Jordanien: 1. Rundbrief von Hannah Wiegand

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Mount Nebo

Marhaba ihr Lieben!

Ein herzliches Marhaba an alle, die mich während meiner Zeit in Jordanien begleiten – ganz egal auf welchem Wege 🙂

Vielleicht eine kurze Vorstellung meinerseits an diejenigen, die mich nicht kennen: ich bin Hannah, 18, aus Saarbrücken und werde meinen Sozialen Friedensdienst im Ausland über SoFia in Jordanien leisten. Mein Projekt befindet sich im Norden des Landes, einer Kleinstadt namens „Anjara“.  Ich möchte an dieser Stelle garnicht allzu viel erzählen – falls das Interesse besteht, mehr zu erfahren: HIER KLICKEN Nun ist es also meine Aufgabe euch zu erzählen, wie es in dem, für die meisten, „unbekannten“ Jordanien aussieht… eine ziemlich große Verantwortung! Schließlich möchte ich ja auch keine falschen Vorstellungen vermitteln oder gar verstärken.

Ich gebe mein Bestes, um dies zu vermeiden. Aber falls ihr Fragen haben solltet, oder euch etwas sehr interessiert – nur zu! Ich freue mich über jede Rückmeldung!

Ich weiß nicht so recht, wie ich beginnen soll. Ich habe so viele neue Eindrücke und Bilder in meinem Kopf, die ich erst einmal sortieren muss und in Worte ausdrucken muss.

Aber beginnen wir noch einfach mal am Anfang: Ankunft in Jordanien –  nachts um drei –ich am Flughafen. Und niemand da, der mich abholen soll. „Ist noch keiner da oder erkennt mich niemand?“ Wobei das sehr schwer ist… man sieht wenige rothaarige junge Mädchen mit einem großen Rucksack nachts am Flughafen in Amman. Das Warten hat mich etwas verunsichert, aber dafür war ich umso erleichterter, als jemand auf mich zukam: „You are Hannah?“

Meine ersten Gedanken auf dem Weg vom Flughafen nach Anjara: „Wow, es ist ja gar nicht SO anders als in Deutschland!“ ich weiß nicht, womit ich gerechnet habe – aber auf jeden Fall nicht mit denselben Straßenschildern! Warum auch immer gerade die Straßenschilder in meinen Gedächtnis geblieben sind…

Am nächsten Morgen kam dann schon die erste Herausforderung: Raus aus dem Zimmer und rein in ein neues, mir vollkommen unbekanntes Umfeld. Wie verhalte ich mich und was sage ich? Aber alle Befürchtungen haben sich im Endeffekt ganz schnell wie in Luft aufgelöst. Ich wurde bereits herzlich mit einem leckeren Mittagessen empfangen!

 

Erste Woche

Bevor mein Sprachkurs in Amman (Hauptstadt Jordaniens) angefangen hat, war ich für eine Woche in Anjara. Eine sehr gute Idee, da ich bereits viele Leute kennenlernen durfte und umgekehrt. Auch habe ich in dieser Woche schon viele verschiedene Ecken von Jordanien gesehen – ein Land mit so unterschiedlichen Orten!

Auf der einen Seite ist da die Hauptstadt Amman: laut, teilweise überfüllt, viele Autos, … und auf der anderen Seite gibt es Orte, die vollkommen idyllisch sind. Am besten hat mir bis jetzt der „Mount Nebo“ gefallen. Hat jemand von euch schon mal davon gehört? Es ist die Stelle, an welcher Gott Moses das Heilige Land gezeigt hat. Bevor er es jedoch betreten konnte, starb er. Ein wirklich wunderschöner Ort, welcher in vollkommender Stille liegt. Es ist überwältigend, welchen Ausblick man von dort hat!

