Bolivien: 2. Rundbrief von Hannah Schröder

Tabacal, 24.10.2015

Hallo Ihr Lieben,

In meinem zweiten Rundbrief möchte ich euch hauptsächlich mein Projekt vorstellen und euch einen Einblick in meinen neuen Alltag geben.

Also ich wohne jetzt in Tabacal. Versucht nicht dieses kleine, aber wunderschöne Örtchen zu googeln. Google kennt Tabacal nicht. Von Sucre aus fahre ich erstmal ca. vier Stunden mit dem Bus nach Padilla, ein etwas großeres Dorf, wo ziemlich viel los ist. Von hier aus geht es auf einem LKW, der alle zwei Tage fährt, und mit Menschen, Tieren und vielen Säcken beladen ist weiter. Diese zwei Stunden lange Schotterstrecke finde ich jedes Mal aufs Neue sehr beeindruckend. Die Landschaft ist einfach toll. Es ist sehr bergig und, weil Tabacal um einiges tiefer liegt als Sucre und Padilla, sehr grün und fast ein bisschen tropisch.

Mit Greta, die mich für 2 Tage besuchen kam auf dem LKW nach Tabacal.
Mit Greta, die mich für 2 Tage besuchen kam auf dem LKW nach Tabacal.

 

Tabacal selbst besteht auf den ersten Blick nur aus der Schule, dem Internat und einer Krankenstation. Wenn man genauer hinguckt, sieht man dann drumherum noch ca. 10 kleine Bauernhöfe. Obwohl es so klein ist, ist Tabacal aber trotzdem das Zentrum der Region von ca. 3 Stunden Fußweg. Es gibt drei kleine Läden, in die Schule gehen 74 Kinder (32 davon aus dem Internat). Viele Leute kommen von ihren noch viel abgelegeneren Höfen nach Tabacal um einzukaufen und zu schwätzen. Sonntags kommen bestimmt 30 Männer auf dem Sportplatz zusammen um Fußball zu spielen. Es gibt keine Stromleitung. Nur die Schule und das Internat haben Solarstrom und die Krankenstation einen Generator. Die Leute bewegen sich hier zum größten Teil zu Fuß oder auf Pferden fort. Einige Männer haben ein Motorrad. Es gibt nur zwei Autos in der ganzen Region, das von den Lehrern und den Krankenwagen.

Bauernhöfe von Tabacal
Bauernhöfe von Tabacal

Ich lebe in einem Internat, mit 32 Kindern, die in sehr abgelegenen Höfen wohnen, wo es keine Schule gibt oder die Schule nur bis zur 6. Klasse geht (in Tabacal bis zur 8. Klasse). Im Internat können sie wohnen und in Tabacal zur Schule gehen.     Geleitet wird das Internat von Luz Sonja, eine fleißige, organisierte Frau. Außerdem wohnen noch ihr Mann, der Lehrer an der Schule ist, und ihre zwei kleinen Söhne hier. Dann gibt es noch eine Köchin, Franziska, mit der ich mich sehr gerne unterhalte, und die wirklich lecker kocht. Die Eltern müssen einen kleinen Geldbetrag pro Monat bezahlen (ca. 3 €) und Feuerholz, Kartoffeln und Mais dazugeben. Und sie müssen manchmal beim Brotbacken und auf dem Maisfeld vom Internat helfen. Das Internat hat außerdem einen großen Gemüsegarten, dessen Produkte verwendet und verkauft werden.

Der Gemüsegarten und im Hintergrund das Internat.
Der Gemüsegarten und im Hintergrund das Internat.
In der Küche beim Kartoffelnschälen.
In der Küche beim Kartoffelnschälen.

