orte haben mir alle ganz gut gefallen. Die etwas größeren haben alle eine schöne, bepflanzte Plaza und einen kleinen Markt.

Nach der Projektreise habe ich noch ein Wochenende in Sucre verbracht. Es gab eine große Fiesta: Zu Ehren der Jungfrau von Guadelupe, der Schutzpatronin von Sucre, gab es eine riesige Entrada. Super viele Tanzgruppen haben schon den ganzen Monat vorher im Park und in der ganzen Stadt geübt. An diesem Freitag und Samstag sind die Gruppen dann viele Stunden mit wunderschönen Kostümen durch die Straßen getanzt, bis tief in die Nacht. In Bolivien gibt es viele verschiedene Tänze die typisch für die unterschiedlichen Regionen sind. Viele wurden getanzt. Ich fand es wirklich toll die Entrada anzugucken. Die Leute haben echt mit unglaublich viel Begeisterung und Durchhaltevermögen getanzt.

Tänzer bei der Entrada.
Tänzer bei der Entrada.

Am Montag ging es dann für mich in mein Projekt. Darüber werde ich euch aber im nächsten Rundbrief genauer berichten (dieser ist wirklich schon lang genug). Nur schonmal soviel: Ich lebe im ziemlich abgelegenen Örtchen Tabacal und helfe in einem Internat für Kinder von 5-15 Jahre mit. Und bis jetzt macht es mir viel Spaß.

Ganz ganz liebe Grüße aus Bolivien,

Eure Hannah