Die erste Woche war wirklich total schön, ich hätte mir keinen besseren Einstieg vorstellen können. Einer der Priester, Abuna Hugo, kommt aus Argentinien und in der ersten Woche waren sowohl sein Bruder, sein Neffe, seine Nichte und eine Freundin zu Besuch als auch ein Freiwilliger aus Spanien. Wir waren echt eine super lustige Truppe! Zusammen haben Ausflüge gemacht, waren auf unserer ersten „Hausparty“, haben gekocht, an diversen Stellen auf,- ausgeräumt, Tennis gespielt, etc. Da blieb mir wenig Zeit, um an Deutschland zu denken!

Beim gemeinsamen Mittagessen mit ein paar Schwestern, Jugendlichen aus der Gemeinde und dem Besuch aus Argentinieren und Spanien
Beim gemeinsamen Mittagessen mit ein paar Schwestern, Jugendlichen aus der Gemeinde und dem Besuch aus Argentinieren und Spanien
Ich (Mitte) mit Freunden auf einer Hausparty. Es war so schön zu sehen, wie alle Generationen gemeinsam getanzt und gefeiert haben.
Ich (Mitte) mit Freunden auf einer Hausparty. Es war so schön zu sehen, wie alle Generationen gemeinsam getanzt und gefeiert haben.

Nur ich wünsche mir immer mehr, ich hätte in der Schule statt Latein Spanisch gewählt – das hätte mir im Endeffekt mehr gebracht. Bis jetzt habe ich noch nichts von den immer versprochenen Vorteilen von Latein erlebt!

 

Das Projekt

Wahrscheinlich fragen sich manche schon die ganze Zeit: „Was macht die eigentlich genau in Jordanien“?

Auch wenn ich immer noch nicht sagen kann, was im Endeffekt meine genauen Aufgaben werden (da ich die erste Freiwillige hier bin, die ein ganzes Jahr bleibt), kann ich aber immerhin viel über das Projekt hier erzählen.
Was die offizielle Bezeichnung für das Projekt ist, weiß ich gar nicht genau, ich bezeichne es immer als „a church or community center“.  Es ist der Ort, an welchem sich das ganze Gemeindeleben abspielt. So kommen z.B. täglich Jugendliche, um sich zu treffen/ um Sport zu machen/ um zu feiern oder um ein wenig mitzuhelfen. Da muss ich immer an den Satz einer Freundin denken, die gemeint hat: „Even if we have a lot of work, we still have to think at our church. It’s like our second home.“

Das Gelände besteht aus 3 ½ großen Wohnhäusern: 3 ½ , da ein 4. Haus in Arbeit ist. Ansonsten leben die Kinder bis 13 Jahre zusammen mit den Schwestern in einem Haus. Ab 13 werden die Kinder dann aufgeteilt: ein Haus für die Mädels, und eins für die Jungs. Momentan leben die Jungs noch im Haus der Priester und Brüder, aber, wie gesagt, ein Viertes ist in Arbeit.

Außerdem befindet sich auf dem Gelände eine Schule, welche bis zur 9. Klasse geht. Obwohl es eine christliche Schule ist, wird sie auch von einigen muslimischen Kindern besucht –   es soll eine sehr gute Schule hier in Anjara sein.

Ansonsten gibt es hier noch zwei Kirchen. In einer der beiden befindet sich die Marienstatur, welche vor ein paar Jahren Tränen aus Blut geweint haben soll. Seit diesem Ereignis kommen viele Pilgergruppen nach Anjara, um die Statur zu besichtigen.
Des weiteren gibt es einen kleinen Spielplatz, ein Fitnessstudio, eine Physiotherapiepraxis, einen Bereich draußen zum Grillen und Essen und einen Tennis- bzw. Fußballplatz.

großer Innenhof
großer Innenhof; dient mal als Schulhof, mal als Park- oder Basketballplatz
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Marienstatur
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Außengelände mit Spiel- und Barbecueplatz
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rechts: Kirche und Haus der Priester, Brüder und älteren Jungs. links: Eingang zum Gemeindezentrum

