Bolivien 5. Rundbrief Julian Hanowski

Hola aus Bolivien,

……April 2016, wo ist bloß die Zeit geblieben ? Mittlerweile sind mehr als zwei Monate vergangen, seitdem meine Eltern wieder zurückgeflogen sind. Drei Monate, seit wir uns beim Zwischenseminar das letzte mal mit allen Freiwilligen getroffen haben.

Zwei Monate voller, mittlerweile weitestgehend, stabilem Alltag.

Mein Tag beginnt mit aufstehen und frühstücken gegen 6.30, die Schule beginnt um 7.30.

Morgens bin ich im Computerunterricht mit der Sekundärstufe, mittlerweile gemeinsam mit einem jungen Studenten. Dann geht es mit meinem Fahrrad, dass ich seit Mitte Februar von einem Freund geliehen bekommen habe, nach Hause. Über das Fahrrad bin ich wirklich sehr dankbar, da es, trotz häufiger Ausfälle, meinen Tagesablauf deutlich vereinfacht und ich auch viel Zeit spare nicht den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen zu müssen. Dort esse ich dann normalerweise gemeinsam mit meiner Gastmutter das Mittagessen, und bereit mich auf den Nachmittag vor. Dieser beginnt für mich um 15 Uhr. In der Primaria (vgl. Grundschule in Deutschland)  bringe ich den Kinder die englische Sprache näher, auch jeweils mit der Anwesenheit der jeweiligen Lehrerin. Anfänglich war ich einige Zeit alleine und habe dadurch leider nicht die ausreichende Aufmerksamkeit, am wenigsten die der Jüngsten bekommen. Mittlerweile bin ich aber sehr zufrieden was die Lernerfolge meiner Einheiten angeht. Wenn ich dann gegen 18.30 Feierabend habe ziehe ich mich normal kurz zu Hause um, und fahre ins Zentrum oder zu Freunden und verbringe mit diesen den Abend, bis ich gegen 10-11 Uhr mit den letzten Bussen nach Hause fahre. Einige Linien fahren glücklicherweise direkt, bzw. fast direkt an meiner Haustür vorbei. Ab und zu kommt auch mal ein anderer Freiwilliger vorbei, bzw. bekamen wir in den ersten Aprilwochen auch sehr viel Besuch von ehemaligen Freiwilligen.

Dia del Mar

Am 23. März gibt es jedes Jahr den „Dia del Mar“, den Tag des Meeres, bei dem Bolivianer die Rückgabe des vor mehr als 150 Jahren an Chile verlorenen Pazifikzuganges fordern. So wird Chile und das fehlende Meer für viele Missstände hier in Bolivien verantwortlich gemacht. Zum Beispiel habe ich die Tage erleben dürfen, an denen selbst das langsame Internet und der schlechte Netzausbau ein Resultat des fehlenden Meereszuganges war.

Besuch in Salta.

Über Ostern besuchte ich für fünf Tage die argentinische Freundin, mit der ich im Januar 10 Tage unterwegs war (Rundbrief Nummer 3). Mit dem Bus fuhr ich über 22 Stunden (es gab eine Straßensperre eines Dorfes in Bolivien, die es zu überwinden galt), ins 1000 Kilometer entfernte Salta in Nordargentinien. Dort lernte ich so ein bisschen die Kultur dieser Stadt kennen, bzw. haben wir auch einen schönen Tagesausflug ins 200 Kilometer südlich gelegene Cafayate gemacht, ein Weg durch einen unheimlich schöne und abwechslungsreiche Landschaft. Auch haben wir viele viel unterschiedliche Leute kennengelernt. Da aber meine, sowie auch die Zeit meiner Freundin sehr begrenzt war ging es für mich auch relativ früh wieder nach Hause so, dass ich eigentlich nur 3 volle Tage dort hatte.

Krank

Tropenkrankheiten…Zu guter letzt habe ich es geschafft, mich Mitte April, nach monatelangem Aufenthalt, endlich mal mit einer Tropenkrankheit zu infizieren, aufgrund früher Erkenntnis und sehr guter ambulanter Behandlung war aber nach einer, bzw. zwei Wochen nichts mehr davon übrig. Es handelte sich um eine Infektion am Bein.

Ein paar Anmerkungen

Trotz all dieser schönen Dinge ist es jedoch nicht so, als gäbe es hier in Südamerika ausschließlich paradiesische Zustände. So treffe ich hier Leute, die entgegen der deutschsprachigen Medien eher unzufrieden mit der Politik und der Regierung ihres Landes sind und offen gegen diese protestieren.

