Ukraine: 1. Rundbrief von Franziska Keller

Es ist nicht bequem

Nein, das Leben hier in der Ukraine ist für mich tatsächlich nicht immer bequem. Es war nicht bequem, als ich an jenem Morgen des 02. August morgens um halb 4 in den Bus gestiegen bin und es ist auch nicht bequem, wenn ich an der Kasse stehe und nicht verstehe, was mich die Kassiererin fragt. Bequem ist es sicherlich auch nicht, abends nicht einfach mal einen Lieferservice anrufen zu können, wenn ich gerade mal keine Lust habe zu kochen. Bequem ist es auch nicht, dass der Kühlschrank schnell leer ist und ich abends auf einmal nur noch Kartoffeln zum Essen habe. Jeden Tag etwas selber kochen, nicht einmal einfach eine Tütensuppe machen zu können, wenn man nicht gerade wieder eine Stunde lang am Herd stehen möchte. Bequem ist definitiv was anderes.

Der Tag ist schön. Jeder einzelne, mit seinen guten und schlechten Seiten. Ob ich im Büro sitze und dort meine Arbeit erledige oder am Wochenende mit der Feldküche unterwegs bin und dort viel Spaß mit den Jugendlichen habe!

Aber nun mal zum Anfang. Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen, als ich meine Familie und meinen Freund nachts in Trier verabschiedete. Ohne Tränen ging das Ganze natürlich nicht über die Bühne. Nach 33 Stunden Fahrt und netten Gesprächen mit Ukrainern im Bus bin ich in meiner Heimat für das kommende Jahr angekommen. Ich wurde am Bahnhof von meiner Vorgängerin Helena abgeholt und dann ging es auch schon direkt zu unserer Wohnung, die praktischerweise in einem Gebäude der Malteser liegt. Das heißt, wenn abends etwas im Keller stattfindet (Fußballschauen, Geburtstagsfeiern oder einfach ein gemütliches Beisamensitzen) werde ich immer informiert und kann einfach in den Keller gehen.  So habe ich auch schon einen guten Anschluss zu der Malteser-Jugend gefunden.

Nachdem ich nach der ersten Wochenendaktion in Krylos nach Hause gekommen bin, ging es für mich auch schon direkt weiter nach Lviv in meinen zweiwöchigen Sprachkurs. Lviv (Lemberg) ist eine wunderschöne Stadt. Das kleine Paris, wie sie genannt wird, ist auf jeden Fall eine Reise wert!

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Vor einer der schönsten Opern Europas

 

Die Wochenendaktionen
Dieses Jahr gab es, im Gegensatz zu den letzten Jahren, außergewöhnlich viele Wochenendeinsätze für die Malteser. Somit möchte ich euch von meiner Arbeit dort erzählen:

Krylos
Mein erstes Wochenende stand ganz im Sinne der traditionellen Pilgerwanderung nach Krylos. Fast 5 Stunden sind wir über eine der Hauptstraßen hier gelaufen (zu vergleichen mit einer Autobahn, aber diese gibt es in der Ukraine nur ganz selten). Mitten auf der Straße, bei sengender Sonne (32°C) und auf heißem Teer, der nochmals Hitze absonderte, war es nicht leicht für mich. Ich hatte sehr mit der Wärme und der Anstrengung zu kämpfen, sind wir meines Empfindens nach schließlich nicht gerade langsam gegangen. Als wir nach 20,5 km endlich angekommen sind, durfte ich auch schon direkt in der Feldküche helfen. In Krylos übernachteten wir und am nächsten Tag ging es nach einer Messe auch schon wieder mit dem Bus nach Hause.

dsc_9043 dsc_9041Eine Malteserin und ich                                                Die Malteser Feldküchengruppe in Krylos

 

Das Manöver in den Transkarparten
Vom 1. September bis 5. September ging es für die Rettungssanitäter und mich nach Berehowe, eine Stadt an der Grenze zu Rumänien. Hier hatten wir einen Zeltplatz direkt an einem wunderschönen See!

Nach 7 Stunden Fahrt kamen wir dort an und bauten, nach einer Pause, während der wir die Gegend erkunden konnten, alle Schlafzelte und das Küchenzelt auf. Ich war für die Küche eingeteilt und habe das ganze Wochenende Kartoffeln, Möhren oder Zwiebeln geschält oder andere Arbeiten, die in der Feldküche anstanden, gemacht. Als das Essen gekocht war, habe ich zusätzlich geholfen, dieses auszuteilen. Hier durfte ich ca. 100-mal bei jeder Mahlzeit „Smatschnoho“ sagen, was „Guten Appetit“ heißt.  Zwischen der Arbeit in der Küche konnte ich beobachten, wofür wir eigentlich an diesem Ort waren:  Denn von Freitag bis Sonntag fand ein Wettkampf zwischen verschiedenen Rettungssanitäter-Teams aus Kyiv, Lviv, Ivano-Frankivsk, Polen und Ungarn statt! Am ersten Abend mussten sie zeigen, wie gut sie die Herz-Rhythmus-Massage beherrschen. Unser Frauen-Team gewann den Preis für die beste Herz-Rhythmus-Massage! Dieser Teil des Wettkampfes wurde an einer Puppe, „Little Anne“, durchgeführt, die an einen Computer die Daten sendet, wie schnell und tief die Massage ausgeführt wird.

