Ruanda: 1. Rundbrief von Tobias Stoll

Ein schwerer Tag

Es war soweit, der letzte Tag in Deutschland war angebrochen. Ich ging abends mit Freund_innen in unser Stammlokal essen. Wir saßen gemütlich zusammen und unterhielten uns, als wäre alles wie immer. Aber als wir uns „tschüss“ sagten, war es für mich, als würde ich Sie nie wiedersehen. Es ist zwar nur ein Jahr, aber in diesem Moment kam es mir vor, als wäre es ein Abschied für immer. Wir machten noch ein Foto zusammen und ich fuhr mit meiner Freundin und meiner Schwester nach Hause.

Zuhause angekommen saß ich mit meiner Familie zum letzten Mal zusammen. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl. Zwar überspielten alle dieses Gefühl, aber es war spürbar. Alle wussten, dass es das letzte Mal für eine lange Zeit sein wird, dass wir zusammen von Angesicht zu Angesicht reden können. Trotzdem lachten wir viel und verbrachten noch einige schöne Stunden zusammen.

Fünf Uhr morgens, mein Wecker klingelte. Ich machte mich fertig für die „große Reise“. Alle waren schon wach und wollten sich verabschieden. Ich sagte auf Wiedersehen zu meiner Mutter, meiner Schwester und meiner Freundin. Ich stieg zu meinem Vater ins Auto und wir fuhren zum Flughafen. Die anstrengendste Fahrt meines Lebens. Mir schwirrten tausende von Gedanken durch den Kopf: War es die richtige Entscheidung? Ist es in Ordnung meine Familie, meine Freund_innen und vor allem meine Freundin zurück zu lassen? Was kommt nur jetzt auf mich zu?… und dies ging immer so weiter.

Am Flughafen verabschiedete ich mich von meinem Vater, was ihm und mir sichtlich nicht leicht viel. Ich begrüßte die anderen Freiwilligen. Danach saß Ich schon im Flugzeug. Mit einem irgendwie unguten Gefühl auf dem Weg in ein noch ungewisses Leben…

Die ersten Stunden

Nach 14 Stunden Flug landeten wir in Kigali, der Hauptstadt. Das hört sich zwar lange an, aber es waren angenehme Flüge mit zwei Zwischenlandungen und einmal Umstieg in Adis Abeba, wo ich auch das erste Mal eine völlig andere Kultur kennen lernte. Wir landeten mit einer Verspätung von einer viertel Stunde und standen dann fast 40 Minuten in einer riesigen Menschenmasse vor der Sicherheitskontrolle an. Wir hetzten uns ab, dass wir es noch irgendwie zum Flugzeug schafften. Als wir gerade noch pünktlich im Flugzeug angekommen waren, freuten wir uns, dass wir es doch noch geschafft hatten. Aber das Flugzeug startete nicht, es wartete eineinhalb Stunden bis alle Passagiere im Flugzeug waren. Erst dann ging es los. So etwas wäre in Europa kaum vorstellbar. Aber hier ticken die Uhren eben etwas anders.

Nachdem wir das Touristen Visa für dreißig Tage beantragt hatten, verließen wir den Flughafen. Draußen warteten schon unsere Mentoren und andere Freiwillige, die schon ein Jahr hier leben. Der Freiwillige aus Nyarurema (mein Vorgänger), empfing mich sehr herzlich. Er heißt David und mit ihm fuhr ich nach Gisosi, einem Stadtteil von Kigali. In diesem Stadtteil lebt die Gastfamilie, bei der David übernachten kann, wenn er in Kigali ist. Die Familie schlief schon und wir legten uns auch hin.

Gastfamilie und Glaube

Am nächsten Tag lernte ich dann die Familie kennen. Eine sehr gläubige Familie, was hier aber normal scheint. Die Menschen hier sind, meiner Meinung nach, gläubiger als in Deutschland. Überall entdecke ich Kirchen, Bilder und Schriftzüge von und über Gott oder Auszüge aus der Bibel. Aber auch viele Muslime leben hier. Christen und Muslime leben in einer Einheit zusammen. Es gibt christliche und muslimische Feiertage, was für eine sehr gelungene Integration zweier Religionen spricht.

Bei der Begrüßung der Familie fällt mir auf, wie herzlich mich die Mutter begrüßt, die von allen (auch von mir) nur Mami genannt wird. Sie begrüßte mich, als sei ich ihr Sohn, der nach längerer Zeit nach Hause gekommen ist. Die Herzlichkeit der Menschen wurde mir auch bewusst, als wir abends in Nyarurema ankommen. Die Priester begrüßten uns mit einem großen Essen in ihrer Pfarrei. Sie sind sehr freundlich zu mir und freuen sich, dass ich nun da bin. Diese Freundlichkeit und die Offenheit spiegelt sich hier in vielen Menschen wider, die ich bisher kennenlernen durfte. Ich kann mich zwar nicht mit allen fließend unterhalten, da mein Kenyaruanda noch zu schlecht ist, aber mit Händen und Füßen klappt es irgendwie. Auch wenn Sie mich oder ich Sie nicht genau verstehe, versuchen wir uns kennenzulernen und zu kommunizieren. Auch das große Angebot an Hilfe, welches ich hier stets erfahre, bewundere ich sehr. Solche Freundlichkeit begegnete mir in Deutschland bisher nur selten.

Meine erste Bilanz

Ich lebe nun seit mehreren Wochen in Ruanda. Bis jetzt bin ich echt glücklich hier. Ich denke zwar noch oft an meine Familie, Freunde und an meine Freundin, aber ich bin mir sicher, dass es der richtige Schritt war. Den Abschiedsschmerz, den ich am letzten Tag in Deutschland verspürte, ist mittlerweile überwunden.

Ich will mich auch nochmal bei all meinen Freund_innen, meiner Familie, meinen Arbeitskollegen, bei allen Unterstützer_innen und allen die etwas gespendet haben ganz herzlich bedanken. Ihr habt mir diesen Freiwilligendienst in Ruanda ermöglicht!

Im nächsten Brief werde ich über meine ersten Schultage, meinen ersten Besuch auf einem großen Markt, über Nyarurema und vieles mehr, berichten.

Bis bald,

Tobias

 

Hier noch ein paar Eindrücke von meinem neuen Wohnort Nyarurema.

Johannes (Vorgänger von Konstantin), Konstantin, David (mein Vorgänger) und Damien (mein Mentor) von links nach rechts

 

Die Schule
Die Schule (links)

 

Das Haus, in dem ich nun lebe. Auch meine Hängematte hat ihren Platz.

 

Hauptstraße Nyaruremas
Hauptstraße Nyarurema