1. Rundbrief aus Cochabamba

Liebe Familie, Freunde und Pfadfinder,

lieber Solidaritätskreis,

rund zwei Monate ist es her, seit meiner Ankunft in Bolivien. Am Morgen des 5. Augusts ging es für mich und die 7 anderen Freiwilligen von SoFiA los. Von Frankfurt flogen wir über Madrid und Santa Cruz de la Sierra nach El Alto, wo wir am frühen Morgen des 6. Augusts, dem Nationalfeiertag Boliviens, ankamen.

Dort wurden wir auf über 4000m ü. NN von den Vertretern der Hermandad, der Partnerorganisation von SoFiA hier in Bolivien, und einigen Mitgliedern der Gastfamilien empfangen. Sowohl wir Freiwilligen von SoFiA, als auch die Freiwilligen des Bistums Hildesheim, sollten den anstehenden Monat in La Paz in Gastfamilien leben, um in unseren Sprachkurs zu absolvieren.

Also ging es für Aaron und mich, mit einem Zwischenstopp im Büro der Hermandad , in die zona sur (Südzone) von La Paz. Dort lernten wir dann unsere „Gastfamilie“ kennen. Aaron und Ich lebten nämlich nicht, wie alle anderen, in einer Familie, sondern in der Militärgemeinde „Castrense“, wo wir äußerst herzlich empfangen wurden. So kam es, dass wir mit vielen Priestern und einem Bischof zusammen lebten.

Mit der Höhe kamen wir erstaunlich gut zurecht, lediglich ein paar von uns Freiwilligen hatten Kopfweh oder verspürten Übelkeit. Außerdem waren wir alle glaube ich sehr damit beschäftigt, die vielen Eindrücke zu verarbeiten, sodass uns gar keine Zeit blieb, krank zu sein.

Die Tage in La Paz vergingen schnell, was nicht zuletzt an den Aktivitäten und Unternehmungen lag, die wir vor oder auch nach der Sprachschule einbauten.

An dieser Stelle diverse Unternehmungen aufzuführen würde vermutlich zu weit führen, deshalb seien nur ein paar genannt.

Zum Beispiel wanderten wir durch das nahe gelegene „Valle de la Luna“, ein Tal, das einer Mondlandschaft ähneln sollte.

An einem Wochenende planten wir dann einen Ausflug an den Titicacasee. Begleitet wurden Aaron und Ich dann von anderen Freiwilligen und einer Mitarbeiterin der Hermandad, bei der Teresa und Sophie wohnten. Mit einem eindrucksvollen Sonnenuntergang über dem See, leckerem Trucha (Forelle) und einer Übernachtung in einem Hotel der günstigen Variante, war der Ausflug an den Titicacasee mit Sicherheit mein touristisches Highlight bisher.

Patricia (Hermandad), Awa, Sophie, Sophie, Teresa und Ich am Titicacasee

 

Sonnenuntergang am Titicacasee

Die Abende in La Paz verbrachten wir in netten Bars, Discos oder auch im Bowlingcenter, aber auch im gemütlichen Beisammensein mit den Priestern, bei denen wir lebten.

In der dritten Woche in La Paz stand zudem ein einwöchiges Seminar an, zu dem einige Freiwillige von anderen Organisationen eingeladen waren. Auf den Tagesordnungen standen: ein Gespräch mit der deutschen Botschaft und einigen deutschen Organisationen, die hier in Bolivien tätig sind, Informationen, betreffend z.B. der Sicherheit, aber auch touristische Unternehmungen.

Die Stadt La Paz hat mich sehr beeindruckt, denn sie ist mit keiner Stadt vergleichbar, die ich bisher gesehen habe. In einem riesigen Tal, bzw. in mehreren Tälern, erstreckt sich die Stadt von ca. 3600m bis hin zu 4000m ü.NN. Auf mich wirkte die Stadt in einigen Teilen sehr eng und durch den vielen Verkehr äußerst chaotisch. Das ganze ist vermutlich aber zu relativieren, denn ich habe in meinem bisherigen Leben noch in keiner wirklich großen Stadt gelebt.

Für mich sehr beeindruckend war, dass es in La Paz einen sog. „Teleferico“ gibt. Das sind Seilbahnen in der gesamten Stadt, die dem Nahverkehr dienen. Seit es den Teleferico gibt, sind La Paz und El Alto immer weiter „verschmolzen“. Von dem Teleferico aus hat man eine wunderbare Sicht über La Paz und die Umgebung. Zum Glück „mussten“ Aaron und Ich jeden Morgen mit dem Teleferico zur Sprachschule fahren.

La Paz
La Paz

Eigentlich wollte ich meinen Vorgänger hier in Cochabamba besuchen, als ich noch in La Paz lebte. Das plante ich zu mindestens für ein Wochenende, an dem die „Viaje de la amisatd“ verabschiedet werden sollte.