Da ich bis jetzt nur das Leben während der Ferien mitbekommen habe, kann ich noch wenig zu meinen „wirklichen“ Aufgaben sagen. Auch weiß ich noch wenig über die Schule und kenne nur einige Kinder aus dem Internat. Sobald die Schule in einer guten Woche allerdings wieder beginnen wird, werde ich mich mit der Direktorin zusammensetzen und wir überlegen gemeinsam, an welchen Stellen ich mich gut einbringen kann.
Ich habe schon einige Ideen, wie z.B. eine arabisch-englische Theatergruppe oder eine Tennis-AG. Trotzdem bin ich immer wieder auf der Suche nach neuen Ideen: also falls euch was einfällt –  nur zu, ich freue mich! 🙂

Mein Sprachkurs in Amman

Nachdem die erste Woche wie im Flug vergangen ist, ging es für mich auch schon für gute drei Wochen nach Amman.

Zunächst zu meiner Wohn,- bzw. Schlafsituation: Da die von meiner Sprachschule angebotenen Zimmer relativ teuer waren, habe ich mich im Vorhinein dazu entschlossen, mir selber Unterkünfte zu suchen. Von vier geplanten Schlafunterkünften hat im Endeffekt nur eine geklappt.

Die erste Woche habe ich mit einer 8-köpfigen-muslimischen Familie verbracht. Die ersten paar Tage waren etwas schwierig, da wir uns gegenseitig überhaupt nicht verstanden haben. Am Ende des Tages war ich immer total müde durch das ständige Nicken, Lächeln und das entschuldigend-die-schultern-zucken,-weil-ich-nichts-verstehe.
Doch zum Glück hat es nach den ersten Tagen ganz gut mit Google-Übersetzer geklappt! 🙂

Die restlichen Wochen habe ich mit drei Mädels verbracht, die bis vor 2 Jahren noch hier in Anjara gelebt haben. Da sie jetzt allerdings studieren, bzw. schon arbeiten, wohnen sie in einer kleinen Wohnung in Amman, Jabal al-Weibdeh (Amman besteht aus ingesamt 19 Hügeln (Jabal = Hügel)). Ganz selbstverständlich wurde ich aufgenommen und hatte zwei weitere wunderbare Wochen.

Die Sprachschule hat mir auch sehr gut gefallen, eine kleine, sehr familiäre Schule. Da ich die Einzige war, die als absolute Beginnerin den „jordanien-colloquial-arabic-Kurs“ gewählt hatte, hatte ich das Glück, Einzelunterricht zu bekommen.
Vielleicht kurz zur Erklärung, weshalb ich die genaue Bezeichnung des Kurses benutzt habe: Im Arabischen gibt es einmal die Standartsprache, „Fusha“ und dann noch gaaaanz viele weitere Dialekte. Fusha wird allerdings nicht von allen gesprochen, es ist eher die Sprache der Medien und der Literatur. Demnach hätte mir ein Fushakurs nicht weitergeholfen.
Auch wenn ich jetzt natürlich noch kein Arabisch spreche, hat mir die Sprachschule viel weitergeholfen. Ich weiß, wie man Verben konjugiert und wie man Sätze bildet. Ich kann ein bisschen schreiben und lesen. Eigentlich fehlt es mir jetzt nur noch an Vokabeln und der praktischen Übung. Naja, „nur noch“, leichter gesagt, als getan… Zum Glück kann ich inzwischen das „R“ einigermaßen rollen, d.h. mit der Aussprache klappt es ganz gut :-).

Obwohl die Wochen in Amman wirklich schön waren, hatte ich oft das Bedürfnis nach Anjara zurück zu gehen. Ich wollte irgendwie einfach dort ankommen, mein Zimmer einrichten und alle Leute kennenlernen. Ich wollte einfach wissen, wie und wo ich das nächste Jahr verbringen würde!

 

Sonstiges

Es gibt noch ein paar Dinge, die ich euch sagen möchte. Ich packe sie einfach mal in die Rubrik „Sonstiges“.