Der Tagesablauf im Internat ist fest geregelt: Zwischen 6- 6:30 Uhr stehen wir auf und alle Kinder müssen einen Dienst erledigen (z.B. Kloputzen oder Hofkehren). Ich finde mich meistens beim Kartoffelschälen ein. Dann müssen manche Kinder noch für Examen, oder generell für die Schule lernen. Ich übe z.B. mit den Erstklässlern lesen, mit den Drittklässlern das Kleine-1×1 oder helfe Sachen für den Kunstunterricht fertig zu machen (z.B. eine Tischdecke bemalen). Jeden Donnerstag halten wir eine kleine Andacht. Dann gibt es Frühstück (leckeres Brot aus dem Lehmofen und ein warmes Getränk) und um 8:30 Uhr gehen die Kinder in die Schule, die nicht direkt im Internat integriert ist. Bis 12:30 Uhr sind die Kinder dann in der Schule. Aber bis jetzt wurde mir in der Zeit auch nicht langweilig. Ich helfe beim kochen, montags beim Brot backen, im Garten, habe schon ein paar Mal in der Schule die Erstklässler unterrichtet und mache Sachen für mich, wie z.B. spazieren gehen und mit verschiedenen Leuten, die ich so treffe, ein Schwätzchen halten, Wäsche waschen (das mache ich hier genau wie duschen im Fluss), Spanisch lernen, Rundbriefe schreiben, stricken oder einfach etwas entspannen. In der Mittagspause von der Schule spiele ich dann mit den Kindern auf dem Sportplatz oder bei ganz warmem Wetter gehen wir im Fluss schwimmen. Von 14:00 Uhr bis 15:30 Uhr sind die Kinder nochmal in der Schule. Danach baden wir im Bach. Bis jetzt war das Wetter immer so warm, dass das möglich war. Mir gefällt das Klima hier sehr gut. Nur die vielen Mücken nerven. Nach dem Tee helfe ich den Kindern bei den Hausaufgaben, vorallem den Kleinen und in Mathe, Spanisch ist dann doch noch etwas schwierig. Montags und dienstags kümmern wir uns noch um den Garten, donnerstags wird geputzt. Dann bleibt bis zum Abendessen noch eine gute Stunde zum Spielen. Ich habe jetzt schon ein paar Spiele mit den Kindern gemacht, die fast alle gut angekommen sind. Mittwochs ist der Lieblingstag der Kinder, weil wir auf den Sportplatz gehen und Fußball oder Basketball spielen. Sie freuen sich sehr, wenn ich mitspiele. Nach dem warmen Abendessen üben die Kinder nochmal für die Schule oder machen ihre Hausaufgaben fertig. Donnerstag gucken wir stattdessen einen Film. Gegen 9 Uhr falle ich dann totmüde ins Bett.

Obwohl ich ja in meinem Auslandsjahr eine andere Kultur und Lebensweise kennenlernen wollte, hatte ich, als ich zum ersten Mal nach Tabacal kam, Angst, dass ich mich hier nie richtig einleben würde. So anders, einfach, einsam und ärmlich, hatte ich mir das dann doch nicht vorgestellt. Die Unterschiede zwischen Land und Stadt sind hier riesig und das Leben ist völlig anders als in Deutschland oder in Sucre.

Dann habe ich mich aber doch schon nach wenigen Tagen sehr wohlgefühlt und mittlerweile liebe ich Tabacal und freue mich jedes mal wiederzukommen. Das liegt vorallem an den tollen Kindern, der Internatsleiterin Sonja, die sich sehr lieb um mich kümmert und den netten Menschen im Ort. Mittlerweile weiß ich es auch zu schätzen, dass hier alles etwas langsamer und ruhiger zugeht und Zeit nicht so eine große Rolle spielt. Auch die Einfachheit hier stört mich nicht; bis jetzt habe ich weder die warme Dusche, noch den unbegrenzten Strom, noch den Elektro- oder Gasherd vermisst. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich, wenn ich am Wochenende in Sucre bin, Internetanschluss hab und auf den großen Märkten alles mögliche besorgen kann, was bei den anderen Bewohnern von Tabacal nicht der Fall ist. Es ist auch nicht so einsam hier, wie ich am Anfang befürchtet habe, da wie gesagt viele Leute nach Tabacal kommen und die Menschen sich hier alle kennen und eine enge Gemeinschaft sind.

Die Kinder sind einfach super. Ich habe sie schon sehr ins Herz geschlossen. Am Anfang waren sie sehr schüchtern und auch jetzt sind einige noch etwas verschlossen. Aber sie sind auch neugierig, werden langsam anhänglicher und freuen sich wenn ich mich mit ihnen beschäftige.

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Mit einigen Jungs aus dem Internat.
Mit den Mädels und der Köchin.
Mit den Mädels und der Köchin.

 

Als erstes habe ich die Lehrer und Ärzte kennengelernt. Sie sind alle noch ziemlich jung und sehr nett. Und auch die anderen Leute im Dorf sind sehr freundlich. Die Jüngeren sind häufig etwas schüchtern und verschlossen aber vorallem sie Älteren unterhalten sich super gern mit mir.

Im Internat habe ich erstmal viel einfach mit den Kindern mitgemacht. Es hat etwas gedauert bis ich alles so einigermaßen durchschaut habe und auch bis ich mich daran gewöhnt habe, dass die Kinder sehr schnell und undeutlich sprechen. Ich verstehe leider immer noch nicht alles und leider verstehen sie mich auch nicht immer. Langsam traue ich mich aber auch selbst Sachen anzupacken, z.B. Spiele anzuleiten. Vor 4 Tagen hab ich außerdem einen kleinen Vortrag übers Zähneputzen gehalten und jedes Kind hat eine Zahnbürste bekommen, die ich von einer Deutschen geschenkt bekommen habe, die Zahnputzaktionen an Schulen macht. Und bis jetzt putzen sich fast alle Kinder mit Begeisterung morgens und abends die Zähne. Mal gucken wie lang das anhält. Davor habe ich nämlich nie ein Kind beim Zähneputzen gesehen und so sehen bei einigen auch die Zähne aus.

