Uganda: 2. Rundbrief von Lea Graeff

 

Und dann stelle ich erschrocken fest, wie die Zeit vergeht…

 
Zeit, ja das ist hier schon ein Thema für sich. Eine Bekannte meinte mal, in Afrika gäbe es keine Zeit. Diese Aussage bringt das Zeitverständnis ziemlich auf den Punkt.

Pünktlichkeit ist ja eine typisch deutsche Marotte, der ich auch meistens unterliege. Gerade wenn es um Dinge wie die Arbeit geht, aber auch wenn man sich mit jemanden verabredet hat, bemüht man sich rechtzeitig da zu sein.

Aber hier ist das alles ein wenig anders, man hetzt sich hier nicht ab, um irgendwo zu einer bestimmten Zeit zu erscheinen. Die Messe sonntags fängt immer erst eine Viertelstunde später an (also überpünktlich!), aber ein Großteil der Kirchengänger kommt erst nach gut einer Stunde an. Da die Messe ja zwei Stunden geht, ist man also noch „in time“. Da während der Messe viele ständig rein und raus gehen, stört das keinen.

Auch wenn ich zum Health Center gehe, weiß ich, dass ich da ganz entspannt um kurz vor 9 Uhr morgens losgehen kann und trotzdem überpünktlich bin. Die meisten Patienten komme eher später am Vormittag, da sie oft lange Fußmärsche hinter sich haben; und da es um sieben erst richtig hell ist, geht man auch erst gegen halb neun los. Oder wenn einer der Mitarbeiter nur mal kurz zum Frühstück geht, ist der mal mindestens eine Stunde weg. Das liegt teilweise daran, dass er erst mal das kleine Kohleöfchen anmachen muss und das Kochen darauf auch wesentlich länger dauert; aber man hetzt sich auch einfach nicht ab. Auf dem Weg nach Hause trifft man noch jemanden, man plaudert und sieht das ganz entspannt. Ich finde diese Ruhe immer sehr faszinierend, allerdings kann ich nicht immer so gut damit umgehen. Manchmal bin ich dann doch ungeduldig, manchmal bin ich total entspannt und wundere mich, dass die gesuchte Person schon nach einer dreiviertel Stunde zurück ist.

Ich beeile mich auch bei vielen Dingen nicht, da ich weiß, dass ich mehr als genug Zeit habe. Wenn ich zum Beispiel mit dem „taxi“ (Minibus) fahre, dauert es meist nochmal eine halbe Stunde von dem Moment an, wenn der Motor gestartet wird, bis der Bus dann auch wirklich losfährt. In dieser Zeit steigen dann alle ganz hastig ein, da der Bus ja „now, now“ startet. Warum der Motor schon immer an sein muss, habe ich bis heute nicht verstanden, da man sich ja auch hier über die hohen Spritpreise beschwert. Für die Fahrt kann ich mit den Zwischenstopps immer etwa zwei Stunden einplanen, normalerweise wäre es eher eine bis eineinhalb Stunden bis zur nächsten Stadt, die „nur“ 50 km entfernt ist.

 

Ein anderes Phänomen ist hier, dass viele Leute hier ihren Geburtstag nicht kennen, aber auch kein Interesse daran haben. Gefeiert wird dieses Ereignis nicht, das ist einfach nicht üblich. Falls man wirklich das genaue Datum braucht, kann man das immer noch im Taufregister nachlesen. Jeder Patient hat ein Schulheft als eine Art Krankenakte, die er immer mitbringen soll, wenn er irgendwie medizinisch behandelt werden muss. Dort wird auch regelmäßig das aktuelle Gewicht und Alter eingetragen, aber das Alter variiert gerne mal. Ist ein Kind im November 8 Jahre alt, dann ist es im darauffolgenden August plötzlich 6 Jahre alt. Das ist besser als jedes Anti-Aging-Produkt.

Ich finde das einerseits schade, keinen Geburtstag zu haben, aber hier spielt das Alter keine Rolle und dieses zeitlose Gefühl ist einfach viel entspannter. Hier muss man nicht bis Mitte 30 etwas Bestimmtes erreicht haben.