Während den Messen kommen mir immer viele Fragen in den Sinn. „Warum dürfen Frauen keine Priester sein? Warum gibt es einen so großen Unterschied zwischen Menschen verschiedener Religionen, bzw. warum ist da überhaupt ein Unterschied? Und wo genau liegt nochmal der Unterschied zwischen Mann und Frau?“

Da sind so viele „Warum’s“ in meinem Kopf, die muss ich erst einmal beantwortet bekommen.  Manchmal fühle ich mich wie Faust, Fragen über Fragen, das ständige Streben nach mehr Wissen! Ich will Dinge verstehen und ihre Zusammenhänge begreifen! Aber irgendwie fehlt mir dann im Endeffekt doch die Zeit dazu.
Zum Glück stoßen meine Fragen und Gedanken hier keinem auf, im Gegenteil, es ist gut, sie zu stellen! Auch meine Befürchtung im Vorhinein, das Projekt sei zu katholisch und ob es ein Problem sei, dass ich evangelisch bin, hat sich als unwahr herausgestellt.
Von Anfang an wurde mir die Freiheit gelassen, wann ich die Messe besuche. Von Anfang an wurde mir gesagt „Fühl dich wie zu Hause, du bist frei, mach was du willst!“ Ich genieße dieses Gefühl einer gewissen Freiheit, ich fühle mich total wohl hier. Für mich ist es bis jetzt ein wunderbarer Ort – und wenn ich mal raus muss, kann ich das jeder Zeit tun. Ich kann jeder Zeit nach Amman oder an einen anderen Ort hinfahren und mir ein paar Tage Auszeit nehmen.

14 September: Fest der "Erhöhung des heiligen Kreuzes"
14 September: Fest der „Erhöhung des heiligen Kreuzes“

Der einzige negative Aspekt am „Leben in Anjara“ ist, dass ich als christliche Frau (d.h. ohne Kopftuch) nicht alleine in die Stadt kann. Im Gegensatz zu Amman ist das öffentliche Leben in Anjara viel stärker patriarchalisch geprägt. Das grenzt meine Freiheit ein wenig ein, doch bis jetzt war es eigentlich noch kein Problem für mich.

So bemerke ich manchmal, dass hier Frauen in gewissen Aspekten weniger zugetraut wird als Männern. Ich wehre mich immer dagegen, „Ja, ich kann diese Kiste auch alleine tragen.“ und „Ja, ich weiß was ich dem Taxifahrer sagen muss.“  Oft frage ich auch nach, warum Männer etwas besser können sollten als Frauen oder warum Männer etwas dürfen, Frauen aber nicht. Die Antwort ist meist „Naja, ich weiß nicht. Ist halt so“. Aber um etwas klarzustellen: Ich nehme keinem dieses Denken übel! Wieso sollte man auch anders denken, wenn man so aufgewachsen ist?

Ich möchte noch etwas loswerden bzw. sagen. Bevor ich losgefahren bin, habe ich oft die Frage gehört, ob es hier nicht zu gefährlich sei. Und ganz ehrlich: Es hat mich total verunsichert. Ich habe viel darüber nachgedacht, ob mir etwas passieren könnte, und darüber auch mit Leuten geredet. Aber seitdem ich hier bin, habe ich mich noch kein einziges Mal unsicher gefühlt – nirgends! Am Eingang eines jedes Kaufhauses gibt es eine kleine Sicherheitskontrolle, an den Straßen gibt es oft Polizeikontrollen, etc. Ich vertraue darauf, dass viele Leute auf mich aufpassen und sich um meine Sicherheit kümmern. Wäre es zu gefährlich, würde mich keiner an diesen Ort schicken…

 

So, ich hoffe ich konnte euch einen guten Einblick von meinen ersten Erfahrungen mitteilen 🙂 Der Text ist echt etwas lang geworden, aber da ist so viel in meinem Kopf!
Ich freue mich über Rückmeldungen und Fragen. Wenn es einen Themenblock gibt, über den ihr gerne etwas mehr wissen möchtet – fragt! Jetzt bin ich hier und gebe mir alle Mühe eure Fragen zu beantworten.

Ganz ganz liebe Grüße aus dem schönen Jordanien und danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, meine Erlebnisse zu lesen 🙂

Eure Hannah