3. Rundbrief aus der Ukraine von Helena Marx

Frieden
SoFiA – Soziale Friedensdienste im Ausland

Keine Frage, unter diesem Motto habe ich mich im August 2015 auf den Weg in die Ukraine gemacht.
Habe ich mir da nicht etwas zu viel vorgenommen? Wie blauäugig muss ich gewesen sein, um als 19 jähriger Mensch mit diesem hohen Ziel in die Welt zu ziehen? Wie hoch sind meine Ideale und meine Selbstüberschätzung, um einen Dienst, der unter diesem Zeichen steht anzutreten?

Unabhängigkeitsdenkmal, Kiev

Gerade, weil mich der Zustand oder besser gesagt der Prozess des „Friedens“ durch die aktuelle Situation hier in der Ukraine sehr beschäftigt, grübele ich immer wieder über den Sinn und mein persönliches Ziel des „Friedensdienstes im Ausland“.

Dabei stellt sich mir immer als allererstes die schwierige Frage: Was ist überhaupt Frieden?

2015 wurde (meiner Meinung nach etwas übermütig…) in der EU „70 Jahre Frieden in Europa“ gefeiert.
Dabei kann „Europa“ aber höchstsnes mit „die Gründerstaaten der EU“ definiert werden, und „Frieden“ nur mit der „Abwesenheit von Krieg“. Denn die Terrorakte der RAF in den 60. und 70. Jahren oder die aktuellen terroristsichen Geschehnisse in Paris (November 2015) und Brüssel (März 2016), sind meiner Meinung nach absolut unfriedlich.
Betrachtet man die Staaten, die geographisch zu Europa gehören, im Besonderen die südosteuropäischen Staaten, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Slovenien, Mazedonien, Albanien und den Kosovo (…) kann man noch nicht einmal die Abwesenheit von Krieg feiern. Dort herrschte noch fast bis ins 21. Jahrhundert hinein die sogenannten Jugoslavienkriege, in denen ein NATO Einsatz getätigt wurde, die deutsche Bundeswehr eingestezt und zahlreiche Menschen ihr Leben ließen.
Und auch heute, im Frühjahr 2016, herrscht auf dem europäischen Kontinent noch Krieg. Denn selbst, wenn die EU es gerne außer Acht lässt, gehört die Ukraine und auch Westrussland geographisch zu Europa dazu.

Frieden, im Sinne von Abwesenheit von Krieg, kann ich in dem Jahr, dass ich hier in der Ukraine verbringe, (leider!) nicht herbeiführen.
Hätte ich also gar nicht herkommen brauchen, wenn das Ziel des Dienstes, den ich mache von Anfang an hinfällig ist, oder?

Um das zu klären, ist es unumgänglich das Jahr Freiwilligendienst als Lerndienst anzunehmen: Lernen, in einer anderen Kultur zu leben und sich dort anzupassen. Lernen, eine Minderheit zu sein und lernen, damit umzugehen.
Lernen, dass Krieg nicht nur ein Wort ist. Frieden aber eben auch nicht.

Die Ukraine kannte ich vor genauerer Recherche nur von der jährlichen „Hygieneartikel Sammelaktion“ in der Adventszeit an meiner ehemaligen Schule. Ich hatte allerhöchstens 2014 während der Proteste des Euromaidan, mal einen Zeitungsartikel gelesen. Dieses Land, viel mehr die Stadt Ivano-Frankivsk die mir zunächst so völlig fremd war, ist in den letzten 10 Monaten zu meiner Heimat geworden. Ich kenne mich aus, fühle mich wohl, verstehe die Sprache und habe Menschen kennengelernt, die das Gefühl von „zu Hause“ ausmachen.
Ich bin dankbar, für alle Erfahrungen die ich hier machen darf, für all die Menschen und Gefühle, die mich wachgerüttelt haben und mir gezeigt haben, dass es da draußen mehr gibt. Meine Welt, die sich bisher (auch wenn ich das vorher nie zugegeben hätte) auf das kleine Deutschland oder vielmehr sogar auf Rheinland-Pfalz, auf Trier und das Ruwertal beschränkt hat, ist größer und bunter geworden.

Leider haben wir nicht die Möglichkeiten und die Zeit alle Kulturen dieser Erde so lange und ausführlich kennenzulernen, wie ich hier in Ivano-Frankivsk die Chance habe. Der einzige Beitrag, den wir alle zur Völkerverständigung leisten können, ist zu erzählen und uns gegenseitig zuzuhören.
Das ist mein Ziel des sozialen Friedensdienstes im Ausland und auch darüber hinaus:
Geographische Entfernungen nichtig machen, durch den Aufbau von emotionaler Nähe; Mauern einreißen in unseren Köpfen und Brücken bauen.

Fahnenmast beim Malteser Sommerlager, Dora, Kaparten
Fahnenmast beim Malteser Sommerlager, Dora, Kaparten

Und dabei bin ich hier in der Ukraine nicht allein. Die Malteser Ivano-Frankivsk stehen in regem Kontakt mit den Maltesern aus Saarlouis und Lebach im Bistum Trier. Jährlich fährt eine Gruppe ukrainischer Jugendlicher auf das Pfingstlager im Bistum Trier, jedes Jahr kommt außerdem eine deutsche Delegation zu Besuch nach Ivano-Frankivsk. Durch die Geschichten, die dabei ausgetauscht werden, die Freundschaften, die geschlossen werden, das gemeinsame Lachen und beisammen wächst das Verständnis füreinander. Der Kontakt wird gestärkt, die Fremde abgebaut, nicht nur zwischen zwei Menschen, sondern zwischen zwei Gruppen, zwei Kulturen und letztlich zwischen zwei Nationen.

Frieden ist eben nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist etwas viel Größeres, vielleicht Unerreichbares, für das wir trotzdem nie aufhören dürfen, uns einzusetzen. Wenn Frieden unser gemeinsames Ziel ist, und das sollte es sein, dann ist die Hauptsache, dass wir uns dahin auf den Weg machen! Im Kleinen kann Frieden nämlich auch mal weniger sein, als die Abwesenheit von Krieg: Ein Lächeln, eine Umarmung, ein gutes Gespräch, Toleranz und der Wille zu gegenseitigem Verständnis. Und diese kleinen Dinge gilt es auszubauen. Immer und überall. In Deutschland, in der Ukraine, an allen Orten dieser Erde und mit Menschen aus aller Welt.