Am Wochenende gehen die meisten Kinder zu ihren Familien, die zwischen einer und 12 Stunden Fußweg entfernt wohnen. Drei Jungs, die 12 Stunden laufen müssen, bleiben allerdings meistens im Internat. An einem längeren Wochenende sind sie dann aber doch gegangen. Den ganzen Sonntagabend habe ich mich gefragt, wo sie denn bleiben. Aber sie kamen nicht. Ich habe mir nicht weiter was dabei gedacht, wie gesagt ich durchschaue nicht immer alles. Am nächsten Morgen standen sie dann um 7 Uhr im Internat und haben mir erklärt, dass sie am Abend vorher losgegangen und die ganze Nacht durchgewandert sind. Trotzdem waren sie dann noch in der Schule, haben Fußball gespielt und abends ihre Hausaufgaben gemacht. Das und generell was die Kinder hier so selbstverständlich leisten, beeindruckt mich sehr.

Die Wochenenden hier sind sehr ruhig. Ich beschäftige mich mit den dagebliebenen Kindern, helfe bei Arbeiten, die im Internat so anfallen und mache Sachen für mich. Ich habe allerdings auch die Möglichkeit am Wochenende nach Padilla oder Sucre zu fahren. In Padilla kann ich in einem Mädcheninternat unterkommen, indem auch ein anderer Freiwilliger, Franz-Peter, wohnt und in Sucre habe ich ein Zimmer von der Fundacion zur Verfügung. Es ist schon auch schön manchmal in die Stadt zu kommen, wo ich meine Gastfamilie besuchen, Dinge besorgen und einfach mehr unternehmen kann. Bis jetzt hab ich ziemlich abgewechselt , bin ca. jedes zweite Wochenende nach Sucre oder Padilla gefahren und sonst in Tabacal geblieben.

Diesen Monat kam dann noch eine Delegation aus Deutschland, u.A. die Vorsitzenden vom BDKJ. Sie sind zusammen mit dem Bischof von Sucre die eigentlichen Chefs der Fundacion. Außerdem wird die Arbeit der Fundacion zum größten Teil vom BDKJ finanziert. Sie hatten hier Besprechungen und haben eine Projektreise gemacht, an der Franz-Peter und ich auch teilweise teilgenommen haben. Zuerst waren wir in Sopachuy, wo wir bei den Vorbereitungen geholfen haben. Die Leute haben sich sehr viel Mühe gegeben und haben viel Liebe zum Detail gezeigt. Der Delegation wurde dann alles vorgestellt und es gab einige Reden. Nach Azurduy kamen wir dann eher als Teil der Delegation. Es gab wieder viele Reden, wir haben Ehrungen bekommen, sind mit Kindern durch die Straßen getanzt und es gab ein großes Fest auf der Straße. Es war natürlich beeindruckend zu sehen wie dankbar die Menschen sind und das es den Einzelnen, z.B. Eltern oder ehemaligen Schülern, auch echt ein Bedürfnis war diese Dankbarkeit auszudrücken. Außerdem hat sich mir wieder die unglaubliche Gastfreundschaft der Bolivianer gezeigt, für die es selbstverständlich ist Gäste groß willkommen zu heißen. Ich habe mich allerdings in Sopachuy beim Vorbereiten eindeutig wohler gefühlt, als in Azurduy im Mittelpunkt zu stehen und Dank zu erhalten, der mir überhaupt nicht zusteht, weil ich als Teil der deutschen Delegation gesehen wurde.

Ich habe jetzt auch schon einige Eltern kennengelernt, die alle sehr nett sind. Als wir letztens Kartoffelnkaufen waren, war ich dann auch bei 2 Familien zu Hause. Sie haben beide sehr einfach und ärmlich gewohnt. Die eine Familie hat zum Beispiel nur zwei kleine Lehmhütten mit jeweils einem Raum und wohnt sehr angelegen. Alle sind sehr fleißig : Sie haben Vieh, ein Feld, einen Gemüsegarten und auch neue Ideen z.B. hatte eine Familie einen Fischteich angelegt. Obwohl sie aus meiner Sicht einen sehr harten Alltag haben, sind alle gut gelaunt, sehr nett und gastfreundlich. Ich wurde hier schon oft zum Essen eingeladen.

Ich kann kaum glauben, dass ich jetzt schon 3 Monate hier bin, andererseits habe ich natürlich auch schon unglaublich viel erlebt. Ich bin froh, dass ich ein ganzes Jahr hier bin, weil ich erst langsam das Gefühl habe richtig reinzukommen. Langsam fühlt es sich hier nichtmehr wie Urlaub an, sondern wie normal leben.

Sorry, dass der Rundbrief so lang geworden ist. Ich konnte mich an keiner Stelle kürzer fassen. Danke, dass ihr bis hierhin durchgehalten habt 😉

Ganz ganz liebe Grüße

Hannah

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