Wie vielleicht Einige von euch wissen, besteht zwischen der DPSG Trier und der ASB Cochabamba eine Partnerschaft. Teil dieser Partnerschaft ist nicht nur meine Stelle hier in Cochabamba, sondern auch gegenseitige Begegnungsreisen, die im zwei Jahres Takt stattfinden. Im August herrschte hier in Cochabamba also Besuch aus Deutschland. Ganze 10 Pfadfinder hatten sich aus dem Diözesanverband Trier auf den Weg nach Cochabamba gemacht, um eben diese Partnerschaft zu leben.

Meinem Vorhaben, das letzte Fest der Begegnungsreise hier mitzufeiern, wurde leider ein Strich durch die Rechnung gemacht. Denn zu diesem Zeitpunkt gab es einige Bloqueos (Demonstrationen, bei denen oftmals Straßen gesperrt werden) auf der Straße von La Paz nach Cochabamba, bei denen einige protestierende Mineros (Minenarbeiter) und auch der Vizepräsident des Innenministeriums zu Tode gekommen sind.

Nach einem, meines Erachtens, eher touristischen, aber einem sehr erfahrungsreichen und schönen Monat in La Paz, machte ich mich dann, nach einer Verabschiedungsmesse, in der Nacht des 1. Septembers auf nach Cochabamba.

Dort angekommen wurde ich dann am frühen Morgen von meinem Vorgänger Simon, meiner vor Vorgängerin Daria und zwei bolivianischen Pfadfindern empfangen. Gemeinsam erkundeten wir noch die Stadt, bevor wir dann Simon drei Tage später verabschiedeten.

Da mein Projekt bei den Pfadfindern nicht ganz die Woche füllt, sollte ich noch drei Tage die Woche in einem Zweit-Projekt arbeiten. Da war das Projekt „Arco Iris“ vorgesehen. Dieses hatte allerdings finanzielle Probleme und sah sich nicht in der Lage einen neuen Freiwilligen aufzunehmen. Deshalb begab ich mich in den drei darauffolgenden Wochen auf Projektsuche in Cochabamba.

Mit meiner vor Vorgängerin Daria erkundete ich, noch vor ihrem Abflug nach Deutschland, die Stadt und die Umgebung, wie zum Beispiel das Chapare, eine tropische Region unweit von Cochabamba. Dort wanderten wir durch ein Tal in Incachaka (einem Ort), in dem es einen reißenden Fluss, einige Wasserfälle und viele verschiedene tropische Pflanzen gibt.

Tal bei Incachaka im chapare
Tal bei Incachaka im chapare

Nach langer Suche bin ich im Projekt „Mosoj Ph´unchay“ fündig geworden. Dort leben Kinder mit „quemados“ (Brandverletzungen). Ich arbeite in dem Projekt mit den Kindern, spiele mit den Kindern, helfe in der Küche oder auch im Garten.

Nachdem ich dann Montags, Dienstags und Mittwochs in dem Projekt Mosoj Ph’unchay gearbeitet habe, arbeite ich Donnerstags mit Marcelo, meinem Chef, auf dem Nationalzeltlager Platz der Pfadfinder in Arani (ca. 1-2h von Cochabamba entfernt).

Am Wochenende stehen fast immer Aktionen der Pfadfinder an, wie zum Beispiel campamentos (Zeltlager) oder auch caminatas (Wanderungen).

Doch von den diversen Aktionen und dem Pfadfinderleben hier in Bolivien möchte ich in meinem nächsten Rundbrief berichten. Außerdem möchte ich von der Stadt Cochabamba, dem Leben hier, dem Pfadfinderleben und nicht zuletzt vom Essen und den verschiedenen Menschen, denen ich begegnet bin, berichten.

Auch wenn ich die Freunde, meine Familie und auch das schöne Maifeld ein wenig vermisse, geht es mir bisher echt gut hier. Ich kenne schon viele Leute und werde überall unheimlich herzlich und gastfreundlich empfangen und aufgenommen. Eine solche Gastfreundlichkeit ist mir in Deutschland bisher nur sehr selten begegnet.

Außerdem verfügen die meisten Menschen hier über eine Gelassenheit in vielen Zusammenhängen. Das spiegelt sich nicht zuletzt auch in ihrer Pünktlichkeit wieder. Ich habe mich, nach einiger Zeit, daran gewöhnt und diese Gelassenheit und auch die Unpünktlichkeit sehr zu schätzen gelernt.

Denn wie sagte der Bischof von La Paz in unserer Begrüßungsmesse so schön?!                „Die Zeit ist für den Menschen gemacht. Und nicht der Mensch für die Zeit!“

Das war mein erster Rundbrief aus Bolivien und ich hoffe, dass er Euch gefallen hat und zumindest einen kleinen Einblick geben oder gewisse Eindrücke vermitteln konnte.

Somit verbleibe ich mit bolivianischen Grüßen und einem Gut Pfad! Bis zum nächsten Mal!

Euer Paul