Bzw. fängt dies schon bei uns Freiwilligen an. Nicht alle Menschen stehen „weltwärts“ positiv gegenüber, was sich in Staunen, Kritik, Missverständnisse bis hin zur Ablehnung oder Ausnutzung der Freiwilligen äußert. Da deren Aufenthalt vielerorts an Erwartungen von Geld geknüpft wird, was diese auch gelegentlich direkt, oder indirekt mit sich bringen ist es oft nicht einfach damit umzugehen. So gibt es auch in sozialen Projekten, wie in vielen Orten in Südamerika und auf der ganzen Welt, Korruptionsfälle. Da mir in letzter Zeit ein paar begegnet sind wollte ich dies nicht unerwähnt lassen. Oft bleiben diese unerkannt, ungeahndet, gezielt ignoriert. Obwohl es auch regelmäßig, zu meist politisch motivierten Verfahren und Denunziationen kommt verschwindet viel Geld an anderen Orten.

Und was noch?

In Zukunft plane ich…. Ja das mit der Zukunft ist so eine Sache. Also morgens werden wir wohl um das seit langem von vielen geforderte Netzwerksystem der Computer nicht herumkommen, da wir zurzeit leider viel Arbeit mit Ausfall unser erst neu angeschafften Maschinen haben. Dazu bedarf es Investitionen die bisher leider nicht getätigt worden. Wir beide Dozenten bekommen das leider mangels Wissen und Material nicht selbst hin. Nachmittags werde ich wohl meine Stundenzahl erweitern um weiterhin meinen Schülern ein wenig alltagstaugliches Englisch weiterzugeben. Lange Zeit bin ich viel zu sehr auf ihre Wünsche eingegangen, Früchte, Begrüßungen und Zahlen von 1 bis 10 zu lernen. Seitdem ich mich aber mal darüber hinweggesetzt habe und Sätze wie „Mein Name ist…“ formuliere ist mein Erfolg deutlich sichtbarer geworden. Doch wird diese Zukunft wohl nicht von Dauer sein. Mitte April erreichte uns der Beschluss, dass unsere Schule ab Mitte Dezember neu gebaut wird und wir somit den Standort verlassen werden müssen. Ab nächstem Jahr wird dann endgültig zwischen Grund und Sekundarstufe an zwei verschiedene Standorte aufgeteilt, wobei die Grundschule in einigen Jahren, nach Abschuss der Bauarbeiten eines der neuen modernen zweistöckigen Schulgebäude, genannt Modulo, an den ehemaligen Standort zurückkehren wird. Diese Modullos ersetzen in den letzten Jahren sämtliche der meist 20 bis 30 Jahre alten Sanierungsfälligen Altbauten der Stadt, bzw. Boliviens. Ich persönlich werde davon nicht mehr betroffen sein, und doch wird es wohl eine große Veränderung für die Schüler, Lehrer, und den nächsten Freiwilligen mit sich bringen. Die meisten Kinder wohnen sehr nah an der Schule, gehen dort mit ihren Geschwistern und Cousins hin, teils wurden sogar ihre Eltern schon von ihren Lehrern unterrichtet. Diese familiäre Atmosphäre geht mit der Modernisierung mehr und mehr verloren.

Der Wandel steht symbolisch für den sehr schnellen Wandel der hier in Bolivien vor sich geht, es wird sehr viel gebaut und das Land, allem voran in Santa Cruz, bewegt sich in großen und schnellen Schritten. Vieles ist passiert, wenn man die Situation mal mit der vor 5, 10, oder 20 Jahren vergleicht. Santa Cruz ist kein Dorf mehr… sondern je nach Quelle, zwischen Platz 15 und 30 der größten Städte des Südamerikanischen Kontinentes. Leider sind aber dadurch auch, bei annähernd gleichbleibenden Löhnen, die Lebenshaltungskosten exorbitant gestiegen, so haben sich die Preise in den letzten Jahren teils verdoppelt, auch weil der Kurs zum Euro und anderen Währungen, um fast ein Drittel gestiegen ist und Importe teurer wurden. Wodurch die Preise für technische Produkte vielmals sogar teurer als in Deutschland sind.

Apropos Zukunft: Die kommt auch in großen Schritten auf mich zu.

Am 31ten August werde ich in Frankfurt nach fast 400 Tagen wieder deutschen Boden unter den Füßen haben. Ebenso habe ich mittlerweile begonnen mich für das kommende Wintersemester an einer Universität in Deutschland zu bewerben.

In diesem Sinne:

Saludos (Liebe Grüße)

 Julian