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Die am Strand ausgeführte Wiederbelebung

Da es ein anstrengender Tag für mich war legte ich mich ziemlich früh schlafen. Mein Schlaf sollte jedoch nicht lange dauern:  Um Mitternacht wurden alle Sirenen der Rettungswagen angemacht- ein weiterer „Einsatz“ (natürlich war alles immer nur simuliert). Es ging in einen Wald, indem ein kleines Feuer brannte und viele verletzte Jugendliche lagen. Einige waren total aufgelöst, andere nicht mehr ansprechbar, wieder andere wollten schnell zu ihren Freunden (die natürlich von den Sanitätern in Ruhe behandelt werden mussten).  Somit wurde nicht nur das medizinische Können der Teams bewertet, sondern auch ihr im zwischenmenschliches Handeln. Nachher wurden alle Verletzte zurück ins Lager gebracht, wo ein (fiktiver) Rettungshubschrauber geordert wurde. Hier ging es darum, zu testen, wie gut sie bei einem Telefonat Informationen weiter geben können. Am Samstag gab es verschiedene Stationen in der Stadt. An einer wurde ein Autounfall nachgestellt, bei der nächsten ein Arbeitsunfall, bei dem sich ein Mann sein Bein mit einer Säge abgesägt hat. In einer Situation wurde dargestellt, dass ein Mädchen von einer Brücke gefallen ist und bei der letzten Station war eine Mutter mit zwei Kindern, wovon das ältere Kind in Ohnmacht gefallen ist. Am letzten Tag, dem Sonntag, gab es nur noch einen Gottesdienst und die Siegerehrung: Unser Männer-Team hat tatsächlich den ersten Platz belegt! Große Freude brach natürlich bei unseren Maltesern aus! Montags haben wir alles nur noch abgebaut und am späten Abend bin ich endlich sehr erschöpft zu Hause angekommen.

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Unser Team

Race-Nation Einsatz
Der nächste Einsatz ließ nicht lange auf sich warten. Am 16. September ging es für uns für 3 Tage nach Bukovel (ein Skigebiet in den Karpten). Dort habe ich wieder in der Feldküche geholfen.

In Bukovel fand an dem Wochenende ein sehr bekanntes Rennen statt, eins von der Race-Nation. Laufend ging es für die Teilnehmer über Berge und durch Flüsse hindurch. Jedoch gab es auch immer wieder Hinderniss, an denen man Reifen ziehen oder Baumstämme schleppen musste. Unsere Feldküche wurde für die Helfer aufgebaut und unsere Sanitäter waren für die Teilnehmer dort. Denn ein einfaches Rennen war das nicht. Es ist sehr schwer für mich zu beschreiben, was die Teilnehmer alles machen mussten, daher füge ich hier einfach ein paar Bilder ein, ich denke die beschreiben das besser.

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Dies sind nur wenige Ausschnitte von den Hindernissen, die die Teilnehmer bewältigen mussten.

Ivano-Frankivsk Halbmarathon
Am Sonntag, dem 25. September, war wieder die Feldküche im Einsatz. Diesmal beim Halbmarathon hier in Ivano. Wir haben Borschtsch (das ist die Nationalsuppe aus Rote Beete) gekocht. An diesem Tag war es wirklich sehr kalt. Ich musste um 6 Uhr schon in der Stadt sein. Auch wenn es wieder viel Spaß gemacht hat war es auch sehr anstrengend.

Treffen mit Renovabis
Am 15. Oktober kam eine Gruppe von Deutschen in unser Malteserhaus (also dort, wo ich wohne). Sie waren von Renovabis, eine kirchliche Organisation, die Projekte in Osteuropa unterstützt. Ihnen haben wir anhand einer Power-Point unsere Aufgabengebiete vorgestellt. Danach ging es für alle in den Keller, in dem wir wirklich gute Gespräche führten und gegessen haben. Hierbei lernte ich auch eine Vorgängerfreiwillige, Margarethe, kennen. Es ist immer schön, wenn eine Ehemalige da ist, denn manche Fragen lassen sich oft nur von anderen Freiwilligen beantworten.

Malteser-Ball
Das wohl schönste Event, bei dem ich bis jetzt dabei war, war der Malteserball am 20. Oktober. Dieser Ball wurde extra für die Rollstuhlfahrer veranstaltet. Mit ihnen haben wir getanzt und gegessen. Es war so schön dort! Alle hatten lange Ballkleider beziehungsweise Smokings an

 

So schnell vergeht die Zeit und ein Ereignis folgt dem nächsten. Ich habe wirklich schon viele Eindrücke gesammelt, aber davon erzähl ich euch mehr in meinem nächsten Rundbrief.

Zuletzt möchte ich noch auf eine Sache eingehen. Heimweh. Denn natürlich ist nicht immer alles so schön, perfekt und abenteuerlich.

Ich hatte schon sehr viel Heimweh, besonders weil ich durch die vielen Aktionen, viel unterwegs war und kaum Zeit hatte, zur Ruhe zu kommen. Ich wünsche manchmal, einfach Zuhause zu sein und wenn es nur darum geht, endlich wieder einen Supermarkt zu betreten, in dem ich alle Produkte kenne und die Mitarbeiter an der Fleischtheke oder die Kassiererinnen verstehe.

Auch wenn das Leben hier nicht bequem ist, ist es dennoch wunderschön!

Und damit verabschiede ich mich erst einmal.

Fühlt euch alle gedrückt!

ПА-ПА (Pa-pa àTschüss),

Eure Franzi

Über Franziska Keller

Hallo, Ich bin Franziska und 20 Jahre alt. Über SoFiA mache ich einen Freiwilligendienst in der Ukraine bei den Maltesern. Nach meinem Abi habe ich mich dazu entschlossen einfach mal in ein anderes Land zu gehen und dort die Lebensweise zu erfahren. Ich kann jedem nur empfehlen, so etwas mal zu machen!